„Malersfrau" rümpften die Nase und beschuldigen das leichtsinnige Paar, die schöne Erbschaft „mit Prunken und Prangen" vertan zu haben. Von den vier Kindern, die Saskia ihrem Gatten schenkt, bleibt nur der jüngst- geborene Sohn Titus am Leben — derselbe, der später in des Vaters Leben eine Nolle als Vermögensverwalter spielen sollte und ihm auch mehrfach als Modell gedient hat.
Zu Rembrandts Zeiten war das Aktstehen noch kein Gewerbe und das'Zeichnen nach dem nackten Körper — zumal dem weiblichen — sogar aus den Akademien noch nicht obligatorisch. Das wurde erst 1664, erstmals in Antwerpen, eingeführt. Das Beschaffen von geeigneten Modellen wird also mit Schwierigkeiten verbunden gewesen sein, und man kann sich vorstellen, wie glücklich Rembrandt gewesen sein muß, in der Gattin ein immer willfähriges Modell gefunden zu haben. So schwer es ist, bei einem Künstler wie Rembrandt, dem alle Wirklichkeit nur Mittel zu einem höheren Zweck war, in jedem Falle Saskia als Modell wieder- zuerksnnen, so dürfen wir doch annehmen, daß die Mehrzahl der nackten Schönen auf den biblischen und mythologischen Bildern der dreißiger Jahre auf sie zurückgeht Als sie 1642 plötzlich stirbt, erleidet er neben dem menschlichen gewiß auch einen hart empfundenen künstlerischen Verlust.
Man hat den frühen Tod Saskias als den Anfang von Rembrandts bürgerlichem Ende bezeichnet, und sicher ist, daß er am Beginn einer Lebensperiode steht, in der Rembrandts soziale Stellung in dem gleichen Maße erschüttert wird, in dem sein Genius in steiler Kurve emporstrebt. Verschuldung, Konkurs und Entmündigung heißen die Etappen des einen Weges — Susanna im Bade, Ian Six und die Judenbraut die des anderen. Daß zwischen Ab- und Aufstieg geheimnisvolle Zusammenhänge walten, daran dürfen wir nicht zweifeln. Und darum ist es müßig, zu fragen, ob sich bei längerer Lebensdauer Saskias der Zusammenbruch hätte abwenden lassen. Das Genie vollendet sich nach eigenen Gesetzen, und sinnlos erscheint es uns, einen Todesfall, er mag an sich noch so einschneidend gewesen sein, für eine Entwicklung verantwortlich machen zu wollen, die in den Sternen beschlossen ist.
Wieder sehen wir ein junges, blühendes Weib durch Rembrandts Werk gehen. Es ist Hendrickje Stoffels, die erst als Magd in dem verwaisten Haus waltet, bald aber als Partnerin einer Lebensgemeinschaft, die nur des Segens der Kirche entbehrt und darum der Aechtung durch den Puritanismus der Gesellschaft verfällt. Saskia hatte in ihrem Testament die Bestimmung getroffen, daß Rembrandt der Nießbrauch ihres noch immer beträchtlichen Vermögens nur unter der Bedingung zufallen solle, daß er keine neue Ehe schließe. Der in der Vollkraft des Daseins stehende Mann hat sich in seiner Weise damit abgefunden, aber die nun einsetzende Gesetzlosigkeit der Lebensführung mit ihren unausbleiblichen Folgen geht fraglos mit auf dieses harte Testament zurück Allein wer wollte behaupten, daß sich im anderen Falle Rembrandts äußere Lage günstiger gestaltet hätte? Wir bekennen auch hier unser Unvermögen, dem Schicksal in die Karten zu sehen und beschränken uns auf das, was uns das Werk über das Verhältnis zu Hendrickje verrät. Sie wird fein Modell, wie Saskia es war. Wie weit hier menschliche und malerische Leidenschaft Zusammentreffen, bleibe dahingestellt. Er malt sie in allen Situationen, verfänglichen und unverfänglichen, als biblische Figur oder als Porträt, am schönsten in dem Berliner Bildnis von 1658, wo sie sinnend am Fenster lehnt.
Auch Hendrickje ging ihm im Tode voran, wie es denn zu seinem Schicksal gehörte, daß alles, was ihm in Liebe verbunden war, vor seinen Augen dahinwelkte. Im Feuerkreis des Genius zu leben, gewährt den Anspruch auf den Kranz der Unsterblichkeit. Aber es ist gefährlich und kann tödlich werden. Die Frauen in Rembrandts Leben haben es erfahren müssen.
Oie Wirklichkeit der Oichti-n'.
. Von Werner Klaus.
^or fünfzig Jahren wurde in Deutschland die Forderung nach einer neuen Wirklichkeitsdichtung erhoben, die mit allen überkommenen Formen brechen sollte, und von der man als letztes Ziel eine getreue Spiegelung der Alliagswirklichkeit verlangte. Die Gruppe von jungen Schriftstellern, die sich tyeoretlsch und dichterisch um diese Aufgabe mühte, spürte das ^eere und Unverbindliche der damals geltenden Poesie eines Geibel, Heyfe und Scheffel und suchte leidenschaftlich nach einer neuen Ver- otnüung zwischen Dichtung und Leben. Sie vermißte die „Wirklichkeit" nAfail ^bhengen Dichtung: jene graue, unscheinbare, zähflüssige 2Birt> unh nhn»%a9 ro.en s n?k‘n dem sich die Schicksale ahne Heldenpose Ä* , b ®,an» der schonen Worte vollziehen. Besessen von dem blutwarme Realität, die wirkliche, lebende Natur dichterisch av-ni-n 9w' i 98 <an9 e iler. öu den Gestaltungsprinzipien eines konse- guenten Naturalismus: sie versuchte die Nachformung der Realität ütf.-ton rPtPrnS u ,T?sltÖQr'tel(lT9' dialogischer Stenogramme, sinn- und psychologisierender Seelenmalerei.
9frf ikr»r m "el dieses Naturalismus waren neu, wohl aber die radikale Art ihrer Anwendung. Der Dichter wollte, grob gesagt, nicht mehr ein bUbner d'?/Psychologe, ein Abbildner, kein Neu- nnin/n ?b-r obwohl diese Wirklichkeit in einem ehr
und eingeengtem Sinne verstanden und dichterisch nachgestaltet wurde, konnte der Naturalismus fein Ziel nicht erreichen h nbmen1 Eigengesetzlichkeit dichterischer Gestaltung
ymoerlen daran, als die Bewegung abgeebbt war und die Scblaaworte tnus Ufi*etfelbrtn ad 'T” stellen daß das Programm dieses Naturalis-
9ild,t viel später wurde im Kreise um Stefan G e o r a e von den "Platter für die Kunst" und von den Symbolisten'und Neu- romantikern, eine Dichtung gefordert und geschaffen, die in allem ein
Gegenspiel der naturalistischen war. Abstand von der Wirklichkeit des Alltags, eine feierliche, gehobene/ erlesene Sprache, Magie der Worte, Bilder und inneren Gesichte, eine Dichtung um der Dichtung willen, rauschentsprungen und genährt vom Mythus — es war eine radikale Umkehrung der naturalistischen Programmatik. In einer vernüchterten und banalisierten Umwelt sollte der Dichter Hüter und Priester sein der Schönheit, des Rausches und des mythentiefen Wissens, der Repräsentant einer überwirklichen Welt; diese dichterische Haltung wurde mit derselben Entschiedenheit, mit demselben Ernst vertreten wie die naturalistische Haltung von den Fanatikern der Wirklichkeit. Sie hat auch dem Gesicht unserer Dichtung kaum weniger neue Züge ausgeprägt als vordem der Naturalismus. Sie eroberte und vertiefte längst schon verloren geglaubte Möglichkeiten des dichterischen Ausdrucks und bereicherte die Formenwelt unserer Lyrik.
Wenn wir heute die Dokumente und Schöpfungen der naturalistischen und der symbolischen neuromantischen Bewegung sehen, müssen wir über die Naivität, Einseitigkeit und Enge ihrer Tendenzen lächeln. Aber gerade weil wir diesen kritischen Abstand besitzen, kann uns das Gegeneinander der beiden schon historischen Bewegungen ein Bild von der inneren Spannung des Dichterischen" geben. Wir wissen: wenn die Naturalisten, ergriffen und erschüttert von der Wirklichkeit des „modernen Ledens", den Versuch machten, diese Wirklichkeit in ihren kleinsten Nuancen und in der ganzen Schwere ihrer materiellen Triebkräfte widerzuspiegeln, so prägten sie nur eine Seite, eine Möglichkeit der Dichtung neu. Und wenn die Dichter der neuromantischen Bewegung die Bilder und Visionen ihrer inneren Welt im Wort zu bannen suchten, so war auch dies nur die Erfüllung einer Teilaufgabe. Beide hatten sie Recht, soweit sie an die Stelle konventioneller Ausdrucksform neue Schöpfungen setzten. Ader die Naturalisten irrten, wenn sie glaubten» der Wirtlichkeit näher zu sein, weil sie die Realität des Alltags bar« zustellen suchten, und die Neuromantiker irrten, wenn sie glaubten, in ihrer Dichtung unabhängig zu fein von jeder Wirklichkeit. Beide sahen sie nicht genügend klar die vielgestaltige, vielschichtige „Wirklichkeit" des Worts und ihre doppelte Beziehung zur äußern Realität zur menschlichen Innenwelt. Und sie begriffen nicht, baß bie Realitätsnähe einer Dichtung in erster Linie burch die Wirklichkeit und Unwirklichkeit ihrer Sprache bestimmt wird.
Alle Sprache entsteht aus der inneren Begegnung des Menschen mit der Welt, sie ist Ausdruck und Niederschlag dieser Begegnung, ein Produkt aus welthaften und menschlichen Elementen. Sie geht in ihren Grundlagen und in ihrem wesentlichen Bestand auf die ältesten Erlebnisse und Erfahrungen eines Volkes zurück, die sie aufbewahrt und weitergibt: ein ungeheurer, schichtenreicher Organismus. Aber zu ihrem Leben und Blühen braucht sie immer wieder Erlebende, Umpräger und Neupräger. Sie wird sonst blutlos, konventionell und unwahrhaftig, die lebendige Beziehung zur äußeren und inneren Wirklichkeit geht ihr allmählich verloren, und nur die toten, entleerten Worte führen noch jahrhundertelang ein gespenstisches Scheindasein.
Man begreift die Bedeutung des Dichters für das Leben der Nation erst, wenn man sich klar macht, daß die Erneuerung und Bereicherung der Sprache im wesentlichen fein Werk ist; daß er es ist, dem unser Sprachleben feine fruchtbarsten Antriebe verdankt und seine schönsten Blüten. Er hat den Kampf gegen bie Konvention, der erstarrten und verblaßten Worte und Ausdrücke zu führen: und seine Sprache wird um so „wirklicher" sein, je wahrhaftiger sie ist im Sinne innerer Weltbegegnung und Erschütterung, mag sie nun mythennah ober alltagsnah fein.
Aber die Wirklichkeit der Dichtung, ihr Gehalt an erlebter Welt wird nicht nur voraus durch die Konvention der Sprache bedroht. Gefährlicher und hemmender noch ist die Uebermacht der jeweils herrschenden Literaturkonvention, die sich dem Schaffenden anbietet und ihn dazu verführt, in feinen Werken das eigene Welterleben durch überkommene Formen der Gestaltung zu verfälschen ober von vornherein im Gleise literarischer Motive, in der Unwirklichkeit einer angelesenen Welt zu bleiben. Was für das Sprachleben gilt, gilt auch für das Leben der Dichtung: immer gelingt zuerst dem einzelnen aus echter Weltbegegnung ein neuer Ausdruck, eine neue Geftaltungsform, und immer wird im Gebrauch der Vielen zuletzt zur bequemen Schablone, was anfangs erlebnishaltig war. Es ist die Entwicklung von der lebendigen Sprache zur stereotypen Formel, von der eigenwüchsigen Dichtung zur bildungsgeborenen Literatur. Das schöpferische Leben aber sucht sich längst neue und andere Wege, während die Schemen verblichener Worte und Werke noch ein gespenstisches Scheindasein führen.
So zeigt die Geschichte der Dichtung unseres Volkes immer wieder das Bild eines doppelten Werdens. Da gibt es die langsame Entwicklung und Wandlung im Rahmen einer Literaturtradition, und da sind da- neben plötzlich Einbrüche neuer Wirklichkeiten in den Raum der Literatur, die sich in großen dichterischen Schöpfungen kundgeben und neue Traditionen einleiten. Diese Einbrüche neuer Wirklichkeiten bezeichnen leweils die entscheidenden Wendepunkte der Geschichte der Dichtung; sie werden oft durch den Einblick bisher stumm gebliebener Volks- und Gesellschaftsschichten in das literarische Leben bedingt. Die frühe Dichtung des Rittertums, die Literatur der Reformationszeit, die Werke der Stürmer und Dränger, die Dichtungen der letzten fünfzig Jahre geben em überzeugendes Beifpiel. Es ist die Eroberung immer neuer Sphären der äußeren und inneren Wirklichkeit, die sich im Laufe der Jahrhunderte vollzieht. Und diese Eroberung, diese dichterische Erlösung bisher stummer Wirklichkeiten ist ein Akt von metaphysischer Bedeutung. Jede Generation, jede Epoche muß ihr eigenes Weltbild formen und neu prägen, um sich vor der Geschichte verantworten zu können. Von hier aus wird das Pathos verständlich, mit dem die Wirklichkeit der lebenden Dichtung von ihren Schöpfern gegen die verblaßten Wirklichkeiten früherer Epochen ausgefpielt wird.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrrot. - Druck und Derlag: Drühl'jche Univeriitäts-Duch. und Etetndruckerei.«. Lange. Gießen.


