Nummer 6(

Zreitag. den 9. August

Jahrgang 1935

Seine Kraft war in ihm mächtig

Gin Bändel-Roman von Grnst Murm

Copyright 1935 by Deutsche Verlage-Hnatalt, Stuttgart und Berlin

(6. Fortsetzung.)

Faustina Bordoni war schön, viel schöner als di« Durastante. Sie erst war das strahlende Gegenbild zu der großen, häßlichen Cuzzoni. Auch konnte sie ihre Kunst im dramatischen Spiel entfalten, wie es die Bucklige niemals vermochte. Es hieß, sie habe den Teufel im Leib, Feuer und Schwefel brächte sie aus die Bühne, und Rächerinnen, Giftmörderinnen verkörpere sie unheimlich glaubwürdig. Als Händel das erstemal mit ihr sprach, hatte er sogar Freude an der großen Kraft ihrer Mienen. Aber es dauerte nicht lange, bis ihn auch ihr Gehabe verstimmte. Sie hatte im Nu einen Schwarm von Verehrern um sich. Mit der Sicherheit eines Menschen, der weiß, wie man in fremder Gesellschaft Fuß saßt, verstand sie das Herz einer hohen Dame zu gewinnen, in deren Haus sie sich nun zeigen konnte: bei Lady Burlington. Und schon munkelte man dort, daß die Bordoni es bald mit der häßlichen Primadonna aufnehmen würde.

Aber der Kamps ist etwas Elementares und bleibt niemals in For­men. Händel studierte seine neue OperAlessandro" ein, in der die Bordoni und die Cuzzoni Partien zu singen hatten. Bei den Proben gaben sich beide Sängerinnen höchst einverstanden mit allem und sahen einander kaum an. Aber vor den Toren der Oper warteten die Berichterstatter und gaben Meldung an ihre Blätter von jeder kleinen Aeußerung, welche eine der beiden Primadonnen in Gegenwart der anderen tat. Wieder war eine Aufführung schon drei Tage vorher ausverkauft. Aber diesmal frug niemand nach dem Komponisten und seinem Werk. Mit Pfeifen in der Tasche saßen die Galeriebesucher bereit. Und die Vorstellung mit dem Thema der Eifersucht zweier Frauen begann.

Doch es schien, als hielte ein guter Geist, aus der Musik kommend, die Sängerinnen in Zaum. Obwohl das Publikum, wenn beide auf der Bühne standen baldbravo, Bordoni!", baldbravo, Cuzzoni schrie, kam es durch Händels Umsicht und seine Besehlsgewalt am Dirigenten­pult zu keiner Störung. Wie im Stück selber schienen sich die Gegnerin­nen am Schluß sooar zu versöhnen sie reichten sich aus der Buhne die Hand. Es war nicht nach dem Wunsche der Londoner.

Und die Zeitung schrieb in den nächsten Tagen so anzüglich teils über die eine, teils über die andere Sängerin, daß man sie beinahe bedauern mußte: sie waren in einer Kampfbahn, aus der sie nur blutend heraus- kommen konnten. Flugblätter wurden an Straßengänger verteilt, morm zu bösen Heraussorderungen aufgehetzt wurde. Es war fast unmöglich für die Primadonnen, zu dieser Zeit sich zu zeigen. Wo sie auch hin- kamen, sand die eine Parteianhänger der anderen vor. Nun vergaben sich die Stars ja nichts in ihrer Würde und nahmen emsach, wohin sie auch gingen, ihren Schwarm von engen Verehrern mit. Das sah au2 wie eine Schutzwache, und bald hatten die Londoner Witze dafür. Wenn vor einem Gasthof mehrere Wagen vorfuhren und sich ,emand erkundigte, ob hier Hochzeit sei. war die Antwort:

Oh viel was Größeres! Frau Bordoni kommt zum Frühstück

Und es sah recht lustig aus, wenn die Sängerin mit hoheitsvoller Miene einen Bissen ihres Huhnes und so tat, als horte sie die Be­merkungen vom Nachbartische nicht, welche ihre Ritter mit Flammene.fer abwehrten. Natürlich blieb das Blut der Primadonnen wenn sie etwas Verletzendes hören mußten, nicht auf dem Gefrierpunkt stehen. Os beb- ten sie vor Wut, warfen das Mundtuch hm und verließen den Raum.

Doch weder die Bordoni noch die Cuzzoni wollte es zudem gewunA ch­ten Zu ammenftoß kommen lassen. Sie gingen sogar beide die Leitung der Oper um Schutz für ihre Kunst an und für lf>re ?cr01?

hätte ihnen einer gewährt, der aber Gehorsam dafür f)nb<m wollte. Z ihm gingen sie nicht. Die anderen großen Herren der Opersahen das Geschäft blühen, seitetwas in der Luft lag . Sie dachten nicht daran, das Publikum zu beschwichtigen. Im Gegenteil stieg d,e Bosheit aus m die höchsten Kreise. Es hals der Borboni nichts, daß sie vanLadyBur- linqton gesördert wurde, ebenso wie Cuzzom nur zu ihrem Schaden unter bie Fittiche ber Laby Pembroke geriet. Auch biese erlauchten Damen verfolgten nur ben Zweck, bem Klatsch ""d der Stichele, be ihren Empfängen Nahrung zu geben, unb einer anberen Laby, ber Gat

tin des Finanzmintsters Walpole, gelang ein Kunststück, um das die ganze Gesellschaft sie beneidete: ohne daß eine der beiden es vorher wußte, lud sie gleichzeitig die Cuzzoni und die Bordoni eines Abends in ihr Haus, unb bie Gäste ber Laby hatten bas Vergnügen, bie Fein- binnen unerwartet sich gegenllberstehen zu sehen. Beide wurden zuerst blutrot im Gesicht, dann bleich und gelb vor Zorn, und die Lippen der Cuzzoni liefen sogar blau an. Nun kam die Bitte der Hausfrau, zu singen. Aber keine der Sängerinnen wollte es vor der anderen tun. Die noble Gesellschaft fing an zu tuscheln, und ein Krabbeln lies den bejahrten Ladys über die Haut. Ein Chor tückischer Stimmen wieder- holte die Bitte an Bordoni und Cuzzoni, zu singen. Die Sängerinnen schlossen die Augen und standen im Schweigen verbissen. Auseinander los gingen sie nicht.

Da hatte bie Hausfrau einen anberen Einfall. Sie brachte jede der Primadonnen in sehr entlegene, entgegengesetzte Räume des Hauses und versprach jeder, die andere sortzuschicken. Nach einer Weile kam sie mit ihren Gästen zuerst zur Bordoni, die nun sang, weil sie der Meinung war, die Cuzzoni sei schon außer Haus. Versteckt lächelnd hörten die Damen ihren Gesang an und konnten es kaum erwarten, daß sie aus­hörte. Sobald ber letzte Ton ihrer Kabenz verklang, liefen bie Labys förmlich aus bem Saat unb burch viele Räume in ben anberen Flügel bes Hauses. Dort ergötzten sie sich an ber Unwissenheit ber Cuzzoni und hörten auch ihren Gesang mit Ungeduld Kichernd unb tuschelnd ging es einen Abend lang durch die großen Säle hin unb her.

Kein Wunber, wenn bie Royal Acabemy solchen Unfug förderte, daß sie sich selbst auslieferte. Händel sah das längst kommen. Belm Kom- ponistenkrieg, den sich die Großstadt ähnlich gedacht hatte, sprach seine Musik das letzte Wort. Aber den Gesang der Primadonnen, auch den beseelteren der Cuzzoni, empfand niemand mehr als höhere Macht. Man wartete, nach jedem Triller und nach jeder Kadenz schon gierig darauf, ber einen zum Merger ber anberen Beifall klatschen zu können. Man rief unb pfiff, unb ber Abel, ber sich solche Ausschreitungen boch nicht leisten konnte im Opernhaus, hatte immerhin eine stille Freube baran.

Der Vorstanb ber Royal Acabemy ging völlig aus biese Tonart ein. Er lieh bie Oper in ben Zeitungen basHaus ber Rivalen, burch Gegensätze lebenbig" nennen. Unb über Hänbels starke unb roürbige Erfolge hinweg gab man aus barer Geschästsgier neuerbings Bononcinl einen Auftrag, ließ auch Ariosti zum Wettlauf antreten, unb als brüten ihn ... Hanbel war von nichts mehr überrascht unb schrieb ein neues Werk. Aber was er verzieh, ließ bie Gerechtigkeit nicht gelten. Es war zuviel mit biesen üblen Machenschaften, unb die Strafe für den Mißbrauch der Menschen­

Die Kunst erhob Ihr Haupt mächtig über die Klemen hinweg. Handel schuf sein stärkstes Opernwerk neben demCäsar", denAdmeto". Es wurde ein Erfolg für ihn, auch ein moralischer seiner Kraft. Bononcinl und Ariosti konnten sich mit ihren Auftragsschöpfungen nicht an die Seite dieses Werkes wagen. Aber wenn auch der neue Händel-Sieg volle Kassen brachte so sollte doch die Akademie nicht ihren Nutzen davon haben. Noch einmal' hielt die Musik und Anwesenheit des einen Mannes den Skandal oon der Oper fern, wenn auch schon während desAdmeto" das Publikum die Sänger auf das ärgste herausforderte. Die Feindschaft der Prima­donnen hatte sich inzwischen auch in ihrem häuslichen Leben grimmiger verschärft, da in einer Schmähschrift dem Gatten der Cuzzoni nachgesagt wurde er sei sterblich in die Bordoni verliebt. Nichts war mehr geeignet als dies, die eifersüchtige Häßliche in Raserei zu bringen. Doch es schien als fei dem Schicksal Händels Werk zu wertvoll gewesen, um es nut die­sem Aergernis zu verwickeln, dessen Austrag unabwendbar war nach einem Wutausbruch der Cuzzoni im Kaffeehaus. Das wußte jeder. Aber erst bei der Ausführung ihres Landsmannes Bononcinl gingen die Italiene­rinnen offen aufeinander los. .

Seit das Haymarkettheater stand, hatte sich dort nichts annähernd Wüstes ereignet. Bononcinl dachte, es nütze etwas, wenn er dl« Proben mit jeder Primadonna getrennt abhielt. In Wirklichkeit machte er damit die Aufführung selber zum Pulverfaß. Als von den getrennten Proben in London gesprochen wurde, ging ein Kartenhandel los, wie er bisher nur an edler Begeisterung Betrug übte. Diesmal zahlte die Gemeinheit hohe Preise Auch in den Druckereien ging es hoch her. Am Abend der Aus­führung hatten die Zuschauer statt ber Theaterzettel Schmähschriften in ben Hänben unb in ben Taschen Pfeifen unb Knallbomben. Schon beim Berkaus ber Karten hatte man bie Plätze nach ber Cuzzoni- ober Bor- boni-Partei zerteilt, unb saß einer zwischen Gegnern, so war er In 2tbBonondni suchte, in Angst um ben Ersolg seiner Oper, hinter ber Bühne zu vermitteln. Wie in Käsigen saßen bie Primabonnen wut­verzerrt schon jetzt in ihren Ankleiberäumen, unb ber Komponist konnte ihr Gemüt nicht' mehr glätten. Cuzzonis Gatte war von biefer in ber Wohnung seit zwei Tagen eingesctzlossen, seinen Platz im Orchester mußte ein Ersatzmusiker ausfüUen. Die Bühnenarbeiter wichen wie vor Raub-

SichmerKuMnMkr

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger