gemauert und der Zauber gebannt. Glühend, gelachternd kam das Dunkel auf uns zu und, hilf Himmel, jetzt rief dünn und fpottifch eine krächzende unmenschliche Stimme, unterbrochen von schrillen Vogelpf lffenunslatige Worte, von denen ich keines richtig mehr verstand, weil ich bte Fuße losbekommen hatte von der Schwelle und rannte, sinnlos rannte, gepeitscht von Büschen, gestriemt von Brennesseln, bis ich eingefangen m der Hecke hängen blieb. Dann war ein wirbelnder Stock über unfern Rucken, die wir uns mühten durch den dichten Busch zu kriechen, ein unbarmherziger ' Stock der Knüppel aus dem Sack, der also auch hier Dienste tat, und es war nur ein Glück, daß die Rupper-Muhme, die ihn so hexisch böse handhabte, nicht mehr so hurtig auf den Beinen war wie wir.
Als wir endlich aus den Schlehen heraus uns schnaufend im Straßengraben wiederfanden, hörten wir es wieder über uns flattern, pfeifen und kneifen, und dann faß flügelfchlagend ein schwarzer Vogel auf der Hecke, der krächzend Mörder, Lumpen, Diebe schrie, daß uns die Haare zwirbelten. Feuer blitzte aus seinem Schnabel; wir sahen es ganz genau, mie er mit riesigen Flügeln über uns wuchs, und unsere Beine gehörten uns solange nicht mehr, bis der aufgeklärte Doktorssohn keuchend schrie, wir seien blödsinnig und feige obendrein und er werde sich wegen einer lächerlichen Elster nicht die Zunge aus dem Leibe rennen.
Was für eine Elster?" fragte zaudernd Taube-Gustav und blieb stehn. „Dummkopf", fauchte der Freigeist, zuckte mit den Achseln und drehte sich um. Die Turmuhr schlug zehn. Dumpf glitten die Glockenschlage tn das Mondlicht über dem kleinen Marktplatz. Da hob ich verzweifelt die Hand. Die anderen schauten stumm. „Es war keine Elster", flüsterte ich, „seht doch bloß einmal her!" ' ...
Aus meinem Handrücken wurzelten wieder dick und rund die garstigen Warzen, genau dort, wo sie mir gestern um dieselbe Zeit fortgezaubert worden waren. Ich war verhext. Den beiden blieb der Mund offen stehen. Taube fühlte nach dem Muttermal, ohne Gruß schlichen wir voneinander.
Es hat lange gedauert, trotzdem ich mit Fleiß und nimmermüder Bravheit büßte, ehe mich die Ruppert-Muhme aus ihrem Zauberkreis entließ. Es muh so kurz vor ihrem gottgefälligen Tode gewesen sein, als ich eines Tages zu meiner Seele Seligkeit wahrnahm, daß meine rechte Hand un- bemakelt den Federhalter hielt. Mißtrauisch wartete ich noch einige Zeit, aber alles blieb gut. Da schämte ich mich sogar ein wenig, und bekam es nach langem Ueberlegen fertig, eines Nachmittags im Herbst zu dem alten Friedhof hinauszugeyen.
In eine Ecke des Totengartens hingeduckt, regenzerwuhlt und schon vergessen, lag das kleine Grab. Die Hände gefaltet, sah ich es mir an. Ein freundlich rot und gelb gemasertes Buchenblatt welkte herab. Ich fing es auf und grub es mit vielem emsigen Bemühen in die feuchte Krume. Unten über das alte windschiefe Haus tropfte aus schweren Regenwolken ein wenig Sonnenlicht. Ich bemerkte es, als ich mich von meiner stillen Gärtnerarbeit wieder ausrichtete. Da ging ich auf den Zehenspitzen leise davon und war närrischerweise der Meinung, daß mir nun die Ruppert- Muhme in alle Ewigkeit verziehen hatte.
Johann Peter Hebel
Zu seinem 175. Geburtstage am 10. Mai.
. Von Dr. Heinrich LÜtcke.
In der großen Bücherkiste, die in der Bodenkammer steht, habe ich ein altes Schullesebuch meiner Mutter aufgestöbert. Als Junge habe ich gern in dem kleinen Oktavband mit den stockfleckigen Seiten gelesen. Vor allem gefiel mir neben Lessings Fabeln, eine Geschichte aus Hebels Schatzkästlein: Kannitoerstan.
Da kommt ein Handwerksbursch aus dem Schwarzwald nach Amsterdam und bleibt bewundernd vor dem prächtigen Hause eines reichen Handelsherrn stehen. „Guter Freund", redet er endlich einen Vorübergehenden an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkojen?" Der geschäftige Holländer, der aus dem fremden Wortschwall nicht klug wird, macht sich mit einem kurzen „tan niet ver- ftaan" los. Der treuherzige Schwarzwälder aber denkt sich: „Das muh ein grundreicher Mann fein, der Herr Kannitoerstan!" Gah aus, Gaß ein, gelangt er zum Hafen mit feinem Wald von Masten. Von Bord eines gewaltigen Jndienfahrers werden Ballen und Fässer geschleppt und am Kai aufgestapelt. Schließlich wendet er sich an einen Lastträger, der eben mit einer Kiste auf den Schultern über den Steg kommt und fragt ihn, wem das Meer all diese Reichtümer bringe. „Kannitoerstan", sagte der Mann und geht keuchend weiter. Der Handwerksbursch aber beginnt zu sinnen, wie schwer es doch sei in der Welt, daß viele Leute so reich seien, indes er so ein armer Teufel bleibe. Da läutet in der Ferne ein Totenglöckchen. Stumm, in schwarzen Mänteln, naht ein Leichenzug. Den Hut in der Hand steht der brave Schwarzwälder andächtig, bis alles vorüber ist; dann aber greift er den letzten sacht beim Mantel: „Das muß wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein, dem das Glöcklein läutet, daß Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht?" „Kannitoerstan!" ist die Antwort. „Da fielen unferm guten luttlinger ein paar große Tränen aus den Augen und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitoerstan", rief er aus, „was hast du nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch und von allen deinen schönen Blumen vielleicht ein Rosmarin auf die kalte Brust." •»
Ich weih noch, was für ein Kindermitleid ich empfand, wenn ich das las. Und auch heute noch ist das Lächeln, mit dem man das naive Ge- fchichtchen lieft, von Wehmut überschattet. Es ist ein wenig Entsagung und stoische Lebensweisheit, zu der man durch das Leben und Sterben des Herrn Kannitoerstan gelangt.
Lächeln und Entsagung liegt auch auf dem starkknochigen Alemannengesicht des Johann Peter Hebel, mit der hohen Stirn, den klugen
Augen, dem würdevollen Backenbart, dem schalkhaften Mund und dem festen Kinn in der hohen weißen Halsbinde. „Ich habe die Hälfte in meiner Kindheit bald in einem einsamen Dors, bald in den vornehmen Häusern einer berühmten Stadt zugebracht. Da hab ich früh gelernt arm fein und reich fein, nichts haben und alles haben." Begegnete man dem Stadtschreiber, mahnte die Mutter auf zwanzig Schritt: „Peter, zieh s Chäppli ra, ’s chunnt a Her!" Er hat diese Worte sein lebelang nicht vergessen und wenn er in der Kammer saß mit den Ministern, dem künftigen Großherzog und dem Adel des Landes, so blieb ihm, der als höchster kirchlicher Würdenträger mit Titeln und Orden überhäuft war, immer die Befangenheit des Peterli, das vor dem Skribenten die Kappe zog. Das ist wohl auch der Grund gewesen, daß er sich nur im Freundeskreis in verqualmten Wirtshäusern, hinter einem Schoppen Wein und unsinnigen Rätseln wohl fühlte oder In seiner Studierstube, wo auf dem Pu« ein Bierkrug, eine hebräische Bibel, ein Seidenstrumpf des Hofanzugs und Manuskripte und Korrekturbogen sich zu einem Iunggesellenstilleben zusammenfanden. Nach dem frühen Tod der Mutter — den Vater hat er nie kennen gelernt — führte er das gedrückte, freudlose Leben des Freischülers aus dem Gymnasium illustre in Karlsruhe. Zwei Jahre nach dem Theologiestudium kam er als „Praeceptorialvicarius" an das Päda- qoqium zu Lörrach, mit einem Gehalt, dessen Kargheit in umgekehrtem Verhältnis zum Titel stand. Elf Jahre hat er Zeit gehabt, an seiner Antrittspredigt zu feilen. Seine Sehnsucht, eine Pfarre auf dem Lande, hat sich nie erfüllt; als er Professor der Theologie und Kirchenrat geworden war, da war er, fünfundvierzigjährig, scheu, kränklich, grau: ein alter Mann. Gustave, die „süße Jungfer Sauerampfer", die Liebe des jungen Vikars, war längst zur stillen Freundin geworden.
Inmitten der arroganten Beamtengefellfchaft des kleinen Hofes entstanden die „Alemannischen Gedichte für Freunde ländlicher Natur und Sitte n", die Hebels Dichterruhm begründeten. Heimweh ließ in rofig-goldnem Licht die Erinnerung an das Wiefental erstehen. Als das zbruitelnde" Heimweh fortgefungen war, stellte er feinen „Pegasus beim Kurschmied" ein. Als sogar Goethe an ihn schrieb, rief er mit komischem Pathos: „Wer bin ich, o Herr, und wo ist mein Haus? Ich hab keins." Die Mundart hat verhindert, daß die „Liedli" eine weite Verbreitung erfuhren, und mit der Uebertragung verblaßt die leuchtende Farbigkeit.
Zu den Privilegien des Gymnasiums illustre, an das er endlich als Subdiakon berufen worden war, gehörte die Herausgabe des „Badisch e n L a n d k a l e n d e r s". Seit 1807 hat er den Kalender, als „Rheinländischer Hausfreund", geleitet, und in diesen schlechtgedruckten und greulich bebilderten löschpapiernen Heften sind die kleinen Aufsätze und Geschichten erschienen, die Cotta später im „S ch a tz k ä st l e i n" gesammelt herausgab. Sie waren weiter verbreitet als die berühmtesten Werke seiner Zeit, bis nach Amerika; Hebel nennt die Zahl von 700 000 Lesern!
Blättert man in dem Dutzend Jahrgänge, wird man überrascht durch die Sicherheit, mit der die Materien behandelt sind. Da gibt es astronomische „Betrachtungen über das Weltgebäude"; naturwissenschaftliche Aufsätze: über Schlangen, Maulwürfe und Prozessionsraupen, über Kälte, Regen und Lawinen; daß man die Kleider Verstorbener aushängen lassen soll, ehe man sie dem Trödeljuden verkauft, und wie man farbige Tinten macht. „Der geneigte Leser lieft fürs Leben gern Geschichten von Räubern, grausamen Mordtaten und blutigen Hinrichtungen", und da erzählt er nun von den fürchterlichen Verbrechen in Neapel. Das Interesse am Kriminellen überhaupt — der Schädelforscher Gall behauptet, daß das Diebesorgan beim Herrn Kirchenrat Hebel besonders stark ausgeprägt gewesen sei — zeigen die vielen Betrügergeschichten, darunter die vom „Bösen Markt", die C h a m i s s o als Vorbild für fein Gedicht gedient hat, und die Eulenfpiegeleien vom Zundelheiner und vom Zundelfrieder. Gespenster-Erzählungen sind sehr beliebt; sie kriegen aber meist eine rationale Aufklärung: einmal sind's Falfchmünzer, einmal ein Bauer, der die Leute abschrecken will, nachts des kürzeren Wegs halber über feinen Acker zu laufen. Sogar das schottische Seeungeheuer spukt schon durch den Kalender. Sensationsmeldungen: eine Feuersbrunst in Italien, eine Pul- verschissexplosion in Leiden, der Brand von Moskau. Einmal findet sich zwischen den Schwänken ein Bericht, der ein grelles Licht auf das Elend der Zeit wirst: unvorstellbar, daß eine Aachener Nähnadelfabrik fast ausschließlich acht- bis zehnjährige Kinder, Mädchen zumeist, beschäftigte! Auch Statistik gibt’s: was in Wien draufgeht, was zu einem Kriegsschiff gehört, wie groß die Armee des französischen Kaisers ist, wieviel Kanonen sie hat, und was sie kostet. Als loyaler Untertan ist der Herr Hofdiakon gut rheinbündisch. verspottet die „zurückavancierenden" Oesterreicher und bringt rührende Geschichten von der Leutseligkeit Napoleons. Einmal sagt er, ein wenig beschämt, er lebe auf einer „insula fortunata mitten in dem Meer von Tbränen und Ungemach". Und dann erzählt er rasch wieder eine behagliche Schnurre: wie der Hertinger Bauer und der Schulmeister sich mit Ohrfeigen und Bibelzitaten regulieren, und wie der Jäger sich nicht einmengen mag, weil sie einander die heilige Schrift auslegen. Das Ganze in zwanzig Zeilen einschließlich moralischer Nutzanwendung hingeschrie- ben, ein kleines Meisterwerk der Kurzgeschichte. Hebels Gefühl für die Sprache des Volkes ist unerreicht geblieben.
Im Atter hat Hebel im Auftrag der Regierung feine „Biblischen Geschichten" geschrieben, in denen das bis zur Grausamkeit übersteigerte Pathos der atttestamentarischen Gestalten in lebenswarme Deütschheit übertragen ist.
Der Autor müßte nun mit erhobenem Zeigefinger dozieren: „Wurde 1819 zum Prälaten und 1821 von der Universität Heidelberg zum Ehrendoktor der Theologie ernannt. Er starb am 22. Oktober 1826 in Schwetzingen." Der Autor tut dies mitnichten. Er hat sich in den Sessel unter der Stehlampe zurückgezogen und lieft noch einmal die Geschichte vorn Kan- nitoerftan ...
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl’sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieß en.


