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ASendlied.
Don Gottfried Keller.
Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt fein!
Fallen einst die müden Lider zu, Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ob die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh.
Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehen, Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Flügelwehn.
Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Uebersluß der Welt!
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damals schon wie eine vom Schicksal aufbewahke Spiegelung etner Welt, die nicht mehr bestand und die er als einer ihrer letzten Vertreter verkörperte. Er beherrschte, so schien es mir, die ganze erlauchte Versammlung durch den Zauber seines Geistes und die unwiderstehliche Kraft feines Genies."
An einem anderen Tage war der Graf bei der Morgentoilette des Fürsten zugegen. Es war Talleyrands einundsechzigster Geburtstag, und mehrere feiner Bewunderer erlebten in seinem Schlafzimmer den Augenblick, da fein Kopf zwischen den schweren Vorhängen des Bettes erschien. „Der Fürst, in einem weitfaltigen und gekräuselten Morgenmantel aus Seidenmull gehüllt, widmete sich nun zunächst der Pflege feines üppigen Haares; er überließ es zwei Haarkünstlern, die nach ausgiebigem Arm- unb Kammgefchwinge endlich die uns allen bekannte Lockenfülle her- richteten. Dann kam der Bardier daran, der den Schluß seiner Tätigkeit in eine Puderwolke hüllte. Nachdem sie ihre Arbeit am Kopf und an den Händen beendet hatten, wandten sie sich der Pflege der Füße zu — ein etwas weniger erquicklicher Borgang, da das Baregewafser, das der Fürst zur Kräftigung feines lahmen Beines brauchte, einen keineswegs angenehmen Geruch ausströmte. Nachdem alle Waschungen mit Wasser und Duftmitteln beendet waren, war die Reihe an feinem obersten Kammerdiener, der sich bisher auf die Ueberwachung des Ganzen beschränkt hatte und der nun des Fürsten Halsbinde zu einem höckst zierlichen Knoten knüpfte. Ich muß aber sagen, daß der Fürst bei dieser ganzen Verwandlung zur Tagesgestalt die gelassene Zwanglosigkeit des Grandseigneurs und eine Unbekümmertheit wahrte, die immer in den Grenzen der guten Haltung blieb; so daß wir immer nur den Mann sahen und uns über seine Verwandlung nicht den Kopf zu zerbrechen brauchten.
Bei Tisch gab sich Herr von Talleyrand mit gewohnter Liebenswürdigkeit und heiterer Umgänglichkeit — ja, er war sogar noch liebenswürdiger, als er es in feinen Empfangsräumen zu sein pflegte. Verschwunden war feine sonstige Schweigsamkeit, von der einmal jemand gesagt hat, er habe aus ihr eine Kunst der Beredsamkeit gemacht — gerade wie er aus feiner Erfahrung eine Art von Ahnungsvermögen gemacht hat. Daß fein Gespräch hier weniger tiefgründig war, vergrößerte vielleicht noch seinen Reiz. Seine Rede kam geradewegs aus dem Herzen und floß ohne Hemmung dahin."
Wenn auch die Hauptsorge des Kongresses in der Jagd auf das Vergnügen zu bestehen schien, so wurde doch auch wirkliche Arbeit geleistet und in sechs Monaten wurde eine große Leistung vollbracht. Talleyrand war am 23. September angekommen, und hatte alsbald entdeckt, daß die Großmächte — Rußland, Oesterreiech und England — bereits verhandelt hatten, obwohl die feierliche Eröffnung des Kongresses erst am 1. Oktober ftattfinben sollte. Die Ausschließung Frankreichs von biesen Verhanblungen war gerabe bas, was Talleyranb vorausgesehen hatte unb zu verhinbem entschlossen war. Unverweilt machte er sich baran, bie Unzufriebenheit der kleinen Nationen zu schüren und ihnen seinen Beistanb zuzusagen. Ein Frankreich, das allein stand, dursten bie Großmächte vielleicht ungestraft Übersehen, aber ein Frankreich, bas ber Führer bes ganzen übrigen (Europas war, würbe mit einem Schlage ein gefährlicher Gegner.
Talleyranb vermieb es sorgsam, sich zu beschweren ober gar höflichst um Einlaß zu bitten; aber er wußte es einzurichten, daß die Mächte über den von ihm beabsichttgten Kurs unterrichtet wurden: mit dem Ergebnis, daß er am 30. September von Metternich zu einer privaten Besprechung am Nachmittag eingeladen wurde. Eine ähnliche Einladung erhielt der spanische Bevollmächtigte, mit dem Talleyrand zusammen gearbeitet hatte.
Talleyrand kam pünktlich, aber die anderen waren schon da. Castlereagh faß am oberen Ende des Tisches und schien den Vorsitz zu führen. Zwischen ihm und Metternich war ein leerer Stuhl, auf den Talleyrand sich setzte. Er fragte sogleich, weshalb er allein und nicht gemeinsam mit den anderen französischen Bevollmächtigten geladen sei. Antwort: Weil man es für richtig gehalten hatte, daß die einleitenden Besprechungen nur von den Häuptern der Abordnungen geführt würden. Frage: Weshalb war dann der Spanier Labrador anwesend, der doch nicht der Führer der spanischen Abordnung war? Antwort: Weil der Führer der spanischen Abordnung noch nicht in Wien eingetroffen war. Frage: Weshalb denn aber Preußen außer durch Hardenberg auch durch Humboldt vertreten? Antwort: Wegen der körperlichen Behinderung des Fürsten Hardenberg. (Er war so gut wie völlig taub.) „Nun, wenn es auf die körperlichen Behinderungen ankommt, fo können wir ja alle damit aufwarten und Kapital daraus schlagen." Worauf man ihm versicherte, man werde in Zukunft nichts dagegen einroenben, baß jebe Aborbnung sich burch zwei Mitglieber oertreten ließ. Talleyrand hatte ben ersten Stich gemacht; unb wenn es auch ein kleiner Gewinn war, so sinb doch in der Diplomatenkunst wie in der Feldherrnkunst die Kleinigkeiten bedeutsam, und jeder gewonnene Stützpunkt ist ein Schritt auf dem Wege zur ersehnten überlegenen Stellung.
Castlereagh verlas dann einen Brief des portugiesischen Bevollmächtigten, der zu wissen wünschte, weshalb man ihn von einer Besprechung, zu der die Vertreter Frankreichs und Spaniens zugelassen wurden, ausgeschlossen hatte. Das war eine sehr begründete Frage; Talleyrand und Labrador pflichteten ihm bei; ein Beschluß darüber wurde bis zur nächsten Sitzung vertagt.
„Es ist der Zweck der heutigen Besprechung", sagte Castlereagh, „Sie mit der Arbeit bekannt zu machen, die von den vier Mächten hier bereits geleistet worden ist." Er wandte sich zu Metternich unb bat ihn um das Protokoll. Es wurde Talleyrand übergeben, der nur einen einzigen Blick darauf warf unb gleich mit dem erste» Griff das Wort „Verbündete" packte.
„Dieser Ausdruck", sagte er, „zwinge ihn denn doch zu der Frage, wo man sich eigentlich befinde? Ob man immer noch in Chaumont sei? ober in Laon? Soviel er wiße, sei boch inzwischen Frieben geschlossen? Wenn man aber noch Krieg führe — gegen wen richte er sich? Gegen Napoleon nicht, benn er sei auf Elba; gegen den König von Frank-
Oer Wiener Kongreß.
Von Duff Cooper.
Das folgende Kapitel ist dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen ausgezeichneten Buch« „Talleyrand" von Duff Cooper entnommen, das vor kurzem auf der Büchertisch- Seite ausführlich besprochen wurde.
Der Kongreß, der sich im Herbst bes Jahres 1814 in Wien versammelte, zog bie glanzvollsten Namen unb Persönlichkeiten Europas in bie österreichische Hauptstabt. Die sührenben Staatsmänner eines jeden Landes erschienen, und in den meisten Fällen wurden sie von den regierenden Fürsten begleitet. Der kaiserliche Palast hat damals, so wird berichtet, gleichzeitig zwei Kaiser und zwei Kaiserinnen, vier Könige, eine Königin, zwei Thronerben, zwei Grohfürsttnnen und drei Prinzen beherbergt. Die Fürstlichkeiten geringeren Grades waren noch zahlreicher. Die Höflinge tarnen im Gefolge ihrer Staatsoberhäupter. Die Blüte des europäischen Adels, alles, was durch Reichtum, durch Vornehmheit, durch Schönheit berühmt war, alles, was im politischen oder gesellschaftlichen Leben irgendeine Rolle spielte, strömte in Wien zusammen. Diese Herrschaften waren in ihrer Mehrzahl nicht fürs Arbeiten. Sie hatten niemals gearbeitet und hatten auch nicht die mindeste Absicht, es jemals zu tun. Die aus dem achtzehnten Jahrhundert überlieferte Vergnügungssucht war noch nicht aus der Welt verschwunden. Es war eine seltsam dazu passende Fügung, daß der achtzigjährige Fürst von Signe, die lebendige Dertörpe- rung bes achtzehnten Jahrhunderts, nach Wien kam und sich da beweiskräftig umtat; daß er über ben Kongreß das allbekannte Witzwort prägte: „Le Congres ne marche pas, mais il danse“; daß er selbst dort getanzt und geliebt und bis zum letzten feiner Erdentage manches mitternächtliche Stelldichein bestanden hat; unb baß er schließlich inmitten all biefes leichtfertigen Trubels starb, noch bevor ber Kongreß auseinanberging. Als fein Ende nahe war, bemerkte er mit einem Lächeln, er freue sich, daß er dem Kongreß noch ein ganz neues Schauspiel bieten könne, nämlich die Bestattung eines Feldmarschalls unb Ritters vom ©eibenen Vlies.
Es war eine enblofe Folge von Bällen unb Banketten, Jagden aller Art und musikalischen Veranstaltungen. In den Theateraufführungen spielten bald die berühmtesten Berufsschauspieler Europas, bald Liebhaberdarsteller adeligen Geblüts. Es gab ein mittelalterliches Turnier, bei dem die Paladine des neunzehnten Jahrhunderts die Sampfesfitten ihrer Ahnherren nachäfften und in Rüstungen um die Gunst ihrer Damen buhlten, wobei sie sich so sachgerecht benahmen, daß einer der Prinzen bewußtlos aus der Arena getragen werden mußte. An Maskenbällen fehlte es nicht, und ihr ganz besonderer Zauber bestand darin, daß jeder geheimnisvolle Fremde ber Beherrscher eines großen Königreichs fein und jeder Domino eine Königin bergen konnte.
Unter ben vielen Gästen, die damals aus keinem anderen Grunde nach Wien tarnen, als weil es nun einmal zur Mode gehörte, war der Graf von la Garde - Chambonas; wir verdanken ihm ein Buch, das sich ausschließlich mit dem gesellschaftlichen Teil bes Kongresses befaßt Er ging überall hin und sprach mit jedem, ber wichtig war; so schilbert er uns auch seinen ersten Besuch in ber französischen Gesanbtschaft: „Es ist ein denkwürbiges Ereignis im Leben eines jeden Menschen, wenn er einem Darsteller, ber auf der Weltbühne eine Hauptrolle gespielt hat, persönlich gegenübertreten darf. — Ich kam schon frühzeitig in die Gesandtschaft und traf nur Herrn von Talleyrand, den Herzog von Dalberg und bie Gräfan von Perigord an. Der Fürst begrüßte mich mit dem erlesenen Anstand, der ihm zur zweiten Natur geworden ist; er ergriff meine Hand mit jener gütigen Gebärde, die an ein versunkenes Zeitalter erinnert, und sagte: „Ich mußte also nach Wien kommen, Monsieur, damit ich bas Vergnügen habe. Sie in meinem Hause zu bcorüften
Ich hatte ihn feit dem Jahre 1806 nicht mehr gesehen aber ich war roieber einmal tief angerührt von ber großartigen Geistigkeit feines Ausbrucks, von ber unzerstörbaren Gelassenheit seiner Zuge, von der ganzen Haltung dieses außerordentlichen Mannes in dem ich — gleich allen damals in Wien versammelten Besuchern des Kongresses — den größten Diplomaten der Zeit erblickte. Unverändert war der ernste und tiefe Klang feiner Stimme, unverändert waren die ungezwungenen und natürlichen Umgangsformen, unverändert auch ferne tief verwurzelte Vertrautheit mit den Sitten der besten Gesellschaft; alles dies wirkte


