bo von Schwäher und Gegenschwäher und dergleichen Titeln! So fordere ich dich denn auf, Chäpper, im Schoße der Freundschaft zu erklären daß du mich in meinen Absichten unterstützen und dem Beginnen deines Sohnes enigcgentreten willst! Und nichts für ungut, nur kennen uns alle!
„Wir kennen uns das ift wohlgesprochen!'' sagte Hediger feierlich, nachdem er eine lange Prise geschnupft, „ihr wißt alle, welchen Unstern ich mit meinen Söhnen hatte, obgleich es rührige und aufgeweckte Bur scheu find! Ich lieh sie lernen, alles was ich wünsche selber gelernt zu habe». Jeder kam,le etwas Sprachen, machte feinen guten Aufsatz, rechnete oonrefflich und besaß in übrigen Kenntnissen hinreichende An- fangsgrünoe, um bei einigem Streben nie mehr in völlige mutfaufinten. Gott sei Dank, dachte ich, daß mir imstande sind, endlich unsere Buben zu Bürgern zu erziehen, denen man kein X mehr für em U vormachen kann. Und ich ließ darauf jeden das Handwerk lernen, das er sich wünschte Aber was geschieht? Kaum hatten sie den Lehrbrief in der Tasche und sich ein wenig umgesehen, so wurde ihnen der Hammer zu schwel, sie dünkten sich zu gescheit für das Handwerk und fingen an den/ Schreiberstellen nachzulaufen. Weiß der Teufel, rote sie es 9nur machten, die Schlingel gingen ab wie frische Wecken! Kun man kann sie, scheint's, brauchen! Einer ift auf der Post, zwei sind bei Eisen- bahngesellschaften angestellt, und der vierte hockt auf einer Kanzlei und behauptet ein Lerwaltungsbeamter zu fein Kann mir am Ende gleich fein! Wer nicht Meister sein will, muh eben Gesell bleiben und Vorgesetzte haben sein Leben lang! Allein da ihnen Geldsachen durch die Hände gehen, muhten die sämtlichen jungen Herren Schreiber Burgen stellen- ich selbst habe kein Vermögen, also habt ihr alle wechfelroerse meinen Buben Bürgschaft geleistet, die sich ineinander gerechnet auf vier- siatausend Franken beläuft, dazu waren die alten Handwerker, die Freunde des Vaters, gut genug! Und wie meint ihr nun, dah mir zu Mute fei? Wie stehe ich euch gegenüber da, wenn nur einer von allen vieren einmal einen Fehltritt, einen Leichtsinn, eine Unvorsichtigkeit ^^Papperlapapp!" riefen die Alten, „schlag dir doch dergleichen Mucken aus" dem Sinn! Wenn die Burschen nicht brav wären, so hätten wir nicht gebürgt, da sei ruhig!"
„Das weiß ich alles!" erwiderte Hediger; „aber das Jahr ist lang und wenn es vorbei ist, kommt wieder ein anderes. Ich kann euch versichern ich erschrecke jedesmal, wenn einer mit einer feineren Zigarre mir ins Haus kommt! Wird er nicht dem Luxus und der Genuhfucht anheimfallen? denke ich. Sehe ich eine der jungen Frauen mit einem neuen Kleid einherziehen, so fürchte ich, sie stürze den Mann m üble Umstände und Schulen; spricht einer auf der Straße mit einem verschuldeten Menschen, so ruft es in mir: Wird der ihn nicht zu einer Unbesonnenheit verführen? Kurz, ihr seht, daß ich mich demütig und abhängig genug fühle und weit entfernt bin, mich noch einem reichen Gegenschwäher gegenüber in Dienstbarkeit zu versetzen und aus einem Freunde einen Herren und Gönner zu schaffen! Und warum soll ich wünschen, dah mein junger Schnaufer von Sohn sich reich und geborgen fühle und mir mit dem Hochmut eines solchen vor der Nase herumlaufe, er, der noch nichts erfahren? Sollte ich helfen, ihm die Schule des Lebens zu verschließen, dah er schon bei jungen Jahren ein Hartherziger, ein Flegel und ein Lümmel wird, der nicht weiß, wie das Brot wächst, und noch wunder meint, was er für Verdienste besitze? Nein, fei ruhig, mein Freund! hier meine Hand darauf! Nichts von Schwäherschaft, fort mit dem Gegenschwäher!"
Die beiden Alten schüttelten sich die Hand, die übrigen lachten und Bürgi faate: „Wer würde nun glauben, dah ihr zwei, die in der Vaterlandssache erst fo weise Worte geredet und uns die Köpfe gewaschen habt, nun. im Umsehen so törichtes Zeug beginnen würdet! Gott sei Dank! So habe ich also doch noch Aussicht, meine zweischläsige Bettstelle an den Mann zu bringen, und ich schlage vor, dah wir sie dem jungen Pärchen zum Hochzeitsgeschenk machen"!
„Angenommen!" riefen die andern vier, und Pfister, der Wirt, fügte hinzu: „Und ich verlange, dah mein Faß Schweizerblut an der Hochzeit getrunken werde, der wir alle beiwohnen!"
„Und ich werde es bezahlen, wenn sie stattfindet", schrie Frymann zornig, „aber wenn nichts daraus wird, wie ich sicher weih, so bezahlt ihr das Fah, und wir trinken es in unfern Sitzungen, bis wir fertig sind!" — „Die Wette ist angenommen!" hieß es; doch Frymann und Hediger schlugen mit den Fäusten auf den Tisch und wiederholten in. einem fort: .Nichts von Schwäherschaft! Wir wollen feine Gegenschwäher fein, sondern unabhängige gute Freunde!"
Mit diesem Ausruf war die inhaltreiche Sitzung endlich geschlossen und die Freiheitsliebenden wandelten fest und aufrecht nach Haxste.
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Beim nächsten Mittagessen eröffnete Hediger, als die Gesellen fort waren, seinem Sohne und seiner Frau den feierlichen Beschluß von gestern, daß zMchen Karl und des Zimmermanns Tochter fortan kein Verhältnis mehr geduldet würde. Frau Hediger, die Büchsenfchmiedin, wurde durch diesen Gewaltspruch so zum Lachen gereizt, daß ihr das Nestchen Wein, welches sie eben austrinken wollte, in die Luftröhre geriet und ein gewaltiges Husten verursachte.
„Was ilt da zu lachen?" sprach ärgerlich der Meister; seine Frau erwiderte; „Ach.- ich muß nur lachen, d»h das Sprichwort: Schuster bleib beim Leisten! auch auf eueren Verein anzuwenden ist! Was bleibt ihr nicht bei der Politik, statt euch in Liebeshändel zu mischen?"
„Du lachst rote ein Weib und sprichst wie ein Weib!" versetzte Hediger mit großem Ernst, „eben in der Familie beginnt die wahre Politik; freilich sind mir politische Freunde; aber um es zu bleiben, wollen wir nicht die ft: mitten durcheinandcrrocrfen und Kommunismus treiben mit dem Reichtum der einen. Ich bin arm und Frymann ift reich und so soll es bleiben, um so mehr gereicht uns die innere Gleichheit zur Freude.
Soll ich nun durch eine Heirat meine Hand in sein Hans und in seine Angelegenheiten stecken und den Eifer und die Befangenheit wachrufen? ^°S * ei6 eif das sind doch wunderbare Grundsätze!" antwortete Frau Hediger; „schöne Freundschaft, wenn ein Freund dem Sohne des andern eine Tochter nicht geben mag! Und feit wann heißt es denn Kommunismus wenn durch Heirat Wohlhabenheit in eine Familie gebracht wird? Ist das eine verwerfliche Politik, wenn ein glücklicher Sohn em schönes u>id reiches Mädchen zu gewinnen weiß, daß er dadurch zu Besitz und Ansehen gelangt, seinen betagten Eltern und seinen Brudern zur Hand sein und ihnen helfen kann, dah sie auch auf einen grünen Zweig kommen? Denn wo einmal das Glück eingefehrt ist, da greift es leicht um sich, und ohne daß dem einen Abbruch geschieht, können die andern tu einem Schatten mit Geschick ihre Angel auswerfen. Nicht, daß ich es auf ein Schlaraffenleben absehe! Aber es gibt gar viele Falle, wo mit Anstand und Recht ein reich gewordener Mann von feinen unbemittelten Verwandten mag zu Rat gezogen werden. Wir Alten werden nichts mehr bedürfen; dagegen könnte vielleicht die Zelt kommen, wo dieser oder jener von Karls Brüdern eine gute Unternehmung, eine glückliche Veränderung wagen möchte, wenn ihm jemand die Mittel an- vertraute. Auch wird der eine und andere einen begabten Sohn haben, der sich in die Höhe schwingen würde, wenn das Vermögen da wäre, ihn studieren zu lassen. Der würde vielleicht ein beliebter Arzt werden, der ein angesehener Advokat oder gar ein Richter, der ein Ingenieur ober ein Künstler, und allen diesen würde es dann, einmal so weit ge« kommen, wiederum ein Leichtes sein, sich gut zu verheiraten und so zuletzt eine angesehene, zahlreiche und glückliche Familie zu bilden. Was wäre nun menschlicher, als daß ein begüterter Oheim da wäre, der ohne sich Schaden zu tun, seinen rührigen, aber armen Verwandten die Welt auftäte? Denn wie oft kommt es nicht vor, daß um eines Glücklichen willen, der in einem Hause ift, auch alle andern etwas von der Welt erschnappen und klug werden? Und alledem willst du den Zapfen vorstecken und das Glück an der Quelle verstopfen?"
Hediger lachte voll Verdruß und rief: „Luftschlösser! Du sprichst wie die Bäuerin mit dem Milchtopf! Ich sehe ein anderes Bild von dem reich Gewordenen unter armen Verwandten! Der läßt sich allerdings nichts abgehen und hat immer tausend Einfälle und Begierden, die ihn zu tausend Ausgaben veranlassen und die er befriedigt. Kommen aber seine Eltern und seine Brüder zu ihm, geschwind setzt er sich wichtig und verdrießlich über sein Zinsbuch, die Feder quer im Munde, seufzt und spricht: .Danket Gott, daß ihr nicht den Verdruß und die Last einer fvlchen Vermögensverwaltung habt! Lieber wollt' ich eine Herde Ziegen bewachen, als ein Rudel böswilliger und saumseliger Schuldner! Nir- Sends geht Geld ein, überall suchen sie auszubrechen und durchzu- hlüpfen, Tag und Nacht muß man in Sorgen sein, daß man nicht gröblich betrogen wird! Und kriegt man einen Schuft beim Kragen, fo hebt er ein folches Gewinsel an, daß man ihn nur schnell wieder muß laufen lasten, wenn man nicht als ein Wucherer und Unmensch will verschrien werden. All« Amtsblätter, alle Tagfahrten, alle Ausschreibungen, alle Inferate muh man lesen und wieder lesen, um nicht eine Eingabe zu versäumen und einen Termin zu übersehen. Und nie ist Geld in der Kasse! Zahlt einer ein Darlehen zurück, so stellt er sein Geldsäckchen in allen Schenken auf den Tisch und tut dick mit seiner Abzahlung, und eh' er aus dem Hause ist, stehen drei da, die das Geld haben wällen, einer davon sogar ohne Unterpfand! Und dann die Ansprüche der Gemeinde, der Wohltätigkeitsanstalten, der öffentlichen Unternehmungen, der Subskriptionslisten aller Art — man kann nicht ausweichen, die Stellung erfordert es; aber ich sage euch, man weiß oft nicht, wo einem der Kopf steht! Dies Jahr bin ich gar in der Klemme, ich habe meinen Garten verschönern lasten und einen Balkon gebaut, die Frau hat es schon lange gewünscht, nun sind die Rechnungen da! Mir ein Reitpferd zu halten, wie der Arzt schon hundertmal geraten, daran darf ich gar nicht denken, denn immer kommen neue Ausgaben dazwischen. Seht, da hab' ich mir auch eine kleine Kelter bauen lasten von neuester Konstruktion, um den Muskateller zu pressen, den ich an den Spalieren ziehe — hol mich der Teufel, wenn ich sie dies Jahr bezahlen kann! Nun, ich habe gottlob noch Kredit!' So spricht er und schüchtert, indem er noch eine grausame Prahlerei damit zu verbinden weiß, seine armen Brüder, seinen alten Vater ein, daß sie ihr Anliegen verschweigen und sich nur wieder sortmachen, nachdem sie seinen Garten und seinen Balkon und seine sinnreiche Kelter bewundert. Und sie gehen zu fremden Leuten, um Hilfe zu suchen und bezahlen gern höhere Zinsen, um nur nicht so viel Geschwätz hören zu müssen. Seine Kinder sind sein und köstlich gekleidet und gehen elastisch über die Straßen; sie bringen den armen Vetterchen und Böschen kleine Geschenke und holen sie alljährlich zweimal zum Essen, und es ist dies den reichen Kindern ein großer Jux; aber wenn die Gäste ihre Schüchternheit verlieren und auch laut werden, so füllt man ihre Taschen mit Aepfeln und schickt sie nach Hause. Dort erzählen sie alles, was sie gesehen und was sie zu essen bekommen haben, und alles wird getadelt; denn Groll und Neid erfüllt die armen Schwägerinnen, welche nichtsdestoweniger der wohlhabenden Person schmeicheln und deren Staat rühmen mit beredten Zungen. Endlich kommt ein Unglück über den Vater oder über die Brüder, und der reiche Mann muß nun wohl oder übel, des Gerüchtes wegen, vor den Riß stehen. Er tut es auch, ohne sich lange bitten zu lassen; aber nun ist das Band brüderlicher Gleichheit und Liebe ganz zerrissen! Die Brüder und ihre Kinder sind nun die Knechte und Üntertancntinber des Herren; jahraus und ein werden sie geschulmeistert und zurechtgewiesen, in grobes Tuch müssen sie sich kleiden und schwarzes Brot essen, um einen kleinen Teil des Schadens wieder einzubringen, und die Kinder werden in Waisenhäuser und Armenschulen gesteckt, und wenn sie stark genug sind, müssen sie arbeiten im Hause des Herrn und unten an seinem Tische sitzen, ohne zu sprechen."
(Forstetzung folgt.)
lLeranlivorüich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag:'Lrühl'sche Univ ersitälS-'Duch- und Steindrucker ei, 2d. Lange, Gießen.


