Nummer 56
Hreitag, den JO. Mai
Jahrgang 1935
en, von diesem Vorteil den
uns
SiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
finden lassen. , ... . .
Auch der Agent Henschke schloß sich ihnen an, als sie aufstanden und zu Thieles Wagen gingen. Auch er verfolgte eine besondere Absicht: Thiele auf keinen Fall mit Grolman auch nur für einen Moment allem zu lassen und ihn vor weiteren Ungeschicklichkeiten zu bewahren, dle den seglgen Stand der Verhandlung — die er noch immer als sehr günstig ansah — gefährden konnten. Er richtete es so ein, daß Steinlen neben Grolman im Fond des Wagens und er selbst neben Thiele, der am Steuer saß, Platz nahm. Der Wagen zog an und nahm die Richtung nach Westen.
Es war kurz nach halb zwölf.
7.
Um die gleiche Zeit lies in den Potsdamer Bahnhof ein Zug ein, und einem Abteil zweiter Klasse entstieg Doktor Hartl, Privatgelehrteraus Dresden. Seit zwölf Jahren war er dort ansässig und führte ein stilles, regelmäßiges, nur seinen psychologischen und soziologischen Studien gewidmetes Leben in einer mit Büchern und Sammlungen vollgestopften, unbequemen und viel zu großen Wohnung, die der Schrecken aller Haushälterinnen war und der Grund, warum keine lange bei chmi aush elll Eben erst hatte man ihn wieder allein gelassen, und da so schnell kem brauchbarer Ersatz zu sinken gewesen war, hatte er mit einem plötzlichen Entschluß alle Studien beiseitegelegt, die Wohnung verschlossen und war nach Berlin gefahren, wie schon drei- oder viermal m den letzten Jahren, wenn er mitlich selbst nicht mehr fertig wurde. . .
Er ging durch die Sperre und stand auf dem Bahnsteig, einen kleinen, eleganten Lederkofser in der Hand, unschlüssig und ein wenig h-l los. Zunächst mußte er sich nach einer Unterkunft umsehen. Das war nicht ganz einfach Das letztemal war er zuerst in einem Hotel, dann in einer Pen- sionimWestenabgestiegen, und er hatte sich für viel Geld keineswegs wohlgefuhlt.^er merjig fd)(ant, hochgewachsen und stets von dem gleichen Schneider mit bestem, unausdringlichem Geschmack gekleidet. Sein Kops mit der hohen, gewölbten Stirn, den ergrauten Schlafen, der geraden Nase und den grauen, ein wenig schwermütigen Augen wirkte intelligent und vornehm und seine schmalen, gepflegten Hande mit bett sparsamen, fast müden Bewegungen verstärkten noch diesen ersten Eindruck.
Was wollte er in Berlin? ... Ausspannung ... Abwechslung ... Ablenkung ... Unterhaltung? Er konnte sich diese Frage nie präzise beantworten Er hielt es auch nie lange hier aus. Meistens kehrte er schon nach einer Woche wieder zu seiner einsamen und abseitigen Arbeit zuruck einem philosophischen Werk, in dem er die Resultate seiner langjährigen Studien zu einem eigenen System zusanimenfahte. Als erzogernd dem Aufgang zuschritt, wurde er von einer plötzlichen Anrede überrascht, und er konnte sich im ersten Augenblick nicht besinnen, wo er diesem jungen, lebhaft auf ihn einsprechenden Menschen schon begegnet war.
®s freut mich, Sie zu sehen, Herr Doktor Hartl. Sie sind also auch auf dem Weg nach Nikolassee... Ein bißchen unbequem, diese Fahrerei mit der Stadtbahn! Aber das muß man nun mal mit in Kauf nehmen bei Ludwig Thiele. Es iftjnne Marotte, so weit draußen zu wohnen. Und siel^Hartt"eim"dah er den jungen Mann während seines letzten Ausenthalts bei Thiele getroffen und sich mit ihm einen Abend lang unterhalten hatte. Und mit Thiele verband ihn eine enge Beziehung, die bis in die Zeit zurückreichte, in der Thiele noch als blutjunger Anfänger am Dresdner Hoftheater engagiert gewesen war. Hartl versäumte es nie den Schauspieler aufzusuchen, wenn er nach Berlin kam, und ein paar Tage oder Nächte mit ihm zu verbringen. Ja, die Person und die von seinem eigenen Dasein so grundverschiedene Existenz Ludwig Thieles war einer der Faktoren, die den Doktor Hartl in Abstänven nach Berlin zogen. Der junge"Mann vor ihm war ebenfalls Schauspieler: doch den Namen konnte Hartl in seinem Gedächtnis nicht finden.
Sie waren natürlich im Theater? Ludwig war ausgezeichnet als Götz' Das steht außer Frage. Endlich ein wirklicher großer Erfolg, den wir alle dringend brauchen ... Bin neugierig, was man zu meinem
tÜrmmenn ich Herrn Direktor Grolman richtig verstanden habe, so handelt es sich be^! inem Angebot um mindestens vier bis fünf Monate und zwar sofort mit Eintritt der guten Jahreszeit", fuhr Steinlen unbeirrt fort gellt haben wir Mitte Februar. Am 1. September beginnt die neue Saison für die du unbedingt wieder hier fein mühtest. Es blieben uns somit nach Abzug der fünf Monate nur^nochi sechs'Wochen, zv> g-me'nsamer Arbeit. Darin liegt für mich und für das Deutsche Volkstheater em vielleicht unabsehbarer Schaden — gerade nach dem heutigen weitreichenden Erfolg, der ein Erfolg unserer ganzen Richtung ist
Wieder griff der Agent Henschke ra ch und entschlo en ein. to™ bas nur so verstehen, daß Sie aus gewissen Garantien bestehenmüssen für eine Freigabe Thieles und daß diese Freigabe in so genau und so fuij. wie möglich gefaßten Grenzen erfolgen kann. ramtrnnn „nh
„Das ist auch mein Eindruck, Herr Steinlen , sagte Grolman, und Steinlen hörte aus dem Ton dieser Antwort, daß er emen guten.Test seiner geplanten Bedingungen durchsetzen konnte. Bb" er hütete sich, s jetzt schon durchblicken zu lassen, und es war ihm nichts von feiner Befriedigung darüber anzumerken. ,
Thiele war der einzige am Tisch, der nicht merkte, was.Steinlen mit feiner Einmischung bezweckte. Er sah nur die Schwierigkeiten die von einer Seite tarnen von der er gerade das Gegenteil erwartet hatte. Ent gegenkommen und freundschaftliche Unterstützung. Er war s' -ntttiusäst und empört über die Haltung feines Direktors, daß "gar nicht au, den Gedanken kam, der der nächstliegende war. Auch der Em f 9 brachte ihn nicht auf die richtige Spur, die ferner ganzen Natur fremd, im entveaenaeseüt roar: dah nämlich feine Person irn 9 anderes als ein wertvolles Handelsobjekt zwischen den et e triertc geworden war. Denn von dem, was ihn einzig und bren f -
von den drei großen Filmrollen, die man ihm angeboten hatte war mcht mehr die Rede und es gelang ihm auch nicht, da-Gespräch darauf z zubringen, obgleich er verschiedene heftige Anläufe d z )
Mit einer plötzlichen inneren Umstellung iedoch I°gte -r alle ^us- steigenden Aerger und die Verbitterung, tue zu emem u^°ruMn^us. beuch drängte, davon und sagte zu Grolman lachend und siegesbewutzN „Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen! 3cf) komme zu mm u) Hollywood, und wenn ich hier kontraktbrüchig we Viniaermaßen
nicht mein erster Kontraktbruch! Ich bm an so etwas einigermaßen ^Jesst'hatte Steinlen Mühe, eine zornige ®nt9c9nun9
Er ist doch von einer plumpen Naivität, die manchmal geradezu gesaynia)
ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1^33 by August Scherl ®. m. b. <5v Berlin
(Fortsetzung.)
.Jetzt werden Sie aber auch mit Ludwig Thiele erstaunt fragen, was das mit unserer momentanen Verhandlung zu tun habe. Nun, Sie werden gleich sehen, daß das für die heutige Position Thieles und für meine eigene sehr wichtig ist. Gerade Thiele war der Schauspieler mit dem ich am stärksten rechnete. Er hak von Natur aus all das Erdhaste, Schwere und dabei Volkstümliche, was unter den von Grund aus veränderten Verhältnissen endlich zur vollen Auswirkung gelangen mußte. Er ist der typische deutsche Schauspieler, seiner Herkunft und lang nach eng mit dem Volk und der Landschaft verbunden In den letzten Jahren der geistigen Auflösung und der extremen Apenmente konnte diese seine Art nicht den richtigen Widerhall ftnden. Doch als ich im Winter mein Theater bekam und Damit die Möglichkeit das zu ve^ wirklichen, was ich als die einzig fruchtbare Zukunft ansah.,, habe ich ihn mir zuerst verpflichtet, und zwar fest und aus lange Zett.
„Sehr interessant! — Im großen und ganzen deckt sich das mit den Eindrücken, die ich selbst während meines kurzen Aufenthaltes h'" empfangen habe", sagte Direktor Grolman. „Sie können sich also nicht gut denken, Herrn Thiele für einige Monate freizugeben?
Wir sind noch im Aufbau. Erst im Herbst kann ich mit vollen Kräften an mein neues Programm gehen. Aber gerade in der Voraroeit bis dahin, die mir das Allerwichtiaste scheint, kann ich Thiele kaum entbehren.
Erstens habe ich anderthalb Monate vertraglichen Urlaub, zweitens steht in unserem Vertrag ein Passus über Beschäftigung beim Film den wir uns jetzt einmal näher ansehen müssen! sagte Thiele und (eine Stimme schwankte vor innerer Ausregung über d,e unerwarteten Schwierigkeiten, die Steinlen mit ausschweifender Beredsamkeit vor ihnen aus
werden kann! Aber das hat auch wieder seinen Vorteil! dachte er und sah den Agenten Henschke an, der nur vielsagend die Achseln zuckte.
„Einen solchen Schritt könnte ich nicht verantworten, und er wird auch nicht nötig sein!" antwortete Grolman, der nicht mehr daran zweifelte daß er sich mit Steinlen auf einer tragbaren finanziellen Basis einigen würde. Thiele ahnte nichts davon, daß ein guter Teil dieser Summe seiner eigenen Gage zugute gekommen wäre, wenn er es fertig« gebracht hätte, abwartend zu schweigen. Grolman wußte jetzt, wie er ihn zu behandeln hatte, und war sofort entschlossen, von diesem Vorteil den richtigen Gebrauch zu machen, obgleich ihm die Persönlichkeit des Schauspielers durchaus sympathisch geworden war.
Darum nahm er auch die Einladung, die Thiele jetzt mit feinem ganzen freigelaffenen Temperament wiederholte, an in der Erwartung, mit Stern« lcn,*er ja mitkam, gleichzeitig ins reine zu kommen. Die Gelegenheit zu einer Aussprache unter vier Augen würde sich sicherlich noch heute abend


