Aus vollen Büschelzwergen... .
Von 3. 9B. d o n Goethe.
An vollen Büschelzweigen Geliebte, sieh nur hin!
Laß dir die Früchte zeigen, Umschalet stachlig grün.
Sie hängen längst gebattet. Still, unbekannt mit sich: Ein Ast, der schaukelnd wallet. Wiegt sie geduldiglich.
Doch immer reift von innen Und schwillt der braune Sern, Er möchte Luft gewinnen Und fäh die Sonne gern.
Di« Schale platzt, und nieder Macht er sich freudig lo»;
So fallen meine Lieder Gehäuft in deinen Schoß.
Die beiden pfeifen.
Eine freundliche Geschichte von Andrea« Zettlrr.
Der alle, weihbärtige Gürtnereibesitzer Christoph 3mmerschitt stand rauchend hinter seinem Hause zwischen den langen Reihen sarben- strotzender Beete und sah mit verschmitztem Gesicht zum First hinaus, wo Franz, sein einziger Sohn, ein paar Dachziegel befestigte, die der Wind in der vergangenen Nacht losgerissen hatte. Es war sechs Uhr, soeben hatte es langhallend vom Kirchturm geschlagen, und die Abendglocke schickte ihre hastigen, kurzatmigen Grütze über die stillgewordene Stadt. Aber Franz schien an nichts anderes als an die Dachziegel zu denken, mit denen es doch wahrhaftig nicht so eilte. Hat er Christine vergessen? fragte sich der Alte erstaunt. Wie faft seder im ganzen Orte wußte er, daß sich die beiden alltäglich zu dieser Stunde bei den letzten Bäumen des Schlotzgartens trafen, um nach der alten Sitte der Liebespaare Arm in Arm über die buschbeftandenen, unübersichtlichen Main- wiejen zu gehen. „Franz!" rief er fchliehlich, als nach zehn Minuten eiligen Rufens das Glöckchen schwieg. „Franz, was ist mit Christine?"
Der Angeredete entgegnete nichts und blickte finster vor sich nieder. Aha, machte der alte Jrnmerschitl und schnalzte belustigt mit der Zunge, während Franz mit einem Eifer, der bis zu diesem Abend nicht an ihm zu beobachten gewesen war, das schadhafte Dach in Ordnung brachte. Als er endlich herabkam und neben den Vater trat, um sich am Trog den Ruh von den Händen zu waschen, meinte er, so absichtlich nebenbei und mit einer nicht ganz überzeugenden Stimme: „Eigentlich könnte ich doch mal den Radioapparat nachsehen, Vater." Immerschill nahm die Pseise aus dem Mund und begann glucksend zu lachen. „Erst das Dach und nun das Radio! Am Ende tischlerst du auch noch heute abend die neue Tür für den Kaninchenftall zusammen!" Franz bewegte verneinend den Kops. „Morgen vielleicht, Vater, oder übermorgen!" Wehmütiger Trotz klang aus seinen Worten. „So?" Der Alte stieß grimmig einen mächtigen blauen Ring in die Luft. „3a, zum Kuckuck , rief er beinahe böfe, „was hat es denn gegeben? Die Christine ist doch ein Prachtstück!" — „Stimmt schon", sagte Franz betreten und betrachtete aufmerksam die goldenen Wölkchen, die über den emailfarbigen Himmel schwammen, sc» leicht und sommerschön, dah es ihm in der Seele wehtat. „Vater, weiht du", fuhr er stockend fort, hilflos nach den rechten Worten suchend, „Christine und ich ... wir verstehen uns nicht ..." „Das kenne ich!" 3mmer|d)itt lachte wieder und fchlug dem 3ungen kräftig auf die Schulter. „Hol den Radiokaften und dein Werkzeug und bann setzen wir uns unter den Ruhbaum. Ich habe dir was zu erzählen."
„Die Verliebten!" begann er kichernd, als Franz zurückkehrte. „Was werdet ihr zwei schon miteinander haben! 3hr versteht euch nicht, sagst du? Ach je, so großartige Worte. Das denkt man oft, wenn man so alt ist wie ihr. Deiner seligen Mutter und mir ist es einmal genau so gegangen, na, und du weiht ja selber, wie schön wir zusammengepaßt haben. Hör zu, du kannst aus dem lächerlichen Ereignis was lernen, meine ich. — 3a, das war damals, als ich mir nichts sehnlicher als eine kunstvolle Meerschaumpfeise wünschte. 3n einem Laden an der Oberen Brücke war eine ausgestellt, ein Prachtexemplar, sage ich dir. 3eben Tag ging ich mal zufällig am Morgen ober am Abend vorbei, um mir „meine" Pfeife anzusehen. So nannte ich sie nämlich schon bei mir. Aber sie hatte einen sehr hohen Preis, wie du dir vorstellen kannst, und ich brauchte als armer Gürinerbursche alles Geld, das ich verdiente, um mich Halbwegs anständig anzuziehen, saubere Wäsche, sesie Stiefel und einen schönen Sonntagshut zu haben. Deine Mutter, der ich natürlich mit den prächtigsten beschreibenden Worten, die mir aus den Zeitungsromanen zu Gebote standen, von der märchenhaften Pfeife erzählte, riet eindringlich, mir sie doch jetzt noch aus dem Kops zu schlagen und mich mit einer gewöhnlichen hölzernen zu begnügen. Ich gab ihr Recht, anderes war dringlicher als diese Pseise, das stimmte, aber ich brachte es
einfach nicht fertig, sie zu vergessen. So geschah'-, daß ich sie eines Abends kurz vor Ladenschluß mit nicht geringem Herzklopfen kaufte und leicht- finnigerweise mein letztes Geld dafür hinauswarf.
Genau wie ihr beide tarnen auch wir jeden Tag am Main zusammen. Wir schlenderten den Anglerweg entlang, hinter den Buschen vor neu- gierigen Blicken sicher, ganz dicht am Wasser, das am Ufer leise zischelte, ich zeigte deiner Mutter die Vögel und die springenden Fische, und sie erklärte mir dafür, was die Wolken über uns nach ihrer Meinung bar- stellen könnten, benn sie hatte gern ihren Späh baran, sie mit ben »lern unserer Bekannten zu vergleichen. Das war immer sehr luftig en. An jenem Abenb, an bem ich bas unglückselige Meerschaum- rounber eingehandelt hatte, achtele ich kaum auf ihr unbekümmertes Ge- schwätz Unterwegs halte ich bereits Tabak in ben Pfeisenkopf getan und war nun versessen daraus, mir bas prächtige Ding ins Gesicht zu stecken unb anzuzünben. 3ch tat’», als beine Mutter einen Augenblick zurück- geblieben war, um ein paar Blumen aus ber Wiese zu holen. Zum Teufel, bas fällte eine Ueberrafdjung für sie werben! Triumphieren!, sah ich ihr entgegen. Aber es kam ganz anbers, als ich es mir gebucht Halle. Statt zu lachen unb sich mit mir über meine schöne Erwerbung zu freuen, würbe sie abwechselnd blaß unb rot im Gesicht unb starrte mich aus großen Augen mit einem so mertroürbigen Blick an, baß ich gänz- lich verbutzt vor ihr ftanb unb kein einziges ertlärcnbes Wörtchen herausbrachte Hält« mir beine Mutter wenigstens gehörig Vorwürfe wegen meines Leichtsinns gemacht! Nein, sie schwieg, stumm setzten wir unseren unterbrochenen Weg fort, unb als ich nach einigen abscheulichen Minuten betroffenen Stillfeins bie Sprache roieberfanb, brach sie in Tränen aus. ,Aber Babette", rief ich, „was hast bu benn?" „Du liebst mich nicht!" schluchzte sie und drehte ihr nasses Gesicht nach der anderen Seite. Mir war es, als ob mich einer mit einem einzigen Griff in den Main gewirbelt hätte. 3ch sollte sie nicht lieben!
Ich erschöpfte mich in Beteuerungen, — umsonst, sie fruchteten nichts. Endlich wurde ich ungeduldig. Nahe daran, sie flehen zu (affen und meiner Wege zu gehen, richtete ich nochmals in barschem Ton die Frage an sie, wie sie zu der merkwürdigen Behauptung käme. Sie schluckte ein paar Mal, griff bann in bie Tasche unb brückte mir wortlos ein kleines Paket in bie Hand. Denke bir, es enthielt höchst säuberlich in golbbefterntes blaues Seibenpapier eingeschlagen eine funkelnagelneue Pfeife! Keine aus Meerschaum, aber eine kunstvoll geschweifte aus eblem hartem Holz, bas bunteibraun poliert war unb sehr schön im Abendlichl zu mir ausglänzte. Verbammt, buchte ich bei mir, bas ist ja wirklich ein glückliches Zusammentreffen! Laut lobte ich bie Pfeife als ein mir sehr willkommenes Geschenk, so gut es mir in meiner Verlegenheit gelingen wollte, unb holle flugs meinen Tabak heraus, um sie auf ber Stelle zu probieren. Aber beine Mutter schüttelte mürrisch ben Kops. Meine Pfeise sei ja viel, viel prächtiger, meinte sie, ich solle bas hölzerne Ding nur lieber sorlwerfen, stall so zu tun, als ob es mir gefalle. 3a, ein rechtes Nichts fei ihre Ueberrafchung, bas sehe man boch an meinem Gesicht! Unb überhaupt: ob ich benn gar nicht gemerkt hätte, daft sie mir eine Pseife habe schenken wollen, nein, baß sie schon eine für mich gekauft halle, eine ganz lumpige freilich, benn für bie teuren unb protzigen aus Meerschaum reichte ihr Gespartes nicht aus ... Wieber kollerten ihr bie Tränen über bie Backen. Du wirft mir glauben, daß ich völlig sprachlos war. Aber es kam noch besser! Kaum hatte sie jene heftigen Worte hervorgesprubelt, als sie mir auch schon bie hölzerne Pseise aus ber Hanb riß unb in einem weiten Bogen in ben Main roarf.
Man sollte annehmen, bas hätte mir bie Vernunft roiebergegeben. Zu meiner Schaube muß ich gestehen, batz es nicht ber Fall war Verliebte kühlen so rasch nicht ab, wenn fie einmal in Hitze geraten (inb. Was tat ich? Wahrhaftig, ich schäme mich ber Szene noch heute! 3ch ergriff nämlich meine Meerschaumpseise, meine neue, schöne, kostbare, langgewünschte, geliebte, noch ungenossene, ich ergriff fie, wie man einen groben Stein ergreift, ben man an einem anberen zerschmettern will, unb schleuderte sie mit aller Wucht auf ben Weg. Sie zerbrach natürlich, unb als ob ich baran nicht genug hätte unb noch etwas Befonberes brauchte, etwas nachbrücklicheres, trat ich mit einen genagelten Absätzen unermüdlich so lange auf ihr herum, bis sie schließlich ganz in Trümmer gegangen war!
Franz lachte laut auf, aber 3mmerfchitl schüttelte mißbilligend den Kops.
„Vergiß nicht, daß auf eine so dumme Weise oft unversehens ein schönes Lebensglück in Gefahr geraten kann. Deiner Mutter unb mir ist es noch rechtzeitig eingefallen. Gleich Abam unb Eva im Paradiese, als fie erschrocken bie Stimme bes Herrn aus ben Lüsten schallen hörten, merkten wir in biescm Augenblick, baß man bas Leben nicht so leichtfertig auf bie Probe stellen bars. Schweigenb, ohne uns anzusehen, gingen mir langsam zur Stabt zurück unb trennten uns stumm an ber gewohnten Stelle. Aber ich halle kaum zehn Schrill gemacht, als mich etwas zwang, flehenzubleiben unb ben Kops zu roenben. Da sah ich daß auch beine Mutter nicht heimging. So geschah es, baß wir unseren Spaziergang noch einmal machten. Die Vögel huschten eben in bie Zweige, es (prang auch noch ein einzelner vergnügter Fisch, und zum Glück flog eine Wolke über uns hin, an ber Babette bie Nase unb die Stirn unseres Apothekers entbeefen konnte! Ja, unb an ber Stelle, wo uns bas hlaue Seibenpapier, bas noch mitten im Wege lag, eine peinliche Erinnerung hätte sein können, sanben wir ben einzigen richtigen Ausweg, es zu übersehen, — na, wir küßten uns! — Siehst bu, Franz, an biefe Begebenheit habe ich vorhin bei beinen Worten benten müssen. Ich glaube, zwischen bir unb Christine wirb es nicht viel anbers gewesen fein!"
Franz brehle eifrig an einem Schräubchen. „Bis auf ben Schluß- Vater", jagte er, rot im Gesicht. Mil einem fröhlichen Lachen ging der Alte ins Haus, um die Zeitung zu holen. Als er zurückkohrle, war M unfreiwillige Bastler schon verschwunden.
Verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Derlag: Brühl’sche UntversitälS-Duch» und Steinbr udetei. 2L Lang«, ©iefecn.


