Ausgabe 
10.5.1935
 
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Schwarze Magie.

Von Friedrich Bischoff.

Es war damals, als mir die Ruppert-Muhme auf Geheiß der Eltern drei garstige Warzen von der Hand fort und, wie mir schien, in den Mond hinaufsprach, dessen lichtgewölbte Schale, mit Kastanienblüten ge­füllt, über uns in den Wipfeln hing. Die Alte wisperte und slüsterte. Ihre kleinen Augen, wie Galläpfel so klein und grün, blinzelten in den Mond, und meine rechte Hand hatte sie in die ihren gefaltet, so daß man, zum Stillsitzen auf dem niederen Gartenbänkchen ihr zu Füßen verurteilt, nicht einmal zu einem ordentlichen Knuff ausholen konnte. Jedoch, so ganz ge­heuer konnte einem gar nicht zu Mute sein, wenn man auch den Rucken möglichst gerade hielt und, so gut es ging, tapfer den Speichel schluckte, der immer wieder in den Mundwinkeln zusiinmenlief. Manchmal schno­berte etwas kühl ins Genick, daß der Kopf vornüber klappen wollte aber dann war es nur der Wind, vielmehr ein abgefeimter teuflischer Hauch mit Spinnengetast, der sich als Wind ausgab, denn er ringelte jetzt die weißen, verstruwelten Haare der Alten aus eine absonderliche Art um ihr Runzelgesicht, daß es zum Fürchten war.

Stille bist!" sauchte sie, und goß aus einem kleinen Fläschchen einen klebrigen Saft auf die Warzen, daß es eklig in den Aermel rann:Stille blftl* Der dünnlippige Mund wisperte weiter und d,e Warzen wehrten sich, ganz deutlich war es zu spüren, sie wackelten mit den kleinen Zwergen­köpfen unter der Hand der Alten, die sie auf verruchte Weise umfingen wollte. Rein, es war nicht auszuhalten, das Herz begann immer schneller ju klopfen, und, ohne daß man es wußte füllten sich die Augen mit Tränen. Aber daran war bestimmt nur dieses widerlich riechende Zeug schuld, das beizend um das Handgelenk geronnen war, oder der yerz- iufammenschnürende Dust des Faulbaums, der immer wieder aus dem Wiesennebel in den juninächtig schwülen Garten schlich.

Jetzt schlug die Stadtuhr; zehn Glockentöne schwebten groß und dunkel herab. Wie riesige Hüte stülpten sie sich über die Ohren, und man machte ttch klein und horchte atemlos in die wieder aufrauschende monderfullte Sülle. Als man nun aber gemeinsam mit der Alten das Zeichen des Kreuzes über Stirn und Brust schlagen sollte, war es doch ein bißchen zu oiel verlangt. Die Warzenhand in die Tasche gesteckt, stand man da mit gesenktem Kopf und tat so, als ob man nicht gehört hatte was da zu allem übrigen noch gefordert wurde. Rein, heilige Dinge durften in diesen Spuk, den man schweren Herzens auf sich genommen hatte, nicht hmem- gezogen werden. Der liebe Gott, der sowieso alles sah, was man schlechter­dings tat, und der Warzensaft durften nicht miteinander Berührung gebracht werden, sonst zuckte noch ein Blitz aus dem blauen Rachthimme herab und schlug einen für alle Ewigkeit in den Hollenpfuhl.

Mit gespitztem Munde, als wolle man pfeifen, überging man den an­rüchigen Wunsch der Alten und hatte nur noch ihr höhnisches Kichern «n den Ohren, als man längst aus dem kleinen nach Fenchel und Ams riech - den Hause auf die Straße hinausgerannt war, über den Marktplatz die

Sprich aus der Feme ...

Von Clemens Brentano.

Sprich aus der Ferne, heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt!

Wenn das Abendrot niedergesunken, keine freudige Farbe mehr fpricht, und die Kränze still leuchtender Funken die Nacht um die schattichte Sülle slicht:

Wehet der Sterne heiliger Sinn leis' durch die Ferne bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen lösen der Nächte verborgenes Weh, dann wehet Friede. In golbenen Kähnen schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzender Lieder klingender Laus ringelt sich nieder, wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen bang durch die dunklen Wälder hinschleicht und die Büsche gar wundersam schauen, alles sich sinster, tiefsinnig bezeugt:

wandelt im Dunkeln freundliches Spiel, still Lichter funkeln, schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, bietet sich tröstend und trauernd die Hand, sind durch die Nächte die Lichter gewunden, alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne, heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt.

Lindenallee hinunter und auf Zehenspitzen immer Me dritte Stufe au»» lassend, die Treppe hinaus in die elterliche Wohnung hinein.

Alle guten Geister, hier war man gerettet. Hier gab es ein Bett in einer vertrauten Stube, das mit weißen Zipselohren schon so manchen Schlaf behütet hatte. Zurückgeschlagen den schirmenden Flügel der Zu­decke, wartete es schon, die Furcht zu lindern und wohlig zu durchwärmen, bis die aus allen Poren beruhigend prickelnde Müdigkeit schon wieder mutig machte und man im Gähnen und Dehnen mit einem Augenwinkel unter der Bettdecke hervorzulugen wagte, ganz schnell nur, aber da war man schon eingeschlafen.

Am Morgen, war es zu glauben, waren die Warzen fort.

So von ungefähr hatte man vor dem Aufftehen nach alter Gewohn­heit ein wenig an ihnen Herumspielen wollen, da waren sie plötzlich nicht mehr da, und man durfte vor Ueberraschung das Waschen vergessen, denn es muhte doch noch vor der leidigen Schule den Eltern die gestrige Hand, so wie sie war, vorgewiesen werden. Ein paar schuppige Hautstellen auf der Handfläche, das war alles, was von ihnen übrig geblieben war. Und und wenn auch der Vater hinter der Zeitung kaum aussah und die Mutter nur lächelte und mit guter Hand über das erstaunte Kindergcsicht strich, eines war gewiß, und wenn man es auch nie eingestehen konnte, die Ruppert-Muhme mußte mit etwas Ungeheuerlichem im Bunde sein, wenn sie, so mir nichts dir nichts, die Warzen fortzuwispern vermochte.

In der Schule war es allerdings jetzt noch langweiliger, denn nun konnte man nicht einmal mehr diese knorpligen Hautknöpse mit Tinten­augen versehen und dem Nachbar beweisen, daß man doch noch etwas mehr mitbekommen hatte als er für diese Welt. Aber in der Pause sprach sich das gewaltige Wunder, das geschehen war, eilends herum, und der Arm wurde lahm vom vielen Herumzeigen der Hand. Jeder wollte die Stellen drücken, befühlen ober gar beriechen, unb Taube-Gustav, ber ein Muttermal am Halse hatte, mußte genau wissen, wie man sie wegge­bracht hätte. Da blieb natürlich nichts anberes übrig, als zu erzählen, unb wie es immer mit solchen Geschichten ist, sie verwanbeln sich auf der Zunge, obgleich man es gar nicht will. Den Jungens standen die Augen rund im Gesicht, dem starken Taube im besonderen. Und als ich mich zu ber Behauptung verflieg, beim so abenteuerlich war alles schon geworben, die Ruppert-Muhme könne mit ihrer Salbe gewiß nicht nur Warzen verhexen, sondern sicher auch bas Tischlein deck dich zaubern und wer weiß was noch alles, war es plötzlich eine ausgemachte Sache unter den Jungen, die ein wenig ungläubig aufgenommene Geschichte heute Abend schon an Ort und Stelle auf ihren Tatsachenoerhalt zu prüfen.

Die Schulglocke läutete. Niemand hörte darauf. Ein Feldzugsplan wurde entworfen-, die andern Kinder lärmten schon in den Schulstuben, aber ich mußte hören, daß es beschlossen und beschworen sei, um neun Uhr dem Rupperthause einen Besuch abzustatten.

Es ist sicher gefährlich", meinte ich und versuchte die von meiner un­gebärdigen Phantasie entflammten Abenteurer einzufchüchtern:Sie zau­dert doch!"Quatsch!" sagte Taube-Gustav,ich will nur die Salbe, laß mich nur machen."

Das Häuschen der Ruppert-Muhme, wie sie allgemein in der kleinen schlesischen Stadt genannt wurde, hockte windschief unb ein wenig alters­schwach, umgeben von einem heckenbewehrten Gemüsegarten, unterhalb ber hügelan angelegten Friebhöfe an ber Straße, bie ins Gebirge hinein­führt. Nie hatte ich zuvor an bem fiaufe, geschweige an Mutter Ruppert etwas Besonderes wahrgenommen. Sie wusch in den Bürgerhäusern, sam­melte Pilze und Beeren, kurzum sie nährte sich recht unb schlecht burch Sommer unb Winter unb humpelte klatschsüchtig unb gutmütig ihrem Lebensende zu. Sie hatte es nicht weit dahin. Als wir anschlichen, Taube- Gustav, der Doktorfohn, der als begabter Freigeist die Sache sich nur ein­mal ansehen wollte, unb zwei andere handfeste Jungen, sah ich die Grab­kreuze oben über bem Hause wie eine Saat hingestreuter Totenzähne im Mondlicht schimmern. Ein Stoß in ben Rücken hals mir In bie Nüchtern­heit schnell zurück, ich nahm allen Jndianermut zusammen, ließ bie Kreuze und Gräber, verfluchte die Salben und bie Warzenhexerei, und machte mich für einen ehrenvollen Tob bereit.

Aus vier monbblauen kleinen Fenstern schaute uns bas Haus an; füll unb zustieben kuschte es in ber bunkeln Talsenke. Die Ruppert-Muhme schien noch auf einen kleinen Schwatz in die Nachbarschaft gegangen zu fein. Als wir am verschlossenen Gatter standen, warf uns der Garten mit den beiden alten Kastanienbäurnen stiedeooll ben Dust seiner Hecken zu. Aber es gelang ihm nicht mehr mit Milde unserem Tatendurst Einhalt zu tun. Taube-Gustav wühlte sich schon wie ein Maulwurf durch die Hecke, gehorsam folgte ich ihm und war auch nicht im mindesten entsetzt, als ich mit der Hand, vorwärts ins Gras langend, in einen kalten Frosch hinein- griff. Zwar bekam ich gleich darauf von dem aufgeklärten Doktorssohn einen Tritt, aber das galt wohl mehr dem Frosch, den ich ihm versehentlich ins Gesicht geschleudert hatte. Nun kauerten wir alle im Garten. Es roch bittersüß nach Mime, nach merkwürdigen Arzneikräutern, deren beizen­der Duft mir ängstlich bekannt vorkam; vor uns krochen bie Schatten ber Gemüsebeetfurchen bem Hause zu, bas stumm unb totenstill uns erwartete. An einem niebrigen Holzverschlage sammelten wir uns, bie Anzüge beklebt mit feuchter Ackererbe unb übelriechenden Sachen, bie ben Gemüsepflan­zen hatten zugute kommen sollen.

Taube-Gustav teilte bie beiden Mitgänger als Wache ein. unb wir wollten einmal probieren, ob bie Tür offen war. Sie war offen. Der Doktorssohn brückte an der Klinke, da ging die Türe lautlos wie ein Drachenmaul, das aufklappt, vor uns auf und wies uns in eine imgeftalte Finsternis hinein. Das schien sogar den starken Taube eigentümlich zu rühren, denn er meinte, der Doktorssohn, ber sich so aufgespielt habe, solle die Wundersalbe holen. Aber es kam nicht mehr dazu. Denn während noch flüsternd hin und her beraten wurde, geschah etwas, das uns die Haare einzeln, ganz langsam turmboch zog und die Füße ebenlo Hafter- tief in den Grund wurzelte. Ein Luftzug als ob ein Bündel ^^«rmäufe norübergebufrfit fei, bauchte flatternd m rüber und in bas Haus hinein, unb bann büvtte ein dünnes kicherndes Gelächter durch den bim'-'n Flur, daß uns di- Nipnen ein-ein zu lihM^rn begannen. Keiner '--kam bie Füße vom Boben fort. Mit weichen Knien hatte uns der Schreck hin-