die Freundin, Fußboden."
Bernd saß bare Statisten Lotterweib."
Ronny riß
Mach nicht vor dem Besuch unsere Luxusgegenstände schlecht!" sagte ein kahler .Perser' ist immer noch besser als der nackte
gemütlich und beobachtete die beiden. ..Ihr gebt wunder- ab", erklärte er befriedigt. „Aber es fehlt mir noch das
die Augen auf. „Er hat tatsächlich Fieber", sagte Inge
dumpf.
„Nee, Fieber nicht —, Sorgen!" Er schob die Kaffeemühle von sich und zog seine Shagpfeife hervor. ,
„Verpeste nicht den Ozon unseres Reiches mit deinem Eichenlaub! begehrte Ronny auf.
„Es ist wegen Konsul Güldemeister", überging der Maler den Verweis: „er kommt von der Waterkant und ist der letzte Romantiker!"
„Sonst hätte er ja wohl kaum ein Bild von dir gekauft!" sagte Inge.
„Bernd hat ein Bild verkauft — richtig mit Geld?" Ronny ließ fast
die Kaffeekanne fallen.
„Dummes Weib!" murrte Bernd voll verletzten Stolzes, „wie sonst? Hundert Mark Anzahlung, zweihundert folgen bei endgültiger Abnahme, ebenso der Erwerb einiger weiterer Gemälde — aber, aber: die verflixte Bedingung! Güldemeister will nämlich zum Lohn ein Atelierfest mitmachen, wie er sich das aus Würgers „Boheme" so vorstellt — über den Dächern der Stadt beim lustig-armen Künstlervölkchen — mit allen Schikanen. Der arme Mann hat verrückte Vorstellungen vom Leben der heutigen Maler!"
„Was meint Jonny dazu?" fragte Inge.
„Was kann der meinen, dieser Pedant", sagte Bernd niedergeschlagen. „Er läßt mir das Atelier nicht für das Theater. Es wäre zum Arbeiten da, hat er mir geantwortet, und nicht dafür, spleenigen Mäzenen eine verlogene Boheme vorzuspielen."
„Du kannst ja unser Reich für den Zweck haben", bot Inge überraschend an, „aber nur, wenn dir dieser Zauber wirklich vorwärts hilft!"
Bernd sprang auf und schloß Inge heftig in die Arme. „Du bist ein feiner Kerl!" sagte er strahlend.
Sie entwand sich ihm sogleich. „Laß den Unfug!" sagte sie tonlos und kehrte das Gesicht fort. Aber er sah doch noch, daß sie ganz blaß geworden war.
Ronny lenkte ihn voll Munterkeit von dieser erstaunlichen Wahrnehmung ab. „Wir müssen ein paar Radaumacher einladen", schlug sie vor, „und nette Mädchen, die Ulk verstehen. Für die Original-Künstler- dekorationen sorgen die ,späten Rosen'."
Bernd nahm sie um die Schultern und legte sein Gesicht an ihre Wange. Dabei spähte er verstohlen zu Inge hinüber, die den Kaffeetisch deckte. „Geh fort, du zärtlicher Igel!" schrie Ronny entrüstet, „wenn du mit mir herumschnurren willst, dann rasier dich besser!"
Inge sah flüchtig herüber. Dann setzte sie die Kasfekanne hart auf den Untersatz und ging aus dem Zimmer.
*
In Inges und Ronnys Heim ging es lebhaft zu. Auf einer hohen Stehleiter hockten die „späten Rosen", zwei kreuzvergnügte Kunstgewerb- lerinnen älteren Jahrgangs, und mühten sich, an den Portieren, die die Schlafnische verdeckten, allerhand funkelnden Unsinn zu befestigen. Sonne, Mond und Sterne aus Gold- und Silberpapier gingen bereits an den Fenstervorhängen auf. Bunte Ballons, von den „späten Rosen" genial in allerlei Fratzen umgewandelt, wiegten sich von der Decke. Ronny schleppte grade den Radio-Apparat unter Inges Protest aus dem Zimmer. „Die Boheme hat kein Geld für die Wunder der Technik", erklärt sie. „Ist überhaupt Amelie noch nicht da?"
„Wozu diese Gans dabei sein muß!" sagte Inge böse.
„Um dem Provinzonkel etwas auf dem Tisch vorzutanzen", entgegnete Ronny. „Gestern ist sie noch mit der ganzen Fracht umgekippt und hat sich die Ellenbogen blaugeschlagen."
„Wie ein Elefant tanzt sie", sagte Inge gereizt.
„Aber sie ist schön wie Nofretete", meinte Ronny anerkennend.
Draußen klingelte es Sturm. Stimmgewirr und Knacken von Papierhüllen kündete die Radaumacher an. Bernd kam mit ihnen, am Arm das traumhaft schöne Mädchen Amelie in der Rolle des „Lotterweibes". „Alles fertig?" schrie es im Chor. „Ahoi!" brüllten die „späten Rosen".
Die sonst so gut bürgerliche Atelierwohnung der beiden Freundinnen sah dank ihrer hingebungsvollen Anstrengungen phantastisch ärmlich und künstlerisch-verwegen zugleich aus. „Der olle Konsul wird seine Freude haben!", meinte Bernd. „Legt ab und verteilt euch zwanglos als heiteres Künstlervölkchen!"
Während alles lärmend durcheinanderquirlte, überließ Bernd Amelie, die sich gerade bemühte, künstliche Augenwimpern von unerhörten Dimensionen zwecks dämonischer Wirkung an den Augen zu befestigen, ihrem Schicksal und schlich sich zu Inge in die winzige Küche. Einsam stand sie, schmal und zerbrechlich, am Gasherd und hantierte im schwachen Schein eines Lämpchens, das er ganz offensichtlich auf der Brust hatte. Mit dem blaßblonden Haar und dem silbrigen Kleid sah sie aus wie eine Mondscheinprinzessin.
„Man sollte sie einfach küssen", überlegte Bernd, „mal sehen, was sie sagt."
Sie sagte zuerst nichts, aber die Ohrfeige, die er verbuchte, brannte wie Feuer auf feiner erstaunten Wange. „Wenn du dich als Casanova niederlassen willst", ließ sie ihn wissen, „dann such dir eine andere Praxis, hörst du!" Ihre Augen waren ganz dunkel. Bernd sah, daß sie zitterte.
„Inge", entgegnete er mühsam, „das schwöre ich dir — heute werde ich mich noch verlieben — entweder in Amelie oder in Ronny."
„Tu's doch!" Sie kehrte ihm den Rücken.
„Vor Eisersucht wirst du zerspringen!" schrie er wütend.
Zaghaftes Klingeln der Flurglocke lenkte ihn ab. Er ließ Inge stehen und stürmte hinaus. Das engagierte Kiinstlervölkchen stimmt« programmgemäß an: „Ein Hoch unserem Ehrengast!" — und herein stakste unsicher
auf überaus langen Beinen der romantische Mäzen von der Waterkant. „Hm, hm, —" sagte er und blinzelte verlegen, „tja, — da wären wir ja denn wohl, nöch?" Er stellte eine umfangreiche Tasche ab, in der es freundlich wie von Flaschenhälsen klirrte.
„Guten Abend, Herr Konsul!" Inge schritt ihm entgegen (viel zu hoheitsooll für eine zweite Mimi, fand Bernd). „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Konsul!"
Die Radaubrüder, die sich liebend gern mit Gebrüll auf die lockenden Alkoholvorräte gestürzt hätten, in der richtigen Annahme, daß der bohemehungrige Hamburger das so erwartete, blieben eingeschüchtert durch Inges unvorhergesehene Grandezza auf den Plätzen. Alles sah plötzlich ein wenig steif aus — wie schlechte Kulissen.
Der Herr Konsul blickte sich hilflos um. Seine Augen blieben an Amelie haften, die sich verzweifelt bemühte, unter dem dichten Wimpern- vorhang einigermaßen klare Sicht zu gewinnen. „Perle ein Lachen!" mahnte Ronny flüsternd. Amelie versuchte es, aber es blieb ihr im Halse stecken, denn der Konsul hatte sich neben sie gesetzt. „Ein s-teiler Weg hier herauf, nöch", meinte er befangen. Die Radaubrüder murmelten irgend etwas. Bernd, der fühlte, daß die Situation hoffnungslos daran war, zu verkalken, legte eine Schallplatte auf und sagte dann: „Am besten, wir essen gleich!" Womit er sich in die Küche begab, gefolgt von den anderen wie auf der Flucht vor einem Alp.
„Donnerwetter, Donnerwetter!" stöhnte der dicke Tom draußen, „da drehe ich mich lieber wie ein Zirkuspferd im Scheinwerferlicht, ehe ich solchen haarsträubenden Blödsinn aufführe."
„Ihr habt alle keinen Humor", feuerte Bernd seine Getreuen an. „Wenn wir jetzt zurückgehen, legen wir richtig los!"
Der Konsul saß mit Amelie allein. Zwischen beiden blieb ein Meter Distanz streng gewahrt. „So ein schönes Mädchen", begann er zögernd» „wozu braucht so ein schönes Mädchen soviel Schminke?"
Amelie riß verlegen an den falschen Wimpern und fiel fast aus der Rolle des „Lotterweibes". Gottlob kamen die anderen mit Geschirr und Brötchen zurück. Aber trotz der guten Vorsätze wurde es ein recht förmliches Nachtmal. Selbst das Bataillon der Flaschen hob die Stimmung nicht zur gewünschten leichten Heiterkeit eines Künstlersestes. Der Konsul schien offensichtlich enttäuscht. Er hatte jeden einzelnen bereits gewissenhaft nach Beruf und Betätigung ausgefragt und fast pedantisch Details verlangt. Amelie zu seiner Rechten war es inzwischen gelungen, sich der albernen Wimpern zu entledigen. An den Tanz auf dem Tisch dachte sie überhaupt nicht mehr. „So ein reizender, anständiger Mensch", wehrte sie sich gegen Ronnys mahnende Püffe, „was soll er denn von mir denken?"
„Daß du eine Gans bist", zischte Ronny ärgerlich.
Bernd war am Verzweifeln. Heimlich beobachtete er Inge aus schmalen Augen. Wie sie dasaß! Mit der Miene einer Großfürstin! Den ganzen Abend verdarb sie ihm — und alle beruflichen Chancen. Da klopfte der Konsul an [ein Glas und erhob sich zur Tischrede. In wohlgesetzten Worten bedauerte er, wenn auch versteckt, daß die Boheme der Wirklichkeit so gar nicht feinen Vorstellungen entspräche. Vielleicht lag es an dem steifen Berlin — sicher gäbe es in Paris und in Wien noch „dieses zauberhaft heitere, ohne Erdenschwere lebende Völkchen —"
Hier fiel ihm Inge ins Wort. Hochaufgerichtet stand sie vor ihm. Ihr silberblondes Haar sträubte sich förmlich um das heiße Gesicht: „Herr Konsul", sagte sie scharf, „die Boheme, von der Sie träumen, gibt es in der ganzen Welt nicht mehr. Der Mater, der Dichter, — sie leben heutzutage genau so wie die anderen Menschen; sie ringen heutzutage genau so erbittert und ernsthaft um ihr« Existenz. Die Zeit fordert den Einsatz einer ganzen Persönlichkeit, Herr Konsul, nicht das Possenspiel pseudoromantischer Figuren einer längst entschwundenen Epoche! Und es ist ein Jammer, daß wir hier eine durchaus unwürdige Komödie aufführen müssen, um einem begabten Jungen zu einem bißchen Anerkennung und Geld zu verhelfen, Herr Konsul."
Minutenlang blieb alles still. Dann sagte der Konsul leise: „Da hab' ich ja denn wohl meinen Backens-treich weg, nöch? Und da soll ich denn wohl gehen?" Aber schon hakten sich rechts und links von ihm Amelie und Ronny ein: „Nicht allein", riefen sie entschlossen. „Jetzt kommen Sie mit uns und der ganzen Radaubande in unser Stammlokal. Da werden wir Ihnen erst richtig von uns erzählen, damit Sie unserer Inge und dem Bernd nicht böse sind und uns besser verstehen lernen."
*
Plötzlich war der Bann des Abends gebrochen. Eine lärmende, junge, luftige Gesellschaft, den Konsul in der Mitte, zog über die Treppe von hinnen. Inge und Bernd blieben in dem phantastisch bunten Raum allein zurück. „Es ist so ziemlich alles beim Teufel!" sagte er tonlos. „Morgen wird der Konsul die Anzahlung zurückverlangen."
Inge kam langsam auf ihn zu. „Das ist kein Mensch, der für eine Enttäuschung sein Geld wiederhaben will", verwies sie ihn. Und dann schnell und trotzig: „Uebrigens — ich hab' es bloß getan, weil du mir für solche alberne Bauernfängerei zu schade bist. Ein richtiger Künstler setzt sich bedingungslos durch!"
Er nahm sie bei den Händen und zog sie zu sich heran: „Sieh mal an, die Inge!" sagte er und strahlte über das ganze Gesicht. „Es ist wohl kaum noch nötig, daß ich mich anderweitig verliebe?"
„Ach — du eingebildeter Kerl!"
„Ich bin überdies bestens rasiert", pries er sich.
„Das kümmert mich gar nichts", sagte sie, „ich gehe jetzt zu der Radaubande!"
„Da bleibt mir nichts übrig, als Madame zu folgen", seufzte er, „ein ausgehender Stern im Gefolge der Mondscheinprinzessin."
Als Inge draußen die Flurtür abschloß, sagte sie plötzlich entschlossen: „Es soll ja vorkommen, daß der Mond die Sterne küßt, nicht? und reckte sich, gar nicht mehr abweisend, zu Bernd empor.
„Nunmehr wäre unser Leben wohl eine in der Tat himmlische Angelegenheit", schrie er begeistert.
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniversitäts»Duch- und Steindrucker ei, 2l. Lange, Gießen.


