in Höhen, in denen sie unhörbar und unsichtbar blieben, nach Süden stürmten. Keine Ahnung hatte bte Welt von dem, was diese Schisse in die Antarktis trugen und was sie aus ihr zurückbrachten.
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Monsieur Longin erweiterte sein Urteil über die beiden an Bord befindlichen Amerikaner dahin, daß sie bei aller Spleenigkeit doch anständige Kerle lohten. Diese Meinung gründete sich aus mehrere größere Banknoten, die er während der nächsten Tage sowohl von Bolton, wie auch von Garrison in Empfang nehmen konnte.
Bolton drückte Longin einen Zehndollarschein in die Hand, als er ihm einen chiffrierten Funkspruch aus Adelaide überbrachte. Die Laune des Amerikaners, die bis dahin unter dem Gefrierpunkt stand, wurde nach der Lektüre dieses Telegrammes zusehends besser. Garrison tätigte ein anderes Geschäft mit dem französischen Funker. Durch die Ueberlassung mehrerer Psundnoten bestimmte er ihn, täglich den Nachrichtendienst der Kurzwelle von Radio-City für ihn aufzunehmen. Dies Abkommen vertrug sich nicht ganz mit den Dienstvorschriften, aber um seiner Seligkeit hätte Monsieur Longin sich das vorteilhafte Nebengeschäft nicht entgehen lassen.
Eben hatte er Garrison wieder zwei eng beschriebene Blätter auf den Tisch gelegt.
„Merkwürdige Sache, Bolton. Wir scheinen Konkurrenz in der Antarktis zu bekommen". Er las dem andern den Teil der Depesche vor. Radio-City meldete, daß der durch mehrere erfolgreiche Reisen bekannte Südpolforscher Captain Andrew eine neue Expedition vorbereite.
„Lassen Sie den Narren machen, was er will", knurrte Bolton dazwischen.
„Bitte hören Sie weiter, Botton. Captain Andrew geht diesmal nicht auf wissenschaftliche Unternehmungen aus. Wie hier steht, vertritt er jetzt die Meinung, daß der sechste Erdteil reich an Kohlen- und Erdöllagern sei —".
„Lächerlich!“ unterbrach ihn Bolton.
„Und daß — hören Sie gut zu, Bolton —, daß sich dort auch Edelmetalle, speziell Gold und Silber in großen Mengen finden müßten".
„Verflucht!" Der Kerl kann eine unangenehme Konkurrenz für uns werden. Andrew — der Name hat einen guten Klang in den Staaten. Es wird ihm sicher gelingen, das Geld für seine Expedition zusammenzubringen."
„Damit scheint es noch zu hapern", wars Garrison ein, „in dem Funkspruch ist die Rede davon, daß die Fabrik in Albany eine Bankgarantie abwarten will, bevor sie mit dem Bau eines großen Raupenwagens für Kapitän Andrew beginnt.
Eine Weile überlegte Bolton. Plötzlich kam ihm eine Idee.
„Wissen Sie was, Garrison? Ich werde Captain Andrew finanzieren."
Kopfschüttelnd sah ihn Garrison an. „Sie wollen die Konkurrenz unterstützen?'
Bolton pfifs vor sich hin. „Dann ist es keine Konkurrenz mehr. Ich kaufe mir den Mann, und er muß tun, was ich will. Je länger ich mir die Sache überlege, desto vorteilhafter erscheint sie mir —."
Bolton wax so versessen auf seine Idee, daß er sich sofort hinsetzte und ein langes Telegramm an Andrew niederschrieb. Kurze Zeit darauf konnte Monsieur Longin ein nettes Trinkgeld in seine Tasche stecken, während Bolton die Antwort las, in der Andrew seine Bereitwilligkeit aussprach, mit Mr. Bolton weiter zu verhandeln.--
Zwei Tage später begaben sich die beiden Amerikaner nach dem Essen auf bas Achterdeck der ,Fröjus', um einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. In tiefem Mau dehnte sich die Südsee, nur das schwache Schlittern der Schifssschraube war hörbar. Dann schien etwas anderes sich in dies Geräusch zu mischen, etwas Fremdes, Schnelles, Tackendes. Instinktiv horchten beide aus.
„Unser Flugzeug!" schrie Bolton und packte Garrison am Arm. Zusammen mit ihm lief er zum Vorderdeck, denn ihnen entgegen in der Richtung von Australien her mußte die ersehnte Maschine ja kommen. —
. Sn bet blauen Ferne sahen sie einen grauen Punkt. Aus dem Punkt wurde em Flugschisf, das schnell näher und tiefer kam und nahe bei der .Fröjus' aus die glatte See niederging. Die Maschinen des Dampfers gingen lang- wwer, stoppten, schlugen rückwärts, standen still, bewegungslos lag das See- chüs. So dicht konnte bei der Windstille das Flugzeug herantreiben, daß feine Schwingen unmittelbar neben der Reling der .Frejus' lagen.
Ein kurzer herzlicher Abschied von Kapitän Lemaitre und seinen Leuten. © , amerikanischer Scheck ging dabei aus Boltons Hand in die des
t,nF,' ,Qns! ~ fanden sie auf der Schwinge des Flugschifses und „ w 'V"; geöffnete Tur in dessen Rumps ein. Unter dem Rusen um der französischen Matrosen rauschte der Aeroplan über die See, löste sich vom Wasser, stieg und verschwand schnell in der Ferne. Ein ver- a^ner Punkt >m endlosen Ozean blieb die ,Fresus' zurück.--
.wrechung »wischen Bolton und dem Chefpiloten der australischen an hnn. n“T f£tJ- "gab, daß das Flugschiss genügend Treibstofs d» Kurs^'n'" 6crq“em ^reichen. Unmittelbar daraus wurde gab es dor? um ä ' Frrbr QUf ®aroat gesetzt. Eine halbe Stunde Aufenthalt weiter ™ *' $ Oel nef>men- dann ging der Flug sofort nach Frisko
. betam schlich zu tun, sobald Bolton im Flugickiff
& it °OtV ™C EflTmnn'eit g^gen während des weiteren Fluges zwischen Bolton und Andrew hin und her. 9
. .f,8 ®t.L.u'be"/ nachdem die beiden Amerikaner die .Fröjus' verlassen hatten, Andrem ’hFr Maschme im Hafen von Frisko. Am Pier erwartete sie Captain war. — — —h ans dem Lustwege von Chicago her entgegengckommen
verliefen nicht so glatt, wie Bolton es erwartete.
Obwohl er sich bereit erklärte, das Unternehmen sofort und großzüaia zu ^.nanzieren, machte Andrew Schwierigkeiten, als er hörte, daßBoltoauud Garruon bte Expebition begleiten wollten. Das Gelb Boltons hätte er getn t,p t „,, s p.,, s।[ ।j , . ■ , , , dinierikaner war ihm bei ben
erwünscht? 3 bi d, n' b,e " verfolgte, aus mehr als einem Grunbe un-
Tagelang standen die Verhandlungen auf einem toten Punkt und wären vielleicht trotz der Millionen, die Bolton ins Feld führen konnte, gescheitert, wenn Garrison nicht vermittelnd eingegrisfen hätte. In seiner vorsichtigen Weise und ohne ein Wort zuviel zu verraten, berichtete er Captain Andrew von seinen eigenen Entdeckungen in der Antarktis und legte zum Schluß seiner Rede die Schmelzproben auf den Tisch, die er aus den seinerzeit in der Nähe der Willeschen Station gesammelten Erzbrocken geronnen hatte.
Jetzt verstand Andrew, warum die beiden mit bei der Partie sein wollten. Er begriff auch, daß er seine eigenen Pläne vorläufig ausschieben müßte, wenn er Boltons Vorschlag annähme. Aus der anderen Seite verfehlten die blinkenden Metallkegel, die vor ihm lagen, ihre Witlung nicht. Allmählich unterlag er ihrer Lockung, das neue Abenteuer begai'n ihn zu reizen, Schritt um Schritt gab er den Forderungen Boltons nach. Als der Nachmittag in Dämmerung überging, setzte er feinen Namen unter einen Vertrag, der in vielen Paragraphen alle Rechte und Pflichten für die drm Tellnehmer der neuen Expedition regelte.
Noch in der Nacht traf Bolton daraufhin seine Dispositionen. Bereits am folgenden Morgen bekam das Werk in Albany eine Anzahlung und begann sofort mit dem Bau des von Andrew gewünschten Raupenfahrzeuges. Unter Zuhilfenahme von Ueberstunden und Nachtschichten schritt die Arbeit schnell voran. Man durfte hoffen, schon in drei Wochen die ersten Probefahrten mit dem neuen Wagen machen zu können. —
Einen Uebelstand brachte diese forcierte Arbeit freilich mit sich. Sie erregte sehr gegen den Willen Boltons die öffentliche Aufmerksamkeit. Die amerikanischen Reporter ließen es sich nicht nehmen, über alle Einzelheiten des Banes an ihre Zeitungen zu berichten, und in dem Bestreben, ihre Artikel möglichst inhaltsreich zu gestalten, teilten sie dabei auch mit, daß bet Gelbmann bes Unternehmens, Mr. Bolton aus Frisko, unb Mr. Garrison, bet bekannte Wissenschaftler aus Pasabena, bie Expedition in die Antarktis begleiten würden. Die Nachricht erschien zuerst im Chicago Heralb. Durch Runbfunk und Telegraphenagenturen fand sie schnell weite Verbreitung. Zur gleichen Zeit ungefähr, zu der ein von Bolton gecharteter Dampfer Frisko mit allem für die Expedition Erforderlichem verließ, war sie auch in deutschen Zeitungen zu lesen.
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Die Amerikaner in der Antarktis.
Hundert Kilometer nördlich vom Bolibenkrater stand die feste Station des deutschen antarktischen Institutes seit vier Wochen an derjenigen Stelle, welche die Reichsregierung dafür in Aussicht genommen hatte. Den Herren Wille und Schmidt war diese Verlegung ziemlich gleichgültig, weil sie jetzt, wie Schmidt sarkastisch bemerkte, ihr Gewerbe im Umherziehen betrieben. Auf kurze Aufenthalte in der festen Station folgten jedesmal längere Reisen.
Die Raupenwagen bewährten sich in einer Weise, bie über jebes Lob erhaben war. Mochte braußen ber Schneesturm brausen, mochte Nebel unb roirbelnber Eisstaub jebe Sicht versperren, stets bot bas Innere dieser Fahrzeuge einen gut durchwärmten Zufluchtsort. Vor allen Unbilden eines mörderischen Klimas geschützt, konnten die Forscher hier unbehindert ihrer Arbeit obliegen.
Oester als einmal holte sich Schmidt nach dem Abendessen einen Band aus dem Bücherschrank und las mit sichtlichem Behagen darin. Es war eine Beschreibung der antarktischen Expedition von Scott aus dem Jahre 1903. Unter unsäglichen Strapazen hatten die Forschungsreisenden sich damals ihren Weg durch die Eiswüste suchen müssen, hatten selbst ihre Schlitten über das Eis schleifen müssen, nachdem die letzten Hunde geschlachtet unb verzehrt waren. Ein Teil ber Mitglieber war unterwegs vor Erschöpfung gestorben. Am Enbe ihrer Kräfte erreichten bie wenigen Ueberlebenben schließlich bie Küste, mehr Gespenstern als Menschen ähnlich, als sie das rettende Schiff betraten--
Ein Gruseln lies dem langen Doktor über den Rücken, während er die Schilderung las, und unwillkürlich rückte er dabei noch näher an den elektri- scheu Ösen heran.---
Ein wohlbekanntes Geräusch riß ihn aus seiner Lektüre, das trommelnde Donnern eines Stratosphärenschiffes. Dicht neben dem Wohnwagen ließ sich ,St 11‘ auf den Schnee nieder. Unerwarteten Besuch aus Deutschland brachte das Flugschiff, außer Berkoff und Hein Eggerth auch den Ministerialdirektor Reute und den alten Professor Eggerth.
Wille und Schmidt verließen ihren Wagen, um zu dem Schiff hinüber- zugehen. Nach den eintönigen Wochen in ihren Fahrzeugen bedeutete der Aufenthalt in dem großen Salon von ,St 11' für sie eine angenehme Abwechslung. Nach kurzer Begrüßung war bald ein allgemeines Gespräch im Gang, an dem sich nur Schmidt nicht beteiligte. Er saß mit zusammen- gekniffenen Lippen schweigend da.
„Das lange Gerippe hat mal wieder was auf dem Herzen", flüsterte Hein Eggerth Berkoff zu. „Ich will ihm Gelegenheit geben, fein Gemüt zu erleichtern."
Mit vergnügtem Gesicht zog er sich einen Stuhl zu Schmidt heran und begann sich intensiv nach dem Befinden und den Arbeiten des verehrten Herrn Ministerialrats zu erkundigen. Das war die Zündschnur an die Bombe, unb prompt explobierte Schmibt.
„Sie haben mein letztes Rabiogramm unbeantwortet gelassen, Herr Eggerth", schoß es zwischen ben schmalen Lippen heraus.
„Welches Rabiogramm, Herr Ministerialrat? Ich wüßte nicht--
„Meine Anfrage in Sachen Bolton unb Garrison. Wie kommen bie beiben Amerikaner, bie von Ihnen bei Neapel abgesetzt würben, als Schiffbrüchige mitten in bie Südfee? Die Frage interessiert mich außerorbentlich--ganz
außerorbenklich, Herr Eggerth."
. "AAch nicht, Herr Geheimrat. Ich falle auf amerikanische Enten nicht mehr rem. Mich interessiert bas hier viel mehr."
Währenb ber letzten Worte zog er eine brutsche Zeitung aus ber Tasche unb hielt Dr. Schmibt eine rot angestrichene Notiz hin. Der las sie, berocate babei bie Kiefern, als ob er an einem zähen Bilsen kante, ließ bas Blatt bann sinken, während Zweifel unb Staunen sich in seinen Zügen malten.
(Fortsetzung folgt.)


