dak er der Wanderer, „das Zwerchfell auseinanderwandelt , nachdem er alüu lange gehockt hat. Das Zwerchfell! Die alten Griechen hielten es wenn ich nicht irre, für den Sitz des Lebens selbst, und dies mag die Wahrheit fein. So daß das Wandern noch mehr als das köstliche Reisen, ganz unmittelbar eine Angelegenheit der Seeele des Menschen wäre — und das Lied Schuberts würde es bestätigen.
(Sommer.
Von Otto Julius Bierbaum.
Singe, meine liebe Seele, Denn der Sommer lacht. Alle Farben sind voll Feuer, Alle Welt ist eine Scheuer, Alle Frucht ist aufgewacht.
Singe, meine liebe Seele, Denn das Glück ist da. Zwischen Aehren, welch ein Schreiten! Flimmernd tanzen alle Weiten, Gott singt selbst Halleluja.
Sommernebel.
Von Hans Bethge.
Ich wohnte einige Wochen in dem kleinen norddeutschen Dorfe Silben. Es ist anmutig gelegen, in einer fruchtbaren, an Bäumen reichen Gegend, durch die sich ein Helles Flüßchen schlängelt. Ich streifte damals viel im Freien herum und kam während des Tages mit Menschen wenig in Berührung. Nur des Abends ging ich zuweilen ins Wirtshaus, um ein paar Stunden mit dem Arzt, dem Förster, zuweilen auch dem Pfarrer zu verplaudern. Es war ein besonders heißer Sommer. Alle Menschen sahen kupfern aus, wie Zulus.
Am Abend stellten sich zuweilen unvermutet Nebel ein und verhüllten das Land. Es waren gewöhnlich feine weiße Strichnebel, die über die Felder und Wiesen zogen, gleich durchsichtigen seidenen Geweben. Wenn über ihnen die Sterne zu scheinen anfingen oder der Mond seine blassen Strahlen in sie hineinwars, daß sie funkelten gleich perlenbesetzten Gewändern, so schien diese Landschaft einem Traum entstiegen zu sein.
Eines Tages kam ich bei anbrechender Dunkelheit von allerlei Streifereien in das Dorf zurück, begab mich in meine einfache Behausung und nahm das Abendessen ein. Dann las ich bei der Lampe in einem Buch und machte mich, als die Kirchenuhr neun schlug, auf, um in das Gasthaus zu gehen. Als ich zur Haustür hinaustrat, lag das Dorf im Nebel. Er stand dick wie eine Mauer nach allen Seiten hin und regte sich nicht. Ich tappte halb aufs Geratewohl vorwärts und langte endlich bei dem Wirtshaus an. Als ich aber die Tür öffnete und eintreten wollte, merkte ich, daß es das Wirtshaus gar nicht war. Der Nebel hatte mir einen Streich gespielt, ich war wohl fehlgegangen. Ein Kind des betreffenden Hauses brachte mich in die Wirtschaft hinüber, wo der Arzt und der Förster schon auf mich warteten. Ich erzählte, was mir soeben in dem Nebel zugestohen sei. Der Arzt entgegnete:
„Seien Sie froh, daß Ihnen nichts Schlimmeres passiert ist. Wer diesen Nebel nicht kennt, soll sich vor ihm hüten. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.
Es ist schon eine Weile her — ich wohnte erst ein halbes Jahr im Dorf. Sie wissen, ich habe Pferd und Wagen, wegen der Patienten in den umliegenden Ortschaften. Einmal wurde mir der Gaul krank und durfte den Stall nicht verlassen. Nachts kommt man und ruft mich dringend zu einem Kranken nach Ramin, einem Ort, etwa eine halbe Meile östlich. Ich schimpfe und wettere, und am Ende muß ich den Mann zu Fuß zu seinem schwerkranken Vater nach Ramin begleiten. Es war eine helle, sternklare Sommernacht, weich und duftig, und eigentlich war es eine Luft, so durch die mondbeschienenen Felder zu schreiten. Die unbequeme Müdigkeit war bald aus meinen Gliedern gewichen, mit ihr die schlechte Laune, und ich fand wirklich Freude an diesem nächtlichen Spaziergang. Ich sah und hörte allerlei Heimliches, Ungewohntes, das mir reizvoll war. So das merkwürdige Säuseln mancher Baumkronen, von Luftzügen bewegt, die man sich in der stillen Nacht nicht zu erklären wußte. So das unvermutete Rascheln und Rennen im Feld, das von aufgescheuchten Tieren herkam.
Auf einer alten Steinbrücke überschritten wir den Fluß. Gleich jenseits der Brücke duckte sich eine kleine Schenke an den Weg. Auf dem Dach lag der Mond wie Schnee. Von drinnen hörten wir einige lachende Stimmen. Mein Begleiter sagte mir, daß es italienische Arbeiter seien, die eine Straße in der Nähe ausbesserten und in der Schenke wohnten.
Schließlich gelangten wir an unser Zlel, in das von baumarmen Feldern umgebene Dors, dessen Turm wir schon vorher gegen den hellen Himmel hatten aufragen sehen. Bei dem Kranken war nicht viel zu tun. Es handelte sich um einen jener Fälle, die man allein sich zu Ende kämpfen lassen muß. Ich konnte mich nur bemühen, dem Alten das Letzte möglichst leicht zu machen. Ich schärfte dem jungen Bauern die nötigen Verhaltungsmaßregeln ein und wandte mich bann zum Gehen. Als ich ins Freie trat, sah ich, daß sich silberne Nebelstriche über die Felder gelagert hatten. Sie schweiften und wehten leise hin und her. Der Himmel war noch klar und voller Sterne und der Weg guj^u erkennen. Ich schritt zu; mitunter, wenn die Nebel an mir vorbeisti^kn, wehte mich ein eiskalter Hauch an. Nach und nach bezog sich das Firma
ment die Gestirne erloschen, und die Nebel wurden dichter. Weiß bet Himmel, woher sie kamen, sie schienen aus der Erde zu wachsen, sie türmten sich wie Wolken übereinander, sie schoben und drängten sich, bis sie schließlich feststanden und sich nicht mehr regen konnten. Ich kam wieder an der Wegschenke vorbei. Sie hob sich im Nebel nur wie eine dunkle, klobige Masse ab, wie etwas unheimlich Lebloses, in dem aber das Geben doch wohnte und nur darauf lauerte, daß man es weckte, Jenseits des Flusses wurde es noch schlimmer. Es kam mir vor, daß kleine Wirbel von Nebeln um mich her tanzteiz, zuweilen öffnete sich einmal ein Ausblick, einige Bäume, ein Stück Feld oder Gebüsch wurden sichtbar, dann schnürte sich wieder alles zu und wehte trügerisch durcheinander. Angst überfiel mich. Um umzukehren, war es zu spat Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand, und ob ich überhaupt auf dem richtigen Wege war. Ich hatte gar keine Anhaltspunkte mehr und tastete einfach auf gut Glück in die Finsternis hinein. Dabei traten allerlei ab- scheuliche Vorstellungen vor mich hin. So: wenn jetzt einige von den italienischen Arbeitern betrunken irgend woher auf mich zuwankten und mich niederfchlügen. Oder: wenn ich jetzt an den Fluß tarne und sähe ihn nicht. _ , . ..
Bald merkte ich, daß ich vom Fußweg abgekommen war und mich auf einem Ackerfeld befand. Es war, um die Fassung zu verlieren. Plötzlich mußte ich denken: wenn ich jetzt stürzte, in eine Sandgrube etwa und müßte da die Nacht durch liegen bleiben und vielleich noch den kommenden Tag — ein abscheulicher Gedanke. Während ich ihm noch nach- hing merkte ich, daß ich den Boden unter den Fußen verlor, ich fiel, schlug mit den Armen in die Lust, fühlte ein Krachen im Kops, ein Schwindel folgte, und dann war alles still.
Als ich zur Erkenntnis der Dinge kam, spürte ich ein dumpfes Gefühl im Kopf und einen feinen Schmerz am Knöchel des linken Fußes. Jq betastete mich vorsichtig, fühlte nasse Erde an den Kleidern, und als ich mich rühren wollte, schmerzte der Fuß heftiger. Ich r>h die Augen aus es war stockdunkel und nicht die Hand vor dem Gesicht zu erkennen. Ich versuchte mich zu erheben, aber der Fuß ließ es nicht zu. Sobald ich ihn bewegte war es, als ob mir jemand mit einem stumpfen Messer du Sehne durchschneide. Ich wußte, daß dies zum mindesten eine heftig« Verstauchung, vermutlich aber ein Knvchenbruch war.
Da lag ich, krank, hilflos, in einer schauerlichen Nacht. Ich fühlte mit den Händen nach allen Seiten und stieß überall at^ ®rbe Es war offenbar eine leere Kalkgrube, in die ich gefallen war. Dies setzte voraus, dah. ich mich in der Nähe des Dorfes befand. Ich dachte daran, daß man mich vielleicht hören würde, wenn ich tüchtig schrie. Und nun schrie ich, laut und lauter, in immer anderen Tönen, und schließlich brüllte ich wie ein Tier. Meine eigene Stimme begann mir unheimlich zu werden. Ich hörte aus. Es war ja doch alles vergebens.
Nun kam mir in den Sinn, was wohl aus mir geworden wäre, wenn die Grube schon mit dem gelöschten weißen Kalk gefüllt gewesen: wäre. Ich sah mich in Gedanken hinsinken, langsam, ohne daß ich om Glieder regen konnte, und bann kam mir der schwammige Brei allmählich ätzend in den Mund und die Nase ... Die Sinne vergingen mir.
Meine Lage war gewiß nicht beneidenswert; aber wenn ich an dem Kalk dachte, — Teufel, das wäre doch etwas anderes gewesen!
Ich begann zu frieren. Es schien mir, als stellte sich Fieber ein. Mi hüllte mich fest in die Kleider und zog den Hut über die Ohren. So W ich dösend mit durcheinander schwirrenden Gedanken, und jeoe Mmim würde zur Ewigkeit. Was sollte aus mir werden?!
Einmal war mir, als ob ein Knistern über mir am Rande der ®ruDt. hinfuhr. Zuerst wagte ich nicht aufzuschauen. Dann sch'-lte ich doch hinauf, und nun schien mir, daß dort oben in dem ziehenden Nebel sich em«. Gestalt über den Rand der Grube zu mir nieberneige, eine vage, zer- fließenbe, schweigenbe Gestalt, nur wie ein Schatten. Als ich bann gan], fest hinschaute, war bie Gestalt fort, unb nun hätte ich über meine dummen Einbildungen beinahe gelacht. Es war nichts als ein Nebelstreisem gewesen, natürlich, was sollte es denn sonst gerne en sein? Ja, un« was war mir Toren denn überhaupt besonders geschehen? War mE Lage nicht im Grunde ganz harmlos? Da lag ich in einer Kalkgruv«. mit verletztem Fuß, fror etwas und hatte einfach dem Morgen entgegen zuwarten, wo die Arbeiter kommen und mich finden würden. Das war ^Nunmehr fing ich an, ganz ruhig unb gebulbig zu «erben unb fugte mich in meine Lage mit Gleichmut. Balb spürte ich, baß ich mube würbe. Ich lehnte ben Kops an bie Wanb ber Grube unb schloß bie Augen- Ab unb zu fühlte ich noch kalte Schauer mich überfallen. Dann trat nun enblirf) nichts mehr in bas Bewußtsein, unb ich begann hmuberzubam-
Als ich erwachte unb bie Augen ausschlug, war es Heller Tag. Ich hustete, fror und fühlte mich schlecht. Mein Fuß brannte wie Feuer -M ab ein es war höchste Zeit, daß etwas mit mir geschah, es konnte |on leicht zu spät werden. Der Nebel war völlig verschwunden, ein hellblauer strahlender Himmel leuchtete durch die viereckige Grube zu nun herab. Plötzlich hörte ich in der Nähe Stimmen. Ich rief. Dann wuiaM ich. Die Stimmen brachen ab. Mir schien, sie flüsterten. Emiae Augenblicke später neigte sich der Körper eines Mannes über bie Gruve. c- roar unter Pfarrer im Amtsornat. Ich sehe noch seine großen, verwun- berten Augen unb bas mächtige Sammetbarett auf bem blonben sro^ Dann brängten sich anbere Köpfe vor, alte erschreckt unb erstaunt. Acm holte schnell eine Leiter unb schob sie zu mir hinunter. Es kam lemwyj herabgeklettert unb hals mir behutsam an ber Leiter ausi 3lun fah ™ baß ich mich auf bem neuangelegten Teil bes Kirchhols befand. Ich bie Nacht in einem frisch geschaufelten Grab gelegen. Man trug mich D°. sichtig in bas Leichenbäuschen hinüber, bamit ich bort warte, vis ei Wagen käme. Währenb bes Wartens sah ich burch bie Fenller o - Häuschens hinburch, wie man einen Sarg vom Leichenwagen luv u" auf jene Stelle hinabließ, wo. ich bie vergangene Nacht zugebracht yaw
n»t<int«ottticb: Dr. Hans Thyriot, — Druck unb Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruderei. 2L Canae. ®iebeB’


