daß Ich dir sagte, wenn etwas ist, dann komm herein und tu, als wenn du etwas kaufen wolltest?"
„Aber das war doch nur wegen der Gendarmen, die damals so scharf auf alles waren, was hamsterte."
„Sie doch an, wie schlau du bist! Natürlich war es wegen der Gendarmen, du Schafskopf! Aber streite gesälligst nicht mehr ab, daß du damals Schmiere gestanden Hast, alter Bursche. Uebrigens hattest du auch allen Grund, mir ein wenig behilflich zu sein. War es nicht in der Zeit, als Lena was Kleines kriegen sollte, und du nichts rechtes für sie zu beißen hattest, so daß sie mit jedem Dag elender wurde? Der kleine Jan kann es wohl nicht gewesen sein, den Lena damals erwartet, wie?"
„Doch", stotterte Lars. „Du weißt, es war ihr erstes Kind damals, es ist auch ihr einziges geblieben."
„Damit mag es nun geworden sein wie es will. Aber du kannst doch nicht gut bestreiten, Lars Hullmann, daß es nur meine Gutmütigkeit war, wenn ich damals ein wenig für euch mitsorgte? Denn ich wußte ja seit langem, was für ein Hasenherz du hast, und habe die Sache darum lieber allein gemacht. Aber sich heute davon drücken wollen, so etwas gibt es nicht, daß laß dir gesagt jein."
„Welche Sache denn um Gotteswillen?" stöhnte Lars.
„Welche Sache? Fragst du mich wirklich noch danach?"
„Ja", antwortete Lars. „Ich frage dich darum, Krick. Denn du hast mir nie klaren Wein darüber eingeschenkt, siehst du. Ich weih nur noch, daß du mich, als wir wieder in die Stadt kamen, in die „Ente" schlepptest und eine Lage Bier und Schnaps ausgabst."
„So. also daran wenigstens erinnerst du dich? Das ist immerhin ein Anfang. Aber warte nur, du wirst dich noch an mehr erinnern, wenn du io freundlich sein willst. Vielleicht fällt dir jetzt auch wieder ein, daß ich dir schon auf dem Nachhausewege sagte, daß ich so schnell wie möglich weg müsse aus der Stadt?"
„Ja, davon hast du gesprochen, Krick. Aber du weißt sicher auch noch, daß ich nicht begreifen konnte, wie du mit einem Male auf den Gedanken kamst."
„Das begreifst du nicht? Na, weiht du, das kannst du einem anderen erzählen. Hab ich dir nicht gesagt, daß ich mich länger mit der Alten aufgehalten hätte, als ich angenommen hatte? Mußte ich da noch deutlicher werden?"
„Krick!" schrie Lars auf. „Das — das war doch dein Ernst nicht, Krick. Nicht einen Augenblick habe ich geglaubt, daß du —"
„Mein Ernst nicht? Was war es denn sonst, du Suppenkasper?" fragte Krick flüsternd und zog die Mundwinkel höhnisch herab. „Meinst du, dah es Jux war und dah ich nur zum Vergnügen nach Holland fuhr und nach Amerika ging?"
„Nein, das wohl nicht", erwiderte Lars. „Aber — daß du eine solche Sache aüs dem Gewissen hattest, Krick —"
„Na, was denn? Sprich dich nur aus. Du hast wohl angenommen, daß mir die Alte das Geld meiner schönen Augen wegen geschenkt hätte, was!"
„Krick," stammelte Lars, „mach mich nicht unglücklich! Ich schwöre dir, dah ich niemals geahnt habe---"
„Was hast du denn gedacht, woher ich das Geld hätte, du Schlaukopf?"
„Ich wuhte ja gar nicht, wieviel es war, Krick, hab das Paket nur so hingenommen, als du es mir gabst und mich batest, verwahr es mir, Lars. Denn so sagtest du. Natürlich kriegst du die Hälfte von dem, was drin ist ... Und es wog sich so leicht in der Hand, Krick. Ich dachte, du hättest es vielleicht gesunden, und ich wollte dich doch auch nicht hineinreißen damit, nicht wahr, und darum schwieg ich. Ich hätte es nicht tun sollen, ich weiß wohl und will mich nicht reiner waschen als ich bin. Darum hab ich ja auch das Paket Jahre hindurch gar nicht angerührt, und erst als du nie wieder von dir hören ließest und sich niemand meldete, habe ich gedacht, daß wohl niemand das Geld vermisse, und nun lag es da und nützte niemand etwas —"
„Da war es gut genug, daß du dir die Hälfte nahmst und noch von dem meinen dazu, nicht wahr? Der Teufel soll mich holen, wenn du nicht der scheinheiligste und gerissenste Spitzbube bist, der mir je vorgekommen ist!"
Lars antwortete nicht. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Gott! Mein Gott!" stammelte er leise.
„Ich glaube", fuhr Krick fort, „wenn ich noch ein paar Jahre drüben geblieben wäre, hättest du in Ruhe alles aufgefressen gehabt, nicht wahr?"
„Nein, Krick, es war nur meine Not, siehst du ..."
„Deswegen! Alter Drückeberger! Oder glaubst du, daß es mir nur um mich gegangen wäre, als ich mich von der Alten zum Erben einfetzen lieh und der Einfachheit halber die Erbschaft gleich mitnahm?"
„Krick, um alles, was dir heilig ist —I"
„Flenn doch nicht, du Klageweib", flüsterte Krick. ,Hch sag' dir, daß sie nicht lange zu leiden gehabt hat. Schmerzloser ist so leicht noch keiner hinübergekommen, das kannst du mir glauben. Und mitten in dem Vergnügen ihre Moneten zählen! Mag der Teufel wissen, woher sie sie hatte. Sollte ich sie wirklich liegen lassen? Denn die Ladenkasse habe ich nicht angerührt und angesehen hat man es ihr auch wohl nicht, daß ich ihr ein wenig nachgeholsen habe. Im Ernst, sie war schon halb hinüber, als ich zu ihr ins Zimmer trat. Sie saß im Sofa und stand nicht einmal aus, als ich hereinplatzte und ihr das Sosakissen aus den Mund drückte. Es ging schneller damit, als ich selber angenommen hatte. Darum hat hinterher auch wohl niemand angenommen, daß ihr jemand beigestanden habe, ich hätte deswegen gar nicht so lange drüben zu sein brauchen. Also mach dir keine Angst, daß es herauskommen könnte. Nur so dumm wie vorhin mußt du mir nicht wiederkommen, hörst du! Das kann mich nun geradezu wild machen, sage ich dir!"
Lars war halb betäubt vor Entsetzen. Ein Schwindel ergriff ihn, und er mußte sich wieder setzen, wenn er nicht umsinken wollte.
„Was sagtest du, wieviel an dem meinen fehlen?" fragte Krick,
„Siebenhundert? Eine nette runde Summe. Oder hast du auch darin gelogen, und wenn es ans Zählen geht, ist am Ende überhaupt nichts mehr da? Denn fähig bist du dazu, Lars Hullmann, davon bin ich überzeugt. Also mal heraus mit den Lappen. Ich will endlich wissen, wie ich mit dir daran bin."
„Ja, ja", stöhnte Lars. „Sprich nur nicht so laut, hörst du? Es ist nicht nötig, daß du es auch Lena noch in die Ohren brüllst. Ich sagte dir doch, dah sie keine Ahnung hat."
„Das wäre ja auch noch schöner, einem Weibsbild davon zu erzählen. Dann könnten wir morgen nur gleich beide Arm in Arm zur Polizei gehen. Also heraus mal jetzt mit dem Geld!"
Aber nun hatte Lars sich wieder, und das Entsetzen, das ihn erfüllte, verwandelte sich in Wut und Abscheu.
„Ja, ja", wiederholte er und hob nun selber die Stimme, als solle Lena in ihrer Kammer ihn hören. „Glaub nur nicht, dah ich ein einziges Stück von dem verdammten (Selbe noch einen Augenblick im Hause
haben will."
„Na, finnig!" mahnte Krick höhnisch. „Bisher war es dir doch ganz lieb, daß du es hattest, nicht wahr? Und bange im Ausgeben bist du ja auch nicht gerade gewesen."
Lars hörte ihn kaum noch. Mit bebenden Händen tastet er sich in die Kammer, um den Rest des Geldes aus dem Auszuge in der Kommode zu holen, wo er ihn verwahrt hält. Um Lena nicht zu stören, hat er die Holzschuhe vor der Tür von den Fühen geftreift.
Aber Lena schläft nicht, Atemlos hat sie auf den Wortwechsel draussen gehorcht, und da sie die Worte nicht verstanden hat, macht die Unsicherheit sie nur noch unruhiger.
„Was ist denn bloß mit euch?" flüstert sie hastig und richtet sich Im Bett auf, wo sie auch den Kleinen untergebracht hat. „Was will Krick von dir?"
„Still!" flüstert« Lars. „Ich erzähl es dir morgen. Ich soll ihm mit Geld aushelfen, weißt du, und damit werde ich ihn, wills Gott, nun wohl wieder los.“
„Ja, sieh nur zu, Lars! und streite dich nicht mit ihm, horst du? Hast du denn Geld? Immer noch? Und wieviel willst du ihm geben?"
„Ach", flüstert Lars, und es soll verächtlich klingen, so wie er es sagt, „er hat mir früher mal was geliehen, und nun will er es zurückhaben, und ich hab nicht ganz so viel, siehst du! Darüber ist er nun ärgerlich geworden." .
Er hat den Schlüssel zu seinem Auszuge in der Kommode unter seiner blauen Leinenbluse hervorgenestelt, unter der er ihn an einer Schnur um den Hals trägt. Aber seine Hände zittern so, daß er ihn nicht ins Schlüsselloch bringt.
„Hast du denn immer noch was in der Ecke, Lars? Ich meinte —
„Nur eine Kleinigkeit, Sena, die ich für alle Fälle zurückgelegt hatte und eigentlich nicht angreifen wollte."
Mit fliegenden Händen tastet er nach dem Paket, in dem ihm Krick damals das Geld gab.
„Schlaf nun endlich ein, Lena", flüstert er, als er hinausgeht und die Tür leise wieder in die Klinke drückt, damit nicht auch der Kleine noch erwacht und noch ihm zu meinen beginnt. Denn meistens, wenn er erschrickt oder ihm etwas fehlt, schreit er nach feinem Vater, selten dah er einmal nach seiner Mutter verlangt.
„Da hast du es!" sagt Lars und schleudert das Geld auf den Tisch, als brenne es in seiner Hand. „Zähl es gefälligst — und dann raus mit dir aus dem Haus! Sofort!"
Ein Jähzorn ist in ihm aufgeflammt, nun er Kricks Miene wieder sieht, so daß er Müße hat, sich zu halten.
„Was ist denn bloß mit dir los?" fragt Krick verwundert.
„Du hörst ja, was ich sage! Keine Stunde bleibe ich mehr mit dir unter einem Dach!"
Ne Stunde brauche ich nicht zum Zählen", antwortete Krick gleichmütig. „Nur Geduld, ich bin gleich fertig."
„Den Rest kannst du dir in vier Wochen holen, die siebenhundert, die daran fehlen, und die andere Hälfte dazu! Ich will nichts mehr damit zu tun haben, verstehst du? Keinen Pfennig will ich von dir und diesem verdammten (Selbe noch länger im Hause haben!"
„Wie du willst!" antwortet Krick kalt. „Aber glaube nur ja nicht, daß du damit frei wirst, Lars Hullmann! Und wenn du dir einfallen läßt, zu schwatzen, kannst du sicher sein, daß du mir auf ein paar Jahre Gesellschaft leisten wirst im Kittchen, verstehst du?"
Er hatte gezählt und schob die Scheine nun in die Tasche. Es stimmte bis auf das, was Lars für sich verwendet hatte.
Höhnisch lächelnd griff er nach seiner Mütze und ging zur Tür. „Na, denn also in vier Wochen, nicht wahr? Die Nacht hättest du mir ja immerhin noch gönnen können, nun du mir das Haus hier verdankst und alles, womit du dich heute aufspielen kannst. Aber daran denkt so einer wie du nicht, nicht wahr? Wenn du dir nur einbilden kannst, du hättest mit der Geschichte nichts zu tun gehabt — hahaha! Dafür mutz unsereiner dann bei Nacht und Wetter aus dem Haus«. Als wenn man die Pest an sich hätte."
„Das ist nun nicht anders", sagte Lars.
„Na, denn auf Wiedersehen in vier Wochen. Sieh zu, daß du bis dahin die Lappen zusammen hast. Leichter wäre es ja für dich gewesen, wenn du mich statt dessen so lange in Pflege genommen hättest, bis wir quitt gewesen wären, verstehste? Vielleicht, daß Lena mich lieber im Hause gehabt hätte, als sie dir wohl verraten hat. Hahaha!"
Noch lachend, riß er die Tür auf, und es war wohl der Wind, der sie mit einem Knall in die Klinke warf, daß es wie ein Schuß durchs Haus ging.
Ausatmend stieß Lars den Riegel vor.
„Ist er weg? Wirklich weg?" rief Lena aus der Kammer. „Und bas jetzt noch? Mitten in ber Nacht?"
„Ja", antwortete Lars. Aber baß Krick in vier Wochen wiederkommen würde, verschwieg er.
(Fortsetzung folgt.)


