fieren zurück, als Die Sängerinnen aus Ihren Räumen traten. Mit Gebeten an seinen Namensheiligen Giavanni im Herzen dirigierte Bononcini die Ouvertüre. Der Bühnenoorhang hob sich ... Man hörte ein vielfältiges Fußtippen aus dem Zuschauerraum ...
Stürmischer Jubel begrüßte das Auftreten jeder der beiden Gegnerinnen, aber gleichzeitig auch tobendes Zischen von der Gegenpartei her. Es mußte die Künstler empören oder verwirren. Sie sangen Arien, sangen mit Männern. Das ging. Dann aber kam ihr Duett. Als sie sich auf der Bühne gegenüberstanden, verlangte man keine Gesänge mehr. Im Parkett wurde laut aus den Flugblättern gelesen, gelacht und geschrien.
„Sardoni, armer Cembalist und Weiberliebling, tausendmal Umschlungener!" hörte die Cuzzoni. Vier Schritte vor ihr stand die Heroine, schön von Antlitz, hochgewachsen, mit höhnischem Blick. Die Häßliche vergaß sich und alles. Mit zwei Sprüngen war sie bei der Feindin, schlug ihr ins Gesicht und zischte gellend:
„Du buhlerisches Weibstück .du —!"
Hei, roie’s nun weiterging! Schläge und Schimpfreden aus dem weitesten Wortschatz der Welt, aus dem Wortschatz des Hasses!
„Krüppel mit eingebautem Kehlkopf!"
„Mannskobold! Zwiegeschlecht! Männer und Weiber liebst du!" „Was weißt du, Gnom, von Liebe?!"
„Nicht mit der Wollust verwechsle ich sie, Schande meines Vaterlandes!"
„Du höckerige Pest! Deine Adern sind Giftkanäle, deine Gedanken Mistdünste!"
„Was ist in dir, du Bestie? Wer deine Haut abstreifen würde, könnte Krötenfleisch greisen!"
Jedes arge Wort der beiden, jeden Schlag und jedes Blutgerinnsel in den bald zerkratzten Gesichtern begrüßten die Londoner brüllend und selig. Boshaft feuerten sie die Tobenden an:
„Los! Vorwärts!"
„Noch einmal! Besser!"
Schon rissen die zwei Weiber sich die Perücken vom Kopf, um ans echte Haar zu gelangen. Kleiderfetzen hingen ihnen von den Armen. Die Kronprinzessin Caroline, die der Vorstellung beigewohnt hatte, verließ das Haus. Alle, die zum Hofe zählten, oder wer sonst auf guten Ruf hielt, folgte ihrem Beispiel. Die Leute auf der Galerie kümmerten sich nicht um den Aufbruch der Vornehmen. Sie trieben das Aergernis zur Siedehitze. Jetzt kam Händel hinzu und ordnete an, daß Bühnenarbeiter die Raufenden trennten. Bei deren Auftreten tobte das Volk entrüstet und erging sich in wüsten Beschimpsungen der Opernleitung. Jetzt konnten die Herrschasten, steif und sprachlos in ihren Logen sitzend, hören, was man von dem Hause „Königliche Akademie" hielt:
„Wir wollen Spaß haben für unser Geld! Oper ist das keine mehr! Das ist eine Boxhalle! Ringrichter sind wir, einzugreifen hat niemand!"
Schrecklich zugerichtet, wurde endlich die Cuzzoni ohnmächtig von der Bühne getragen. Auch die kräftigere Bordoni brach zusammen. Die Rettungsgesellschast kam beiden zu Hilfe und schaffte sie in ihre Wohnungen. Das Opernhaus leerte sich, die Vorstellung war abgebrochen. Bononcini lief verzweifelt durch die Straßen Londons.
Noch in der späten Nachtstunde trat der Vorstand der Royal Academy zusammen, mit Händel als Beirat. Nun hörte man auf ihn. Er sprach fest und bündig zum Schluß:
„Das einzig Mögliche, morgen schon erklären wir die Spielzeit der Oper für beendet. Bis zum Herbst hin will ich versuchen, neu aufzubauen. Dann aber, meine Herren, tun Sie, was ich für gut halte und tun Sie nicht, was mir falsch vorkommt und schlecht ist!"
In jenen Tagen war London aufgeregt wie zu den bösen Zeiten des Parteihaders aus religiösen und politischen Ursachen. Unzählige Raufereien, derbe und gezierte, folgten der dramatischen im Opernhaus. Literaten und Marktweiber schlugen sich, Hafenarbeiter verteidigten oder verfluchten zwei Sängerinnen, um die sie sich sonst nie im Leben gekümmert hätten. Mehr und mehr zeigte es sich, daß Zeitung und Leser für die Cuzzoni, die weniger glimpflich davongekommen war und unter allem tiefer litt, mehx übrig hatten als für die Bordoni. Diese packte ihre Koffer und verzog sich nach Venedig. Und die Sängerparteien lösten sich auf in das eine, neuen Ereignissen entgegenharrende Publikum ...
Händel war gerade damit beschäftigt, den Sängerstab der Oper zu sieben und auch das Orchester, in das er nach dem Ausscheiden einiger Italiener eine Reihe deutscher Musiker berief, als die Nachricht nach London kam, König Georg I. sei während einer Reise nach Hannover gestorben. Der König ist tot! Es lebe der König! Händel erhielt zur Krönung des neuen Monarchen einen feiner inneren Würde entsprechenden Auftrag: er wurde mit dem musikalischen Teil der Feier betraut. Aber es ging nicht einmal hier glatt, wo der Künstler doch dem Opernvolk entrückt schien. Groß sah er das Fest, und groß wählte er den Text für feine Musik aus dem Buch der Heiligen Schrift mit freier, königlicher Hand. Das paßte den Bischöfen Londons nicht, die zuerst befragt sein wollten. Sie erhoben Einspruch gegen Händel. Er aber ließ sich nicht beirren und schrieb die Musik, wie es ihm gefiel. Auch für eine gute Wiedergabe sorgte er vor, regte den Umbau des Orgelwerkes in der Westminfterabtei an, ließ ein fechzehnfüßiges Riesenfagott für den deutschen Bläser Lampe unfertigen und drillte emsig den Chor. Die Feier hatte denn auch von Händel den Glanz und die Bewegung.
Schwer und schwunglos war nach diesem Festschaffen das Weitergehen in der Oper. Eine trostlose Spielzeit begann. Viele Stammgäste fehlten dieses Mal, eine Vorbestellerliste konnte überhaupt nicht aufgelegt werden. Die Aktionäre murrten, da es am Ende des vorigen Spieljahres nur ganz geringe Gewinnanteile gab, und der Vorstand hatte große Sorgen. Man behielt Händel als einzigen von den drei musikalischen Leitern, doch auch er konnte den guten Ruf der Oper nicht über Nacht wiederherstellen. Die italienischen Sänger, diesmal Senesino und Bigongi, zogen keine Lehre aus bejn Verlauf der Primadonnenstreite und eröffneten ihrerseits ein Geplänkel. Aber London halte genug von diesen Eifersüchteleien. Statt sich am Hader der Gesangs
größen zu entzünden, verurteilte man fetzt die italienische Oper In Bausch und Bogen, und schmerzlich war es für Händel, diesem Hause, an das er selbst nicht mehr glaubte, als Schild dienen zu müssen.. Im Zweifel schrieb er neue Werke, und sie trugen das Zeichen des Zweifels. Noä einmal nahm er in den Spielplan die Erfolge der früheren Jahre aus Sie wirkten nur mehr, vor halbleeren Häusern gespielt, wie ein Nach, hall verschollener Größe.
Die Antwort auf dies alles sprach das Volk. Schon seit Jahren gab es ein Theater am Rande der Stadt, das von enttäuschten Talenten iit Schwung gebracht wurde und die Aufgabe übernahm, das zu sagen, was reiche und glückliche Menschen nicht sagen konnten. Bald war bit Wärme der Mitfühlenden um dieses volkstümliche Haus der Kunst das gleichzeitig mit der vornehmen Royal Academy bekannt wurde. Ge. rabe als biefe ihren Niebergang erlebte, stieg bie Oper ber Armen durch einen ungewöhnlichen Erfolg auf. Händel hörte, daß dort draußen, me das Prunkvolle im Spiegel der Wahrheit entkleidet wurde, auch fest Schaffen scharfe Richter fand. Er fragte sich, warum, und richtete fein Augenwerk auf die Vorstadtoper. Er brauchte nicht lange zu forschen, um zu erfahren, wem sie gehörte. John Rich hieß der eine Besitzer uni David Arne der zweite. Händel dachte nach. Gab es nicht eine Cho- riftin des Namens Arne unter feinen Gängern?
4. Kapitel.
Largo.
Sie hatte, wie immer bei den Proben, den Blick groß auf Hände! gerichtet, als er auf sie zutrat. Pflugräder nannten ihre Kolleginnen vom Chor diese Augen, doch sie halfen sich mit dem Spottwort nur hin. weg über das heimliche Eingeständnis, daß die Blicke des Mädchens anders seien als bie ihren. Kaum eine ber Choristinnen konnte fii) rühmen, so hingebungsvoll im Beruf aufzugehen wie bas „Sümmchen" So nannte man sie auch gerne wegen ihrer kleinen Stimme. Aber fi« war im Dunkel eine treuere Stütze als sonst jemand. Von den großen Künstlern ganz zu schweigen, hatten auch die unbekannten Mitglieder des Theaters ihr Privatleben, und bei den Vertragsabschlüssen überlegte jedes, ob das Gehalt ausgiebig genug fei. Jenes Mädchen aber kümmerte sich nie um Gelb unb war bei fieben Pfund monatlich zufrieden. Doch nicht felbftoerloren und schwärmerisch lebte bie Choristin mit ben großen Augen, fonbern rein, benkend, und mit dem tiefen Gefühl für die Mühen der Kunst.
Händel sah sie zum erstenmal in der Nähe gut an. Er hatte sie [eid jenen paar Worten, bie er nach betn Cuzzoni-Krach mit ihr sprach,, wieder vergessen. Zwei Jahre waren es nun schon ... Unb wie bamals schaute sie zu ihm gläubig auf. Ober war es forschend? Die Tochter eines anderen Unternehmens? Händel frug langsam:
„Sie sind doch Fräulein Arne?"
„Ja, Herr Händel."
„Kommen Sie, bitte, mit mir."
Er schritt wiegend und rasch, wie sein Gang war, aus. Sie folgte ihm gehorsam unb gerne. Ein leises Herzklopfen begleitete ihr Gehen. Für bas Mäbchen roar’s boch viel, ben großen Mann allein zu spreche n. Was mochte er von ihr wollen?
Das frugen sich auch bie übrigen Leute auf der Probe. Händel nannte: nur die Solisten bei Namen, im übrigen hieß es „Chorus"! Weshalb- frug er vorhin die Arne, ob sie richtig so heiße? Wollte der General einen gewöhnlichen Soldaten, noch dazu das Sümmchen, aufrücken: lassen?
Händel setzte sich in feinem Zimmer an ben Schreibtisch und bat bie Choristin, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Unvermittelt frug er bann:
„Wie tarnen Sie in bie Royal Acabemy?"
„Ich melbete mich unb sang Probe, als der Opernchor vor vier Jahren vergrößert wurde."
„Vor mir fangen Sie?"
„Nein, vor Herrn Chormeister Shunt."
„Sind Sie bie Tochter bes Thealerbirektors Arne?"
Die Choristin errötete unter Händels Blick, sie fühlte ein Mißtrauen auf sich ruhen. Jetzt wußte sie, daß sie aufrichtig aus sich gehen mußte. Festen Tones gab sie Antwort:
.Jawohl."
„Warum gingen Sie bann an ein fremdes Theater?"
„Ich bin nicht einverstanden mit ben künstlerischen Zielen meines Vaters."
„Man kann aber ebensogut annehmen, baß er Sie hierher in ben Beiried steckte, bamit Sie für ihn spionieren können!"
„Das tat er nicht, unb biefen Wunsch hätte ich ihm nie erfüllt."
Aus ben Augen ber Choristin sprach jetzt bas beleidigte Ehrgefühl, ja, die beleidigte Kunst felber, und rasch fugte sie ihrer Antwort hinzu:
„Herr Händel, wie können Sie so etwas von mir glauben?"
„Zum Teufel, ich kenne Sie ja gar nicht, weder Ihren Charakter noch Ihre Abhängigkeit von anderen Menschen! Sehen Sie mich nicht so starr an!"
„Es gibt niemanden —*
„Was — was haben Sie denn? Aber Fräulein Arne!"
Unverleugdar waren Tränen in die Augen des Mädchens getreten, überliefen ben großen Augapfel, sammelten sich an ben Libern, ergreifend wurde ihr Blick, unb in ihm wie in ihren jetzt leise heroorgesto- {jenen Worten lag bas Süßeste bes Lebens, bie Treue:
„Niemanben gibt es, ber so zu Ihnen hält — wie ich ..."
Sie stand auf, grüßte unb wollte gehen. Jetzt erst begriff Händel; er hatte einen Menschen! Hier vor ihm stand er, aufrecht unb ehrlich — ein Mensch! Und eilig, mit großer Wärme sprach er:
„Verzeihen Sie mir und — bleiben Sie boch! Ich muß Sie ja sprechen, Fräulein Arne!"
(Fortsetzung folgt.)


