Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955 Freitag, den II. Zannar
HANS DOMINIK - EIN
STIERN
FIEL VOM HIMMEL
COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER » AMELA*'G G. M. B. H., LEIPZIG
(Fortsetzung.)
Vergeblich wandte Garrison seine ganze Beredsamkeit auf, um Bolton von diesem Entschluß abzubringen. Vergeblich versuchte er ihm klarzumachen, daß er sich durch eine solche Depesche ein für allemal die Möglichkeit verschütte, doch noch etwas von dem kostbaren Erz zu erobern. Vergeblich erklärte er wieder und immer wieder, daß allein das Geheimnis ihre Entdeckung wertvoll mache. Bolton war wie ein Stier, der das rote Tuch sieht. Durch nichts ließ er sich von seinem Entschluß abbringen, sofort eine Depesche an den Präsidenten der Vereinigten Staaten aufzusetzen.
Garrison sah ein, daß es unmöglich war, diesen Starrsinn zu brechen. Während Bolton sich an den Tisch setzte und zu schreiben begann, verließ er die Kabine. Mit heißem Kopf ging er auf dem Verdeck aus und ab und sieh sich den Wind ums Gesicht wehen. Unablässig überlegte er, was der törichte Funkspruch Boltons für Folgen haben müßte
War der Funkspruch einmal aus der Antenne heraus, dann konnte er, Mr. James Garriion, nur ruhig nach Pasadena zurückkehren und dort den Rest seiner Tage als mäßig bezahlter Assistent der Sternwarte verbringen.—
Der Glockenschlag der Schiffsuhr riß ihn aus seinen Gedanken. Schon eine Viertelstunde sinnierte er hier auf dem Deck, schon eine Viertelstunde schmiedete unten in der Kabine Bolton an der irrsinnigen Depesche.
Garrison beschloß zu handeln. Er eilte die eiserne Leiter zur drahtlosen Station hinauf. Monsieur Longin, der Funker der ,Frejus', war anwesend, und Garrison hatte eine hastige Unterredung mit ihm, wobei eine Zwanzig- pfundnote aus Garrisons Hand in diejenige von Monsieur Longin hinüberwechselte. Dann hatte der Funker die Wünsche und Besorgnisse Garrisons verstanden. Der andere amerikanische Herr durch den vorherigen Funk- spruch maßlos erregt — nervös überreizt, im Begriff, eine unüberlegte Depesche an den amerikanischen Präsidenten zu schicken — unter allen Umständen verhindern — Depesche abnehmen, aber nicht absenden — höchstens zum Schein absenden. — .
Garrison stellte dem Funker für eine geschickte Ausführung des Auftrages noch eine zweite Banknote in Aussicht und machte daß er weiterkain, denn ein Zusammentreffen mit Bolton an dieier Stelle wollte er unter allen Umständen vermeiden. Er war noch nicht lange fort, als Bolton auftauchte und mit zwei Depeschen in die Funkstation trat. Monsieur Longm nahm die Bätter in Empfang und raffte sich zu einem ,Yes Sir, all right Sir, auf. . ,. . .
Während er den Text studierte, wurde ihm klar, wie recht der andere Amerikaner mit seinen Vermutungen und Befürchtungen hatte. Eine Depesche an den Präsidenten der amerikanischen Union — schon eine sehr ungewöhnliche Sache — soweit er den Text zu verstehen vermochte, em aufgeregter Protest gegen Räuber und Diebe, von denen Mr. Bolton schwer geschädigt zu sein glaubte — immerhin, wäre Mr. Garrison nicht vorher bei ihm gewesen, so hätte er sie einfach an die amerikanische Kurz- wellenstation auf Nantuket-Jsland gemorst. Mochten die dortigen Funker sehen, wie sie weiter an das .Weiße Haus' in Washington expedierten aber der Text auf dem zweiten Blatt — ein Blinder mußte ja merken, daß Mr. Bolton ans Frisko übergeschnappt war — ein Funkspruch an das große Bankhaus von Barkley-Brothers in Adelaide, sofort das schnellste Flugzeug, das sie auftreiben konnten, für Mr. Boltons Rechnung zu chartern und der ,Frejus' entgegenzuschicken. . ,
Während er sich noch kopfschüttelnd bemühte, den vollen Sinn des englischen Textes zu erfassen, legte sich Boltons Hand schwer ans Seme Schulter. Mit kaum mißzuverstehenden Worten und Gebärden forderte ihn der Bankee auf, die beiden Funksvrüche sofort abzusenden. _
Hartnäckig wie alle Verrüekten — Irrsinnigen, darf man nicht widersprechen — dachte Monsieur Longin bei sich und begann an seiner Apparatur zu fingern. Drehte Abstimmknöpfe, schaltete hm und her, morste, lauschte, morste dann wieder. Zehn Minuten später verließ Bolton die Funkstation mit dem Bewußtsein, daß feine Depeschen an die richtigen Adressen unterwegs seien. , ... ... . . ...
Etwas beruhigter kehrte er in feine Kabine zurück und zündete »ich eine Zigarre an. Drei Tage höchstens — drei Tage noch, dachte er zwischen zwei Rauchwolken, dann ist das Flugzeug hier — dann werde ich nut dielen Räubern abrechnen. — ~ .. «. ,__.
Zn derselben Zeit konnte Monsieur Longm eine zweite Banknote tu Empfang nehmen. Aufmerkfam las Garrifon die beiden Depefchen Boi ons. Mißbilligend schüttelte er den Kopf bei der Lektüre der ersten. Alles hatte Bolton in feiner blinden Wut verdorben, wenn biefet Funkspruch wirklich abgegangen wäre. Nachdenklich wurde er bei der zweiten.
Der Gedanke, sich ein Flugzeug kommen zu laffen, war gar nicht so übel. Zwar etwas kostspielig, aber Bolton verfügte ja über die nötigen Millionen. Man würde auf diese Weise acht bis zehn Tage sparen, würde schneller in der Lage fein, wieder in den Gang der Dinge einzugreifen. —
Monsieur Longin begann auch an dem Geisteszustand Garrisons zu zweifeln, als er den Auftrag bekam, biefen Funkfpruch genau fo wie ihn Bolton aufgefetzt hatte, wirklich zu funken. Aber — was gingen ihn im Grunde die Geschäfte dieser spleenigen Uankees an. Sein Geld hatte et sicher, -und das Funken war ja schließlich sein Beruf. Gleich danach begann die Morsetaste unter feiner Hand zu klappern, und diesmal war Strom in der Antenne.
*
Durch ihre diplomatifchen Vertretungen gab die Reichsregierung den andern Mächten von ihrem Entschluß Kenntnis, ein Territorium in der Antarktis zu einem deutschen Schutzgebiet zu erklären. Lage und Grenzen des neuen Kolonialgebiekes waren in der Note, welche die deutschen Vertreter den Regierungen überreizten, genau angegeben. Das Schriftstück führte aus, daß das betreffende Gebiet herrenlos fei. In der Sprache des Völkerrechtes also eine ,terra nullius', ein Niemandsland, welches das Reich nehmen könne, ohne irgendwelche älteren Rechte zu verletzen. Motiviert wurde der Entfchluß endlich mit den großen wiffenfchaftlichen Jntereffen, die das Reich, bzw. das deutfche antarktische Institut in jener Gegend habe.
Die erste Wirkung dieser Mitteilung in den verschiedenen auswärtigen Ministerien war derjenigen nicht unähnlich, welche der Funkspikuch an Bord der .Frejus' auslöste. Man lachte zwar nicht so laut und unverhohlen, wie die Männer in der Offiziersmesse des französischen Dampfers. Man lächelte mehr diplomatisch und zurückhaltend, aber wirklich ernst vermochte keins der fremden Aemter die Sache zu nehmen.
Nach dem Weltkriege hatte man dem niedergeworfenen Deutfchland feine blühenden Kolonien unter fadenfcheinigen Gründen abgenommen. War es Prestigefucht, die das inzwifchen neu geeinte und verjüngte Reich veranlaßte, diese» unbegreiflichen Schritt zu tun? Wiffenschaftliche Jntereffen — die Begründung erschien den meisten nicht stichhaltig.
Dann begann man sich an alte, säst vergessene Dinge zu erinnern. Es bestanden doch allerlei Ansprüche auf den antarktischen Kontinent, dte auf früheren Abmachungen basierten. Ausnahmslos handelte es sich habet um Fischerei-Interessen, und nur die äußersten Küstenstreifen jenes unter Eis und Schnee vergrabenen Kontinentes hatten für die betreffenden Staaten einen gewissen Wert. Keiner von ihnen hatte jemals daran gedacht, seine Ansprüche weiter auf das Innere des Landes auszudehnen.
So hatte es denn mit dem Paffus der deutschen Note, daß es sich hier um ein Niemandsland handele, feine Richtigkeit. Obwohl man am Quai d'Orfay und in der Downingstreet der deutschen Unternehmung fchon aus alter Gewohnheit ganz gern Schwierigkeiten bereitet hätte, ließen sich beim besten Willen keine Gründe dafür finden. Es blieb den fremden Regierungen nichts weiter übrig, als die Besitzergreifung des bezeichneten Gebietes durch Deutfchland zur Kenntnis zu nehmen.
Der Reihe nach trafen denn auch die offiziellen Anerkennungen des neuen Kolonialbesitzes in Berlin ein.
Die völkerrechtliche Lage war derartig, daß eine Verfügung der An- ertennung auf die Dauer nicht möglich war. Um fo mehr zerbrach man sich in Washington, London und Paris den Kops über den wirklichen Zweck dieser neuen Kolonie. Kein Gerücht war so abenteuerlich, daß es nicht Glauben gesunden hätte. Das mindeste war, daß Deutfchland dort in der Nahe des Poles einen Startplatz für feine ersten Mondraketen anzulegen beabsichtigte. In langen pseudowiffenschaftlichen Artikeln wurde erklärt, daß nur in nächster Nähe der Erdpole ein sicherer Schuß zum Monde mög- lld) In den Reichsministerien legte man alle diese Erzeugnisse einer zügellosen Phantasie gelassen zu den Akten. Unangenehmer wurde ein Aussatz in der französischen Fachzeitschrift ,La nature* empfunden, der unter dem Titel ,Ungehobene Schätze in der Antarktis' erfchien.
Ein Mineraloge von anerkanntem Ruf entwickelte darin den Gedanken, daß der antarktische Kontinent mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit gewaltige Bodenschätze enthalten müsse. Nicht nur wertvolle Metalle, sondern auch riesige Kohlen- und Erdöllager. Möglicherweise hätten die Leiter des deutschen antarktischen Institutes ergiebige Fundstellen entdeckt, und das Reich hätte sich daraufhin sofort festgesetzt.
Verborgen blieb es der Oeffentlichkeit, daß täglich Stratofphärenfchifse, beladen bis an die Grenze ihi Et Tragfähigkeit, in Deutschland aufstiegen und


