Ausgabe 
8.4.1935
 
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trockene Erde in Rissen auseinandergesprengt, uni manche hatten ganze Schollen von ihrer Gruft heruntergewälzt, wie di« Auserstehenden auf den Bildern des Jüngsten Gerichtes. Bald waren sie so groß geworden, daß ich sie durch das Fenster meines Arbeitszimmers mit bloßem Auge er­kennen konnte, von meinem Schreibtisch aus, an dem ich nun freilich nur noch faß, um Sonderangebote in Begonien, Gladiolen und Sommerflor zu studieren.

Aber eines Morgens, das Gras funkelte und blitzte vom warmen Regen, der in der Nacht gefallen war, und die Erde rauchte noch leichi mit weißen Schwaden, da hatten viele der jungen Stengel ihre Blätter verloren, und andere hatten nur noch eines, oder sie waren ihnen ange- biffen und ausgenagt bis auf die Mittelrippe. Nun fah ich auch die Tiere, die das getan: rehbraune und fuchsrote Schnecken waren es, nackt, ohne Haus, geschmeidig wie Panther, und andere, doppelt und dreimal so lang und pechschwarz, die satt und träge in den Schatten des hohen Grases zogen. An mancher Pflanze aber hatte sich so ein Untier immer noch nicht zur Genüge gesättigt: an den Stamm geschmiegt wie eine Schlange bäumte es sich mit Haupt und Nacken auf, um oben an den zarten Blättern zu saugen und zu schlingen. Das Stämrnloin erbebte, die Blätter er­zitterten, und das Tier spannte sich und wiegte sich hin und her vor Lust, und ich mußte an den Marder denken, der seiner zuckenden Beute das Blut aussäuft.

Damals ahnte ich zum erstenmal, daß auch der Frieden eines kleinen Gartenbeetes von ttügerifcher Natur ist, und daß es widerhallt in der Dunkelheit von den kleinen Schreien der geängstigten und gequälten Pflanzen, die wir nicht zu hören vermögen, und von dem Triumph aller der Würger und Mörder, die da umgehen, und die ich erst allmählich kennenlernen sollte und hassen bis auf den Tod, die Schnecken, Ohrwürmer, Raupen, Blattläuse und Wühlmäuse; und da ich auch heute noch nicht weiß, wozu gerade Schnecken gut sind und in der Welt sein müssen, so erscheinen sie mir in ihrer schlangenhaften, scheußlichen Gestalt mit den runden Mäulern und den spitzen Hörnern auf den kleinen bösen Häuptern oftmals wie die Teufel selber im Sselenreich der Blumen und Pflanzen.

Ich habe sie dann aber doch bekämpfen gelernt mit Salz und Gift, mit Zangen und Fallen, mit kochenden und ätzenden Wafsern, und ein kleines lichtes Wäldchen von schlanken Sonnenblumen ist mir doch am Zaune groß geworden, noch in diesem Sommer, und auch ein paar Beete mit Löwenmaul und Nelken, die ich selber gesät und gepflanzt, und auch eines mit Rosen und mit den unerschöpflichen Wundern des königlichen Rittersporns, des Fingerhutes und des vielfarbigen Phlox, der süß duftet und auch in der Nacht seine Farbe nie ganz verliert. Ich habe erfahren dürfen, daß die Erde wirklich ein lebendiges Element ist, von zauberischen Mächten erfüllt, und wenn ich es auch wohl niemals erfahren werde, wie das eigentlich zugehen soll, daß eine Pflanze Schönheit und Duft aus einer Masse von ungezählten winzigen Erdkörnchen zu saugen vermag, von denen sie doch kein einziges wirklich verzehrt ober auch nur anbeißt, wie wir den Apfel anbeißen, der uns Nahrung geben soll, so nenne ich mich doch schon zuweilen einen alten Gärtner. Das ist im Ernst gesprochen; ich habe ja auch welche gekannt und bin selber unter ihnen gewesen, Ne sich nach sieben Tagen Gefecht in Flandern alte Krieger nannten, ihre Mütze schief klappten und Korporal zu ihrem Unteroffizier sagten. Sie hatten damit auch recht, denn das Wichtige im Leben ist ja die Begegnung und nicht ihre Dauer. Aber damals iftxes der Tod gewesen, und nun ist es das Leben selbst, dem ich begegnen darf in meiner Garten­lust, vom ersten Märzenlicht bis in die blasse Novembersonne hinein, ein Leben unerschöpflich, schuldlos und schön. Wie sollte ich mir zu solchem Begegnen nicht auch Dauer wünschen, solange ich mich seiner mit bem Herzen und ollen dankbaren Sinnen überhaupt noch zu erfreuen vermag?

Wilhelm von Humboldt.

3u seinem 100. Todeslage am 8. April.

Bon Dr. Georg Böse.

Wilhelm von Humboldt war eine der glanzvollsten Erscheinungen der deutschen Geistesgeschichte im 19. Jahrhundert. Seine Bildung war so umfassend, Ne Bielfalt seiner Begabung so groß und sein Leben so reich an Geschehnissen und Begegnungen mit den bedeutendsten Männern seiner Zeit, daß man fein Wesen und Dasein als eine seltene Verkörperung edelsten und erfülltesten Menschentums empfindet, auch wenn man weiß, daß ihm Spannungen und Enttäuschungen, Verzicht und Verbitterung nicht erspart blieben, und wenn ihm auch Ne weit ausholende Tat versagt war. Den Lebenslauf Wilhelm von Humboldts zu schildern, heißt eine Gesamtdarstellung der Geschichte der deutschen Bildung zu Anfang des vorigen Jahrhunderts und des geistigen Hintergrundes, von dem sich Ne preußisch-deutsche Polittk Neser Zeit abhob, in ihren Umrissen geben, so sehr war dieser außerordentliche Mensch mit allen Ereignissen verknüpft, Ne das Gesicht der deutschen Kultur in den Jahren von 1790 bis 1833 geprägt haben. Er war eine der letzten Verwirklichungen des Universalmenschen und auf den verschiedensten Gebieten fruchtbar und in schöpferischer Selbsttätigkeit tätig.

Humboldt war ein Altertumsforscher von ungewöhnlichem Wißen, der gemeinsam mit Friedrich August W o lf die ersten Grundlagen einer modernen, das Ganze des antiken Lebens umspannenden Alter­tumswissenschaft geschaffen hat. Er war ein Uebersetzer von Rang und Ansehen, und durch seine Arbeiten vor allem durch sein klassiches Buch über die Kawisprache auf der Insel Java gilt er als einer der Bahnbrecher der neuen vergleichenden Sprach wissen cha st. Auch als Aesthe liker und Kritiker hat er gewichttge Leistungen hinterlaßen; seine Abhandlung über GoethesHermann und Dorothea" hat ihren Wert als Vorbild tief einbringender Kritik unter höchsten Gesichtspunkten bis auf die Gegenwart bewahrt. Als S t a a t s p h i l o s o p h hat er in seinem Versuch,Ne Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", einen wesentlichen Beitrag zur Auseinandersetzung über eine der wich­tigsten Fragen der Gesellschafts- und Staatswißenschaften gegeben. Endlich war Humboldt auch der Natursorschung nicht fremb. Mit allen

Strömungen der Literatur und der Kunst war er aufs engste vertraut, prüfend, beratend und selber bestimmend, immer mit einem sicheren Blick für das Echte im geistigen Schaffen und mit einer edlen Leidenschaft, der die ganze Weite der Welt offenftanb, und Ne doch im tiefsten Innern Volkstum und Vaterland die Treue hielt. Auch als Staatsmann hat Hum- bolNs Einfluß in weite Kreise gewirkt. Er hat die Geschäfte Preußens in Rom, Wien und später kurze Zeit in London geführt, er hat an den Verhandlungen des Wiener Kongresses teilgenommen und sich dort für die preußischen Ansprüche eingesetzt. Allerdings geht von dieser Seite seiner Tätigkeit nicht die umstürzende Gewalt aus, mit der ein Freiherr vorn Stein die Reform des Saates und feiner Verwaltung in Angriff nahm, dazu fehlten ihm wohl die feste Hand und die UnbeNngtheik des in jedem Augenblick zum Einsatz bereiten Realpolitikers.

In dem bunten Bild einer fo reichen Begabung und so mannigfaltiger Fähigkeiten sucht man nach dem eigentlichen Mittelpunkt seines Wesens und seines Schaffens, das mehr noch als großartiges menschliches Doku­ment denn als geschichtlich sichtbare Leistung unsere Liebe und Achtung verdient. In einem Brief an Forster Hal Wilhelm von Humboldt einmal selber den Schleier gelüftet, der über Richtung und Sinn feines Lebens ausgebreitet ist:Mir heißt ins Große und Ganze wirken, auf den Cha­rakter der Menschheit wirken, und darauf wirkt jeder, sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt." S. 2t. Sa e t) I e r fügt in feinem ausgezeichneten, bei R. Oldenbourg erschienenen BuchWilhelm von Humboldt und der Staat" deutend und erklärend hinzu:Der Erlebnishunger, der Trieb, ,die Welt in ihren mannigfaltigsten Erscheinungen in seine Einsamkeit zu ver­wandeln', als Keim von vornherein in ihn gelegt, ist langsam nur und stufenweise dem jungen HumbolN als bestimmende Kraft seines Lebens bewußt geworden. Nicht blitzartiges Erfaßen, sondern eine merkwürdige Neigung zu unablässiger Selbstbettachtung hat ihm Ne Entdeckung der schlummernden Fähigkeiten eingetragen. Nicht Intuition, sondern Reflexion war seine Gabe und wurde feine Bestimmung."

Zu feinen größten Bildungsmitteln dieses Wort in weitestem und tiefstem Sinne verstanden rechnete Humboldt bezeichnenderweise die Freundschaft mit den großen Menschen seiner Zeit, und in der Lebens­und Jdeengemeinschaft mit ihnen hat er sein Bestes gegeben. Deshalb haben auch feine Briefe einen unvergänglichen Wert. Seine Iünglingstage stehen unter dem Zeichen der Freundfchaft mit dem genialen Georg Forster, und in der Zeit feiner Reife ist er ganz von dem Freund­schaftsbündnis mit Schiller erfüllt. Außer Goethe hat kaum jemand so tief in die Entwicklung Schillers eingegriffen wie Wilhelm von Hum­boldt. Er hatte für die Persönlichkeit und das Werk des Dichters das feinste Verständnis, und es muß als eines feiner großen Verdienste ange* sprachen werden, daß er ihn in den wichtigsten Abschnitten feines Schaffens beratend und zustimmend begleitete und in ihm den Entschluß bestärkte, seine Kräfte dem Drama zu widmen. Der Brief vom 16. Oktober 1795, in dem er Schillers Zweifel an feinem Dichterberuf zerstreute, ist eines der schönsten Zeugnisse der Kameradschaft gleichgestimmter Geister. Nach dem Tode des Dichters, den HumbolN nie ganz verschmerzen konnte, ver­tieften sich seine Beziehungen zu Goethe, der diesen großen und vielseitigen Mann und fein klares Urteil wohl zu schätzen wußte. Aus Humboldts Schilderungen über den Weifen von Weimar aber geht deutlich hervor, daß er einer der wenigen war, die mit der alten Exzellenz auf gleichem Fuße verkehrten, und die sich die Selbständigkeit ihrer Anfchauung gegen­über feiner übermächtigen Autorität erhielten.

Die Persönlichkeit Humboldts ist oft mißdeutet worden. Seine Gering- Schätzung alles Langweiligen, Platten und Oberflächlichen hat man als verletzende Kühle und abweisenden Hochmut erklärt, und doch waren sie nur die Mauer, hinter der er den Quell feiner großen Güte und echten Menschenliebe vor jeder Trübung zu bewahren suchte. Aus den Berichten vieler Zeitgenossen geht hervor, daß um ihn eine oft herbe und undurch­dringliche Luft war, Friedrich von G e n tz sprach von dem Dämonischen in feiner Natur, und tatsächlich ist nichts falscher, als in HumbolN einen von vornherein harmonisch gestimmten Menschen zu sehen, in dem alle Fähigkeiten und Neigungen ohne Widerstreit heranreiften.

Das prägt sich vor allem in dem Abschnitt seines Lebens aus, den man die Wendung zum Staat nennen könnte Während der römischen Jahre vollzog sich Ne Wandlung von einer Weltanschauung, Ne vor­nehmlich von dem Trieb zum edlen Genießen bestimmt war, zu einer Grundstimmung der Schicksalsbereitschaft. Ein halbes Jahr nach dem Tode des ältesten Sohnes äußerte er sich:Ich weiß sehr wohl, daß unser Leben von jetzt an nicht mehr so glücklich sein kann. Es ist einmal in feinem Innern gestört. Aber es kommt nicht eigentlich darauf an, glücklich zu (eben, sondern fein Schicksal zu vollenden und alles Menschliche auf feine Werse zu erschöpfen." Nun erst erwies sich Humboldts ganze Größe, und er fand den Mut,mit einer Art schonungsloser Kühnheit ins Leben ein­zugreifen und es auszuleben." Sein Eintritt in den Staatsdienst bedeutete zugleich die Ueberwindung einer romantisierenden Haltung, und wenn dieser Schritt nicht ohne Hemmungen und durchaus im Bewußtsein des Opfers erfolgte, so mindert das den sittlichen Wert Neser Wendung keineswegs herab.

Die Berufung in die staatliche Kulturpolitik, in der er den feiner Bil­dung am meisten entsprechenden Wirkungskreis finden konnte, und in der er auch tatsächlich eine bedeutende schöpferische Leistung vollbrachte, ist Humboldt nicht ohne Zögern gefolgt, und trotzdem sind die kaum andert­halb Jahre vom März 1809 bis Juni 1810 der Höhepunkt seiner amtlichen Laufbahn, wenn ihm später auch weit höhere Ehren zuteil wurden. Jetzt konnte er endlich zur Gestaltung der Wirklichkeit Vordringen.Ich habe mir immer gedacht, es müsse zwei Arten von Menschen geben, eine, die Ideale schüfe ... die andere, welche die Wirklichkeit dem Ideal näher­brächte." Früher war es ihm gefährlich erschienen. NeFunktionen beider zu vermischen, der reife Humboldt aber besaß die Berantroortungsftärte, um eine Idee der Wissenschaft in der Organisation der wißenschaftlichen 2tnftalten in Preußen sichtbar zu machen."

Kurz vor der Rückkehr nach Deutschland zum Mitglied der Berliner Akademie gewählt, benutzte der neueChef der Gelehrsamkeit" seinen (Eintritt in diese Körperschaft, um in kurzen Worten anzudeuten, welche