Ausgabe 
9.9.1935
 
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Am Mittwochabend stand Franz draußen vor dem Eingang und

wartete auf Johanna. , __

Johanna ging hinaus. Sie wollte noch ein letzermal mit Franz tn den Park gehen. Beim Abschied wollte sie ihm dann sagen:

.Wenn Sie mit den Mädchen aus der Fabrik in den Park gehen, das wird kein gutes Ende nehmen zu guter Letzt. Weil Sie eine Frau und ein Kind haben. Kommen Sie nicht mehr, wenn es Abend wird, um auf mich zu warten.' r , r . _ .... . ..

Franz ging Johanna entgegen. Johanna sah sein Gesicht, und sie vergaß eine einzige Sekunde lang den schleppenden Schritt der letzten

Tage.

Als sie im Park waren, regnete es.

Sie sehen müde aus", sagte Johanna.

Heut' nacht hab' ich keinen Dienst. Aber ich kann es kaum erwarten, wieder auf der Maschine zu stehen."

Es ist schön, wenn einer so bei der Sache ist in seinem Beruf.

Das liegt nun einmal so drin bei uns. Fast alle waren Eisenbahner. Mein Urgroßvater hat die erste Lokomotive hier in der Provinz über Land gefahren. Und den Jungen von meiner Schwester, den hat es auch schon gepackt. Für den gibt es nichts auf der Welt als die Eisen­bahn." ,, ...

Iichanna wollte etwas sagen, aber sie vermochte es nicht.

Franz sah sie an.

.Ich rede immer, und Sie sprechen gar nichts zu mir.

Ist das der, der Sie des morgens in der Hauptstadt abholt?

^Wer--Wen meinen Sie?"

Den Jungen von Ihrer Schwester. Holt der Sie morgens auf der Station ab, wenn Sie mit der Lokomotive einfahren?"

Ja.--Woher wissen Sie denn, daß er mich da abholt?"

"Das haben Sie mir selber erzählt", sagte Johanna.

Sie standen beide, während sie miteinander sprachen, unter einem großen Kastanienbaum, denn der Regen war heftiger geworden. Franz blickte Johanna an. Sie sah schön und glücklich aus. Er nahm sie in seine Arme und küßte sie. Und als dunkel wurde, gingen sie.

Am Rittertor sagte Franz:

Ich hab mir gedacht, ob Sie mich heiraten wollen.

Ich möchte gern", antwortete Johanna ganz leise.

Oer Weg zum deutschen Tanz.

Von H. B. Lanze.

Der Tanz als das künstlerische Ausdruckmittel, Empfindungen der Innen- und Umwelt, Ahnungen, Erlebnisse und Gefühle mit den Mitteln des Körpers zu gestalten, ist sicher so alt, wie das Menschengeschlecht selbst. Sein Urquell ist die lebensbejahende Freude, seine Borbilder waren das Rauschen des Windes und der Wellen ewiger Rhythmus. Der Rhythmus, der auch im Blute pulst. Sicher hat das menschliche Geschöpf seine Gefühle in grauer Vorzeit eher durch Geste und Bewe­gung, denn durch die Sprache auszudrücken vermocht. Sicher auch hat der vorzeitliche Mensch die Erscheinungen der Umwelt, die er beobachtete, und die Empfindungen seiner Seele nicht nachgeahmt, sondern neu ge­staltet und damit in den Rang der Kunst erhoben. Der Weg von der rhythmischen Bewegung zu Lauterscheinungen der Natur, zu primitiven Gesängen, zu zusammengeschlagenen Hölzern, zu den ersten Holzpfeifen bis zum künstlerischen Tanz unserer Tage ist unendlich weit und kaum noch nachzuzeichnen. Wie alle Kunst, ist auch der Tanz in ewigem Fluß. In seiner Erscheinung ist er immer der Ausdruck der Zeiten und ihrer Vorstellungen und Empfindungen gewesen. Zugrunde aber lagen ihm die ewigen Gesetze der Kunst und des Blutes. Je stärker die Zeiterschei­nungen auf das Einzelwesen und die Gesamtheit einwirken, um so nach­haltiger wirken sie sich in einer Form aus, die wie der Tanz gefühls­mäßig, das heißt künstlerisch, erfaßt werden muß. Je feiner auf den Pulsschlag des eigenen Blutes gehorcht wird, um so stärker muß das Arteigene in die Erscheinung treten. Um diese Zusammenhänge muß man wissen, wenn man die Bedeutung verstehen will, die gerade der deutsche Tanz in den letzten Jahren in der Welt gefunden hat. Er ist ganz unbestritten führend geworden, weil er sich aus dem Mischmasch und der Verworrenheit zuerst und bewußt aus die ewigen Gesetze dieser Kunst hesonnen und erkannt hat, daß die Wurzeln der Tanzkunst wie aller Künste im eigenen Blute, im Volke liegen. Denn der Name für den vollendetsten TanzDeutscher Tanz", ist den Kunstschöpfungen deut­scher Tanzgruppen und Tanzschulen im Auslande von den Vertretern anderer Völker gegeben worden. Sie haben der Kunst, die deutsche Men­schen brachten, und die in ihrer Eigenart so kennzeichnend für das Wesen dieser Menschen war, die Bezeichnung gegeben, die sie beim Miterleben empfanden: deutsch!

Die junge deutsche Tanzkunst nimmt damit eine erhabene Tradition auf, denn vomdeutschen" Tanz ist schon vor Jahrhunderten gesprochen worden: er hat sich in der Zeiten Ablauf mehr als einmal an die Spitze dieser Kunstgattung gesetzt und nur das unzulängliche Wissen um die eigenen Kulturerscheinungen hat die völlig irrige Ansicht aufkommen lassen, als sei der deutsche Tanz, der in den letzten Jahren in aller Welt Triumphe feiert, eine neue Kunstart. Wir haben die Führung immer in den Seiten und auch das ist außergewöhnlich bezeichnend völ­kischen Niederganges abtreten müssen, um sie in den Zeiten des Auf­stiegs wieder zu erobern. Aus deutscher Blütezeit stammen die ersten tanzschristlichen Aufzeichnungen, die auch vielfach als etwas völlig Neues betrachtet werden: in deutscher Blütezeit haben unsere alten Meister wie Dürer und Aldegrever Tanzbilder von Ewigkeitswert, die Fürsten unserer Tonkunst deutsche Tänze, unsere Klassiker Tanzlieder und Tanz- dickitungen. sogar Tanzspiele geschrieben. Heinrich von K l e i st hat End­gültiges über ben Tanz gesagt und gerade in unseren Tagen ist seine Erkenntnis, daß die Grazie in demjenigen menschlichen Körperbau am

reinsten erscheint, 6er entweder gar fein ober ein unendliches Bewußt­em hat, zu einem Grundsatz dieser Kunst geworden. Daß dem deutschen, )em ewigen Sucher und Träumer, dem Menschen mit der Sehnsucht nach dem Höchsten und dem Unendlichen in einer Kunstart, in der die Empfindung alles, die nüchterne ratio aber nichts ist, eine besondere Begabung eignet, ist ebenso verständlich wie die weitere Tatsache, daß kein Volk in den letzten fünfzehn Jahren so heiß und erbittert und inbrünstig um den Weg zu sich selbst gerungen hat, wie das deutsche. Nun wo es den Weg fand, fand es auch die Mittel, ihn in der ursprüng­lichsten aller Künste und vor allen anderen Künsten wieder zu gestalten. Das sind die tieferen Ursachen für die Geburt und die Bedeutung des deutschen Tanzes, der sich die Welt erobert hat.

Ein solcher Tanz kann und wird Nachahmer auch in nichtdeutschen Völkern und auf nichtdeutschem Boden finden. Das ist das Schicksal aller wahrhaft großen Kunst und auch kein Schaden. Das Siegel seiner Her- tunft kann ihm niemand rauben. Auch bann nicht, wenn «er bei anberen Völkern naturnotroenbig eine anbere Auffassung, sogar eine anbere Ge­staltung erfährt. Zu wirklich großem Erleben kann er nur von deutschen und dem Deutschen blutsmäßig verwandten Menschen geführt werden. Um so mehr als der deutsche künstlerische Tanz ja kein Nationaltanz im engen Sinne des Wortes, sondern die deutsche Auffassung des Tanzes an sich ist. In Nationaltänzen für Bühne und Laien, für den Einzel- menschen und die Volksgruppen haben wir einen gesicherten Bestand. Daß er jetzt reiner als je zum Ausdruck kommt und daß er Zuwachs in allen Formen erhält, ist aus ben genannten Bebingtheiten nur natürlich.

Der deutsche Tanz ist nicht über Nacht geboren. Ihm ist ein erbitter­tes Ringen, ein Kamps von beispielloser Härte voraufgegangen, ehe er das wurde, was er heute ist: Ausdruck der deutschen Seele. Aber diese Auseinandersetzung zwischen den Richtungen und Schulen über die künstlerischen Grundgesetze des deutschen Tanzes, der von vielen mit bewunderungswürdigem Opfermut getragen wurde, war notwendig, Wenn er jetzt entschieden ist und auch das muß mit allem Nachdruck festgestellt und hervorgehoben werden so nicht deshalb, weil den Kämpsenden die Kräfte schwanden oder der autoritäre Staat ein Macht­wort gesprochen hätte, sondern weil der nationalsozialistische Staat, aus das engste mit der Kunst verflochten, den Ringenden ein höheres und größeres Ziel zu zeigen verstand. In dieser ideellen Ausrichtung ist das Trennende ausgeschieden, das Verbindende zusammengesiigt worden. Endlich aber hat die für diese Kunstrichtung bestimmende Kulturorgani­sation, die Reichstheaterkammer, das Glück gehabt, die namhaftesten Vertreter des deutschen Kunsttanzes auf deutschem Boden zu finden, und das Geschick, sie unter der Leitung Rudolf von Labans zur Gemeinschaftsarbeit zusammenzubringen, deren Ergebnis die jetzt vor­liegenden Grundlagen für die Schulung des tänzerischen Nachwuchses und die Fortbildung der gegenwärtigen Tänzergeneration sind. Mit dieser Prüfungsordnung, wie sie sachlich heißt, ist ein einfach bewunde­rungswürdiges Werk gelungen, das erstmalig in der Geschichte der Tanz­kunst und richtunggebend für die tänzerische Ausbildung in aller Welt ist. Es bedarf keiner Frage, daß die deutsche Prüfungsordnung bei aller Allgemeingültigkeit doch für deutsche Menschen ausgearbeitet, aus deut­scher Anschauung und deutschem Empfinden geboren ist. Auch sie ist wie der deutsche Tanz wohl nachzuahmen und nachzugestalten, in den all­gemeinen Grundlagen sogar zu übernehmen, aber sie ist doch durch und durch deutsches Werk.

Es ist daher verständlich, daß in den deutschen Ausbildungsstätten, dem Studio in Berlin, dem vierwöchigen Tänzer-Schulungslager der Deutschen Tanzbühne am Rangsdorfer See und den in diesem Herbst zum zweiten Male durchgeführten Deutschen Tanzfestspielen, nur Deutschstämmige teilnehmen können, während für dieInternationalen Tanzsestipiele 1936" während der Olympischen Spiele die Einladungen an 42 Nationen ergangen sind. Die Prüfungsordnung verlangt bann auch ein gut fundiertes Wissen über die weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus, den ständischen Ausbau, vornehmlich der zu­ständigen Reichstheaterkammer, der Konstitutions-, Erb- und Nassen- kunde, der Grundlagen der seelischen und geistigen Entwicklung, der praktischen Pädagogik, der Stilkunde, der Musikgeschichte, der Kostüm­kunde und dergleichen. Im Praktischen, dem rein Handwerklichen der Tanzkunst, werden unter der Voraussetzung der körperlichen, geistigen und charakterlichen Eignung außerordentliche Anforderungen auf allen Gebieten gestellt, und man darf sagen, daß die Grundlage der tänze­rischen Ausbildung gewissermaßen eine Synthese aus allen Formen des Tanzes, dem Ballett,' dem Kunsttanz, dem Laien- und dem Volkstänze ist.

Das Tänzerlager in Rangsdorf hat den ungeheuren Wert dieser Grundlage praktisch erwiesen. Wer als Fernstehender einige Stunden im Tänzerlager geweilt hat, die verschiedensten Richtungen in schönster Eintracht unter einem ausgesucht hervorragenden Lehrmaterial aller Richtungen wetteifern sah, wer bei schwerster künstlerischer Arbeit die echte Verbundenheit der Prominenten mit den Unbekannten, der ehe­mals feindlichen Schulen und Richtungen erlebte, dem wurde der Weg zum deutschen Tanz klar. Man muß einmal hören, wie die Laien von den Kunsttänzen, die bereits in aller Welt bekannten Künstler von den Volkstänzern sprechen, um mit ihnen das beglückende Gefühl der Ge­meinschaft in der Liede zu ihrer Kunst erkennen, um zu erleben, roie diese Gemeinschaft zu einem ewig sprudelnden Ouell der Volksverbunden­heit, des deutschen Wesens, aber auch der künstlerischen Anregungen wird, aus dessen Reichtum hier geschöpft wird.

Diese neu erschlossene Quelle gilt es offen zu halten. Es wird Sache der deutschen Bühnenleiter und aller der Stellen sein, die den deut­schen Tänzern bei ihren Veranstaltungen Aufgaben zu geben vermögen, auch ihrerseits zu diesem Ouell zu finden und so dieser Kunst reiche Möglichkeit zu weiterer Entfaltung zum Ruhme des Deutschtums in der Welt zu geben.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche UntversitätS-Vuch. und Stetndruckerei. «.Lange, Sieden.