Was bte senkrechten Wolken dahinten betrifft, sagte er unterm Ar­beiten, diese hochgepusteten Schleier .... Sie fehen sie doch?

Natürlich, die da, nicht wahr?

Ja, was die betrifft so verkünden sie, daß wir heute allerhand vertikale Luftbewegung antreffen werden. Ach fassen Sie doch bitte mal in meine Rucksacktasche, ob da meine Sonnenbrandkreme drin ist. Ja? Dann ist es gut.

Er tarn wieder herunter und rieb sich das Gesicht ein.

Hier, nehmen Sie auch! Diese Sonnenstrahlen hält auch die kräftigste Haut nicht aus. Die Sache ist nämlich die: unter der Wolkendecke steht ziemlich kalte Luft, die feit acht Tagen keinen Sonnenstrahl gekriegt hat, feuchte Luft, schwere Lust. Hier oben ist hingegen die Luft heiß und leicht. Es herrscht also zwischen oben und unten eine Art von Spannung. Nehmen Sie nur ordentlich. Vor allen Dingen auch den Nacken. Kommen Sie mal her! So! Hier auch! Und jetzt sind also diese Löcher in die Wolkendecke gerissen. Da drängt die Spannung natür­lich mit heftigen Strömungen zum Ausgleich. Die heiße Luft wird von unten her ubgekllhlt und füllt herab, und anderswo findet die Gegen­bewegung statt. Immer in vertikaler Richtung. Daher der Name Verti- kalbö. Manche Flieger sprechen von Lustlöchern, was ia Quatsch ist. Möchte noch jemand Salbe haben? Na, bann kann ich sie ja wieder weg­packen. Das ist ja selbstverständlich Quatsch. Die Lust hat ja keine Löcher. Aber wenn einer von einer Vertilkalbö nach unten gerissen wird, daß ihm Hören und Sehen vergeht, da sieht das weih Gott, nicht viel anders aus, als wenn er tatsächlich in ein Loch fiele. So ist der Name wohl aufgekommen. Eine richtige Vertilkalbö ist jedenfalls die größte Schweinerei, die unfereinem zustoßen kann. Dagegen ist kein Kraut gewachsen ...

Wir stiegen noch immer, langsam. Erst als der Höhenmesser fünf­zehnhundert Meter anzeigte, blieb die rote Säule des Variometers auf Shitl stehen. Der Ballon war im Gleichgewicht.

Die schimmernde Wolkensteppe, wehende Nebelsäulen, ein kleiner, runder Schatten, ein regenbogenfarbener Hauch darum herum, tiefste Einsamkeit, Totenstille. Ich stöhnte leise in mich hinein, fo schön war es.

I, den Deubel auch, sagte plötzlich der Führer, er muß ja getauft werden!

Wer zum ersten Male im Freiballon die Taufendmeter-Grenze über- schreitet, ist gehalten, sich taufen zu lassen. In diesem Fall ich. So zau­berte der Führer denn eine Flasche Sekt aus seinem Rucksack hervor und der Begleiter drei silberne, zufamrnenfchiebbare Kelche. Ich sollte ver­suchen, den Kork der Sektflasche durch den Füllansatz ins Innere des Ballons zu schießen. Das brächte Glück. Aber als wir den Draht lösten, brach der morsche Kopf des Korkes ab. Ich versuchte den Rest mit einem Korkzieher zu lockern. Bong! Da fuhr das Ding auch schon heraus und irgendwohin. Wir lachten und sllllten den nachguellenden Schaum ge­schwind in die Kelche. Dann räusperte sich der Begleiter, der ein heim­licher Schöngeist war, und hielt eine anmutige Taufrede. Zum Schluß hoben wir die Kelche gegeneinander und fanden es furchtbar nett. Da fiel der Blick des Führers von ungefähr aufs Variometer: der Ballon sank mit mehr als drei Meter in der Sekunde. Das Aeußerfte, was das Variometer noch anzeigt, find drei Sekundenmeter. Ein paar Schaufeln Sand nützten nichts. Die rote Säule rührte sich nicht von der Drei weg. Der erste Sandfack wurde ausgefrfjüttet. Keine Wirkung. Wir fielen weiter. Die Papierschnitzel, die der Begleiter hinausstreute, trillerten schnell hoch. Der zweite. Sandsack folgte, der dritte, der vierte. Da kroch die Gäule langsam nach oben, und als der fünfte Sack nusgefchütlet war, hob sie sich sogar ein wenig über den Nullpunkt hinaus. Wir fliegen wieder

Fünf Sack auf einen Schlag, sagte der Führer, Himmel, verdammt noch einmal! Und der Hund fängt schon wieder an zu fallen!

Das Variometer sank auf zwei ... auf drei, da dampften auch schon bie Wolken um uns herum.

Bloß aus den Wolken raus, rief ber Führer, sonst werden wir noch schwerer. Jeder einen Sack ausschütten! Los, schnell! Nützt nichts! Noch einmal jeder einen Sack! So, jetzt hat er sich gefangen. Wir steigen. Wollen Sie bitte den Sack noch zugeben! Erstmal nur halb Na, den Rest auch. Gleich müffen wir aus den Wolken raus fein. Wir steigen mit zwei Sekundenmetern Pfeffern Sie in Gottes Namen noch einen raus! Wieviel haben wir jetzt noch ... fo, da ist bie Sonne toieber ... wieviel haben wir noch?

Sechs, sagte ich. Ader was war benn eben los?

Mit sechs Sack soll man eigentlich lanben.

Warum?

Die braucht man, um ben sallenben Ballon über ber Erbe abzu- Sen unb wenn es nötig sein sollte, einen Sprung über irgendein ernis, eine Hochspannleitung, ein Haus, einen Fluß zu machen. Öder wollen wir roeiterfliegen? Zwölfhundert Meter. Wir scheinen wieder im Gleichgewicht zu (ein.

Natürlich entschieden wir uns für ben Weiterflug.

Ja, und was war eben los?

Das will ich Ihnen sagen, antwortete der Führer. Wahrend wir unserer Sektgelage hielten, ist wahrscheinlich ein seiner Hocheirrusschleier vor die Sonne gezogen. Den kann man manchmal mit bloßem Auge überhaupt nicht wahrnehmen, so fein ist er. Aber er genügt doch schon, um die Strahlungsintensität der Sonne zu vermindern. Sofort wird der Ballon schwerer und sinkt. Wäre ich gleich anfangs darauf aufmerk­sam geworden, dann hätte ich ben Fall mit ein paar Schaufeln zum Stillstand bringen können. Aber wenn der Knabe erst einmal wegsackt, dann ist der Teufel los, besonders in den Wolken. Na, vorläufig haben wir's ja geschafft. Nun können wir es uns wieder gemütlich machen.

In diesem Augenblick faßt uns die Vertikalbö. Das Variometer ging mit gleichsam einem Ruck nach unten.

Raus, was raus will! rief der Führer.

Da schlug der Wolkendampf über uns zusammen.

Krauen um Rembrandt..

Von (Ernft von Niebelschütz.

Unsere Biographenliteratur hat lange an einer groben Indezenz im Erotischen gelitten. Damit ist die Gefahr verbunden, daß die große geschichtliche Persönlichkeit in einem falschen Lichte gezeigt wird, indem Dinge, die zur Öekonomie des Lebens gehören, aber keine Bedeutung für sich haben, ungebührlich hervortreten. Wer es nicht lassen kann, sich über das Liebesleben Cäsars ober Napoleons mit Einzelheiten zu versorgen, möge es tun, selbst auf die Gefahr hin, zufammen mit dem Autor, der ihm darin gefällig ist, jener Kammerdienergesinnung zu ver­fallen, für die es keine Helden mehr gibt

Anders liegt der Fall bei den Dichtern und ben Künstlern. Hier ist alles Real-Biographische nur Rohstoff, den es innerlich zu »erroanbeln, in eine höhere Sphäre hinaufzuläutern gilt, ber uns also auch nur in­sofern zu interessieren braucht, als wir fragen, was der Künstler aus ihm gemacht hat. An bas eigentliche Geheimnis, bas ber Umbilbung im Geiste, reichen wir nicht heran.

So weit mußten wir ausholen, um uns gegen ben Verbacht zu sichern über das ThemaDie Frau in Rembrandts Leben" mehr aus­zuplaudern, als was bas Werk freiwillig darüber aussagt. Das ist, mate­riell gesehen, viel, und da wir in vielen Fällen die Bilder von Frauen, bie Rembrandt geliebt hat, identifizieren können,' scheint es auch leicht zu sein, uns über die Art der Herzensbeziehungen zwischen dem Künstler und seinem weiblichen Modell Rechenschaft abzulegen Allein es scheint doch nur fo, denn daß gerade hier die allerstärksten Umschmelzungen des Tatbestandes ftattgefunoen haben, ist doppelt verständlich bei einem Künstler, in dessen Wesen sich inneres und äußeres Leben keineswegs so decken, wie es uns z. B. Muther in feiner Rembrandt-Biographie glauben machen will. Wir sehen im Gegenteil, daß erst ber Zusammen­bruch bes Wohlstanbes unb bie tiefste Weltverlasfenheit das Werk seiner Hände von irdischen Schlacken ganz bereinigt hat, und diese Erkenntnis warnt davor, in seinen Liebesbeziehungen etwas anderes zu sehen als e i n Motiv neben anderen und vielleicht wichtigeren. Daß auf einen sinnlichen Künstler wie Rembrandt das erotische Erlebnis nicht ohne Einfluß geblieben ist, dürfen wir als sicher annehmen. Von großen Störungen und Erschütterungen aber verrät das Werk nichts.

In erster Linie hatten ihm die Frauen als willkommene Modelle zu dienen. Als er 1633 Saskia von Uylenburgh, die ein Jahr später seine Frau wird, kennenlernt, ist das erste, was er tut, daß er sie malt: in dem etwas konventionellen Profilbildnis ber Sammlung Jaquemart in Paris, bas nicht eben auf eine starke Herzensteilnahme schließen läßt. Aus bem Verlobungsjahr stammt bie berühmte Berliner Silberstiftzeichnung, aus ber man doch fo etwas wie einen Stolz bee Müllersohnes auf biegute Partie" herauslieft. Und nun folgen durch fast ein Jahrzehnt die zahlreichen, einander fo seltsam unähnlichen Bilder Saskias. Er malt sie als die holländische Bürgersfrau, meist aber phon- taftifrf) aufgeputzt, mit Perlenketten unb sonstigem Geschmeide behängt. Auf Schönheit legt er, wie immer, keinen Wert, auch scheint sie nicht eigentlich schön gewesen zu sein. Am bekanntesten ist das burschikose Doppelporträt in Dresden, wo er sich selbst, das volle Stangenglas schwingend, barstellt, bas feine Püppchen auf dem Schloß und die Pfauenpastete auf dem fchlemmerbast gedeckten Tisch. Nach allem, was mir von der Ehe wissen, scheint sie heftig durchjubiliert und d,s Geld nicht gespart worden zu sein, denn die vornehmen Verwandten der

Raus mit dem Dreck! Himmel, Herrgott, verdammt noch einmal! Schnell, schnell! Raus!

Die rote Säule saß unten in der Erde fest. Ich merkte, daß sich ein weicher Druck auf meine Ohren legte. Sonst nichts. Kein Windzug, kein Gesühl des Sinkens, nichts. Nun war kein Dampf mehr unter uns, sondern die Erde mit ihrer dunklen Buntheit. Sie kam schnell herauf, sie wurde so breit und groß! In meinen Ohren sauste es. Aber ich konnte immer noch nicht begreifen, daß wir fielen. Der Kanal. Ein paar Siedlungshäuser. Weiter links tiine Stadt.

Alles raus, daß wir über die Starkstromleitung wegkommen!

Wir stürzten schräg auf die Häuser zu. Ich sah die Leitung nicht. In welches Dach werden wir hineinkrachen?

Ein Schnitt, das eine Ende des Schleppenseils schlug hinunter. Noch ein Schnitt, zwei Säcke fuhren hinterher. Ich hörte sie unten dumpf auf­knallen. Aus den Häusern liefen schreiende Menschen heraus. Wir waren schon drüber weg.

Eine Sekunde später tippte ber Korb auf bie Drähte einer elektri­schen Leitung, die sofort anfing, wütend zu blitzen und zu funkeln.

Schadet nichts, ist nur eine Lichtleitung, sagte der Führer Hat wie ein Sprungtuch gewirkt.

Dann rutschten wir ab und stießen am Rande eines Kornfeldes auf die Erde. Das Schleppseil hing hoch über der Leitung und drückte fie hinab. Aber bie Drähte rissen nicht. Nur wenn bas Seil sich bewegte, sprühten sie blaue Funken.

Soll ich reißen? fragte ber Begleiter.

Noch nicht. Hier gibts zuviel Flurschaben. Kappen Sie mal bas Schleppseil.

Wir durften noch nicht aus dem Kord herausklettern, weil ber Ballon sonst roicber aufgeftiegen wäre. Aber da langten auch schon die ersten Jungen an, glühend vor Begeisterung.

Bitte, Zigaretten weg! sagte der Führer. Das Schlepptau nicht be­rühren! Passen Sie mal auf, wir müffen den Ballon dort hinten auf die Viehweide schaffen. Wenn Sie den Korb mal ein bißchen anheben wollen. So. Und nun tragen Sie uns mal an dem Kornfeld entlang. Es geht ganz leicht, was?

Jo, jo!

Auf ber Weibe würbe ber Ballon fo gedreht, daß die Reißbahn bem Winde abgekehrt war Dann ein paar kräftige Rucke an ber Leine: bie Kugel schrumpfte fchnell ein. Wir zogen sie, aus bem Korb steigend, an ben Netzstricken zur Seite, wo sie kläglich in sich zusammenfiel.