die Diele zur Treppe, bk nach her Küche hinabführte. Dort sah er sich um, ob niemand ihn bemerkte. Dann stieg er leise die Treppe hinab und spähte in die Küche, wo die Köchin am Herd beschäftigt war und ihm den breiten Rücken zukehrte. Das Reh lag nicht mehr auf dem Tstch. Vorsichtig tastend ging er an der Tür vorbei und den halbdunNen Gang entlang, der zur Speisekammer führte. Der Schlüssel steckte ,m Schloß. Er öffnete die Tür und erblickte das Reh, das an der Setten» wand des hohen Eisfchrankes aufgehängt war. Mit beiden Händen faßte er zu an den Läufen und den zufammengebundenen Hinterbeinen und trug es an der Küche vorbei nach der Hintertür des Hauses, Die sich in den Garten öffnete.
Ludwig trug feine Last durch den Garten bis zur Garage, an deren Seitenwand der Stall für die beiden Doggen lag. Pitt und Fox horten ihn kommen und standen wie zur Parade an ihrer Kette. Mit einem kräftigen Schwung warf er ihnen das Tier vor die Füße. Sie wichen e zurück, kamen dann wieder langsam näher, angezogen von dem und Wildgeruch, der sie sichtlich erregte. Sie schlugen die Zähne m das Fleisch, zuerst wie zur Probe, und rissen Stücke davon ab, die sie schmatzend verschlangen. Dann aber stürzten sie sich auf das Wild und fraßen, daß ihnen in kurzer Zeit der blutige Schaum vor die Mäuler trat. .
Breitbeinig, die Hände in den Hofentaschen, stand Ludwig davor und sah zu. Zuerst freute er sich an der barbarischen Wildheit der ganzen Szene. Genau so hatte er sie sich vorgestellt, und diese Vorstellung hatte ihn dazu gebracht, sie zu verwirklichen. Dann aber ging etwas in ihm vor, das er sich nicht gleich erklären konnte und das ihn verwunderte. Er mußte feststellen, daß seine spontane Lust, seine innere Anteilnahme sehr bald erloschen und daß er davorstand wie ein kühler und sachlicher Beobachter, der zudem vor allem sich selbst beobachtete. Aus einmal erschien ihm das ganze Schauspiel wie eine ins Groteske gesteigerte, verzerrte Parodie feiner eigenen Schmausereien. Er versuchte, sich gegen den Vergleich zu wehren, aber es wollte ihm nicht gelingen.
Ein Abscheu erwachte in ihm und stieg bis zum körperlichen Ekel. Er sah sich selbst bei seinen zahllosen Schmausereien, entdeckte und erfand Einzelheiten, die den Einzelheiten des Bildes da vor ihm zu gleichen schienen, und plötzlich sah er darin ein Symbol seines ganzen bisherigen Lebens. — Wie hatte Hubert von Gerber gesagt? Seine Form war die Formlosigkeit, fein Maß die Maßlosigkeit!
Ludwig lachte plötzlich laut aus. Nein! Das alles war ganz falsch. Das war ein gefährlicher und abscheulicher Irrtum, wie alles Eindeutige und einseitig Gedachte! Er, Ludwig, hatte bis zu diesem Augenblick gelebt, wie er mußte, wie ihm feine starken und gesunden Instinkte befahlen. Und hatte dabei wohl eine Form gewahrt, eine klare, natürliche Form, aus der auch eine Wirkung kam, die keineswegs böse und häßlich war. Nur hatte er nichts davon gewußt bis zu diesem Augenblick. Auch diese Unbewußtheit war durchaus natürlich gewesen, well sie nur ein Zeichen seiner starken und langen Jugend war. Jetzt aber war diese Jugend endgültig vorbei, und damit brachen Erkenntnisse über ihn herein, denen er zwar noch nicht gewachsen war, die ihn aber keineswegs umwerfen konnten. Er spürte, daß sich sein ganzes Leben verändern würde, aber zum Guten, Ueberlegenen, Reifen... Auf einmal wußte er, daß ein wesentlicher Abschnitt seines Dasein zu Ende war, und sein Abschied davon war ohne Bedauern. Vor ihm lag geöffnet ein neuer, erweiterter Teil mit noch unerforschten, verlockenden Grenzen, und er spürte, daß er sich hineinwagen konnte mit der gleichen Intensität wie früher, da er alle Maßlosigkeit in sich selbst erkannt und damit überwunden hatte ...
Als er sich von den Hunden abwandte, erblickte er Elisabeth unter der Tür des Hauses und las in ihren Augen, daß sie ihn schon länger beobachtet hatte. Er ging rasch auf sie zu, die Hand auf die rechte Seite gelegt, wo er wieder einen leisen Schmerz empfand.
„Es hat ihnen bester geschmeckt als mir!" sagte er, und Elisabeth sah erstaunt in sein wie von innen erhelltes Gesicht. „Ich bin ganz damit zufrieden. Denke dir: Ich habe etwas fehr Wichtiges entdeckt!"
„Was denn?"
„Daß ich viel älter geworden bin. So alt, wie ich wirklich bin. Bisher habe ich das nicht gewußt. Aber ich bin auch damit ganz zufrieden."
Elisabeth schüttelte besorgt den Kopf. „So kenne ich dich gar nicht, Ludwig."
„Das macht nichts, Lisa. Du wirst sehen, daß es richtig ist."
38.
Die Gastspielreise Ludwig Thieles wurde von Anfang an ein großer, von Stadt zu Stadt, von Vorstellung zu Vorstellung sich steigernder Erfolg, dessen hochstehende Wellen bis nach Berlin zurückschlugen. In Frankfurt, Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart waren die Theater Abend für Abend ausverkauft. Presse und Publikum feierten in Ludwig Thiele einen der urwüchsigsten und volkstümlichsten Schauspieler der Gegenwart. In München mußte das Gastspiel um eine Woche verlängert werden, was die Dispositionen Henschkes umwarf. Doch es gelang, die Tournee um einen vollen Monat zu erweitern, so daß Thiele erst kurz vor Weihnachten wieder in Berlin eintreffen würde.
Dazu tarn, daß in der Mitte des Monats November die beiden anderen Filme der Gloria-Corporation mit Ludwig zuerst in Berlin und. bann im ganzen Reiche gezeigt wurden. Sie behandelten ähnliche menschliche Themen wie jener erste. Nur war ihr Hintergrund diesmal die Kolonisation des amerikanischen Westens. Ludwig spielte darin einen Farmer, der mit einer Gruppe harter, entschlossener Männer auszog, um einen Teil der Steppen und Wälder am Fuß der Rocky Mountains urbar zu machen, der Zivilisation zu gewinnen. Wieder warteten Mutter und Braut auf ihn in einer Stadt des Ostens, bis er, nach Ueberroinbung harter Entbehrungen, über tägliche Gefahren, Kämpfe und Verrätereien hinweg, feinen Anteil errungen unb fest begrünbet hatte, sie zu sich holte mb mit ihnen gemeinsam weiterbaute. Eine einfache, gerablinige Hand- 'ung, bie roieber ganz auf seine Natur zugeschnitten war, voll von 'Dunnung und menschlichen Erschütterungen, dazu geschickt verbunden
mit interessanten Episoden aus jener heroischen Epoche der amerika- ;; nischen Geschichte. _ „ r ,
Direktor Grolman hatte sich nicht verrechnet. Der (Erfolg der drei Filme war in Europa ebenso groß wie vorher in den Bereinigten Staa- f ten, und der Name Ludwig Thiele rückte damit in die vorderste Linie der internationalen Filmdarsteller auf. In der Berliner Oeffentlichkeit wurden auch Stimmen laut, bie lebhaft beklagten, bah ein Schauspieler von diesem Format seit Monaten auf keiner Bühne zu sehen, sondern gezwungen war, in der Provinz zu gastieren. Elisabeth hatte ihren besonderen Triumph, als daraufhin Steinten bei ihr anrief und in ver< ; kindlichster Weise anfragte, auf welchen Termin er den „Wallenstein" im Deutschen Volkstheater ansetzen dürfe. Nach einer telephonischen Ber- tänöigung mit Ludwig, der noch in München war, wurde die Premiere auf den fünfzehnten Januar festgefetzt und der Termin in der gesamten Presse veröffentlicht. — >
, Unser Aufgebot ist erledigt. Morgen um zwölf Uhr müssen wir auf dem Standesamt sein!" sagte Billy am letzten Novembertag zu Elisabeth.
„Warum auf einmal fo eilig, kleine Billy?"
, Well wir sonst überhaupt nicht mehr dazu kommen. Auch Kern ist überzeugt, daß es die höchste Zeit ist. Sonst kommt Ludwig wieder da- zwischen und schiebt alles auf unbestimmte Zeit hinaus, namentlich jetzt, wo er ein weltberühmter Mann ist."
„Jetzt wird es also Ernst: Du läßt mich mit Isa allein?"
„Nein. Ich bleibe genau bis zu dem Tag, an dem Ludwig zurück- kommt. Bis dahin habe ich auch den richtigen Ersatz gefunden für Isa. Aber geheiratet wird morgen. Das steht fest. — Du bist doch mein Trauzeuge, Lisa, wie du es mir versprochen hast?"
„Natürlich. Morgen um zwölf Uhr. Wer ist denn der andere Zeuge?" „Franz Martin. Es hat lange gedauert, bis Kern ihn so weit hatte." „Wir werden ihn abholen, sonst vergißt er es womöglich." — Am dritten Tag nach dieser Hochzeit tarn aus Leipzig das Telegramm mit der Nachricht, daß Ludwig am Abend schwer erkrankt sei und daß man die Borstellung des „Götz von Berlichingen" nach dem dritten Akt hatte abbrechen müssen. Elisabeth verlor nicht die Fassung, aber plötzlich standen alle Besorgnisse, die sie in den letzten Monaten um Ludwig gefühlt hatte, mit verdoppelter Schärfe wieder vor ihren Augen. Sie hatte doch schon vor ihrer Abreise bemerkt, wie verändert er war. So still und beinahe abgeklärt.
Das war nicht mehr ber alte, sorglose Draufgänger gewesen. Also war seine Gesunbheit schon damals untergraben, wie sie ein paarmal mit jähem Schreck gedacht hatte, wenn er sich so schnell und scheinbar ohne inneren Widerstand in alles gefügt hatte? Unb sie hatte ihn abreisen lassen, ohne sich weiter Gebanken zu machen! Jetzt konnte sie sich ber Selbstvorwürse nicht mehr erwehren. Was war geschehen? Nur Klarheit, noch in der Nacht! Sonst würbe sie unter ber Last der Unsicherheit und ihrer Selbstanklagen zusammenbrechen.
Billy hatte mehr gewußt als.Elisabeth und hatte sich trotzdem täuschen lassen, zusammen mit Doktor Kern. Sie mußte bie Zähne zusammenpressen, um nicht laut auszuschreien beim Empfang dieser Nachricht. Handeln! Eingreifen! Wiedergutmachen, was sie versäumt hatte! Sofort! Sie hängte sich ans Telephon, und es gelang ihr, sowohl das Krankenhaus wie auch Konstantin zu erreichen, der Ludwig begleitet hatte. Nach einer Stunde hatte sie so viel erfahren, daß sich ein klareres Bild ergab.
Ludwig war kurz vor dem Schluß des dritten Aktes vor feinem Auftritt zusammengebrochen und erst nach einer Biertelftunbe unter den Händen des rasch herbeigeholten Theaterarztes wieder zu sich gekommen. Herzschwäche und ein allgemeiner nervöser Erschöpfungszustand, lautete die erste Diagnose. Dazu Schmerzen im Leib, die seine Ueber- führung ins Krankenhaus notwendig machten. Dort befand er sich zur Zeit in einem ruhigen Dämmerschlaf, verursacht durch eine sofort vor- genommene schmerzstillende Injektion.
Jetzt war es Elisabeth, die den Doktor Kern durch bas Telephon aus bem Schlaf weckte. Nachbem er erfahren hatte, was geschehen war, erklärte er sich sofort bereit, nach Leipzig zu fahren mit bem Frühzug, um ßubroig, wenn irgenb möglich, nach Berlin zu bringen. —
Am nächsten Bormittag betraten Elisabeth unb Doktor Kern die Leipziger Klinik. Während sie in einem Borzimmer warten mußte, hatte Kern eine längere kollegiale Unterhaltung mit dem diensttuenden Assistenzarzt. Die Auskunft war günstiger, als er befürchtet hatte. Die Schmerzen schienen zurückgegangen, nur eine große Schwäche war ge* blieben. Doch stand nach der Ansicht des Arztes einem Transport nach Berlin im Auto oder in der Bahn nichts im Wege, namentlich, da die notwendige Blutuntersuchung unb die Röntgenbilder hier noch nicht hatten gemacht werden können.
Kern ließ sich von ber Auffassung bes Leipziger Arztes, baß ber Anfall leichter, vorübergehenber Art fei, nicht beeinflussen. Er brängte barauf, ben Patienten sofort mit nach Berlin zu nehmen unb bem bekannten Internisten Professor Althosf zu übergeben. Erst nach weiteren Verhanblungen erhielt er bie Erlaubnis.
Unterdessen wurde Elisabeth von einer Schwester In Ludwigs Zimmer geführt. Er saß halb ausgerichtet in den Kissen, unb Elisabeth erschrak im tiefsten über bie Blässe unb Scharfzügigkeit feines Gesichts. Er streckte ihr bie Hanb entgegen unb versuchte, zu lachen.
„Ich habe roieber einmal etwas sehr Dummes angestellt. Bin einfach umgefallen unb weiß nicht einmal, wie bas gekommen ist. Jetzt aber fühle ich mich roieber ganz gut. Nur noch ein wenig blöbe von ber Injektion, bie sie mir gemacht Haden. Heute abend kann ich wieder spielen!"
„Unsinn, Ludwig! Du kommst mit uns nach Berlin!"
„Wie denkst du dir das? Ich kann doch nicht einfach aufhören. Ich bin verpflichtet ..." ...
„Du bist krank, Ludwig, ernstlich krank. Darum nehmen wir bin) mit nach Berlin."
,Zhr .. ? Wer benn noch?"
„Doktor Sern. Er ist mit mir gekommen." (Fortsetzung folgt.)


