Ausgabe 
9.8.1935
 
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Kußreise.

Bon Eduard MSrike.

Am frischgeschnittnen Wanderstab wenn ich in der Frühe so durch die Wälder ziehe, Hügel auf und ab:

Dann, wies Vögelein im Laube singet und sich rührt, oder wie die goldne Traube Wonnegeister spürt in der ersten Morgensonne: So fühlt auch mein alter, lieber Adam Herbst- und Frühlingsfieber, gottbeherzte, nie verscherzte

Erstlings-Paradieseswonne.

Also bist du nicht so schlimm, o alter Adam, wie die strengen Lehrer sagen; liebst und lobst du immer doch singst und preisest immer noch, wie an ewig neuen Schöpfungstagen, deinen lieben Schöpfer und Erhalter. Möcht es dieser geben, und mein ganzes Leben wär im leichten Wanderschweihe eine solche Morgenreife!

Vom Kußwandern.

Von Wilhelm Hausen st ein.

Der alte Johann Gottfried S e u m e, der 1810 in evangelischer Armut gestorben ist, er, von dem wir nicht ganz schweigen sollten, wenn wir das Zeitalter Goethes und Schillers bedenken, den wir vielmehr hin und wieder lesen sollten, und nicht bloß wegen seiner Lebensgeschichte, die zu den klassischen Urkunden deutscher Autobiographik und der Selbst­biographik der Weltliteratur gehört Seume also hat einmal den be­merkenswerten Satz geschrieben:Sowie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich um einige Grade von der ursprünglichen Humanität ent- fernt."

Er spricht von Humanität und will damit, ein Stück Rousseau und Robinson int Gemüt, im besonderen sagen: der Fuß sei das Maß des Menschen das eigentliche, angeborene Mettum seiner Bewegung von Ort zu Ort. Und dies muß wahr sein. In der Poetik redet man von Vers-Füßen", deren Charakter die Ordnung einer Zeile, einer Strophe bestimmt, und in dem Ausdruck lebt die Vorstellung von der Würde des Fußes, von seiner normierenden Kraft. Nicht anders ist der Fuß das Maß des Menschen: der Poesie und Prosa menschlicher Existenz. Antike Philosophen bezeichneten den Menschen als dasmetron hapanton als das Maß aller Dinge; den Fuß aber mögen wir füglich als das Maß des Menschen bezeichnen. Und ist nicht aussällig, daß man in alten Zeiten, die das Konkrete, nicht das Rechnerisch-Abgezogene, nicht die Absttaktion des Dezimalsystems liebten, den Menschensuß überhaupt zum Maßstab nahm? Schlagen wir das Lexikon auf, so finden wir etwa:Fuß, Schuh, früher Hauptlängenmaß der meisten Länder, in England, den Vereinigten Staaten, Dänemark, Rußland noch jetzt, meist zwölf Zoll... Alter Pariser oder französischer Fuß (pied de roi) = 0,33485 Meter; englischer Fuß ... übereinstimmend mit russischem Fuß = 0,304797 Meter; rheinländischer oder preußischer Fuß ... - 0,31385 Meter; ..." usw. Heute findet man diese Zisfern kompliziert mit ihrem Bruchwesen. Aber bedenken wir, daß derFuß" ehedem eine unmittelbare und geschlossene, ganze Realität gewesen ist, dessen Einfachheit und Anwendbarkeit eben in ihrer Wirklichkeit, ja Naivität beruhte, mit der man andere, ebenfalls noch mit schöner Naivität, gesegnete Wirklichkeit abmaß. Man hielt den Fuß sozusagen körperlich an die Sachen und verglich wie es noch immer die Buben tun, wenn sie im Spiel etwas messen wollen.

Aus der Natürlichkeit eines von der Schöpfung selbst mitgegebenen Maßes ergab sich (und ergibt sich noch immer und für alle, alle Zeiten), daß der Mensch sich richtig bewegt und überhaupt in seiner menschlichen Ordnung verbleibt, wenn er den Fuß nicht vergißt. Im schreitenden Fuß ist sozusagen das Ur-Maß der Bewegung des Menschen gesetzt. Wer nie mehr zu Fuß gehen wollte, wer verschmähen würde, es zu tun, wo er es tun könnte, der würde eine elementare Mitgift der Beschaffenheit des Menschen verabsäumen. Gegen Eisenbahnen und Autos, gegen Flugzeuge, gegen Postwagen soll nichts gesagt fein; sie haben alle ihre Notwendig­keit, und die Zeit ist nicht anders zu denken als in der Beziehung auf diese Mittel des Verkehrs. Aber es soll gesagt sein, daß der Mensch, dem die Füße und einige Gesundheit geblieben sind, nie verlernen sollte, 8u gehen, zu schreiten, zu wandern. Und dies um des Ganzen willen, das man den Menschen und die Welt des Menschen nennt. Der Gang des Fußes ist ja auch nicht etwa nur aus dem Fuß selbst bestimmt (dies wäre zu wenig, denn es wäre eine allzu mechanische Auffassung vom Wesen des Fußes): den Gang des Fußes bestimmt die Natur des Menschen in ihrer Gesamtheit. Von den Mitteln des Lebens her, von der Lunge, vom Herzen, aus der bewegten und bewegenden Brust, vom Kopf herab, aus der Seele hervor, wird der Fuß in Gang gefetzt. Doch allerdings immer wieder fetzt er auch feine angeborenen Grenzen entgegen. Er foricht: ich bin so lang, so kurz, so breit, so schmal, mein Schrill hat diese gegebene Spanne, soviel kann ich, mehr aber nicht. In dieser Gegenseitigkeit des Ganzen also, in einem Wechselverhältnis, das den Fuß wohl mit den Flügeln des Götterboten versehen mag, wenn der entzückte Geist ihn antreibt, das aber in der Umkehrung dem eilenden Uebermut des Gedankens die natürlichen Bedingtheiten des Fußes fühl­

bar macht tn diesem Hin und Her der Kräfte und Tatsachen Rettf wohl dies.

SJener berufene alte Seume, derSpaziergänger nach Syrakus", der wirklich und wahrhaftig vom Fußwandern das meiste verstand, wie er in Jahrhunderten wahrscheinlich der vollkommenste Wanderer gewesen ist und in der Tat von Grimma in Sachsen, wo er Korrektor und Schrift steller war, zu Fuß nach Sizilien gelaufen ist (das Stückchen Meerenge ausgenommen); jener alte brave und gescheite Seume, der den Pferde- wagen desVetturins" verschmähte, des Vetturins, den der läßlichere Goethe nicht eben verschmähte, da er kein radikaler Fußgänger war, sondern ein sehr proportionierter Wanderer, was natürlich das Beste ist: Seume also, den wir hier kaum zu oft zitieren können, hat noch gesagt:

Wer geht, der sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr als wer fährt... Ich hatte den Gang für das Ehrenvollste und toelbftanbigfte in dem Manne und bin der Meinung, daß alles bester gehen würde, wenn man mehr ginge."

Dies ist nun das Nächste. Wer geht, wer wandert, der bewegt sich nickst bloß in der menschlichsten Weise; er sieht auch am besten nimmt am besten wahr, eignet sich die Welt mit Auge und Atem. Sinn und Seele am gewissenhaftesten an. Es ist nicht anders. Denn dies eben ist dem Menschen zugewiesen: daß er, wenn er geht, den schönsten Rhythmus findet für die Abneigung der schönen Erde. Drum sind auch die Dichter immer gern gegangen; drum wanderte IeanPau 1 so gern Zur Rollwenzelei hinaus, von Bayreuth her (und das Gehen ist von ihm gar nicht wegzudenken); drum liebten die Dichter von Eichendorfs bis zu Stifter den Weg der Füße; drum stieg Goethe am Fuß des Berges von Affifi aus dem Wagen, zur Stadt des heiligen Franz hinaufzuwandern:Ich verließ bei Madonna bei Angelo meinen Vet- turin, ber [einen Weg nach Foligno verfolgte; und stieg unter einem starken Winb nach Assist hinaus, benn ich sehnte mich, durch bie für mich fo einsame Welt eine Fußwanderung anzustellen."

Wer zu Fuß reift, ber finbet den Takt, aus dem die Wett sich recht erwerben läßt. Das Reisen im Wagen ist ein Reisen an ber Tangente; der Fuß aber, ber bie Erde Schritt um Schritt mißt, ber Fuß, ber den Boden kräftig und spürend anrührt, mit Länge und Breite sich ihm anschließt, so daß er ihn mit jedem Tritt vermerkt dieser Fuß be­deutet die erste eigentliche Abneigung der Wett durch den Menschen. Ja, ist es nicht, als dränge der Boden, des Bodens Leben in den Wandernden sich hinauf, ihn gleichsam festhattenb, verwurzelnd, damit er nicht durch­aus davonlaufe? Muh der Fuß und mit ihm ber ganze Mensch sich nicht Schritt für Schritt roieber vom Erbboben lösen, in schmerzlicher Weise schier benn es wäre zuweilen bas Schönste, stehen zu bleiben un- gar nicht mehr weiterzugehen? Unb ist es nicht gut, baß ber Fuß, ber Mensch sich vom Boden fast schmerzlich lösen muß daß es den Fuß, den Menschen bei jedem Schritt soviel kostet?

Eine fremde Stadt erwirbt einer nur, wenn er sie abschreitet, kreuz und quer, von früh bis spät, bis ihm die Sohlen brennen, bis ihm bie Knie leer werben: mit ben Füßen, vor allem, bann mit ben Augen,> den Augen, bie in bem Verhältnis richtig schauen, in bem bie Füße richtig gehen, bas heißt: nach dem ihnen innewohnenden Metrum, rennenb nichh nicht laufenb, auch nicht schleppend, fonbern gehenb,andante. Die Füße sind es, bie ben Grundriß einer Stabt nm sichersten, vollstänbigsten un­klarsten nachzeichnen bie grünblichen Füße. Die Füße finb es, bie den Augen Zeit lassen, ihnen genug Zeit zumesfen und genug Raum zumessen.

Man denke auch nicht, es fei unsinnig, eine Stabt etwa zu Fuß zu verlassen: man müsse wenigstens bas erste Stück, vom Hauptplatz ober Bahnhofsplatz ins Freie mit bem Zug ober bem Auto -ehmen. Das barf fein; es wird bie Regel sein; aber es muh nicht fein. Denn ber erst kennt eine Stabt, ber sich nicht scheut, jenseits aller Schauenswürbig- keiten auch durch die Langeweile einer Vorstadt hindurchzuschreiten, durch ihre Schwermut, ihre neue Härte, um zu erfahren, wie ber Ranb einer großen Stadt fich allmählich ausbricht, wie die eifrigen Schreker- gärtchen folgen, die Schienen der Tram im Leeren glänzen unb die Natur des lieben Gottes endlich anfängt, aus ihrer Reinheit hervorzu­treten was auch in der bescheidensten Landschaft möglich unb herr­lich ist.

Der würbe bie Welt noch nicht erfahren haben, ber es nicht unter* nornmen hätte, einen Tag lang zum mindesten auf einer beliebigen Land­straße dahinzumarschieren, unb habe sie auch nicht die mindeste Aus­zeichnung, durch eine Löwenzahnwiese zur Seite etwa oder durch ein Kirchlein über Land. Vierzig Kilometer im Tag auf einer Straße, die nicht durchaus zwischen Dolomiten laufen muß, die auch an den belie­bigsten Feldern und Wirtshäusern vorüberführen,, durch die beliebigsten Dörfer leiten kann, wo sich doch immer das Wunder einer blühenden Linde erhebt, einer Linde im Bienenschwarm und in der Wärme, wo bet; Herde Geruch eines Walnußbaumes umgeht ja, dies gehört recht $a ben Angelegenheiten eines reifenden Menschen und zum Gewinn der wandernden Füße.

Wie berichtigt der Fuß im Bund mit Atem unb Herzschlag das Tempo auf allen Wegen! Dem Steigenben macht er begreiflich, daß etv der Steigende, ben Berg nicht anrennen soll: baß er langsam anffeigen soll unb nur nach und nach, durch die zusammenhängende Gleichmäßigkeit der Schritte, bie gleichsam weben, zu jener größeren, unbedingteren Freiheit gelangen barf, bie schon ein Vorrecht ber Höhe ist, ber Höhe in ber die Füße Schwingen wachsen fühlen, als sollten sie wirklich ins Fliegen übergehen, das ihnen dann zuweilen so erreichbar scheint wie in ber geheimnisvollen Leichtigkeit eines fonberbaren Traums.

Nein, ber Mensch sollte nicht vergessen, baß ihm Füße gewachsen finb: Füße, bie ihn von ben festgewachsenen Dingen unterscheiben, bem nachsinnenben Stehenbleiben zum Trotz, bie ihn aber auch vom Mechanismus bes Gefährts unterscheiben, bas ben Menschen fo leicht Wertzoll und flüchtig macht.

Die innerste Rechtfertigung des Wanderers aber ist diese (und wie könnte es uns verwundern, daß such sie von Seume erkannt worden ist):