Ausgabe 
10.5.1935
 
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Weisungen sagen wirb. Eigentlich gar nicht mein Fach. Aber gerade darum besonders interessant für mich und auch wichtig ... Na, schön. Das wird sich morgen alles Herausstellen. Es ist zwar aufdringlich von mir, und ich entschuldige mich im voraus, Herr Doktor... trotzdem möchte ich Sie um einen kleinen Gefallen bitten."

Ich weiß zwar nicht, wie ich in der Lage fein könnte, Ihnen im Augenblick dienlich zu fein, bin jedoch gern bereit, antwortete Hartl voll­kommen verwirrt, da jetzt noch ein junges Mädchen auftauchte, das sich an den Arm des Schauspielers hängte.

Natürlich hat Ludwig uns ebenfalls eingeladen, noch heute abend zu ihm hinauszukommen, und ich hatte eigentlich zugesagt. Nun aber sind Umstände eingetreten ..." Er fah mit einem vertraulichen Lächeln zuerst [eine Begleiterin, dann Dr. Hartl in die Augen:.. .die mich ver­hindern, heute noch fo weit hinauszufahren. Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, mich bei Ludwig zu entschuldigen? Ich war wirklich ent­schlossen, hatte mir schon die Fahrkarte gelöst. Hier, sehen Sie! ... Wenn Sie selbst noch keine haben, stelle ich sie Ihnen gerne zur Verfügung!"

Aber ich komme aus Dresden, ahnte gar nichts davon, daß Ludwig gerade heute spielte", murmelte Doktor Hartl.

Ach, Sie wissen noch nichts von unserer Götz-Premiere? Sie treffen eben erst ein? Schade! Um einen ganzen Tag zu spät! Dann müssen Sie unbedingt zu Thiele hinaus! Große Gesellschaft! Na, Sie wissen ja, wie das ist bei ihm! Und ich weih, wie sehr er an Ihnen hängt. Hier neh­men Sie meine Karte! Er wird sich sehr freuen, Sie zu sehen gerade heute! Viel mehr als über mich. Und entschuldigen Sie mich bei ihm! Auf Wiedersehen, Herr Doktor!"

Er lüftete flüchtig den Hut, nickte und ging mit feiner Begleiterin dem Ausgang zu. Hartl stand noch immer an der Sperre und betrachtete die Stadtbahnkarte, die der Schauspieler ihm aufgedrängt hatte.

Sonderbar! Kaum bin ich hier, überfällt mich der Name Thiele und fängt mich ein.

8.

Ein Vorortzug stand zur Abfahrt bereit. Bevor Otto Hartl einftieg, sah er sich nach bekannten Gesichtern um. Wie hatte der Schauspieler gesagt? Es war große Gesellschaft bei Thiele nach einer Premiere! Hartl kannte diese Zusammenkünfte. Unzählige Male hatte er an ihnen teil­genommen draußen in Nikolassee, srüher in einer engen Stadtwohnung, und auch schon in der Dresdener Zeit. Ludwig Thiele und seine Lebens­führung waren die gleichen geblieben über anderthalb Jahrzehnte hinweg.

Kam da nicht Professor Bernau den Bahnsteig entlang mit einer hübschen jungen Blondine? Und war der langaufgeschossene zapplige Mann hinter ihm nicht ein Journalist von Ruf und Theaterreferent eines großen Berliner Blattes? Auch die schwarzhaarige, auffallend gekleidete Dame mit deminteressanten" blassen Profil gehörte zu dieser Gruppe, die hastig ein Abteil in der Nähe Hartls bestieg.

Ohne länger zu zögern, wählte Hartl das gleiche Abteil, legte seinen Koffer in das Gepäcknetz und setzte sich in eine Ecke, dem Professor gegenüber. Neben ihm saß der Journalist, während die beiden Damen die Plätze an der Seite des Professors eingenommen hatten.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

Habt ihr gesehen? Auch die Alten ist wieder da! Sie sah im Theater!" Der Professor nickte.Sie sah sehr gut aus. Jünger und flotter als vor einem Jahr."

Wer ist ,d!e Alten'?" fragte die schwarzhaarige Dame pikiert und neugierig.

Mira von Alten. Du wirst sie schwerlich gekannt haben. Aber sie spielte einmal eine ziemliche Rolle hier und war eng mit Thiele befreun­det", erklärte der Journalist.

Eine gefährliche Frau!" brummte Professor Bernau.

Wieso gefährlich? ereiferte sich der Journalist.Das ist wohl reich­lich übertrieben, wie das meiste, was man sich über sie zu erzählen wußte. Ich habe sie damals oft in Gesellschaft getroffen und muß sagen, daß sie auf mich ganz anders wirkte. Eher zu konventionell. Auf jeden Fall stets als Dame von Welt."

Der Professor lächelte spöttisch.Für Thiele war es das Wünschens­werteste, daß sie plötzlich verschwand. Er war auf dem besten Weg, sich zugrunde zu richten.

Ihretwegen?" fragte die junge Blondine an feiner Seite und fah schmachtend zu ihm auf.

Ludwig Thiele verliebt?! Ich war der Meinung, daß er sehr glücklich verheiratet fei und daß keine andere Frau für ihn in Betracht käme/' warf die Schwarzhaarige nachlässig hin.

Damals sah das danz anders aus. Ich habe dis Geschichte fo halb und halb miterlebt. Sie war gar nicht uninteressant."

llnb wird vielleicht wieder aktuell, nachdem die Alten wieder hier aufgetaucht ist!" sagte der Journalist.

Erzählen Sie doch, Professor!" bat die Schwarzhaarige und beugte sich interessiert vor.

Ich glaube, er hat sie schon vor seiner Ehe gekannt und geliebt", begann der Professor und steckte sich während seines Berichtes eine F'garre an.Sie muß einen mächtigen Einfluß auf ihn gehabt haben, der sich erst dann abschwächte, als er Elisabeth kennenlernte und schließlich heiratete. Fast zwei Jahre verlief die Ehe ganz ausgezeichnet, zum Er­staunen aller die Ludwig früher gekannt hatten. Wir waren fast einstim-

Ansicht, daß diese Ehe ein Fehler fei. Trotz unserer aufrichtigen Hochachtung vor dem Charakter Elisabeths. Dann kam die Krisis. Eines Abends ich mar mit ein paar Freunden draußen in Nikolassee, und ro,A mi* Eblabeth auf unseren Ludwig erschien er plötzlich

mit dieser Frau von Alten und ihrer Kusine. Ich erinnere mich noch S°"au dieses ersten Abends Er war ihr irgendwo in der Stadt begegnet, bra^^te sie nut hinaus und stellte sie uns vor, ausgelassen, triumphierend. Na ihr kennt ihn 1°, wenn er von irgend etwas besetzen ist, von einer 9ute" ®cm ober einer Frau. Ich begriff im ersten Slugen- blick, daß mehr dahintersteckte als eine flüchtige Laune, und Elisabeth ahnte das auch. Sie hielt sich großartig den ganzen Abend hindurch, an m er nur noch Augen für diese Frau hatte, und auch die folgenden

Wochen hindurch, fn denen er nur noch mft ihr zu sehen war und sie fast jeden zweiten Tag mit hinausbrachte..."

Das lieh sich Elisabeth ohne weiteres bieten?* warf die Schwarz- haarige maliziös dazwischen.

Was hättest du denn an ihrer Stelle getan?* fragte der Journalist und iah sie erwartungsvoll an.

Allerhand, mein Lieber... Zum ersten hätte ich der Person in mei­nem eigenen Hause mit aller Energie die Tür gewiesen!"

Die junge Blondine neben ihr verzog ein wenig den Mund, so, als zweifle sie innerlich an der Wirksamkeit dieses Mittels, sagte aber nichts und ließ den Professor fortfafjren.

Nach ein paar Wochen, nachdem Elisabeth erkannt hatte, daß es hier um eine wirkliche Entscheidung ging, tat sie bas auch meiner An­sicht nach einzig Mögliche: Sie stellte Ludwig vor ein klares Ent­weder Oder. Doch er wich ihr nochmals aus. Jetzt brachte er Frau von Alten nicht mehr mit, kam aber selbst kaum mehr nach Haus. Und als sie bald danach abreifte, nach Sankt Moritz zur Kur, zum Sport, was weiß ich, lieh er alles im Stich und reifte ihr nach. Dabei stand er damals mitten im Repertoire und hatte Erfolg. Sie werden sich noch an den Skandal erinnern, den fein plötzliches Verschwinden mitten aus einer Serie heraus hervorgerufen hat. Sein Direktor tobte und erklärte ihn für kontaktbrüchig, was bann später nur mit großen Mühen und Kosten rückgängig gemacht werden konnte. Irgendein Freund ich weiß nicht mehr, wer es war fuhr ihm nach und brachte ihn dann auch glücklich wieder zurück nach ein paar Tagen ..."

Hartl hörte mit steigendem Interesse zu. Er kannte diese Episode, und besser als der Erzähler. Er kannte auch den Professor und den Journalisten, die sich beide seiner nicht zu erinnern schienen. Hartl hatte die Absicht gehabt, sich gleich bei feinem Eintritt in dieses Abteil wieder bekannt zu machen und sich ihnen anzuschliehen auf der Fahrt zu ihrem gemeinsamen Ziel. Doch das Gespräch hatte seine psychologische Neugier geweckt und so lange gefesselt, bis er sich über die Charaktere der beiden Paare und ihre Beziehungen einigermaßen im klaren war. Er betrieb solche Beobachtungen gewissermaßen als Sport und stets in gesteigertem Maß, wenn er sich, wie auch diesmal, Hals über Kopf von Hause ent­fernt hatte und sich ohne bestimmten Plan einfach treiben ließ.

Das Resultat feiner Beobachtungen lautete für ihn etwa folgender­maßen: Dieser sympathische und gescheite Professor Bernau, Mann um die Fünfzig herum, eigenwillig und auch ein wenig Sonderling in seinem Aeußeren trotz seiner gesellschaftlichen und finanziellen Erfolge als einfallsreicher moderner Architekt, hat wieder einmal eine neue Privatsekretärin, nämlich dieses blonde, kaum zwanzigjährige Mädchen, das ihn refllos bewundert. Auch er ist im Grunde in sie verliebt, ist dabei aber Skeptiker geblieben sich selbst gegenüber im Hinblick auf fein Alter und feine Erfahrungen. Er ist nicht weit davon entfernt, in die Rolle des väterlichen, zärtlich um ihr Fortkommen besorgten Beschützers zu verfallen, was ihr auf der einen Seite sehr imponiert, auf der andern Seite jedoch eine noch uneingestandene Enttäuschung ist. Eine heftige Leidenschaft des bewunderten Mannes wäre ihr lieber, wenn sie auch in echt jugendlicher Unterschätzung ihrer Person im Vergleich zu seiner Bedeutung und seiner Stellung in der Oessentlichkeit sich noch nicht erlaubt, daran zu glauben.

Sehr reizvoll ist der Gegensatz ihrer Erscheinung zu der ihrer Nach­barin, ein Gegensatz, der sich in der inneren Haltung der beiden Frauen zu Bernaus Erzählung wiederholt. Diese Schwarze mit der inter­essanten Ausmachung ist ein wenig zu selbstsicher, weil schwächer im Gefühl, was sie zur Arroganz verführen wird. Doch liegt das auch an ihrem Freund, dem Journalisten, der sich ihr gegenüber nicht ganz auf ich zu verlassen scheint, sondern auf Aeußerlichkeiten, vielleicht auf einen Berus und seinen öffentlichen Einfluß. Vieles spricht dafür, daß ie eine angehende Schauspielerin ist. Wie falsch sie Elisabeth Thiele heimlich beurteilt, ohne den Mut zu haben, sich in deutlichen Ausdrücken festzulegen. Wie richtig dagegen, ja, beinahe verwandt reagierte das junge Gefühl der Blonden auf di« Erzählung ... .Großer Gott, ich bin mitten in abseitigen Analysen, weit entfernt von aller Wirklichkeit, und freute mich doch auf einen hübschen, unterhaltsamen Abend! Das ist traurig und unfruchtbar, aber leider immer fo bei mir, selbst wenn ich recht habe mit meinen Schlüssen ... Was ist dagegen zu tun?' dachte er, und es war ihm zumute, als erwachte er aus einem Traum.

Und seine Frau war bei seiner Rückkehr noch da, als sei nichts geschehen?", hörte er die Schwarze ausrufen.

Die Blonde sah sie von der Seite an und sagte:Man kann auch ohne ein Wort verzeihen!"

Natürlich kann man das, Kindchen, aber es geschieht nicht sehr oft im Leben", sagte der Architekt, faßte nach ihrer Hand und hielt sie in feinen beiden schweren Tatzen fest.Meines Wissens fand Thiele damals fein Haus leer, und Elisabeth kehrte erst nach Wochen zu ihm zurück!"

Das ist nicht ganz richtig!" griff Hartl unwillkürlich in den Gang der Unterhaltung ein. Die vier drehten überrascht die Köpfe nach ihm, den sie in feiner Ecke eingeschlafen wähnten. Tatsächlich hatte Hartl, regungslos angelehnt und mit beinahe geschlossenen Augen, bisher den Eindruck eines Schlafenden gemacht.

Verzeihen Sie, daß ich mich in Ihr Gespräch mische! Mein Name ist Hartl ... Doktor Hartl aus Dresden. Ich hatte schon einmal den Dorzug, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Prosessor, bei unserem gemeinsamen Freund Ludwig Thiele ... vor drei Monaten. Und auch heute bin ich, wie Sie, im Begriff, zu ihm nach Nikolassee zu fahren/'

Der Architekt machte feine rechte Hand frei und streckte sie Hartl hin. Ich wußte doch, daß wir uns schon begegnet waren. Kam aber nicht auf die richtige Spur. Natürlich erinnere ich mich und bitte um Ent­schuldigung für mein fo schlecht sanktionierendes Gedächtnis. Darf ich vorstellen: Fräulein Inge Graf Gerda Diemer Herr Ollendorf, dessen Name Ihnen nicht unbekannt fein wirb.*

Auch der Journalist reichte Hartl die Hand, während die beiden Mädchen ihn neugierig musterten.

(Fortsetzung folgt.)