Ausgabe 
9.9.1935
 
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Nummer 70

Montag, den 9. September

lhrgang 1935

ihr im Aorne Hühnern hier

Oie Söhne des Senators.

Von Theodor Storm.

(1. Fortsetzung.)

Stille der Nacht.

Don Gottfried Keller.

Willkommen, klare Sommernacht, die auf betauten Fluren liegt! Gegrüßt mir, goldene Sternenpracht, die spielend sich im Weltraum wiegt!

Das Urgebirge um mich her ist schweigend wie mein Nachtgebet; weit hinter ihm hör' ich das Meer im Geist und wie die Brandung geht.

Ich höre einen Flüsterton, den mir die Luft von Westen bringt, indes herauf im Osten schon des Tages leise Ahnung dringt.

Ich sinne, wo in weiter Welt jetzt sterben mag ein Menschenkind und ob vielleicht den Einzug hält das vielersehnte Heldenkind.

Doch wie im dunklen Erdental ein unergründlich Schweigen ruht, ich fühle mich so leicht zumal und wie die Welt so still und gut.

Der letzte leise Schmerz und Spott verschwindet aus des Herzens Grund; es ist, als töt', der alte Gott mir endlich seinen Namen kund.

strickend, schaute sie über die Straße nach dem gegenüberliegenden Nach­barhause, mehr nur, wie es schien, um bei dem inneren Gedankentausche doch irgendwohin die Augen zu richten. Jetzt aber sah sie Frau Antje Möllern in Futterhemd und Schürze über die Straße schreiten und mit der Frau Nachbarn Jipsen, die soeben auch aus ihrem Hause trat, sich auf eine der steinernen Beischlagsbänke2 setzen. Frau Antje Möllern war die Erzählende, wobei sie sehr vergnügt und triumphierend aussah und mehrmals mit einer schwerfälligen Bewegung ihres dicken Kopfes nach dem elterlichen Hause ihres Herrn hinüberwinkte. Frau Nachbarn Jipsen schlug zuerst ihre Hände, wie vor Staunen, klatschend ineinander; dann aber nickte sie wiederholt und lebhaft; auch ihr schienen die Dinge, um die es sich handelte, ausnehmend zu gefallen; und bald, während das eifrigste Wechselgespräch im Gange war, zuckten und deuteten die Köpfe und Hände der beiden Weiber in keineswegs respektvoller Gebärde nach dem altehrwürdigen Kaufmannshaus hinüber.

Die junge Frau am Fenster wurde denn doch aufmerksam: die da drüben waren nicht eben ihre Freunde; der einen das wußte sie war es zugetragen worden, daß sie Herrn Friedrich Jovers abgeraten hatte, ihre mauldreiste Personnage in sein Haus zu nehmen; der anderen hatte sie einmal ihre große Tortenpfanne nicht leihen können, weil sie eben beim Kupferschmied zum Löten war.

Unwillkürlich hatte sie die Arbeit sinken lassen: was mochten die Weiber zu verhandeln haben?

Aber die Unterhaltung drüben wurde unterbrochen. Bon der Hafen­straße heraus kam der kleine, bewegliche Advokat, Herr Siebert Sönksen, den sie denGoldenen" nannten, weil er bei feierlichen Gelegenheiten es niemals unter einer goldbrokatenen Weste tat, deren unmäßig lange Schöße fast seinen ganzen Leib bedeckten. Eilig schritt er auf die beiden zu, richtete, wie es schien, eine Frage an Frau Antje Möllern und schritt, nachdem diese mit einem Kopfnicken beantwortet worden, lebhaft, wie er herangetreten war, quer über die Gasse nach Herrn Friedrichs Hause zu.

Hm", kam es aus dem Munde der jungen Frau,der Goldene? Gehört der auch dazu? Was will denn der bei unserem Bruder Friedrich?"

Die hervorragenden Eigenschaften des Herrn Siebert Sönksen waren bekannt genug: er jagte wie ein Trüffelhund nach verborgen liegenden Prozessen und galt für einen spitzfindigen Gesellen und höchst beschwer­lichen Gegdnpart auch in den einfachsten Rechtsstreitigkeiten. Im übrigen wußte er, je nach welcher Seite hin sein Vorteil lag, ebensowohl einen sauberen Vergleich zustande zu bringen, als einen schikanösen Prozeß durch alle Instanzen hindurchzuziehen.

Die Frau Senatorin war aufgestanden; sie mußte doch zu ihrem Ehristian Albrecht, um seine Meinung über diese Dinge einzuholen! Allein, da trat die Köchin in das Zimmer, ein altes Jnventarienstück aus dem schwiegerelterlichcn Nachlaß, eine halbe Respektsperson, die nicht so abzuweisen war. D-e junge Frau mußte ihr Haushaltungsbuch aus der Schatulle nehmen; sie mußte notieren und rechnen, um dann die näheren Positionen der heutigen Küchenkampagne mit der kundigen Alten fest­zustellen.

zu bedeuten schien.

Drinnen im Kabinette war nach ein paar Hin- und Widerreden der Herr Senator wirklich von seinem Bock herabgekommen.Herr!" rief er und stieß seine Feder auf das Pult, daß sie bis zur Fahne aufrif),ver-

i Vorbau vor der erhöhten Haustür mit Stufen.

2 Kleines Schiff zum Entladen.

haben; ist Er bei Aber bevor d geklopft, und r' goldene Advo' Arm des allen Fnedcbohm?" >' ansab, denn dieser

Er hatte gegen sie nach der ersten Mitteilungder kleinen Differenze" kn Wort über den Bruder mehr geäußert; endlich aber, eines Morgens, ii die Eheleute beim Kaffee auf dem Kanapee beisammensaßen, legte iii Frau Senatorin sanft ihre kleine Hand auf die des Mannes.Siehst in nun", sagte sie leise,er kommt nicht wieder; ich^hab' es gleich gesagt.

Hm, ja, Christinchen; ich glaub' es selber fast."

Nein, nein, Christian Albrecht; es ist ganz gewiß, er kommt nicht ni.'ber; er kann nicht wiederkommen, denn er ist ein Trotzkopf!

Christian Albrecht lächelte; aber zugleich stützte er den Kopf in seine pmb.Ja freilich, das ist er; das war er schon als kleiner Knabe; ich Mi das Kindermädchen tanzten dann um ihn herum und sangen: .Der M der Bock! O jemine, der Bock!' bis er zuletzt einen Kegel oder ein ÖLi-t von seinem Bauholz ausgriff und damit nach unseren Köpfen warf, iv liebsten warf er noch mit seinem Bauholz! Aber Christinchen bmns Herz nur gut ist!" . , ,

Nicht wahr?" rief die hübsche Frau und sah ihrem Mann mit leb- M'ter Zärtlichkeit ins Antlitz,ein gutes Herz hat unser Friedrich und k'chalb ich meine, du könntest zu ihm gehen; du bist kein Trotstops, Mristian Albrecht, du hast es leichter in der Welt!"

| Der Senator streichelte sanft die geröteten Wangen seiner i^heliebsten. b&as ich für eine kluge Frau bekommen habe!" sagte er neckend.

!Ei was, Christian Albrecht, sag' lieber, daß du zu deinem armen Fiuber gehen willst!"

LArm, Christinchen? - ----- ,

k'cht für sich allein verlangt! Aber du sollst schon deinen tut abend oder schon heute nachmittag ..

Warum nicht schon heut vormittag?"

Nun, wenn du willst, auch heute vormittag.

Und du bist versöhnlich, du gibst nach?"

Das heißt, ich gebe ihm den Garten?"

Sie nickte:Wenn es sein muß! Doch lieber, als daß auseinander geht!" .

Und, Christinchen, unsere Kinder? Sollen sie mit den

M dem engen Steinhof laufen?" . . , . .

,.Ach, Christian Albrecht!" und sie fiel ihm um den Hals und sagte Wir:Wir sind so glücklich, Christian Albrecht!'

Eine sonderbare Armut, wenn einer alles

~~ r <<rr t-t- s.-:_5ßtQen haben;

. Während bald darauf der junge Kaufherr über den Flur nach seinen st!chäftsräumen im Hinterhause schritt, hatte .m^Wohnzimmer ferne iwu sich an das Fenster gesetzt; an einem möglichst kleinen Häubchen

Hinten in der vorderen Schreibstube saßen indessen der alte Friede- bobm und ein jüngerer Kaufmannsgeselle sich an dem schweren Doppel­pulte geaenüber. Es gab viel zu tun heute, denn die BriggElsabea Fortuna", welche der selige Herr nach seiner alten Ehefrau getauft hatte, lag zum ßöfrhen fertig draußen auf der Reede.Masche Peters", sagte der Buchhalter zu seinem Gegenüber,wir müssen noch einen Lichter2 ~ Vickersen gewesen?"

Mensch zur Antwort kam, wurde an die Tür Herein" erfolgen konnte, stand schon der and legte feine Hand vertraulich auf den Herr Prinzipal in feinem Kabinette, lieber so zärtlich, daß der Alte ihn höchst erstaunt Dl ;ii war nicht der betraute Sachwalter ihres Hauses. Deshalb gedachte er eben von seinem Bock herabzurutsckien, um ihn sel­ber bei dem Herrn Senator anzumelden; aber Herr Siebert Sönksen war schon nach flüchtigem Anpochen in das Privatkabinett des Prinzipals hineingeschlüpft.

Ei, ei ja doch!" murmelte der Alte.Die Klatschmäuler werden doch nicht recht bebakten?" Er kniff die Lippen zusammen und schaute eine Weile durch das Fenster auf den Steinhof, wo ihm die niedrige Mauer fetzt auch eine innere Scheidung der beiden verwandten Häuser

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger