streckte, kam allsoglekch eines und legte sich hlnekn. Dieses, da; sich tn ihre Hand bettete, brachte die Empfindung eines unbeschreiblich leichten, aber sehr freundlichen Händedrucks. Wiederum ein Willkommensgrußl Sie wunderte sich über sich selbst, aber sie merkte, daß sie mit einem Lächeln um die Lippen in das neue Heim hineinging. Was war das für ein Haus, das sie mit Kuß und Händedruck empfing...
Einige Wochen daraus schrieb sie mir und forderte mich auf, sie in dem neuen Heim zu besuchen.
Kaum war ich angekommen, als ich auch schon merkte, daß sie ihr früheres Ich wiedergefunden hatte. Sie war wieder lebhaft, heiter, hoffnungsfreudig, dieselbe Bezauberin wie ehedem. Ich fand sie auch höchst behaglich eingerichtet in einem alten Eisenwerk-Herrenhof, der allerdings ein wenig verfallen, aber noch ganz wohnlich war. Eigentlich verriet nur das mutwillige Eindringen des Unkrauts in die Blumenbeete, daß er in den letzten Jahren ein bißchen vernachlässigt worden war. Aber sonst! Welche Flucht großer, prächtiger Wohnräume, welcher trauliche Altan, welch riesige Küche, welch lange Reihe besonnter Fensterl Und welch schönes Bild bot doch die ganze Gegend, namentlich bei Sonnenuntergang, wo man tannenbestandene Höhen, vereinzelte ferne Häuser und einen runden Kirchturm, alles wie auf einem alten Stich, In bläulichem Schimmer aus der Umrahmung riesengroßer Rüstern hervor- treten sah.
Kein Wunder, dachte ich mir, daß sie glücklich ist, hier zu leben, wo alles so gediegen, so fürsorglich eingerichtet ist. Es liegt etwas Erbauliches darin, an all die verständigen Menschen zu denken, die all diese Wirtschaftsgebäude rings um die zwei großen Häuser aufgerichtet haben. Man freut sich bei dem Gedanken an all die Arbeit, die hier verrichtet worden sein muß, nicht nur von dem Herrn des Hauses im Hüttenwerk und Im Kontor, sondern auch von der Hausfrau in Küche und Keller und Backstube. Obwohl fast alle die großen Häuser leerstehen, kann man sich, wenn man hier herumgeht, von Arbeit erfüllt träumen, von allen erdenklichen Lebensmitteln, von Reichtum, mit einem Worte gesagt. Man kann sich auch in die großen Festmahlzeiten und Schmause hineindenken, bfe fröhlichen Maskeraden, die Schlittenpartien, die Bälle. All die affen Möbel sind weggeräumt, bis auf ein ungeheures Salonsofa, steif im Rücken, mit Roßhaar gestopft, und so lang, daß neun Gutsfrauen bequem darauf Platz haben. Ein solches Sofa verrät wirklich allerlei von der Pracht und Herrlichkeit vergangener Zeiten.
Eines Tages fragte ich meine Freundin, ob wohl dieser alte prächtig» Herrenhof ihr ihre fröhliche Laune wiedergegeben habe.
„Ach nein, gewiß nicht. Doch, vielleicht in gewisser Weise. Ich hoffte du würdest von selbst daraus kommen. Du hast also nichts gemerkt?"
Nun begann sie zu erklären. Sie hatte allerdings nichts llebernaftoi liches gesehen, auch nichts gehört, aber dennoch war sie fest davon durchdrungen, daß es hier etwas geben müsse, sie konnte es nicht mit Namen nennen, aber es hatte sie vom ersten Abend an beständig umschwebt.
Wenn sie an die vorangegangene schwere Zeit zurückdachte, bann wußte sie, daß sie damals dem Wahnsinn nahe gewesen war. Aber hier war sie unter einen Einfluß gekommen, der sie gerettet hatte. Sie wollt» sich die Sache in der Weise erklären, daß hier einmal eine lichte, fünfte, heitere, junge Frau gelebt hatte, die von allen geliebt wurde, nicht nur von den Menschen, nein, auch von den Tieren, den Vögeln, den Bäumen und Blumen. Sie wollte sich denken, daß man sich hier auf dem Gutshof ihrer noch entsann, daß das innerste Wesen dieser Frau hier fortlebte, milde nachgiebig, segenspendend. Sie glaubte, daß sie selbst vom ersten Augenblick an mit seltsamer Zärtlichkeit von allem hier umfannen worden war. Sie fühlte, daß die Bäume, das große, alte Haus, die Spatzen und Schmetterlinge ihr gut waren. Dies hatte sie vermocht, wieder auszuleben. Sie glaubten vielleicht, alle dies« Dinge, denen man sonst keinerlei Gefühle zuerkennen will, daß sie die Tote fei, daß bas Wesen, das sie geliebt hatten, zurückgekehrt war.
Ich konnte es nicht lasten, ganz leise über diese Vorstellung zu lachekn. Sie merkte sofort, daß ich sie allzu phantastisch fand.
Du" sagte meine Freundin, „du sollst nicht über etwas lächeln, bas wirklich und wahrhaftig wahr ist, du sollst dich hineindenken, wie ffc wohl gewesen sein mochte, diese andere. Du sollst sie in den Farben der Blumen sehen, sie in den Trillern der Gartensänger hören, und sie vor allem in den Fläumchen der Rüstern spüren, so daß du sie in Wort und Schrift heraufbeschwören, sie noch einmal Wiederaufleben lassen kannst"
Wunderbare Nacht.
Von Erwin Seddin g.
Mein lieber Vater, den ich dich auf Erden nicht mehr errufen kann —: weiht du es schon? Gott gab mir heute meinen ersten Sohn und ließ auch dich im Blut unsterblich roerbenl Wir sind allein. Der Junge schläft im Dunkeln bei seiner Mutter. Stille ist im Haus. Am Fenster lehnend blicke ich hinaus zum Himmel hoch, von dem die Sterne funkeln. Ist das die Welt, aus der wir alle kamen? — Ach, wenn es dir erlaubt ist, Gott zu sehn von Angesicht, mein Vater: bleibe stehn und beug dein Knie vor ihm in meinem Namen!
Das Künfflerfest.
Eine Geschichte von Edith Zubert.
„Ein Krösus tritt herein!" schrie Bernd und schlug die Tür fiegfrrft hinter sich zu. „Hundert Mark nenne ich mein eigen! Jungfrau, tote äußerst du dich auf diese Kunde?"
„Du hast gestohlen", sagte Inge trocken. .... -
„Ich bin kein Dieb —, ich bin ein Künstler! Solltest du das oergeflBt ha^Nicht grabe —, aber soll ich etwa annehmen, du hättest ein Bild Der« FaU^Sem ist also!", erklärte er großartig, „und zwar meinen ,Vlck Über die 'Vorstadt', fabriziert auf eurem werten Dach. Wo ist Ronny?
Auf eben jenem werten Dach und klopft den Stolz unseres Hauses, unseren Teppich!" Inge bemächtigte sich eines gewaltigen Pakets das Bernd unter den Arm geklemmt hielt. „Sollte Torte drin fein so ist sie jetzt Mus", meinte sie freundlich. „Immerhin wollte ich grabe Kaffee kochen. Komm, mahl ihn!" . „ „
Ein erfolgreicher Künstler in eurem Kamnchenverfchlag Kaffee mahlen?
Weib, bu hast eine Alltagsseele!" sagte er bekümmert
„Ich hab nur Angst, baß bu überschnappst, gab sie ihm zu bebenfen, „übrigens naht Ronny mit bem .Perser'".
Richtig polterte über bie Wenbeltreppe, bie vom Atelier Zum Dach führte, ein zierliches schwarzhaariges Wesen. „Das ist we, ®ott nur noch ein Lavpen, Inge", ließ es sich non oben vernehmen. „Eben habe ich ihm fein letztes Haar ausgeklopft. Jetzt ist er kahl!
Wie ich das Klaumvögelchen fand.
Eine Geschichte von Selma Lagerlöf.
Uebrigens war gar nicht ich biejenige, bie es fanb, fonbern eine junge Frau, eine Bekannte von mir, eine ganz entzückende junge Frau, nebenbei gesagt. Vielleicht, baß sie nicht ganz so entzückenb wie sonst war, damals, zu Beginn der neunziger Jahre, der Zeit, die ich jetzt im Sinne habe. Sie, die sonst ein so strahlendes Temperament hatte, war einer düsteren Schwermut anheimgefallen. Was der Anlaß war, konnte sie kaum selbst sagen, und auch niemand anderes wußte es. Sie war mit dem Mann verheiratet, den sie seit jeher liebte, sie hatte zwei prächtige Jungen zur Welt gebracht, sie war vollkommen gesund. Sie und ihr Mann waren nicht besonders vermögend, aber was bedeutet die Geldfrage für zwei junge Menschenkinder, die tüchtig und sparsam sind und gern arbeiten?
All diesem Glück zum Trotz saß sie den lieben, langen Tag da und malte sich die düsterste Zukunft aus. Ihr Mann würde von ihr und den Kindern fortfterben. Sie würde als Wäscherin in die Häuser gehen müssen. Zum Schluß würden die Jungen nach Amerika auswandern, und sie würde im Armenhaus enden. Solche Zukunftsbilder rollte sie Tag für Tag vor sich auf. Und das war sehr gefährlich, weil die erdichteten Kümmernisse ihr den Schlaf verscheuchten, sie schwach und reizbar machten und an ihren Kräften zehrten.
Nun wohl, mitten darein geschah etwas, das sie hätte aufmuntern können. Ihr Mann bekam eine Anstellung bei einer großen Eisenwerksgesellschaft. Das Gehalt war vielleicht nicht um so sehr viel höher als bas, bas er jetzt bezog, aber sie sollten freie Station auf einer ber Besitzungen der Gesellschaft haben. Alle waren barin einig, baß bies ihre Zukunftsaussichten ganz erheblich verbesserte, einzig die junge Frau selbst fuhr fort, alles schwarz zu sehen. Sie mußten in eine andere Provinz übersiedeln, und schon dies allein war genug, um sie in Angst zu versetzen. Solange sie hier auf heimatlichem Boden lebten, hatte sie doch ein gewisses Gefühl der Sicherheit gehabt. Noch dazu muhte der Mann feinen Posten sofort antreten, er war genötigt, vorauszufahren, und muhte es ihr überlasten, bas Einpacken und Fortschicken der Sachen zu besorgen. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie bamit zustanbe kommen sollte.
Alles würbe jedoch geordnet und erledigt, und an einem sehr schönen Sommerabend fuhr sie über die Landstraße, die zu ihrem neuen Heim führte. Sie hatte da eine lagesreife auf der Eisenbahn hinter sich. Es war unleidlich heiß gewesen, bie Kinber waren ermübet, die Reisegefährten ungeduldig, eines der Dienstmädchen war unterwegs erkrankt. Man kann sich wohl denken, daß bas bebrürfenbe Gefühl eines bevor- stehenben Unglücks sich nicht verflüchtigt hatte, sonbern drohender benrf je auf ihrer Seele lastete. Ihr Mann hatte sie von ber Station abgeholt und saß nun neben ihr im Wagen. Er bemühte sich, sie aufzumuntern, indem er erzählte, baß sie in einem großen Eisenwerk-Herrenhof wohnen sollten. Früher hatten vornehme Herrschaften ihn bewohnt, aber nunmehr war bas Eisenwerk aufgelassen, wie so viele anbere in bieser Gegend, und die früheren Eigentümer hatten ihren Besitz verkaufen müssen und waren weggezogen.
All das stimmte sie jedoch nur noch trüber. Sie stellte sich em altes, verfallenes Haus vor, mit eingesunkenem Dach und zerbrochenen Fensterscheiben. Sie wußte ganz bestimmt, daß gerade dort das Verhängnis sie ereilen würde. Trotz ihrer Müdigkeit und Verzweiflung konnte sie doch nicht umhin, zu merken, daß sie durch eine Gegend fuhren, die man gleichsam eine Schloßlandschaft zu nennen versucht war, überreich an kleinen Seen, kleinen Flüßchen, kleinen bewaldeten Hügeln, kleinen Aeckern, kleinen blumengeränderten Weglein in anmutigem Wechsel. Sie glich wirklich einem großen Naturpark, und hier und dort auf den Hügeln lagen weiße Herrenhöfe anstatt Pavillons und Gartenhäusern.
Endlich bogen sie von der Landstraße ab, fuhren eine schmale Allee hinauf und blieben vor einem zweistöckigen weißen Haus stehen, recht ähnlich all den andern, an denen sie eben vorbeigefahren waren, nur vielleicht noch ein bißchen größer und höher. Ihr Mann riß den Schlag auf sprang aus bem Wagen unb reichte ihr bie Hanb, in ber sicheren Erwartung baß sie ihrer Zufriedenheit Worte leihen würbe. Sie hm- roieberum,' bie sich so viele büstere Vorstellungen von diesem Ort gemacht hatte, konnte ihre Gebanken nicht recht sammeln Sie bheb unbeweglich sitzen unb wagte nicht, den Fuß auf diesen g-furchteten Boden zu setzen 0 Aber wie sie noch so basaß, hilflos unb ängstlich, suhlte sie, w,e jernanb einen kaum merklichen Kuß auf ihre Wange hauchte Wie war sie ba erstaunt! Es war nichts, konnte mchts sein, aber doch, etwas war e- ganz bestimmt. Die kleine Liebkosung hatte: sie wie e‘n J*euer 2BiH- kommensgruß berührt. Sie streifte ben Handschuh ab, fuhr sich mit der Hand über bie Wange unb faßte ein kleines Flaumchem Sie lächelte wehmütig. An dem stillen Sommerabend flatterte em kleines Fläumchen nach dem andern langsam aus einer hohen Rüster hernieder. Und eines "nÄS ’Ä lich M-- ,7- °.m----- m Hier sah sie bie kleinen Fläumchen überall, und als sie die Hand au


