klagen fagt Ihr? Meines Dakers Sohn will mich verklagen? Herr Siebert Sönksen, Sie sollten nicht solche Scherze machen!"
Der Goldene zog ein Papier aus seiner Tasche. „Mein werter Herr Senator, es wird ja nicht sogleich ad processum ordinarium1 geschritten.^ „Auch nicht, da Herr Siebert Sönksen dem Gegenpart bedienet ist?
Der Goldene lächelte und legte das Schriftstück, welches er in der Hand hielt, vor Herrn Christian Albrecht auf das Pult. „Laut dieser Vollmacht", sagte er vertraulich, „bin ich so gut zum Abschluh von Vergleichen wie zur Anstellung der Klage legitimiert!"
„Und wegen des Vergleiches sind Sie zu mir gekommen?" frug der Kaufherr nicht ohne ziemliche Verwunderung; denn er wußte nicht, daß Herr Siebert Sönksen schon längst darauf spekuliert hatte, statt seines alten und, wie er sagte, „fürtrefflichen, aber abgängigen" Kollegen der Anwalt dieses angesehenen Hauses zu werden.
Der Advokat hatte mit einem höflichen Kopfnicken die an ihn gerichtete Frage beantwortet.
„Herr Siebert Sönksen", sagte der Senator, und er sprach diese Worte in großer innerlicher Erregung, „so kommen Sie also im Auftrage, im ausdrücklichen Auftrage meines Bruders?"
Herr Siebert stutzte einen Augenblick. „In Vollmacht, mein werter Herr Senator; wie Sie zu bemerken belieben, laut richtig subskribierter Vollmacht! Es ist für den erwünschten Frieden unterweilen tauglich, wenn eine unbeteiligte sachkundige Person ..."
Herr Christian Albrecht unterbrach ihn: „Also", sagte er aufatmend, „mein Bruder weiß nichts von Ihrem werten Besuche? Ich danke Ihnen, Herr Sönksen; das freut mich recht von Herzen!"
Der Goldene schaute etwas verblüfft in das gerötete Antlitz des stattlichen Kaufherrn. „Aber mein wertester Herr Ratsverwandter!"
„Nein, nein, Herr Siebert Sönksen, führen Sie meinethalben so viele Prozesse, als Sie fertigbringen können; aber wo zwei Brüder in der Güte miteinander handeln wollen, da gehört weder der Beichtvater noch der Advokat dazwischen."
„Aber ich dächte doch —"
„Sie denken sonder Zweifel anders, Herr Siebert Sönksen", sagte der Senator mit einer unwillkürlichen Verbeugung. „Kann ich Ihnen sonstwie meine Dienste offerieren?"
„Allersubmisfeste Danksagung! Nun, schönsten guten Morgen, mein werter Herr Senator! "
Gleich daraus schritt der Goldene mit einem eiligen „Serviteur, Musche Friedebohm" durch die vordere Schreibstube und hielt , erst an, als er draußen auf den Treppenstufen vor der Haustür stand. Seinen Rohrstock unter den Arm nehmend, zog er die Horndose aus der Westentasche und nahm bedächtig eine Prise. „Eigene Käuze das, die Söhne des alten Herrn Senators Christian Albrecht Jovers!" murmelte er und tauchte zum zweiten Male seine spitzen Finger in die volle Dose. „Nun nehmen wir sürerst mit dem Prozeß fürlieb!'y
--Bald nach dem Goldenen war auch der junge Kaufherr an dem ihm kopfschüttelnd nachschauenden Musche Friedebohm vorbeigeeilt, um gleich darauf in die Wohnstube zu treten, wo ferne Eheliebste auf dem Kanapee an ihrem Kinderhäubchen strickte. Aber er sprach nicht zu ihr; er hatte wieder beide Hände in den Rockschößen und lief im Zimmer auf und ab, bis die Frau Senatorin aufstand und so glücklich war, ihn zu erhaschen.
„Nun, Christine, wer da nicht rennen sollte!"
„Nein, nein, Christian Albrecht, du bleibst mir stehen!" und sie legte beide Arme um seinen Hals. „So", sagte sie; „nun sieh mich an und sprich!"
Aber Herr Christian Albrecht tat auch nicht einen Blick in ihre hübschen Augen. „Christine", sagte er und sah dabei schier über sie hinweg, „ich kann nicht zu Bruder Friedrich gehen."
Sie lieh ihn ganz erschrocken los. „Aber du hast es mir versprochen!"
„Aber ich kann nicht!"
„Du kannst nicht? Weshalb kannst du nicht;"
„Christinchen", sagte er und faßte feine Frau an beiden Händen, „ick) kann nicht, weil er wieder in feine Kinderstreiche verfallen ist; er hat mir ein Stück Bauholz nach dem Kopf geworfen."
„Was soll das heißen, Christian Albrecht?"
„Das soll heißen, daß mein Bruder Friedrich den goldenen Advokaten 3um Prozesse gegen mich bevollmächtigt hat. Es ist justement als wie in seinen Kinderjahren; er hat den Bock, und zwar im allerhöchsten Grade! Und so mog's denn auch von meinetwegen jetzt ein Tänzchen geben!"
Die junge Frau suchte wieder zu begütigen, allein Herr Christian Albrecht war unerbittlich. „Nein, nein, Christinchen; er muß diesmal fühlen, wie der Bock ihn selber stößt, so wird er sich ein andermal in acht zu nehmen wissen. Wir sollen, so Gott will, noch lange mit unserem Bruder Friedrich leben; bedenk' einmal, was sollte daraus werden, wenn wir allzeit laufen mühten, um feinen stößigen Bock ihm anzubinden!"
Und dabei hatte es sein Bewenden. Zwar will man wissen, daß die junge Frau noch einmal hinter ihres Mannes Rücken in des Schwagers Haus geschlüpft fei, um mit den eigenen kleinen Händen den Knoten zu entwirren; aber Frau Antje Möllern hatte sie mit frecher Stirne fortgelogen, indem sie fälschlich angab, Herr Friedrich Jovers sei soeben in dringenden Geschäften zum Herrn Siebert Söntjen fortgegangen. Und die Augen der alten Personnage sollen dabei so von Bosheit voll geleuchtet haben, daß die junge Frau zu einem zweiten Versuche keinen Mut hatte gewinnen können.
*
Ein neues Jahr hatte begonnen, und der Prozeß zwischen den beiden Brüdern war in vollem Gange. Der Herr Vetter Kirchenpropst und der Onkel Bürgermeister hatten sich vergebens als Vermittler zum gütlichen Austrag angeboten; vergebens hatte der letztere gegen den jungen Senator hervorgehoben, daß „traft feines tragenden Amtes, abfeiten des Ansehens der Familie", die 2lugen der ganzen Stabt auf ihn gerichtet seien; denn darin schienen die Streitenden stillschweigend einverstanden,
1 Zum ordentlichen Prozeß.
daß das Wort der Güte nur fern von fremder Einmischung von dem eiJ zu dem andern gehen könne. Aber freilich, dazu gab keiner von ihnen 3 Gelegenheit; der notwendige geschäfUiche Verkehr wurde schriftlich siM gesetzt, und eine Menge Zettel: „Der Herr Bruder wolle geliehen" „Dem Herrn Bruder zur gefälligen Unterweisung" gingen hin und roieM
Die kleine Seestadt in allen ihren Kreisen hatte sich müde an bitfj unerhörten Fall gesprochen, und das Gespräch, wenn irgendwie der Sfl zu andrem ausging, wurde noch immer mit Begierde aufgegriffen. bändig munter aber, trotz der Winterkälte, erhielt es sich drüben auf j| Beischlagsbank der Frau Nachbarn Jipsen; diese und Frau Antje winkten jetzt nicht nur mit ihren Köpfen, sondern mit beiden 2Irnfl und dem ganzen Leibe nach dem Senatorshause hinüber. Aber in be letzteren war freilich mittlerweile auch noch ein ganz Besonderes paftiiti ein Sohn war dort geboren worden, und Herr Friedrich Jovers halle» für solchen Fall Gevatter stehen sollen!
--Die junge Frau Senatorn lief indessen schon wieder slini id der Wiege ihres Kindes treppunter nach der Küche und noch fünfer re der Küche treppauf nach ihrer Wiege, als eines Morgens Herr Chrifi» Albrecht, nachdem er erst soeben vom gemeinschaftlichen Kasfeetische » fein Kontor geaangen war, wieder zu ihr in das Wohnzimmer lud „Christine", sagte er zu feiner immerhin noch etwas bläßlichen Ed liebsten, „bist du heute schon draußen auf unserem Steinhose geroeieil — — Nicht? — Nun, so alteriere dich nur nicht, wenn du b«*ij kommst!" 1
„Um Gottes willen, es hat doch kein Unglück gegeben? rief die jui^ Frau.
„Nein, nein, Christine."
„Aber ein Malheur doch, Christian Albrecht; du bist ja selber «!» riert!"
Ein Lächeln flog über fein freilich ungewöhnlich ernstes Gesicht. „1 denke nicht, Christine; aber komm nur mit und siehe selber!"
Er faßte ihre Hand und führte sie über den Hausflur in die grijj Schreibstube. Der jüngere Kontorist war nicht zugegen; der alte Frie» bcchm stand neben seinem Schreibbocke am Fenster und nahm eine Pnß nach der andern.
Auch Frau Christine sah setzt in den Hof hinaus, fuhr aber gl«j darauf mit der Hand über ihre Augen, als gälte es, dort ein Spim web fortzuwischen. „Um Gottes willen, was ist das, Friedebohm? Smf machen die Leute da auf Bruder Friedrichs Hof? Die Mauer ist jk auf einmal fast um zwei Fuß höher!"
„Frau Prinzipalin", sagte der Alte, „das sind Meister Hansens Leus sehen Sie, dort kommt schon einer mit der Kelle!"
„Liber was soll denn das bedeuten?" , I
„Nun" — und Monsieur Friedebohm nahm wieder eine Prise - „Herr Friedrich läßt wohl ein paar Schuhe höher mauern."
„Aber, Christian Albrecht", und Frau Christine wandte sich lebtet zu ihrem Mann, der schweigend hinter ihr gestanden hatte, „gesch« denn das mit deinem Willen?"
Herr Christian Albrecht schüttelte den Kopf.
„Aber die Grenzmauer, sie gehört doch uns gleichwohl; wie fann l Friedrich so etwas unterstehen!" 1
„Mein Schatz, die Mauer steht aus Friedrichs Grund und Sobel Die Augen der kleinen Frau funkelten.
„O, das ist schlecht von ihm, das hätte ich ihm nicht zugetraut ü hat ein hartes Herz!"
„Da irrst du doch gewaltig, Christinchen", erwiderte Herr ChnDe Albrecht; „das ift's ja gerade, daß er noch immer fein altes rociä« Herz chat; er schämt sich nur, und deshalb läßt er diese große ftein® Gardine zwischen sich und feinem Bruder aufziehen."
Die junge Frau blickte mit unverhohlener Bewunderung auf W Mann. „Ader", sagte sie fast schüchtern und legte ihre Hand in die fei« „wie wird er sich erst schämen, wenn er den Prozeß gewinnen |ouin.
„Bann", erwiderte der Senator, „dann kommt mein Bruder zu M bann ist der böse Bock gezähmt. Hab' ich nicht recht, Papa FriedeoohM setzte er in muntrem Ton hinzu.
„Ei ja, Gott lenkt die Herzen", erwiderte der alte Mann, indem » seine Dose in die Tasche steckte und dafür die Feder wieder in sH Hand nahm; „aber beim wohlseligen Herrn Senator ist uns solW Umstand im Geschäft nicht vorgekommen."
»
Zwei Tage darauf hatte die Mauer schon eine beträchtliche W erreicht, und noch immer wurde daran gearbeitet. Aus der SchN'^ stube hinten war dergleichen nie gesehen worden, und der junge SW| mannsgeselle konnte es nicht lassen, je um eine kleine Weile rwj offenem Munde nach den Arbeitern hinzustarren. „Musche Pcte:'^ sagte der alte Friedebohm, „wolle Er lieber in (eine Vilaneerechmr» schauen! Es will sich für Ihn nicht schicken, daß Er über das neue da draußen sich irgendwelche überflüssige Gedanken mache!" Unb junge Mensch wurde über und über rot und tauchte hastig seine y"-e' in das Dintenfaß.
Aber auch Monsieur Friedebohm selber konnte sich nicht entfallt*, unterweilen über seine Arbeit wegzuschauen; die beiden Gesellen ’ draußen, insonders der Alte mit dem respektwidrigen langen Barte, den ihm mit jeder Stunde mehr zuwider. „Der struppige 2l||fa‘'_: bNlmmte er vor sich hin, „mag wohl am Turm zu Babel schon gW werkt haben; wird aber diesmal auch nicht in den Himmel bauen, j
Als gleich darauf Herr Christian Albrecht aus feinem Kabinett faJ’-J I trat, sah er seinen Buchhalter sich mit dem Schneiden einer Feder m»«1' die er immer näher an die Nase rückte. „Will's nicht mit den alten Auzi Papa Friedebohm?" sagte er freundlich. J
Aber Monsieur Friedebohm zuckte bedeutsam mit der einen <5<faJ nach der Mauer draußen. „Herr Christian Albrecht, wir haben immer das Licht nicht justement mit Scheffeln hier gehabt."
Fortsetzung folgt.)


