Eichener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1935
Freitag, den 8. November
Nummer 8Z
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE
Von Rlalther von Holländer
ie
le
it,
de
in,
itn
-
it n
en en ib<
1U> nit des die net den nd> den an tzes
Ige che len ns >.v
amt de» di-
the" I J»
ibet >rrn non jät*
» in in it, er
gezeitigt; man müsse ...
Geriete aber schab ihn beiseite. So könne man dieses Gespräch nicht führen. Und wendete sich wieder zu Rauthammer: Es handle sich nicht nur darum, ob sich das asiatische oder das europäische Prinzip besser zur Behevrschung der Welt eigne, sondern auch darum, ob nicht die Zukunft einer Mischung der beiden Prinzipien gehören wird. Japan zum Beispiel scheint doch zu zeigen, daß man blutmäßig asiatisch sein kann und oerstandesrnäßig und materiell europäisch, eine gefährliche Mischung, wie sich immer mehr herausstellte. Vielleicht müßte sich also der Europäer wirklich der Lehren der Weisen, also dieses Wang Tao, bemächtigen, Müßte es zu seiner materiellen Machtsphäre hinzunehmen und könnte dadurch zu Gesellschaftsformen von einiger Dauer kommen.
Hier hatte Frau Görnewitz erst mal gründlich unterbrochen. Sie ließ die Tische zusammenstellen, damit „wir alle etwas von den interessanten Aeußerungen der Herren haben". Sie machte „bunte Reihe". Und zwar eine so bunte, daß eines der Kichermädchen auf Rauthammers linke Seite geriet und der Globetrotter, der alle Frauen verehrt, neben Frau Gericke SU sitzen kam. Sie hat eine Büchse Keks geöffnet, die sie nicht in Rechnung stellen wird, deren Inhalt aber immerfort angeboten werden muhte, nnb sie machte auf den Duft des Heus aufmerksam, auf die angenehme Kühle, die vom Fluh aufstieg, auf die Sterne, die sie vertraulich „ihr ewigen Sterne" anredete und die, soviel sie wisse, von Kant mit dem lategorischen Imperativ zusammen genannt seien. Sie stellte auch den Blumenstrauß auf den Tisch, den „unsere liebe Meimberg" gepflückt hatte.
Danach beherrschte wieder die etwas heisere, aber angenehme Stimme Illauthammers den Tisch. „Man muß sich entscheiden", begann er. Und es war ihm ganz einerlei, wer von diesen Menschen ihm zuhörte, ob i>iese--> blonde Mädchen mit der roten Glaskette ihn mit Filmaugen am itarrte. ob Frau Görnewitz ihm ermutigend zulächelte, ob Frau Gericke, jene gutrassige, unscheinbare Frau am unteren Ende des Tisches, ihn aufmerksam betrachtete... Er sprach für Barbara Meimberg nein für Barbara Schreiner, nein, für die Schwester Barbara aus der Klmik. Er ®iU sie mit dem aewinnen, was er jetzt zu Ende gekämpft und zu Ende irtannt hat. Das ift seine Chance. Und obwohl er dumpf spürt, daß man in diesen Bereichen — und im Bereich der Liebe — nicht siegen kann, jo lange man noch „Chancen" ausnutzen möchte, muß er doch tun, was •r kann, um zu erreichen, daß sich ihm Barbara zuwendet.
„Man muß sich entscheiden", begann er, „und es wird wohl keine Kompromisse in Zukunft geben. Weder für die Staaten noch für die Menschen. Es ist nicht die Frage „Asien oder Europa? . Es geht noch •ine Stufe tiefer, dorthin, wo alles Leben wurzelt. Man muß sich ent- icheiden, was man für das Wichtigste auf dieser Erde hält. Die Macht iber die Welt, die Macht über di« Menschen, die Macht über di« Macht-
topyrigfjt 6y August Scherl S.m.ö.h., Berlin
14. Fortsetzung.
I Gericke war hier in sein Fahrwasser gekommen. Er glaubt, daß auch die Maschinen, die Kanonen, die Flugzeuge, ja die Gifte, ein Produkt des Geistes sind, genau so berechtigt, in den Kampf um die Welt einzugreifen, wie die Lehren der Weisen, und — das muß man d»ch zugeben — erheblich wirkungsvoller. Das Leben dient wohl auch nicht der Darstellung irgendwelcher geistigen Erkenntnisse, sondern der Bändigung materieller Kräfte durch die Kräfte der Materie selbst und natürlich durch die Kräfte des Geistes auch, die man sicherlich nicht unterschätzen soll.
Rauthammer hat gelacht. Den Versuch, sich des Geistes, ja, der Lehren der Weifen zu bedienen, um bessere Geschäfte zu machen, um schärfere Waffen zu schmieden — diesen Versuch kennt er aus seinem Leben. Aber ibie geistige Mogelei nützt nichts. Natürlich ist der geistig trainierte Mili- stiir, der gescheite Kaufmann dem dummen Militär und dummen Kaufmann überlegen. Aber zu dauerhaften Ergebnissen kommen sie beide nicht. Wer den Geist benutzen will, statt ihn herrschen zu lassen, geht schließlich unter. Man muß sich klar für eine der großen Kräfte des Lebens entscheiden, für die geistige Durchdringung (asiatisch) oder für die ^materielle Bemächtigung (europäisch), wobei nicht gesagt sein soll, daß lEuropa von Natur aus oder von Schicksals wegen den Geist entbehren müßte, und Asien die Materie. Nein, nein, ganz bestimmt nicht...
Körner, der Schauspieler, hatte unterdes die Bowle gebracht. Er hatte eingeschenkt, und nun wollte er auch einen geistigen Beitrag liefern. Keinesfalls könne man sich für Asien gegen Europa entscheiden. Die europäische Art zu denken und zu herrschen habe schließlich sehr schöne Früchte
mittel, die Welteroberung also, oder die Macht über sich selbst, die Selbst- bemeifterung, aus der alles andere kommt, die Weltbewegung also. Wang Tao, Herr Hauptmann Gericke, die Befolgung der Lehren der Weifen, ift ja nicht irgendwas Abseitiges, Blutleeres, sondern ein Weg, der schließlich unter den verschiedensten Namen von jedem religiösen Menschen gegangen wird. Und wenn Religion nicht immer abgeschwächt worben wäre unb bamit schließlich als eine Angelegenheit von Spintisieren und Frauen in bie Ecke gestellt wäre, wenn man Religion erkannt hätte als bie eigentliche Quelle bes Lebens, bann würbe bie Religion schon längst die wirkliche Grunblage jebes staatlichen Lebens sein, und Welteroberung und Weltbewegung wären dasselbe geworden ..."
Frau Körner begann mit Frau von Kleyrner über Rauthammer zu flüstern. Sie nannte ihn einen „dämonischen Kaufmann", eine unangenehme Mischfigur. („Will er nun verdienen oder will er philosophieren?" fragte sie.) Das zweite Kichermädchen, ganz recht, bie mit der Kette aus roten Glaskugeln, platzte über einen gewagten Witz, den der Globetrotter gemacht hatte; das andere Kichermädchen fragte Rauthammer, welche Rolle bie Frau unb die Kunst am Hofe von Mandfchukuo gespielt hätten; unb Frau Görnewitz wischte schließlich das ganze Gefpräch weg.
„Ach, unsere klugen Männer", sagte sie, „Philosophie und Politik: immer sprechen sie etwas, wovon wir armen Frauen gar nichts verstehn. Ein. Sommerabend, wie dieser, ist aber dazu da, Has Leben zu genießen."
Körner, der alles im Leben wundervoll findet unb ber an der Philosophie ebensoviel Freude hat wie am Floßbau, am Tänzern und am Bowletrinken (unb nur noch eines macht ihm mehr Freude^als alles anbere: auf ber Bühne stehn und feiner Stimme zuhören, die jeden Raum mühelos beherrscht), — Körner schrie also „Bravo!" Er drehte fix das Grammophon an, er suchte unter schrecklichem Heulen bes Rabios bie Londoner Tanzmusik heraus. Er hatte bie Idee, daß man nur das Floß aus dem Fluß zu holen brauchte, um einen wundervollen Tanzboden zu haben. Es kam für eine Stunde ein luftiges Sommerfest zustande. Rauthammer tanzte auch. Ein wenig langsam, ein bißchen atemlos. Er tanzte zuerst mit Frau Görnewitz, der Gastgeberin. Dann mit Barbara. Er sagte zu Barbara: „Ich bin Ihnen so sehr dankbar ..."
Barbara antwortete: „Sie werden in zehn Minuten gehn, unb ick werde Sie begleiten. Sie sollen mir nicht danken. Cs ist nichts zu danken/'
So sind sie also gegangen, und nun stehn sie auf der Brücke über dem Fluß... Sie stehn und starren ins Wasser, das in seinem eiligen Lauf, mit seinen winzigen Wirbeln, Wellen unb Schnellen keinen Stern zu spiegeln vermag.
Barbara erinnert sich ber Würzburger Brücke, auf ber sie, in den Fluß starrend, mit Alfred davongefahren war, von den Laternenketten der Ufer wie von Zügeln gezogen. Und sie denkt; Wenn ich jetzt so lange in den Fluß starre, bis ich mit Rauthammer davonsahre ... das ift bann eine wirkliche Untreue. Sie hebt also schnell den Kopf und sieht ihren Begleiter an.
„Gehn wir!" sagt Rauthammer heiser. Er nimmt ihren Arm. Er stützt sich ein wenig auf sie, wie er es damals getan hat, bei den ersten Gehversuchen nach der Operation, und wie sie es beibehalten hatten, bis er aus dem Krankenhaus fortging.
Sie biegen auf die Landstraße ein. Ein Auto fegt vorbei. Ein wenig Aspaltwind, Benzinwind trifft sie. Barbara lächelt. Das ist wie ein Gruß von Meimberg. Bald ist dieser schwere Gang vorbei. Bald kann sie zu ihm zurückkehren.
„Ich bin sehr froh, Sie zu sehn", beginnt Rauthammer endlich, „ich bin Ihnen wie ein Primaner nachgefahren. Ich habe Ihnen wie ein Indianer nachgestellt. Ich habe wie Toggenburg persönlich aus meinem Fenster den Knauf Ihrer Holzhütte angestarrt."
„Das weiß ich alles", sagt Barbara ungeduldig, „das hat mir Sophie auch schon erzählt. Sie hat auch erzählt, daß Sie sehr krank sind. Sie hat sogar behauptet, ich müsse zu Ihnen kommen, weil Sie krank sind, weil ..."
„Halt", unterbricht Rauthammer, „wir brauchen uns nicht mehr aus das zu verlassen, was andere gesagt haben. Wir können endlich miteinander sprechen."
Barbara nickt. Aber sie ist höchst unsicher. Diese Waldchaussee im Geruch von Baum und Heu, im Geschwätz des Flusses, unter den Sternen, die nun ihren vollen Glanz entfaltet haben, ift sie doch mit Alfred gegangen. Das gehört doch alles in ihr Leben mit Alfred Meimberg. Wie kann sie nun in diesem Leben Arm in Arm mit Rauthammer herumspazieren? Warum läßt sie es geschehen, daß er sich schwer und schwerer auf sie stützt, jetzt, da sie langsam den kleinen Berg hinaufgehn? Weil Rauthammer krank ift? Nein ... das ift es nicht. Sondern es ist ein wenig Trotz gegen Meimberg. Ein wenig Treue gegen sich selbst (was ich war, das bin ich auch), ein wenig Zuneigung und viel Erinnerung. Hier geht nicht Barbara Meimberg, sondern Schwester Barbara Schreiner. Man


