Broschüren herbelzuholen, aus denen Dr. Schmidt seine Theorie mit einer Unmenge von Zahlenmaterial belegte.
Verwundert kam Hagemann diesen Aufträgen nach, kopfschüttelnd suchte er draussen an der Tür etwas von dem Gespräch zu erlauschen. Sollte der Doktor sich etwa von seinem wissenschastlichen Eifer fortreißen lassen und den Amerikanern in der Hitze des Gesechtes mehr verraten, als gut war? Hagemann machte sich schwere Gedanken, denn solchen gelehrten Häusern, wie Dr. Schmidt eins war, traute er alle möglichen Dummheiten zu. Schließlich konnte er es nicht unterlassen, durch das Schlüsselloch zu schauen. Da bemerkte er um die Lippen des langen Schmidt einen gewissen mokanten Zug, den er von früheren Gelegenheiten her kannte. Erleichtert atmete das biedere Faktotum auf.
„Und er führt die Yankees doch über den Gänsedreck", murmelte er vor sich hin, während er in seine Küche zurückkehrte.
Was Hagemann hier etwas unparlamentarisch ausdrückte, war in der Tat der Fall. Es darf nicht verschwiegen werden, vaß der lange Schmidt sich während der Stunden, die er mit den beiden Amerikanern verbrachte, nicht derjenigen Aufrichtigkeit befleißigte, die man mit Fug und Recht von Wissenschaftlern des gleichen Faches erwartet. Er pumpte Captain Andrew eine erdmagnetische Theorie ein, die von Anfang bis zu Ende eine raffinierte, aber um so glaubwürdigere Täuschung war, weil sie den wirklichen Grund aller Erscheinungen, das Meteoreisen in der Tiefe, verschwieg. Und er führte Garrison, der wieder und immer wieder auf einen Riesenmeteor zurückkam, der hier gefallen sein sollte, in einer Weise irre, daß der Amerikaner an allen seinen bisherigen Theorien und Berechnungen zu zweifeln begann.
Wer der Unterhaltung der drei Wissenschaftler mit voller Kenntnis der wirklichen Sachlage gefolgt wäre, hätte sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß der lange Schmidt eine glänzende Begabung für das Pokerspiel besitzen müßte. Er bluffte die neugierigen Gäste in einer meisterhaften Weise, und als sie Abschied nahmen, um weiter zu ziehen, hatten sie keine Ahnung, wie schwer sie geblufft worden waren.
„Also sehen Sie nun, Garrison, daß Sie einem Hirngespinst nachgelaufen sind", sagte Captain Andrew, als sie wieder in ihrem Wagen saßen. „Hier, wo nach Ihrer fixen Idee ein Riesenbolibe gefallen sein foll — wir haben ja die genaue Ortsbestimmung von dem Institut bekommen — da ist der magnetische Südpol und sonst weiter gar nichts als eine Ebene, so glatt wie meine Hand — und was haben Sie mir alles von einem Bolidenkrater vorphantasiert, der an dieser Stelle sein müßte."
Garrison strich sich über die Stirn. Es dauerte eine Weile, bis er sich zu^ Antwort aufrasste. „Ich muß zugeben, Captain Andrew, daß ich mich geirrt habe, das kann schließlich auch einmal einem Wissenschaftler passieren."
„Gut, daß Sie cS endlich selber einsehen, Garrison", sagte Andrew und wandte sich wieder seinen Instrumenten zu.---
An seinem Arbeitstisch sah Dr. Schmidt und schlürfte behaglich seinen Tee.
„So", sagte er, als er die Tasse niedersetzte. „Die Gefahr ist abgewendet, die kommen nicht loieder, und das wirkliche Geheimnis des deutschen Goldes werden sie niemals entdecken."
Dann griff er nach der Feder, um die letzte Seite feines großen Werkes zu vollenden.
Gesang der Geister über den Wassern.
Bon I. W. v o n G o c t h e.
Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser; Bom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es. Und wieder nieder Zur Erde muh es, Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen. Wallt er verschleiernd. Leisrauschend, Zur liefe nieder.
Ragen Klippen Dem Sturz entgegen. Schäumt er unmutig Stufenweise Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin. Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne.
Wind ist der Welle Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus Schäumende Wogen.
Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind!
Taufe mit VertisalbS.
Bericht einer Ballonfahrt.
Bon Manfred Hausmann.
Der Dichter lieft heute in Gießen auf Einladung des Goethe-Bundes aus eigenen Werken.
Geben Sie mal Ihr Köfferchen her, sagte der Führer. So, nun klettern Sie bitte mal rein!
Biel Platz war nicht in dem Korb. Jeder bekam seine Ecke zugewiesen, der Führer, der Begleiter und ich. Ueber uns schwebte leicht und gleichsam durchsichtig die große Märchenkugel. Das Netz lag wie ein zarter Schatten darüber. Der Ballonmeister nahm einen Sack nach dem anderen vom Korbrand ab. Dann kommandierte er: Achtung! Anlllftenl
Die Haltemannschaft gab etwas nach.
Festhalten!
Achtung! — Anlüften! — Festhalten!
Beim dritten Male war der Ballon ausgewogen.
Wir bekamen neunzehn Stück Ballast mit.
Der Ballonmeister rief: Loslassen!
Die Mannschaft trat zurück. In demselben Augenblick riß ein wohlbeleibter Mann, der abseits stand, eine Seine vom Füllansatz ab und zog sie schnell zu sich hin. Der Füllansatz war nun offen, damit das Gas, wenn es sich im Laufe der Fahrt ausdehnte, die Möglichkeit hatte, zu entweichen. Ich konnte vom Korb aus in das dämmerhelle Innere des Ballons sehen. Ganz oben am Nordpol saß das Bentil, seitwärts herab zog sich, sozusagen bis zum Aequator die geklebte Reißleine. Die rote Seine, die von der Spitze der Reißbahn durch den Ballon und den Füllansatz bis in den Korb herunterhing, war die Reißleine, die weiß und rot durchwirkte, die Ventilleine.
Uebrigens schwebten wir schon hoch über der Erde, fünfzig Meter vielleicht. Ich hatte es, nach oben starrend, gar nicht gemerkt. Die Haltemannschaft stand aus einem Haufen ein wenig zurück. Unter uns weidete unbekümmert eine Schafherde hin.
Wir stiegen und stiegen.
So Kinder, sagte der Führer, jetzt wollen wir erst einmal aufräumen!
Die Säcke wurden in Trauben nach außen gehängt, und das Gepäck so verstaut, daß es möglichst nicht im Wege war. Ich sah aus den Barographen: dreihundert Meter. Da hinten lag die Stadt Münster mit ihren Kirchtürmen im Rauch. Aber wenn man senkrecht hinabblickte, auf die Waldstücke und Sandstraßen, aus die Gehöfte und den geraden Kanal, bann war da nicht die geringste Trübung. Die Suft nahm sich wie kristallklares Wasser aus. Wir schwammen darin, ohne uns, wie es schien, im mindesten zu bewegen. Es war so still um uns her.
Vierhundert Meter.
Das war es also! Fliegen, schweben, schwimmen, im Raume schwimmen. Dazu die Bewegungslosigkeit, die Stille, das Seichtsein. So fühlte es sich also an, wenn man im Suftballon flog! Wie tausendmal schöner war es doch als das dröhnende Auf und Ab bei einer Reise im Flugzeug.
Ich ballte die Faust vor Glück.
Mit einem Male verwandelte sich alles. Die Sandkarte unter uns trübte sich, es dampfte von allen Seiten lautlos heran, unter uns Dampf, ringsherum Dampf. Wir waren in den Wolken. Das Variometer zeigte an, daß wir mit zwei Meter in der Sekunde nach oben drangen Mir kam es vor, als stünde der Ballon regungslos in der Nebeleinsamkeit.
Wir würden, meinte ich, noch stundenlang so bleiben.
Hören Sie es? fragte der Führer.
Was?
Er beugte den Kopf über den Korbrand und horchte nach unten. Ich auch.
O ja.
Wir waren siebenhundert Meter hoch und eingehüllt in dicke Wolken, trotzdem hörten wir unten die Glocken läuten, ganz deutlich, wenn auch ein wenig erstickt vom Nebel. Jetzt rauschte ein Auto, ein Hund bellte, und setzt krähte wahrhaftig ein Hahn.
Wie ein Schwimmer, nachdem er eine Weile durch die Tiefe geglitten ist, aus dem Wasser herauskommt und wieder das Sicht um sich her hat, fo tauchte unser Ballon jetzt aus den Wolken heraus. Es wurde heller und heller, mit einem Male hoben wir uns, die wir seit Tagen nur Regen und Feuchtigkeit kannten, in Sonne und slutende Himmelsbläue hinein. Es war das Wunderbarste, was ich je erlebt hatte.
Achthundert Meter.
Unter uns eine endlose, bis an die Horizonte reichende Wolkenfläche, eine weiße Steppe mit Millionen winziger Schattenbuckeln. In der Ferne waren an verschiedenen Stellen Nebelschleier senkrecht hoch- geweht wie wilde Felsen.
Manchmal fuhren wir über ein schwarzes Loch hin.
Ich blickte scharf hinunter. Das Schwarze da unten war die (Erbe, dunkel unb sonnenlos. Ich unterschied Waldstücke, eine Sandstraße, einen Kanal.
Wir scheinen in der Richtung des Kanals zu fliegen, wie heißt er eigentlich?
Das wirb ber Dortmunb-Ems-Kanal fein.
Sangfatn schloß sich bas Soch roieber. An einer anderen Stelle öffnete sich em anderes.
Jetzt müssen Sie mal hersehen, sagte der Führer unb zeigte an feiner Seite schräg nach unten. Da lag ber Schatten bes Ballons auf ber bufttgen Wolkenfläche, ein grauer Hauch, aber umspielt von einer unsagbar zarten Aureole in ben Farben des Regenbogens, matt wie ein Pastell.
UBir zogen unsere Jacken und Pullover aus. Der Führer kletterte in den Ring und hängte alles dort oben aus, auch die Mäntel.


