Ausgabe 
9.12.1935
 
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GietzenerKimilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935

Montag, den 9. Dezember

Nummer 96

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

(4. Fortsetzung.)

Na, siehst du, und da hab ich denn gesessen und überlegt und immer wieder überlegt und gerätselt, was ich tun tun sollte, denn es war ja klar, daß ich kein Recht hatte, das Paket zu öffnen, und daß ich von Rechts wegen so lange hätte warten müssen, bis du zurückkamst. Aber nun stieg die Not mit jedem Tage. Das mußt du bedenken, Krick, und es war nicht leicht, immer so zu tun, als wäre dein Paket überhaupt nicht da, und zuletzt ließ es mir einfach keine Ruhe mehr. Nun, dachte ich, wenn du die Hälfte von dem kriegen sollst, was darin ist, Krick kann es ja egal sein, ob du sie jetzt schon kriegst oder später, und da hab ich denn eines Nachts das Paket aus der Kommode genommen und das Geld, das darin war, richtig gezählt, und als ich es dann geteilt hatte, wie du vorgeschlagen hattest, war es für mich so viel, daß ich ganz übermütig wurde und auf die Idee kam, mir ein kleines Anwesen dafür zu kaufen. Ich hab zuerst selber einen kleinen Schreck dabei gekriegt, das kannst du mir glauben, aber der Gedanke ließ mich einfach nicht wieder los. Tag und Nacht muhte ich daran denken. Na ja, es hat keinen Zweck mehr, daß ich dir alle Einzelheiten erzähle, wie es sich dann mit dem Hause hier gemacht hat. Ich habe lange darum gehandelt, denn es war doch etwas mehr, als ich zahlen konnte. Aber es war nicht anders zu machen, und zuletzt mußte ich von dem deinen noch etwas mit hinzu­nehmen ... Es ist mir nicht leicht geworden. Aber wenn man dem Teufel einmal die Hand reicht, nimmt er gleich den ganzen Arm."

So, so", sagte Krick,na, was du mehr genommen hast, kannst du mir ja wieder hinzulegen. Das ist ja nicht weiter von Belang, sollte ich meinen."

So leicht, wie du meinst, ist das denn doch nicht", entgegnete Lars, und ein leises Beben trat in seine Stimme.Denn du mußt bedenken, nun hatte ich das Anwesen hier und konnte so viel anzahlen, wie man verlangt hatte. Aber nun ging es erst los mit dem Geldausgeben. Da kam der Staat und der Anwalt in der Stadt, und zuletzt mußte ich doch auch daran denken, eine Kuh zu kaufen, ein Pferd und «inen Wagen, ein paar Ferkel und die Hühner, siehst du. Es war nicht leicht, in Gang zu kommen, aber nun ich A gesagt hatte, mußte ich auch B sagen, da war einfach kein anderer Weg. Denn nun kam noch bie1 Einsaat, kam das Futter für das Vieh. Im nächsten Jahr wird das alles schon leichter für mich werden, das ist sicher. Aber was hilft mir das, wo du so unverhoffst wiederkommst und sagst:Her mit dem, was mir gehört!"

Was?" rief Krick,du willst doch nicht sagen, Lars Hullmann, daß du das ganze Geld"

Nein", unterbrach ihn Lars,das brauchst du nicht zu glauben. Aber es fehlen ein paar Hundert, und du mußt schon ein wenig Geduld mit mir haben ... Ich weiß, es war unrecht von mir, aber ich wußte mir sonst keinen Rat, siehst du, und schließlich hast du es nicht so schwer erworben, sollte man denken? Am Ende bist du einverstanden, wenn ich es abbezahle? Vielleicht, daß ich es in drei oder vier Jahren schaffen kann."

Das ist ja eine schöne Bescherung", sagte Krick.Aber ich will dir etwas sagen, Lars Hullmann, du hast mir damals den Gefallen getan, gut, wir wollen nicht weiter darüber reden. Ich will dir einen anderen Vorschlag machen. Es gefällt mir gut hier, und da ich im Augenblick nicht weiß, wo ich es besser hätte, bleibe ich für ein paar Jahre hier, und du und Lena verpflegt mich für das Geld, das du mir schuldest. Was meinst du?"

Nein", erwiderte Lars und schüttelte bestürzt den Kopf,das wäre wohl nicht das Richtige. Wir haben auch nicht den Platz. Du bist ja nun

ein Mann von Geld und kannst es besser haben, als bei uns."

Unsinn!" entgegnete Krick.Ich sage dir ja, es gefällt mir hier gut, und ich glaube, wir könnten dem Schwein, das du da im Rauch hängen

haft ganz gut zu dreien zu Leibe gehen, hahaha! Und warum sollten

wir uns nicht vertragen? Wir kennen uns beide gut genug, sollte man sagen und was Lena betrifft, so wird sie schon einverstanden sein. Sie tat ja vorhin mächtig fremd, aber das hat bei Frauensleuten nicht gerade viel zu bedeuten. Früher haben wir uns ja immer gut verstanden Lena und ich und ich glaube, sie braucht nicht lange darüber nachzudenken, damit es ihr wieder einfällt. Aber damit mag sie es nun halten, wie sie will. Zuletzt lieben alle Frauen die Abwechslung, siehst du, und freuen sich immer, wenn sie jemand haben, der sie unterhält. Und das werde ich chon besorgen, da kannst du ganz unbesorgt etn^ Schließlich hat unser­einer in den Jahren drüben ja mehr erlebt, als ihr euch hier wohl habt träumen lassenl"

Oh", antwortete Lars gedehnt und wußte nicht gleich, was er ant­worten sollte.Gewiß, was Lena betrifft, so"

Denn siehst du, die Stadt ist jetzt nichts für mich, das wirft du ja einfehen. Wenn ja nun auch längst Gras über die Geschichte gewachsen ist besser ist besser, meine ich, und hier bei euch kennt mich kein Teufel."

Nun bist du bei dem, was ich vorhin schon fragen wollte", fiel ihm Lars ins Wort.Und darum mußt du einsehen, daß es für uns nicht gut möglich ist, dich bei uns zu behalten ... Denn Gott strafe mich, aber ich habe ja längst jeden Tag gewünscht, daß ich das verdammte Geld nie­mals angerührt hätte, nun ich doch denken Konnte, daß du eine so große Summe wohl nicht auf ganz ehrliche Art erworben hast, wie?"

Na, nun tu mir bloß nicht leid , sagte Krick, und eine Wut überkam ihn. War es zu glauben? Da saß dieser Lars Hullmann, hatte sein Geld vertan und machte ein Gesicht wie ein Schaf!

Ich hätte es mir ja eigentlich vom ersten Tage an sagen müssen", fuhr Lars fort,wenn ich auch nichts Sicheres darüber wissen konnte. Aber dann sagte ich mir jedesmal wieder: Was geht es dich an? Und siehst du, damit hat das Unglück eigentlich schon begonnen, das sehe ich ja nun ganz klar."

Ach, geh zum Teufel!" schrie Krick nun in vollem Aerger.Willst du heute vielleicht deine Hände in Unschuld waschen?"

Nein", sagte Lars still.Ich sage ja, daß ich es nicht hätte anrühren dürfen ... Denn Diebstahl ist Diebstahl, und Diebesgut ist Diebesgut!"

Diebesgut? ... Wer sagt dir denn, daß ich das Geld gestohlen hatte?" Wie?" fragte Lars verwirrt und stand von feinem Stuhle auf, du hast es nicht gestohlen? Vielleicht nur gefunden und für dich behal­ten, Krick? Aber das ist auch so gut wie Diebstahl, sage ich dir, und wenn es laut wird"

Ach, halt den Mund mit deinem Gewäsch, ja? Ich habe noch keinen solchen Esel gesehen, wie du einer bist!"

Nein, nimm es nicht übel", bat Lars, glücklich darüber, daß ihm die schwerste Last von der Seele genommen war, an der er mehr zu schleppen gehabt hatte als an seinem mühseligen Leben vorher.Ich bin kein Unmensch, Krick. Mag es mit dem (Selbe stehen, wie es will. Wenn du sagst, daß du es ehrlich erworben hast, so ist natürlich kein Grund, daß du nicht hier bleibst"

So? Kommst du nun endlich aus deinem Bau, alter Fuchs? Ehrlich erworben, sagst du? Hast du dir ausgerechnet, wie lange ich daran hätte sparen müssen, um es zusammenzubringen, und hast du vergessen, wie es uns beiden damals ging? Meinst du, ich wäre damals umsonst nach Amerika gegangen, was? Nein, mitgegangen, mitgefangen! Du sitzt ebenso dran, wie ich, wenn es einmal an den Tag kommen sollte, das kann ich dir versichern, alter Freund. Da kenne ich keinen Spaß."

Was ist das?" stammelte Lars.Nein, nun mußt du mir offen sagen"

Zum Satan, muß ich dir erst noch auf die Sprünge helfen, du? Hast du vergessen, daß wir das Ding zusammen gedreht hoben und hätte ich dir sonst für das Aufbewahren die Hälfte zugesagt, wie?"

Nein, mach einen Punkt, Krick", sagte Lars, und seine Stimme bebte. Ich will hier nicht gesund vom Stuhl aufstehen, wenn ich versteh«, was du sagen willst."

Das ist allerhand", höhnte Krick.Aber stell dich nicht länger düm­mer als du bist, sonst läuft mir die Galle über, kann ich dir sagen. Oder hast du vergessen, daß du für mich Schmiere gestanden hast; damals, als ich mir das Geld besorgte?"

Wer, ich? Für dich Schmiere gestanden? Davon weiß ich wirklich nichts, Krick", stammelte Lars.

Sieh doch einer an!" sagte Krick und schüttelte drohend die Faust. Du glaubst doch wohl selber nicht, alter Aalkopf, daß du bei mir mit solchen Redensarten durchkommst und dir hinterher die Hände in Unschuld waschen kannst? Aber so siehst du aus! Ich war der Satan, und du hattest von nichts eine Ahnung, was? Bring mich nicht ins Lachen, du!"

Ich weiß wirklich nicht, was du meinst, weiß Gott!" antwortete der unglückliche Lars.

So!" höhnte Krick.Du weißt wirklich nicht? Das ist doch gerade­heraus zum Lachen, alter Freund. Dann erinnerst du dich auch wohl nicht an den Abend, an dem wir beide über Land gegangen waren zu hamstern, und ich dich auf der Landstraße nach Holthusen bat, vor dem kleinen Laden zu warten, du weißt doch, da wo der Weg nach Toregge abgeht? Es war ein Wetter wie heute, so ein fisseliger, kalter Regen, und der Wind war dabei, und wir waren beide hungrig und müde. Du am meisten, Lars Hullmann. Nein, dich soll doch der Teufel holen, wenn du das nicht mehr weißt!"

Doch", sagte Lars,das alles weiß ich noch sehr gut. Du bliebst so merkwürdig lange drinnen, und als du endlich wieder herauskamst, hattest du eine verdammte Eile davon zu kommen."

Na also", sagte Krick,da brauch ich deinem Gedächtnis ja nicht weiter aus die Beine zu Helsen. Denn dann wirst du auch noch wissen,