sahen sich ängstlich und fragend an. Dann zog der Sohn die Magd neben sich weder.en bem toten Großvater und redeten vom Leben.
Sie wußten sich rein von Frevel, denn der Alte hatte ihnen ja freund- 114 EH.es' Tages° schreckten sie wohl sehr zusammen. Aber das seltsame Geräusch entstand daher, weil dort in der tiesdunklen Ecke die Russe, die zu einem Haufen geworfen waren, auseinanderrieselten.
Ein ungewöhnliches Tauwetter fiel ein, der warme Jauk fraß den ^^Endlich war es eines Tages so weit, daß die Bauern von den einschichtigen Höfen einen schmalen Weg herab auspflügen konnten Sie taten es gemeinsam, und unten bei dem Wegkreuz, wo ein anderer schön betretener Weg vorübersührte, atmeten sie erleichtert auf. In der Sternen- nacht stiegen sie wieder zu ihren Huben empor. .
Run war auch der Tag da, an dem sie den toten Großvater m die Erde legen konnten. _ ..
Sohn und Knecht holten den Sarg vom Dachboden und legten chn auf den Schlitten in das Stroh. Dann banden sie ihn mit Stricken fest, damit er auf dem abschüssigen Wege nicht nach vorwärts ins Gleiten täme. Und so brachten sie ihn zum Wegkreuz, wo der Pfarrer wartete und den Toten einsegnete. Dann hatten sie immer noch einige Stunden zu gehen, bis sie in das Kirchdorf hinabkamen ...
Als die Hausleute im Juchhofe am Abend zum Rosenkranz beisammensaßen, war es ihnen, als seien sie nicht mehr vollzählig, ass habe sie jemand verlassen.
Am Tage nach dem Begräbnis erwartete der Sohn die Magd wieder auf dem Dachboden.
Der Raum war ihnen auf einmal fremd und unheimlich geworden. Aks sie noch daran waren, sich innerlich zurechtzufinden, hörten sie Schritte auf der Stiege. Sie drängten sich ganz in den Winkel, den Hausmauer und Dach bildeten.
Der Bauer kam und schaute nach dem Nußhaufen; die zwei Versteckten vernahmen, wie er die geprüften Früchte aus der Hand niederfallen ließ. Zwei Tage später, zur nämlichen Stunde, kam die Bäuerin und spannte einige Stricke, um die Wäsche darauf zu hängen.
Sohn und Magd mußten lange in ihrem engen Versteck Laut und Bewegung bezwingen. Nun kam vielleicht einmal’ der Knecht, irgend etwas zu suchen, und die Tochter, um nach der Wäsche zu sehen. Sohn und Magd wagten es nicht mehr, sich auch von diesen stören zu lassen. Sie verrichteten schweigend nebeneinander ihre Arbeit. Nur einmal am Brunnen, als sie die Wäsche auswand und er das Pferd tränkte, sagte sie:
„Cs ist nur schad, daß der Vater der Bäuerin schon im vorigen Jahr gestorben ist. Es wird wieder schneien."
Bimini und Malatesta.
Von Wilhelm Hausen st ein.
Sigismondo Malatesta, Tyrann von Rimini im 15. Jahrhundert, befahl, die Marmorblöcke, mit denen die Römer ihren Hafen Adininum mächtig und sauber ausgebaut hatten, wegzureißen, und gab die schönen Quader den Künstlern, die in Rimini die reinste Fassade der italienischen Renaissance zu errichten angestellt waren: den Tempio Malatestino. Und wahrlich ist er ein heidnischer Tempel, ob auch mitten in der katholischen Christenheit, keine Kirche. Auf diese Weife hat ein Tyrann der italienischen Renaissance den schönen Hafen von Rimini in eine Kirche verwandelt, die keine ist.
Betritt man, vom Bahnhof kommend, die heiße Stadt, fo findet man sich alsbald im Angesicht des malateftianifcfjen Tempels. Das weihe Marmor vom Hafen, der Beutemarmo^ aus Kriegs- und Raubzügen, ist zu Fenster- und Torbogen römischen Stils, zu korinthischen Säulen, zu klaren Wänden antiker Haltung, zu schweren klassischen Gesimsen neu gebildet und mit roten und grünen Stücken ausgeziert.
Unter sieben Bogen ruhen sieben Sarkophage aus weißem Marmor, mit der vollkommenen Schwere und Schlichtheit römischer Form sich darstellend. Sie tragen lateinische Inschriften, denen die vollendete Würde römischer Epigraphik gegeben ist.
Die Sarkophage bergen, im 15. Jahrhundert gemeißelt und auf- gestellt,. die Gebeine von Männern, die den literarischen Hof des Tyrannen ausmachten. Es ist wohl gesagt worden, Sigismondo Malatesta habe den verzehrenden Ehrgeiz getragen, auf dem Boden des kleinen Rimini das zu fein, was Augustus auf dem Boden des großen Rom gewesen ist. Die Sarkophage am Tempel des Malatesta zeugen davon; der Tempel selbst tut es. Und siehe, am Rande der Stadt, wo sich die Häuser des reicheren Bürgers von denen der ärmeren scheiden, schimmert >m Licht der alt-neuen Sonne ein römisches Tor! Es ist das Triumphportal des Augustus aus dem Jahre 27 v. Ehr. Nähertretend dieser klaren und doch so geheimnisvollen Wirklichkeit, entziffern wir das berühmte „Senates Populusque..." Den schweren Bogen zieren die verwitterten Marmorhäupter des Jupiter und der Juno, dazu die Köpfe von Stieren und naiv wuchernd, rührend hervorgewachsen zwischen den Fugen der Hausteine allerhand Gräser, Unkräuter und Blumen ... Mit Backstein- zlnnen hat ein spätes Jahrhundert den antiken Bogen wehrhaft gemacht.
Von selbst zieht uns der Weg zum anderen Ausgang der Stadt. Wir wandern durch die lebhafte Menge der Bürger, die auf den Plätzen unö auf der Hauptstraße ihre improvisierten Börsen abhalten, und wir gelangen, ohne zu suchen, an den Fluß, den römischer Marmor über« brmft. Es 11 die Brücke, die bald den Namen Augustus trägt, bald onte dl T£erio geheißen wird. In fünf Bogen überwindet sie mit der langsamen Wucht eines Elefanten den breiten Wasserlauf, der trüb ist wie die vom Alter beschlagenen Marmorblöcke über ihm — trüb und beiabrt Hier ist es die erste römische Brücke, die ich mit Bewußtsein
sehe. Ihre GewichtigkeU, ihre Deutlichkeit, das Dichte, das Einleuchtend! einer Verlässigkeit, die von zwei Jahrtausenden bewährt ist — dies überwältigt. Kaum je hat Gebautes mich so überwältigt, es sei denn der Tempio Malatestino vorhin, den die Romagnolen unter den Augen des herbeigerufenen Leone Battista Alberti von 1447 bis 1456 aufgemauert fjaben. Freilich wird mir bewußt, die Brücke tut solche Wirkung nicht ganz allein aus sich. Die Einsamkeit hilft dazu; die Einsamkeit in deren Mitte die von niemandem beschrittene Brücke steht wie ein Friedhof. Der Himmel hilft dazu, die Luft; die Stunde auch, deren frühnachmittäglich! Helle von einer unbeschreiblich melancholischen Größe sm Bann gehalten wird. Lehmrot und schleimig steht der Fluh; er steht still, rührt sich nicht, als habe er vor Alter vergessen zu fließen. Die Atmosphäre ist wie geronnen in Lavendelblau und Lila: Camille Corot würde diese Atmosphäre geliebt und gemalt haben. Ringsum steht staubig das Grün des Grases und der Bäume still — fast schauerlich unbewegt unter dem Gewicht der Hitze und des Lichts. Im Schatten liegt ein zerlumpter Junge auf der Erde gleich einem Toten unter einem Bündel Fetzen, wie etwas Furchtbares ist fein Gesicht unter einem löcherigen Hut bedeckt — wie Wunden, Grinde, Aussatz; dicke Fliegen mit Bäuchen, die glänzen, als wären sie Edelsteine, gehen an dies Liegende wie an Aas, und ich würde den Buben für eine beifeite geworfene Leiche halten, würde sich nicht endlich aus der Tiefe des bumpfeften Schlafes eine atmende Flank! regen und leise auch ein schmutziger Fuß. Im roten Wasser drunten schwemmen zwei braune Romagnolen von gewaltigem Wuchs, Karren und Esel. Es sind Karren mit zwei ungeheuren feuerroten Rädern. Die braunen Romagnolen in verbrannten Strohhüten, schmierigen Hemd- ärmeln, lehmigen Hosen stehen aus den hochrädrigen Karren wie Triumphatoren. Nach einer Weile kommt der eine der Karrenlenker herauf. Er hat den Kopf des Malatesta: die ungeheure Tiefe von der Hakennase bis zum Hinterkopf, den gewaltigen Nacken, die hohe hagere Figur.
Es geht durch Fischergassen, und beinahe sehen sie aus wie die in Flandern. Frauen und Mädchen, hübsche, stolze Mädchen, sitzen auf der schattigen Straße oder im Haustor, das osfenfteht und danach trachtet, kühlende Zugluft einzulasfen. Frauen und Mädchen fitzen mit dem Gesicht gegen die Mauern — weg vom Licht, weg von der Hitze. So bessern sie Netze aus; so machen sie Handarbeiten aus Glasperlen. Auf dem großen Platz steht abseits vom ehernen Denkmal eines prunkenden Papstes aus den Zeiten kirchenstaatlicher Herrschaft, die mäßig große Fischhalle. Sie ist eine rechte Basilika: einfach-offene Halle von antikem Schnitt. Darinnen liegen auf nassen Bänken und in geraden Körben Tausende von bunten Fischen, Etliche sind wie mit einer Haut aus grünem Stanniol überzogen. Neben ihnen liegt das furchtbare Gemenge der Tintenfische und Polypen. Rosa sitzt das kühle Blut an weißen Leibern scheibenförmiger Kreaturen der Adria und um den schrecklich leeren Scheinblick toter Fischaugen. Es riecht nach Salz und Eiweiß; es ist kühl vor lauter Eis, empfindlich kühl. Fischer bringen mit grausamer Sachlichkeit neue Beute.
Dort drüben, wenige Schritte vom Fischmarkt, starrt noch die Burg des Tyrannen! Aus Tausenden von Backsteinen gefügt, ist sie dennoch ein einziger Klotz: brutal, abweisend, fest. Kaum daß sie Fenster hat. Vor der Stadt schon ist ihr Ort, und sie liegt wie ein gefährliches Wachi- tier.
Aber im Hof der festen Burg des Tyrannen, deren schweres Tor die malatestinischen Elefanten im Wappen trägt, sind nicht nur soldatische Hebungen gehalten worden, die den Sinn des Feldherrn Malatesta erregten, sondern auch Turniere des Geistes, die den blanken Verstand und den geschliffenen Geschmack des Humanisten Sigismondo ergötzten!
Dieser Tempel — dies steinerne Bekenntnis eines schlechten Christen zum Geist der Antike! Man kehrt zum Tempio zurück. Er ist ein Magnet. Da sind die Basreliefs des Agistino di Duccio. Da ist das Grab der „göttlichen Isotta" die des Sigismondo Geliebte und heroische Gattin war; ihr Sarkophag ruht auf malatestinischen Elefanten aus schwarzem Marmor. Da ist das Fresko von Dem harten Piero della Francesca, das den Tyrannen malt, wie er, der inbrünstige Neuheide, begleitet von einer schwarzen und einer weißen Dogge, die übers Kreuz sitzen, doch in überzeugend blutrotem Rock vor seinem Schutzheiligen kniet. Da ist das Relief des Skorpions — oder ist es das Steinbild einer Meerspinm oder Tarantel? Es ist ein furchthares Relief; es macht Angst: wir fliehen. Die Zeichen des Glaubens scheinen verhannt zu sein. O ja: dies ist der Tempel eines Heiden, von ihm zum eigenen Ruhm erbaut und zum Ruhm der Geliebten. Welch ein Frevler! Er hat die gotische Kirche des heiligen Franz genommen; er ließ sie mit Marmor umbauen und weihte sie dem eigenen Namen — denn in riesigen Lettern trägt die Front den Namen Sigismondo Malatesta, Sohn des Pandulphus, und nur hinten seitwärts am Chor, schaut aus dem Marmor des Malakesin und seines Baumeisters Leone Battista Alberti die alte franziskanische Backsteinkirche mit der Armut einer Franziskanerkutte hervor ...
Pius II. ließ gegen Sigismondo eine Anklage schreiben, die fürchten lief) ist. Sie beschuldigt den Tyrannen des Raubes, der Brandstiftung, der Metzelei, der Entführung, der Notzucht, des Ehebruchs, der Blutschande, des Mordes und der Ketzerei. Er soll seine erste Gattin Genoveva ö’CEfte, erdrosselt haben, die zweite vergiftet: Polyxena Sforza. Er wurde in Rom in efligie verbrannt. Die Historie will, sein surchtbares Vorbild habe noch über den Tod hinaus Unheim gestiftet: fein Bastard Roberio habe den Thronerben, Sollustio Malatesta, mit dem Dolch, die Muller des Prinzen, Isotta, mit Gift beseitigt. Doch rühmt die nämliche Historie die glänzende Konversation des Sigismondo; mit italienischer, lateinischer, griechischer Zunge fei sie von ihm vollkommen geführt worden; auch fei dieser fanatische Philologe, der unter dem Panzer des Condottiere verborgen war, zu seiner Zeit der liberalste Mäzen Italiens gewesen, und kein Gelehrter habe den Hof von Rimini ohne Ehren und Geschenke verlassen. In dieser Mischung bewohnt die Gestalt des Sigismondo den Hintergrund, den man die Geschichte nennt: schrecklich und glänzend, entsetzlich und bezaubernd ...
Heran wocUrch. Dr. HansThyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße''-


