Hausgeist.
Von Friedrich Schnack.
Unter der Schwelle sammelt er bleibende Ruhe, Denn er kennt mich seit langem an Schritt und Wort. Süße Gerüche bewahrt er in uralter Truhe, Vatergeräte, Stoffe und Mutterhort.
Abends haust er am Herde mit glühendem Barte, Streng gebietend der Flamme, dem Element, Und sein Auge, das ernste, wächterbejahrte, Leuchtet im Mond, den er heidnische Mutter nennt.
Immer ist er daheim, wenn alle auch gingen, Er behütet das Brot, die Kammer, Stiege und Stein. Gütig ist er und liebt mich in allen Dingen, Und er ist einsam wie ich und gerne allein.
veber die Diele geht er aus heimlichen Sohlen, Ties und verzaubernd schimmert sein Geistergesicht: Ihm sei das Haus und meine Armut besohlen, Wenn mich vor Kummer der Schlummer zerbricht.
Amalienstraße 3.
Eine merkwürdige Geschichte von Waldemar Keller.
Wenn man von dunklen, uns unfaßlichen Ereignissen berichtet, wird es sich meist darum handeln, das Schreckhafte eines Augenblicks wiederzugeben. In meinem Fall ist das ganz anders. Erst rückschauend betrachtet gewinnen die Dinge ein nicht alltägliches Aussehen, auch zieht sich die Entwicklung durch Monate hin, und ich werde an dieser Behauptung sesthalten, obwohl ich weiß, daß die lächelnden Opponenten, die Neunmalklügeren, eine „Entwicklung" von vornherein verneinen. Zufall, heißt es. Eine Kette von Zufällen. Aber auf solche Ausreden lasse ich mich nicht ein, und schließlich liegt dieses Stückchen Nickelstahl hier auf dem Tisch, wer will es leugnen? Von der Absendung des Briefes an bis zu dem Griff in die Westentasche befand ich mich im Zauberkreis geheimnisvoll wirkender Mächte, die ich nicht kenne, die du nicht kennst, die wir alle nur zu ahnen vermögen. Das ist meine unerschütterliche Ueberzeugung.
Jenen Brief schrieb ich an einen ehemaligen Schulfreund, dessen Name mir ausfiel, als ich im Cafe eine Zeitung meiner Heimatstadt durchflog. Es stand da: Theodor Zierhaft sei, neben vielen anderen, zum Geschworenen ausgelost worden. Kein Zweifel, das war er, der „zierliche Theodor", wie wir ihn auf dem Pennal nannten, denn erstens ist dieser Name und noch dazu in dieser Zusammensetzung gewiß nicht häufig, zweitens aber war auch die Adresse angegeben: Amalienstraße 3. Mir wurde, mitten im Cafe, unter den vielen fremden Menschen, auf einmal ganz heimatlich zumute. Amalienstraße, slüsterte ich, schritt in Gedanken die Häuserfront ab, warf ein Steinchen an das Parterrefenster von Theodors Bude, in der elterlichen Wohnung, iah ihn hinter den Scheiben winken, den pausbäckigen, stups- näsigen lieben Kerl, beugte mich über die Zigarrenkiste mit den beiden Maikäfern, die er Piccolo und Piccolomini getauft hatte, erinnerte mich einer tollen durchzechten Rächt, viele Jahre später, in einer ostfriesischen Stadt, wo wir uns zufällig — wirklich zufällig? — trafen, und der Entschluß, ihm einen recht lustigen Brief zu schreiben, entsprang gewissermaßen von selbst dieser Repetition einer, ach, so weit zurückliegenden Vergangenheit. Ich foppte Theodor ein wenig, daß er nach wie vor bei den Eltern wohne, ein Mann Anfang der Vierzig, fragte nach dem Verbleib seiner derzeitigen Braut Wilhelmine und bat ihn, mich zu besuchen, mit oder ohne Kognakflasche, wenn er einmal nach Berlin komme. Dieser Brief wurde nicht beantwortet. Ein, zwei Wochen lauerte ich auf Post. Dann — nun, man pflegt in solchen Fällen zu sagen: wer nicht will, hat schon.
Der Vorgang war mir völlig aus dem Gedächtnis entschwunden, als ich, fast drei Monate danach, von meinem Bruder eingeladen wurde, der in der Stadt unserer Kindheit auch heute noch ansässig ist. Ich blieb drei Tage. Am letzten Abend hatte ich bei einer befreundeten Familie gegessen und ging zeitig heim. Es war zwischen 8 und 9 Uhr, im November. Da ein unangenehmer Staubregen fiel, benutzt^ ich einen mir bezeichneten Richtweg zur Haltestelle der elektrischen Bahn, links um die Ecke und dann geradeaus; ein paar Gaslaternen standen mürrisch blinzelnd in der feuchten Nacht, ich hatte den Rockkragen hochgeschlagen, kniff die Augen ein, interessierte mich nicht im geringsten für die Umgebung und fühlte doch plötzlich mit Bestimmtheit: du gehst aus altvertrautem Pflaster. An den Häusern hinausblickend, erkannte ich die Amalienstraße. Sofort war auch die Erinnerung an Theodor Zierhaft und den unbeantworteten Brief wieder lebendig, mehr als das: es zog mich merkbar nach dem Hause Nr. 3, eine kindische Sehnsucht bemächtigte sich meiner, ein Steinchen aufzunehmen und an die Scheiben zu werfen. Ich fand kein Steinchen, lies aber trotzdem über den Fahrdamm — Piccolo und Piccolomini — da war's — und Licht in seinem Zimmer!
Zwanzig Meter querab, auf der großen Verkehrsstraße, schrillten die Glocken der Bahn, rutschten die Automobile wild hupend über den spiegelnden Asphalt. Ich hörte und sah.
Dennoch war mein Blick unablässig aus das erleuchtete Fenster gerichtet. Der Kerl hatte tatsächlich noch seine alte Petroleumlampe, oder woher kam sonst dieser rötliche Schein? Ich stand im Vorgarten. Dre, Finger nassen Drecks nahm ich auf, warf. . . und noch war meine Hand erhoben, da erschien bereits Theodor Zierhaft, winkte, wie er früher getan, worauf ich ohne Zaudern ins Haus stürmte. Die Steinstusen des Aufgangs zum
Hochparterre glitten weg unter meinen Füßen. In den Ohren hatte ich Jahrmarktsmusik, Schmiedehämmern, durchs Gehirn zuckte — fern, ganz fern — ein wirres Fragen: hat er dich erkannt, es ist doch finster draußen, ,-id war er eigentlich aus der Tiefe des Zimmers ans Fenster gekommen, ulkig, das weißt du nicht, woher soll er aber sonst gekommen sein? Innerhalb weniger Sekunden streifte dies weit dahinten an der Grenze der Ueber- legung vorbei. Dann trat ich in die geöffnete Tür und gab Theodor ...
Nein, ich gab ihm nicht die Hand. Ich faßte ihn an beiden Schultern und sagte: „Junge, ist das eine Freude!" Er lächelte, deutete auf seinen Hals, den er dick verbunden hatte, ging voran ins Zimmer und setzte sich in einen Korbstuhl. Die zweifellos heftige Gemütserregung in mir schwand unter dem Anhauch einer sonderbaren Kälte. Von der Herzlichkeit früherer Tage nichts zu spüren. Alles vollzog sich schleppend, gezwungen. Ja, sobald ich selber nicht redete, herrschte tiefes Schweigen, denn Theodor sprach kein Wort, nicht ein einziges, und war er auch stark indisponiert, was die Halsbinde und seine Geste von vorhin deutlich ins Bewußtsein riefen, so fand ich es doch"— geradeheraus gesagt: flegelhaft, daß er nicht wenigstens versuchte, einen Laut hervorzubringen. Im Stil unserer ehemaligen Feld-, Wald- und Wiesensprache bat ich mehrfach: „Mensch, grunz doch 'nen Ton!" Vergebens. Er schaute mir ganz merkwürdig ins Gesicht, und um seine sehr blassen Lippen flog schmetterlingsleicht immer wieder jenes müde Lächeln, das er schon beim Oeffnen der Tür gezeigt hatte. Mir blieb nichts weiter übrig, als von meinen eigenen Angelegenheiten zu erzählen. Diese interessierten ihn gewiß nicht, er saß apathisch da, in einem schlecht zugeschnittenen, weißblau gestreiften Schlafrock oder Bademantel, man konnte nicht recht klug daraus werden, und ließ mein Gerede Über sich plätschern. Die Situation war keineswegs angenehm. Ich dachte daran, kurzerhand Schluß zu machen, fortzugehen, aber irgendetwas hielt mich. War es das peinliche Gefühl, hereingefallen zu sein, denn offenbar hatten mächtig auswallende Jugenderinnerungen mir Beziehungen vorgegaukelt, die nicht mehr existierten, oder empfand ich Mitleid, allerdings ein sehr frostiges, nicht aus dem Herzen kommendes Mitleid mit dem kranken Menschen — das mag dahingestellt bleiben, jedenfalls klebte ich am Platz, wurde verwirrt und fuchte, hastig weiterredend, in meinen Taschen nach Zigarren ober Zigaretten. Ich weiß bestimmt, daß es so war, obwohl jeder, der meine Gewohnheiten kennt, erstaunt sein wird. Nie rauche ich außer dem Hause etwas anderes als kurze Pfeife, in der linken Hofentasche trage ich jahraus, jahrein den Tabaksbeutel, in der rechten das Etui mit Meerschaumkopf und Bernsteinspitze, und dennoch suchte ich nach Zigarren oder Zigaretten, konnte natürlich nichts finden.
In diesem Augenblick, als meine Finger unter dem aufgeknöpften Mantel nervös hin- und herliefen, bewegte sich Theodor Zierhast zum erstenmal. Er griff in seine dick wattierte Mullhalsbinde, eigentlich eine komische Verpackung bei einer Halsentzündung, und er hob den Arm so feierlich oder besser gesagt: automatisch, daß ich ein Witzwort nur schwer zu unterdrücken vermochte. Es blieb, halb gefroren, in der Kehle stecken. Was für Mätzchen machte dieser Kranke? Woher die Fertigkeit des Taschenspielers? Theodor zog aus der Halsbinde eine Zigarre hervor, hielt sie mit lächelnd hin, ohne sonst seine Haltung zu verändern. Möglich, daß neben dem Verblüfftsein auch Verlegenheit auf meinen Zügen zu lesen war. Selbst unter Freunden wird man nur ungern eine Zigarre rauchen, die der andere zwischen Wattebäuschen und geschwollenen Mandeln getragen hat. Theodor, den Arm noch immer ausgestreckt, lächelte plötzlich ganz anders als vorher, aus dem Lächeln wurde ein breites Grinsen, rasch nahm ich ihm die Zigarre ab und steckte sie in eine Westentasche. Matt siel Theodors Arm auf die Lehne des Korbstuhls.
„Ich will dich nicht länger aufhalten", sagte ich, „du wirst dich gewiß ins Bett legen wollen." Den Mantel zugeknöpft, den Hut genommen ... es war aus mit meiner Beherrschung, nicht zwei Minuten länger hätte ich bleiben können. Ich wollte ihm die Hand geben, er nahm sie nicht. Saß da, jetzt vollkommen erstarrt, und glotzte mich an. Er muß doch sehr krank sein, dachte ich, und anscheinend ist er ohne Hilfe, aber du kannst darauf keine Rücksicht nehmen, du mußt raus, raus, raus... ich stand auf der Straße. Einen Blick noch tat ich nach seinem Fenster. Es war dunkel.
An der Haltestelle der elektrischen Bahn wartete ich, umnebelt, bis meine Füße begannen Wurzel zu schlagen. Eigenartig, daß fein Wagen kam, keiner. Auch Passanten sah ich nur wenige; nun, bei dem Wetter . . . Aber es hatte zu regnen aufgehört. Das merkte ich erst jetzt.
Ein Polizist ging auf und ab. „Wann", fragte ich, „kommt hier ein Straßenbahnwagen?" — „Aber Herr", entgegnete der Polizist, „wie lange soll die Bahn denn fahren? Es ist gleich 3 Uhr morgens."
War ich betrunken? Nur einen Schuß Rum in den Tee .. . sonst nichts. Zwischen 8 und 9 den Heimweg angetreten, höchstens eine halbe Stunde bei Theodor, und was sagte dieser Mensch... 3 Uhr morgens? Es schlug. Eins, zwei, drei. Meine Taschenuhr war stehengeblieben auf 20 Minuten vor 9.
Und wenn auch meine Schwägerin beim Frühstück steif und fest behauptete, ich sei mit einem Bombenrausch nach Hause gekommen — schwören kann ich, schwören: nur einen Schuß Rum in den Tee, sonst nichts! Aber sicherlich habe ich getorkelt, gepoltert. Mir war zumute, als hätt ich, an den Schwanz eines Kometen geklammert, von Ewigkeit zu Ewigkeit die Erde umwirbelt.
Vierzehn Tage nach meiner Wiederankuust in Berlin erhielt ich folgendes Schreiben:
„Sehr geehrter Herr! Soeben von einer mehrmonatigen Auslandsreise zurückkehrend, finde ich hier einen Brief, den Sie offenbar an meinen Sohn Theodor gerichtet haben. Ich erinnere mich übrigens Ihrer noch recht gut meine Fran, die schon lange verstorben ist, halte einen Narren an Ihnen gefressen, und da hörte ich bann öfter dieses und jenes. Ja, verehrter Herr, es ist in meiner Wohnung still, ganz still geworden. Wenn ich selbst nicht da bin, tanzen die Mäuse auf Tisch und Bänken. Auch Theodor, mein Einziger, an den Sie nach so langer Zeit sich wenden, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Am Chemin des Dames traf ihn eine Kugel in den Hals, er starb bald darauf im Lazarett. Daß Ihr Brief nicht zurückglng, haben


