Ausgabe 
8.7.1935
 
Einzelbild herunterladen

die Mitte einer Bergwüste; eine

unheimliche Legenden

nun doch

Hochmoor; in Massen

sie noch.

Sprung in die Vogesen,

Bon

n.

zerreißt sich der wu- die Tiefe der Täler,

Inti.

Von Theodor Storm. Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm herniedersieht, Seine Aehren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur Junge Frau, was sinnst du nur?

Wir halten die Höhe und steigern , riesiger gelber Enzian; Graskuppen. Zuweilen chernde Nebel; dann fährt der Blick erschreckt in und wieder gefaßt schweift er über die weithin geschwungenen Kurven der inneren Vogesen. Das unendliche Waldgebirge ist dumpsgrün, bis ins Dunkelblaue und Schwarze. Nun sehen die Vogesen ganz und gar wie die Düsternis des Schwarzwalds an trüben Tagen aus; und die Vogesen scheinen ebenso unermeßlich scheinen ebenso das einzige auf der Welt zu sein, über das hinaus sich gar nichts denk«n läßt... Daß es Paris gibt und München gibt, ist nun unbegreiflich; wahrscheinlich ist, daß beides nur geträumt wurde.

Wir sitzen über derSchlucht" in einem Gasthaus. Es ist elf Uhr. Wir frühstücken, wie man es im Badischen drüben auch getan haben würde: Rühreier (ausgezeichnete Rühreier denn man kann sie ebenso vorzüglich machen, wie man sie lieblos verderben kann) und Rotwein und dann einen Mirabellengeist; dazu das beste Laibbrot, ein licht-

Der Ausbruch geschieht bei der Martinskirche in Kalmar, der geliebten und köstlichen kleinen Stadt. Die Kirche steht, wohlgemauert in prächtig spielendem gelben und roten Sandstein, und die absonderlich gerankte Gotik des Turmhelms freut sich ihrer eigenen reizenden Willkür man mürbe sich nicht wundern, wenn die vielen seinen Spitzen anfingen, sich zu regen, wie die Enden von Rebfchößlingen im Winde oder wie bie Fühler von Faltern. Umher ruhen die engen alten Straßen; die Leute gehen den Geschäften mit Behagen nach. Die Gassen gemahnen em wenig an die andere Rheinseite: an Schwäbisches und Mainländisches; da und dort muh man ans alte Franksurt denken. In einer dieser Gassen mit den ausladenden, den unbedenklich überhangenden Ober­stöcken hat der Meister Martin Schongauer gewohnt, und hier ist auch der junge Dürer zu denken, wie er umherläuft und sich umsieht (denn zwischen 1490 und 1494 ist er im Elsaß gewesen).

Die Rebäcker gehen, flach gestreckt, bis an die Stadt her, ja Ms in sie herein; so meldet sich der Geist des Landes der gute Elsässer Wem.

Wir fahren bergwärts. Das Land fängt an, sich zu heben, mäßig erst, dann kräftiger. Weinberg an Weinberg und über Weinberg ach, es ist die schönste Pflanzung, die sich denken läßt, Schlankblättrige Edel­kastanien, an denen eßbare Früchte gedeihen, und anmutige Akazien säumen den Weg; die Bäume haben Leichtigkeit, ohne des Wesens zu entbelü-en.ra burd) behagliche Städtchen mit Fachwerk ober rotem

Vogesensanbstein, mit gestaffelter Gotik unb zierfamer Renaissance. D,e Nerven fpüren, daß in dieser Welt das fünfzehnte und bas fechzehnte Jahrhunbert besondere, prägende Bedeutung müssen gehabt haben. Ammerschweier, Kaysersberg, die Heimat des Geiler, der vor fünf Jahr­hunderten die kräftigen und kurzweiligen Straßburger Kanzelreden gehalten hat; der die rechte Seele des Christenmenschen, demHaslern im Pfeffer" verglich denn wie das Häslein im Pfeffer schmackhaft und mürb werde, so müsse die Seele des Christenmenschen in der Furcht des Herrn gebeizt liegen. Kaysersberg, die alte Reichsstadt des heiligen römischen Imperiums deutscher Nation, hat aber, wie der Name ansagt, auch einen Kaiser zum Freund gehabt. Der Rotbart besaß dort oben ein Schloß, und es läßt sich vorstellen, daß der heiße und weitschwe, ende Schwabe diese Landschaft liebte, in der ihm das Wesen su^entscher Natur gesteigert erscheinen mußte... Wir fahren durch die Mitte der Stadt und erkennen im Flug die rote romanifche Sandsteinfront der Kansersberqer Kirche wieder. Denn es hat hierzulande nicht nur Re­naissance gegeben, sondern auch die erste schwere, starke Form des roma­nischen Lebens um das Jahr 1000.

Wir fahren; Oleander blüht weiß und rofa in Kübeln vor den Hcm- sern und aus Terrassen. Das Elsaß wäre ohne Oleander das Elsaß nicht, wie Baden ohne Oleander nicht Baden wäre: Baden, das Land das an der Symmetrieachse des Oberrheins dem Elsaß zugeordnet liegt.

Kernhäuser; Rathäuser. Auf den Straßen gehen Manner mit ^>ars- grünen Hüten; es sind Winzer, und das Vitriol mit dem sie ihre Reben spritzen, ist auf sie zurückgefprungen. So laufen sie herum ganz selbst­verständlich inmitten ihrer gnomenhaften Wunderlichkeit; ihre Hute sitzen ihnen als eine Patina an den Köpfen, so grün rote das Dach der Thea- tinerkirche in München. Man sieht di- Männer auch draußen in d n Weingärten und auf den Landstraßen, und es fugt sich, daß ihre grünen Hüte vor der bläulichen Röte eines Sandsteinbruchs erscheinen. Aber auch die Erde ist rötlich, und der Ton der Straße geht ins Steinrot der Vogesen, aus dem das Straßburger Münster gemacht ist.

*

Nun ist das Waldland da und nun das Waldgebirge. In der Ebene war es heiß; hier ist es kühl wie zwischen den Tannen des Schwarz­walds. Auch hier sind Tannen, aber sie haben nicht die ganze, Anfehn- lichkeit der Tannen des Schwarzwalds; auch sind sie mit Laubbaumen vermengt, und darum hat der Wald der Vogesen nicht d.e mythische Schwere des Schwarzwaldes. Aber doch: wie viele Aehnlichkeit mit ber Welt auf der anderen Rheinfeite^. Forellenbache ^udelnuberSte,w brorfen und Kiesel bergab; der Waldboden riecht kräftig nach Erde und Pilzen; es duftet nach Harz, nach Wachholder, nach Farn.

Erst war das Rebland da; dann Wiesenland mit Meiereien, setzt ifts der Wald. Wir erreichen die Höhe des Bonhomme, wo di-aeGrenze lag (und die Grenze war nicht ohne das Zechen der Natur). Ver­wachsene Spuren des Krieges sind kenntlich. Vom inneren Frankreich bringt mächtig ein bleigrauer Nebel an. Die Vogel haben aufgehort zu fingen. Es ist falt. Drunten im Tal unb auf halber Hohe hatte wir überm Lärm bcs Motors ben Schlag ber Fmken und ben Triller Lerchen mit einer unwahrscheinlichen Deutlichkeit gehört b 9

war mitgegangen wie Sonne und Warme. Selbes ist, schier plofeltcf), vorbei.

*

Wir fahren auf der Höhe, wo der Wald schon kleiner und von der Höhenluft felbst gelichtet ist. Westwärts liegt m der Tiefe der Weiße See. Seltsam, daß er so heißt seltsam heute. Denn er f)at unter bcm ver­dunkelnden Nebel und Gewölk eine schwärzlich-metallische Farbe an­

graues Brot ohne Säure unb Nässe.

Der Nebel über uns verharrt in unablässig kriechenber (Erneuerung. Ader es ereignet sich, baß brunten im Tal, gen Osten, plötzlich bie Sonne auf dem Oraslanb liegt ein verlorenes Stück Sonne, ein abge- fprungenes Stück Heiligenschein.

*

Bon ber Höhe bes Bonhomme, bie, wenn ich es noch recht weiß, vorbem Di-boldshauser Höhe geheißen hat, zieht sich eine lange, hundert­fach gewundene Kammstrahe über denCol" der Schlucht, am Hohneck vorüber, über den Gebweiler Belchen hin und bis nach Sennheim hinab. Sie hat den NamenRoute des Gretes" und gehört zu den schönsten Höhenstrahen, die einem Wagen Gastfreundschaft gewahren können.

Die Fahrt gibt mannigfaltige Blicke frei aber das schönste ist die Einheit, das gleiche in der Mannigfaltigkeit. Wald, dunkler Bergwald, soweit man schauen kann. Wie würde Stifter ihn geliebt haben! In den tiefen Furchen der Täler rötlich schimmernde Orte aus denen ber freundliche Rauch des Mittags steigt; oben bei uns beharrlicher Nebel, ber uns ben Ausflug aber nicht oerbirbt, fonbern noch bebeutenber macht. ,

Doch wiederum: wir sind dankbar, wie über dem Hohneck der Rebel jählings sich teilt, als ein Theateroorhcmg. Wir blicken in die Blaue des Himmels, die sich offenbart. Zwar ist sie tot; bas Blaue ist falt unb lichtlos; das Drama des Tages erreicht eine seltsame Hohe, und sie be­hauptet, sich einige ungeheuer ernste Minuten lang über einer Well, die noch im Grau erstickt I

Doch nun geschieht bas Lösende. Die Sonne ist noch nicht zuruck- aetebrt aber mir wissen, sie wird es tun; aus der östlichen Tiefe her­auf 9fängt dies Land an, sich zu vergolden Wir fahren weiter; die schwarzroeihen Vogesenkühe läuten auf den Graskuppen noch in den Nebel hinein, unb bie Sennhütten, bie Käsereien stehen hier oben wie in einer unterweltlichen Halbhelle; bas Weiß ber Schneebrocken, die in Mulden geblieben sind, kann gar nicht weniger weiß fein ist so unlicht, so gestorben, daß man das Weihe gar nicht verwirklichen kann. Aber in den Tälern schimmert und heizt die Sonne; dro Taler brodeln unb glänzen. Nur drüben in den inneren Vogesen verbleibt die tragische Düsternis; die Seen von Retournemer und Longuemer blinken nur als schwarze Schilde.

Aus dem Weg zum G-bweiler Belchen kehrt der Wagen vollends In bie warme Atmosphäre zurück und in die zunehmende Fülle des Lichtes. Das klassische Mittagessen mit Rheinsalm und Brathuhn wird unter der Sonne eingenommen, und der Horizont ringsum ist hell, so Waldgebirg

10 Das Rot der Dächer von Gebweiler ist voll von Heiterkeit.

Aus den Hartmannsweilerkopf fährt das Sonnenlicht, die Sonnen­hitze wie ein Lanzenbündel nieder. Der weißgoldene Altar ben bie Fran­zosen auf bie Höhe bes furchtbar burdjbluteten Berges gefetzt haben, und bie unabsehbaren Drbnungen ber weihen Kreuze stehen m (djueibenber Helle unb brängenber Glut. Ueber bie hellen Honigtone bes Elsaß, der Rheinebene wandern als stumpfblaue Flecken die letzten Wolkenschatten des sonst gänzlich in fein Sommerleuchten zuruckgekehrten Tages Die zerschosfenen Bäume blinken schrecklich nut einem scharfen.^bergrau Grabkreuze der getöteten Natur. Doch sonst ruhen an dieser Landschaft, bie zu ben schönsten ber Welt gehört, ber balsamische Hauch und das heilende Licht des Friedens. *

ninrh fahren wir durch Wälder, bergab, bergan, denn der Tag ist nicht ,u Ende gekommen. Wir fahren zwischen den herrlichsten Waldblumen Mn- gelber und rotvioletter Fingerhut steht in Reihen wie ich sie nie I gesehen habe, und die große blaßblaue Glockenblume wuchert in marchen- I haften Mengen. Wir steigen aus und finden Erdbeeren in Hülle und Fülle.

Talwärts gleitend und den Wohnungen der Menschen nun wieder nabe streifen wir die wohlriechenden Blätter der Walnußbaume. Geb- roeiler ift ein bezauberndes Städtchen, und ein Ort folgt öem anbern, feiner ohne ben Ausdruck eines von ber Natur gesegneten Landes. Wir uMertoeiben die Namen der Orte nicht mehr; w,r gewahren das Be­hagen der Wohnhäuser, bie Gastlichkeit ber Wirtshäuser, die ländliche, landstädtische Würde der Rathäuser und der Landkirchen, und die alten Rinamauern und Tore, und auf den Kirchen, Rathäusern Torturmen die stelzenbeinigen, klapperschnäbeligen Störche mit nistenden Jungen. Und dann draußen wieder die Felder, auf denen alles wachst; vom Ge- I treibe .zum Mais, vom Wein zum Tabak.

genommen. So ruht er, gefährlichen Ansehens, zwischen den dumpf» violetten Felswänden eines kraterhaften Trichters. Ich weiß nicht, rote

sonst der See sich barstellt; heute ist er verschworene Lanbschaft, an bie sich anspinnen ließen.