Nummer 52
Montag, den 8. Juli
Jahrgang 1955
ch, das würde
ihm gelungen, sein Gewicht um einige Kilo zu I der Bart fehlte, schien er äußerlich bald wieder
ist zu nehmen. Es lag an ihm selbst, iderstandslos nach? Hatte er nicht bei
lick wieder auf einer Bühne zu stehen, ganz gleichgültig wo diese Buhne sich befand! Die Intendanten im Reich rissen sich Ärmlich um sein Auftreten bei ihnen. Ach, da würde er endlich wieder sich selbst suh en bis in den letzten Blutstropfen hinein und jenen himmlischen Rausch, der jedesmal über ihn kam, wenn er über den Hellen Streifen einer Rampe hinweg die Wirkung seiner Person in das weite, atemlos Ä'lS'S’fe. m-n°! Mi- ihm -m-n Eini-Ii. b-r ihn Io fahimerle, dah -r all- Unruhe und allen Aerger vergaß. Er sprang auf und ging rafch durch
GiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Es'ist gut, Lisa. Ich weiß, daß ich ein ganz dummer Junge bin. Slber schon der Gedanke machte mir plötzlich solchen Spatz... Wir wollen es lieber sein lassen." . , .,, ,, hl, «
Wie du willst, Ludwig. Du weißt, daß ich in allem zu dir halte.
Er nickte, legte seinen Mantel ab und ging in sein Zimmer. Sie wollte ihm folgen, zog es dann aber vor, ihn eine Weile allein zu lassen. Sie fürchtete sich vor der plötzlichen Schwermut in seinen Augen.
Ludwig warf sich aus den Diwan und sing an zu grübeln. Er wußte, daß Elisabeth ihm nicht den leisesten Borwurf machte, daß sie un Gegenteil bereit war, auf jeden Vorschlag von ihm einzugehen. Auch Billys Widerspruch brauchte er nicht ernst zu nehmen. Es lag an ihm. selbst. Warum gab er so schnell und widerstandslos nach? Hatte er nicht bei seinem Eintritt ins Haus die wahre Lust verloren gehabt? Warum hatte Cr Sich^zub^fragsn und über sich nachzudenken, war eine zu schwierige und ungewohnte Sache. Er muhte handeln sich bewegen irgend etwas tUn' Das war das einzige Gute für ihn. Wie er daraus brannte endlich wieder auf einer Bühne zu stehen, ganz gleichgültig wo diese Buhne firii befand' Die Intendanten im Reich rissen sich förmlich um sein
Uebermorgen fahre ich auf Tournee nach Frankfurt. Ich habe Lust, heute abend zu tafeln, und werde die Freunde einlaben!" antwortete er, aber nicht mehr mit der inneren Festigkeit, die ihn während der Fahrt Cr^iBiUn war hereingekommen und machte sich an dem Reh zu schaffen. Elisabeth schüttelte den Kops, und das Lächeln, das über ihr Gesicht flog, hatte etwas Unsicheres, Ablehnendes.
Das ist doch heller Unsinn, Ludwig, und eine maßlose Verschwendung!" sagte Billy und warf ihm einen strafenden Blick zu.
Run ja. Vielleicht habt ihr recht. Tatsächlich hab' ich auch schon die "richtige Lust nicht mehr. Es war ein Emfall. Aber brauchen tonnen wir das Tier immer. Wir können es ja auf Eis legen!" sagte Ludwig und schämte sich, daß seine Antwort beinahe kleinlaut ausgefallen war.
Elisabeth fühlte einen schmerzlichen Stich in der Brust, als sie sah, wie sein Gesicht sich verdüsterte. Sie nahm rasch feinen Arm und führte ihn nach oben. „Es ift ja nur darum, weil Kern es dir strikt verboten hat. Du hast bis jetzt mit so gutem Erfolg durchgehalten. Doch «ch verstehe dich, Ludwig, und bin gern bereit, alle deine Freunde dazu em=
wie unrecht er hatte. Lagerten nicht noch die schönsten Weine im Keller, von denen feit seiner Rückkehr kaum eine Flasche mehr auf den Tisch gekommen war? Und die schöne lange Tafel im Speisezimmer, die doch besonders dazu ausgesucht und geeignet war, hatte noch nie einer richtigen Schmauserei gedient, einer Thieleschen Schmauserei! — Ludwig spürte seinen Hunger ins Gigantische wachsen. Er preßte die Zähne auseinander und starrte mit hervorquellenden gierigen Augen auf das verschnürte Paket zu seinen Füßen. Zum Teufel mit aller Bedenklichkeit und klapprigen Vorsichtl Er krepierte ja bald vor Hunger, wie em Hund, wenn er so weitermachte! Elisabeth mußte das einsehen, und Doktor Kern mußte mithalten heute abend, zur Strafe! Es mußte ein großer Abend werden, ganz wie früher. Billy würde für das übrige sorgen wenn auch mit einem ernsten, stummen Gesicht. Ach, das würde sich schon ausheitern im Laus des Abends, und auch die eigene Laune würde endlich wieder dis auf einen Gipfel steigen! Fühlte er nicht schon jetzt einen Strom neuer Kraft in den Adern?
Selbstverständlich hatte Hubert recht. Er, Ludwig Thiele, brauchte sich nicht darum zu kümmern, was die anderen dachten und sagten. Er mußte so leben, wie er geschaffen war! Dann würde er als ein durchaus anderer seine Gastspielreise antreten und auf der ganzen Linie siegen, wie er immer gesiegt hatte, wenn er im Vollbesitz seiner Kraste war.
Doch als er das Haus am See erreichte, war der Schwung feines Entschlusses, der wie ein Rausch über ihn gekommen war, schon halb verflogen. Mit Konstantins Hilfe brachte er das Paket in die Küche, in der Elisabeth gerade der Köchin einen Auftrag erteilte.
„Was schleppt ihr denn da herein?" fragte sie mit überraschten, beinahe erfchreckten Augen. .
Ludwig ergriff ein Küchenmesser und zertrennte mit einem Schnitt die Schnüre, die die Umhüllung zusammenhielten. Sie fiel auseinander, und auf dem Küchentisch lag das Reh. Elisabeth stutzte und sah ihn
ut, daß Du da bist
ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1953 by August Seher! G m. b. «5-r Berlin
(Fortsetzung.)
37.
In den nächsten zwei Wochen zeigte sich Ludwig kaum in der Stadt. Er widmete sich ganz Elisabeth und dem Kind, seinem Haus und dem Garten, trainierte und hielt Diät. Noch viele Jahre spater, nach der Katastrophe, fühlte Elisabeth, wenn sie an diese stillen Herbsttage dachte, daß es die heitersten und glücklichsten ihrer Ehe gewesen waren. Dann sah sie ihn wieder vor sich, wie er mit seinen langen wiegenden Schritten durch die Zimmer ging, die Kleine auf dem Arm und eine leise Melodie auf den Lippen, die aus der „Zauberflöte" stammte und die er nach allen Seiten parodierte — oder wie er auf dem Balkon in feinem Liegestuhl sich ausstreckte und laut die Verse des Wallenstein lernte aus dem kleinen gelben Heft, das schon ganz aus den Fugen gegangen war unter den Griffen seiner mächtigen Hande — oder wie er zwischen Pitt und Fox durch den Garten schritt zum See hinab und mit den Hunden im Boot weit hinausruderte — oder wie er mit feinem Lachen und feiner Zuversicht einen der zahllosen Gläubiger abfertigte, die wieder heftiger herandrängten, sich aber zu ihrem eigenen Erstaunen nicht einmal ärgern konnten, daß sie wenig ober nichts bei ihm
Nur eine Beobachtung weckte in Elisabeth jene Gedanken und Besorgnisse wieder auf, die sie in der ersten Nacht nach seiner Rückkehr überfallen hatten und die sie inzwifchen vollkommen vergessen hatte
An diesem Tage rief in der Frühe der Agent Henschke °n unb bestellte Ludwig zu sich ins Büro, da seine Verhandlungen über die Gastspiel- tournee soweit gediehen waren, daß er Vertrage vorlegen konnte^ Ludwig fuhr mit Konstantin in die Stadt. Da er sich streng an die Diät gehalten hatte, war es ihm gelungen, sein Gewicht um em,ge Kilo zu vermindern, und da auch der Bart fehlte, schien er außer ich bald wieder der alte Thiele zu fein, wie etwa vor der Reife nach Hollywood. Daß er sich innerlich keineswegs wohlfllhlte, Derbarg er vor Hermann. Alle Versuche des Doktor Kern, ihn zu der Untersuchung durch den Professor zu bewegen, waren gescheitert.
Im Büro des Agenten am Potsdamer Platz unterschrieber mehrere Verträge die ihn verpflichteten, schon am Ende der Woche mit den Gastspielen zu beginnen, und zwar in Frankfurt am Main; dann in den jüddeutschen Städten, später in München, Leipzig und Dresden, worüber die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen waren. Sa Henfchke auch gute Gagensätze erzielt hatte, atmete Ludwig befriedigt auf und veriieß das Büro in einer heiteren, angeregten Laune, wie er sie lange "'^Die Potsdamer Straße war um diese Zeit derart überfüllt von' Fahrzeugen aller Art, daß Konstantin mit dem Wagen nur langsam vorwärts kam und jeden Augenblick zu kurzem oder längerem Halten gezwungen war. Ludwig im Rücksitz wurde ungeduldig. Bei einem neuerlichen Halt starrte er nach rechts aus d-ch Fenster unb fem B.ick fiel auf die Auslage eines Ladens voll von Wildbret Außen, links von der Eingangstür, hing ein aufgebrochenes, abgehautetes Rest
Ludwig der in den langen Wochen des Trainings und der Diät ei quälendes Hungergefühl nie ganz losgeworden war, uhlte einen iahen mächtigen Avvetit in sich erwachen beim Anblick des Rehs, das nu ba r a u mariete, zerteilt unb gespickt in den bampfenben Ost» geschoben zu werden. Er glaubte, den Duft der gebratenen Keulen, des m t Sahne übergossenen Rückens und der knusperigen Lause '" der Nase zu spuren und bas Wasser lief ihm im Munde Zusammen. Er wußte die Augen schließen, wie in einem Schwächeanfall. Der W^n h'elt noch immer, eingekeilt zwischen dem Trottoir und emem schweren Autobus, und
Lubwig" richtete sich mit einem pllMchen Ruck auf «ab Konstanttn ein Zeichen, zu warten, und flieg rasch aus. Mit dem Berkau er, der herauskam und das Reh vom Haken nahm, wurde er bald einig. Das Tier wurde eingepackt und in den Wagen getragen
Auf der Heimfahrt entwarf Ludwig tm Geist die Tafel für heute abend. Fort endlich mit den Süppchen unb Gemuschen dem Mmera - wasser und allen kleinen Portionen! Martm wurde er holen lass en, Hubert unb Bernau mit (einer blonben Inge ob J, „ft erfolgreich gegen bie Heirat wehrte? - unb ben Doktor Kern ewst verstänblich. Der bürste nicht fehlen! Der mußte zusehen und emf.hen,


