Die Berggewäffer.

Don Hans Leishclm.

Sing einen Sang den Gebirgen, die himmelwärts schaun. Sing mit azurenen Lüsten, die über den Firnen blaun, Sing mit den Stürmen, die ehern über die Grate wehn. Und mit den Glocken der Almen, die talwärts gehn.

Von den Gebirgen kostet, wer einsam geht,

Wer verstummt auf den einsamen, ragenden Gipfeln steht, Wer an den weitgeschwungenen Hängen wandernd lauscht. Wie in ew'gen Gesängen das Wasser rauscht.

Wasser, das hundertfädig und hüpfend schäumt,

Wasser, das regungslos in den eisigen Bergseen träumt,

Wasser, das eisgrün und tönend durch Klamm und Klause braust, Wasser, das unterirdisch im Hohle saust.

Urlaut ihn spricht das Wasser im Berggestein,

Also war vorzeiten das Rauschen und wird es sein, lieber den Ebenen, über den Meeren, über der Zeit Stehn die Gebirge als Künder der Ewigkeit.

Kleine Bergnovelie.

Von Josef Friedrich Perkonig.

Der Wind riß die letzten Blätter von dem Nußbaume; er trug sie »01 dem Berghofe weit hinunter in die Tiefe. Da sah der uralte Groh- l>«:r Juch nach der Sonne und spannte den Ochsen vor den leichten Mgen. Es war hohe Zeit, er mußte sich beeeilen.

Drunten im Dorfe wartete der Tischler aus ihn; er hatte im Sommer, meinem Sonntag nach der Messe, Maß von ihm genommen, und nun if n Sommer und einen Herbst über Zeit gehabt, die Totentruhe zu chmern. Cs war Zeit geworden, sie im Vorrat zu haben. Der Tod lernte jeden Tag an die Türe klopfen. Im Frühjahr, Sommer und he,bst, da war keine Weile zum Sterben gewesen. Aber nun kam der ßiiiter, seine kurzen Tage waren so lang, und da konnte man sich wohl für die große Reise bereiten. Wenn man sich dann starr hinlegke, iw=,te die Totentruhe im Hause sein.

Der alte Juch hatte es ohnedies lange auftehen lassen. Dreiundachtzig 8i!re hatte er alt werden müssen, um sich endlich darauf zu besinnen. De: Vater der Juchbäuerin, der andere Großvater, der auf dem Hofe ,-Iibt hatte, wie war der wieder ängstlich gewesen. Von seinem fünfund- ikizigsten Jahre an lag die schwarze Truhe mit dem silbernen Kreuz aus m Dachboden, zehn Jahre lang, bis er sie im letzten Winter brauchte.

Der alte Mann ging neben dem Wagen her, auf dem der lange Sarg log Er war notdürftig mit braunen Jutesäcken bedeckt. Aber tiefer im IK irge begegnete dem Gefährt niemand mehr.

Seit Tagen fiel unaufhörlich der Schnee.

In diesen Höhen furchte kein Pflug den neuen Weg, und der Hof war mi-er der Welt. Der alte Juch lag auf seinem Bette und hatte seine feen in das Gestöber hinaus gerichtet.

||! Ts ging mit ihm nun wahrhaftig zu Ende, in der Ruhe des Winters Wo: en die Glieder müde und steif geworden.

Der Totenwurm bohrte in dem Kasten, der in der Ecke stand. Das teil Schaben und Klopfen war deutlich zu hören.

Die Schwiegertochter hatte auf feine Bitte hin den geweihten Wachs- ftoi entzündet und neben ihn gestellt. Seit einer Stunde waren alle Haus- teuc im Stall: Sohn, Schwiegertochter, Enkel, Enkelin, Knecht und Ugd.

Manchmal zitterte das Licht neben ihm sichtbar; das geschah dann, We: n draußen in dem Flur jemand fest auftrat. Irgend jemand kam tun dem Stall und ging wieder dahin. Niemand hatte ihm verraten, tea: geschehen war, vielleicht wollten sie ihn nicht erschrecken. Aber er wo lange genug als Bauer auf dieser Hube gesessen und wußte, wie t:d sch oft das Unglück mit dem Vieh umging. Sie bannen draußen m rscheinlich ein Unheil, eine Tierkrankheit ist gekommen ober ist im |trug.

I Sr versucht zu beten, aber feine Gedanken verwirren sich, er muß immer an die elende Seuche denken.

| Es schmerzte ihn, daß er nicht mithelfen konnte; er wußte sich als tlirbenber ausgeschlossen aus ber Familie. Freilich, sie konnten nicht bei ihr wachen, währenb braußen bas Vieh verkam. Doch er mußte wissen, I» sich begeben hatte; es litt ihn nicht auf bem Bett. Langsam unb M-seheuer mühsam rutschte er herunter, es würbe ihm schwarz vor ben innen. Dann tappte er längs ber Mauer bahin, bis zur Tür. Als er « öffnete, ftanb bavor ber Enkel, selber schon ein Mann, ber bie Magb Li Den Armen hielt Jebes von ihnen trug in der einen Hand einen Sir er heißen Wassers. Der Großvater sah die beiden und verstand H kurzen Aufenthalt im Flure wohl. Es war ihnen, als hätte er g:n cft. Ehe er aber noch eine Frage tun konnte, fiel er in der Türe um wie ein Baum des Waldes umsinkt.

Die zwei Erschreckten trugen ihn aus fein Bett. Dort drückten sie ih die halboffenen Augen zu.

*

I Was der Großvater, der nun tot da drinnen lag, in den letztet! Iit.enblirfen seines Lebens gesehen hatte, war nur ein halbes Ge- |tmnis der beiden Menschen; denn die übrigen ahnten es alle.

! Der Vater zürnte um verborgener Absichten willen, die den Sohn im Fnhjahre zur Werbung aussenden wollten; die Mutter war eben bie tiriter, keine noch hat sich innerlich gefreut, wenn ein frembes Weid üle- bas eigene Blut Macht gewinnt; bie Schwester zankte sich häufig flil ber Magb, unb ber junge Knecht wollte etwas, was ihm ge- He, nicht bem Herrn überlassen. So waren bie beiben von lau­ern - en Menschen umgeben, unb sie mußten sich vor ihnen hüten. Sie lügen aneinanber stumm vorüber, weil immer roieber aus einer Luke

ober durch ein Fenster ein Auge nach ihnen spähen tonnte. Wie die anderen hielten sie bei bem Mahle bie Augen in bie Schüssel gesenkt, die in der Mitte des Tisches stand. Sie redeten weniger zueinander als mit jedem anderen. Doch sie suchten heimliche Gelegenheiten, um einige Augenblicke gemeinsam zu haben.

Wenn sie sich zufällig am Brunnen trafen oder sich auf einem der kurzen Wege begegneten, die alle Hausleute vorn Haus zu Stall und Tenne ausgeschaufelt hatten, und auch jetzt beinahe stündlich von dem neuen Schnee befreiten, bann verharrten sie keine Sekunde länger, als es unbedingt notwendig war.

Aber es gab manche Zeiten im Tage, so dachten sie ansänglich, wo sie an gewissen Orten unbemerkt beisammen sein konnten.

Etwa am frühen Morgen in der Küche, wenn die Magd bie Milch sott; boch ba kam halb bie Mutter, unb ber Sohn mußte sich hinter bem gemauerten Herbe verstecken.

Dann beim Melken, aber ber Vater ließ sich auch schon im Stalle vernehmen, unb ber Sohn mußte für einen buntlen, feuchten Winkel bantbar fein.

In ber Tenne hatte er sich zweimal in bas Heu verkrochen unb ein­mal war er in ben tiefen, weichen Schnee hinabgesprungen, ba er bie Stimme ober bie Schritte bes Knechtes hörte.

Nicht zu reben von ber Schwester; sie war bie ärgste. Die Burschen hatten ihr einen Bräutigam erstochen, nun neibete sie jebem Weibs- bitb ben Mann. Unb ber Schnee hielt sie auf dem Hofe gefangen, es gab keinen Weg, nirgenbshin. Immer noch fielen bie Flocken, ber Himmel war grau unb es regte sich keine Luft.

Der Tote lag brei Tage hinburch aufgebahrt, wie es ber Brauch forderte. Das Bett war in bie Mitte ber Stube gerückt unb mit- Brettern bebeckt worben. Darauf ftanb ber ©arg unb barinnen streckte sich ber ruhenbe Großvater aus, in feinem grauen, lobenen Gewanbe, bas er sich vor einem Menschenalter angeschafft hatte. Zwischen bie Finger ber mächtigen Hänbe war ber Rosenkranz geflochten.

Frembe Leute konnten nicht zu bem Gestorbenen kommen, benn auch bie Nachbarn waren eingeschneit. Immer einer der Menschen des Hoses hielt bei dem Toten Wache. Aber die anderen feierten deshalb nicht, bie Arbeit ging ihren gewöhnlichen Weg, wenn es auch stiller in bem Hause war. Sie grauten sich vor bem Sterben nicht, boch ein Toter war ihnen halb heilig, benn er frohlockte schon im Himmel, litt in ber Hölle ober reinigte sich im Fegefeuer.

Neben bem Großvater ftanb ber brennenbe Wachsstock. Wer am Tage bei ihm saß, schaute burch bie Fenster hinaus in ben Schneefall. In ber Nacht aber war jeher sich selbst überlassen; die Frauen beteten, bie Männer grübelten. Enblich, am brüten Tage, wäre es Zeit zum Be­gräbnisse gewesen.

In anberen Jahresteilen wäre ber Psarrer viele Stunben weit aus bem Tale heraufgekommen ober er hätte weiter unten bei einem Weg­kreuz gewartet, bis sie auf bem nieberen Berglerwagen ben Toten zur Einsegnung gebracht hätten. Doch bei bem ungeheuren Schnee war davon keine Rebe.

Der Vater vernagelte bie Totentruhe seines Vaters, bann würbe sie mit Weihwasser besprengt unb alle beteten gemeinsam einige laute Vater­unser. Dann richteten sie ben Sarg so her, baß er aufgehoben werben konnte. Sohn unb Knecht trugen ihn auf ihren Schultern burch die niedere Türe aus ber Stube.

lieber bie Stiege hinauf mußten sie langsam unb vorsichtig gehen. Es war nicht leicht, mit bem langen Sarg um bie scharfen Ecken zu biegen, sie mußten ihn mehrmals halb aufsteilen unb so weitertragen. Auf bem Dachboben, unter ben Schinbeln, stellten sie ihn hin. Hier in ber Kälte sollte er warten, bis ber Weg in ben fernen Friebhof hinab frei war.

So blieb ber Ahne auch nach feinem Sterben noch unter einem Dache mit ben Hausleuten; zum Abschieb auf immer war ihm noch eine Gnabenfrist gegeben.

Zehn Tage später war Weihnachten. Am Heiligen Abenb saßen sie vom frühen Nachmittag an in ber Stube.

Es hatte zu schneien aufgehört unb die kalte Sonne lag auf bem blenbenben Schnee. Die Stube war übermäßig hell bavon.

Nur. langsam kam bie Dämmerung; bes Feierns ungewohnt, schien es ben Menschen im Hose, als wäre bie Zeit stehen geblieben

Die Bäuerin hatte bas Zeug für bie Räucherung zurechtgerichtet. Als es bunte! würbe, legte sie bie Glut auf bie zwei KehrichtsschaufAn unb warf bie Weihrauchkörnchen hinein.

Einer räucherte in bie Räume, ber anbere sprengte bas Weihwasser mit einem Fichtenzweig aus ber Kasseeschale. Die Tochter unb ber Knecht sollten es im Stalle unb auf ber Tenne tun, ber Sohn unb bie Magb im Hause, also immer einer von ber Familie mit einem Dienstboten.

Als sie nun aus bem bämmerigen Zimmer, in bem ber (eudjtenbe Schnee auch noch am Abenb eine Helligkeit zurückließ, in ben Flur trafen unb sich hier trennten, setzten sich ber Bauer unb bie Bäuerin zum Tisch unb beteten.

Die jungen Leute aber stießen bie Türen aus unb räucherten unb sprengten ben Segen für bas künftige Jahr in bie Räume.

Der Sohn unb bie Magb fliegen auch auf ben Dachboben hinauf, wo ber Großvater lag

Im trüben Scheine ber Glut sahen sie bie unheimliche große Truhe aus bem Dunkel wachsen. Unb in bemfelben Augenblick kam ihnen zu­gleich ein Gebanke. An biefem Ort würbe sie niemanb stören, hier konnte sie niemanb zufällig antreffen, benn solange ber Ahne auf bem Dach­boben ruhte, führte hierher kein Weg irgenbeiner Arbeit.

Glücklich fliegen sie roieber in bas Haus hinunter.

Schon am nächsten Tage schlichen sie nacheinanber bie Stiege empor. Zuerst ber Sohn, bann bie Magb.

Es war ein schmaler, niederer Raum, und der Mann stieß mit dem Kops an bie Schinbeln Sie schauten sich um, ob sie benn immer stehen müßten In bem Halbbämmer erkannten sie nichts, woraus sie sich hätten setzen können. Aber ba war ja bie Tolentruhe. Die zwei jungen Menschen