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UnterhaltungZbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer \\

Freitag, den 8. Februar

Jahrgang 1935

(Schluß.)

Damit verschwand er. Captain Andrew sah sich interessiert in dem saal- artigen Raum um, in den Hagemann sie geführt hatte. Behagliche Möbel­stücke, die gleichmäßige Wärme der elektrischen Heizung, die hohen vier­fachen Fenster das alles gefiel ihm.

Komfortabel haben sich die Deutschen hier eingerichtet. Man kann immer noch von ihnen lernen", sagte er schließlich zu Gartison. Der hörte kaum auf ihn. Er lief bald zu der einen, bald zu der anderen Fensterseite, starrte hinaus auf die weite Ebene und fuchte vergeblich nach einem Bolidenkrater, der doch nach seiner felsenfesten Ueberzeugung hier fein mußte.

Captain Andrew ließ ihn gewähren. Seine Aufmerksamkeit wurde von einigen Instrumenten gefesselt, die an der Schmalwand des Raumes standen. Sein wissenschaftliches Interesse wurde lebendig. Er trat näher heran und batte, ehe er fichs versah, die Arretierung eines Inklinometers gelöst. Die Nadel, nicht mehr festgehalten, folgte der magnetifchen Richtkraft und stellte sich genau senkrecht.

Der Pol, Garrison! Sehen Sie her! Hier ist der magnetische Südpol. Die Deutschen haben ihr Institut genau auf den Pol gesetzt. Nach dem, was man über Willes Elektronentheorie weiß, mußte man es ja auch eigentlich erwarten." c

Mit leichter Gewalt zog er Garrison vom Fenster weg zu den Instrumen­ten und fing mit ihm ein Gespräch über die Willefchen Arbeiten an, obwohl dessen Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten.--

Ms Hagemann in Schmidts Arbeitszimmer zurückkam, schob der Doktor eben den letzten Bissen in den Mund und legte Messer und Gabel bei Sette,

Sie können das Tablett Herausnahmen", sagte er und wollte stch wteder an sein Manuskript setzen.

Herr Ministerialrat, es sind nicht unsere Leute", platzte Hagemann mit seiner Neuigkeit heraus. , c

Es sind Amerikaner, Captain Andrew ist hier und außerdem der andere, der schon mal hier war, der Mr. Garrison, Sie werden sich erinnern, Herr Geheimrat." , , _

Der lange Schmidt ließ die Feder sinken und geruhte von den Hohen reiner Wissenschaft wieder in die Niederungen der realen Wirklichkeit hinab­zusteigen. Captain Andrew Garrison unangenehme Vorstellungen waren mit diesen Namen untrennbar für ihn verbunden. Unerwünschte Konkurrenten sah er in ihnen, die in ein Gebiet einbrachen, das er als feine ureigenste Domäne betrachtete. Vielleicht würden die ihm mit irgendwelchen Veröffentlichungen zuvorkontmen, die seinen Entdeckungen die Priorität rauben konnten. Ein Glück, daß sie nicht wußten, was er wußte, daß sie den letzten Grund der neuen magnetischen Erscheinungen nicht kannten--.

Die Stimme Hagemanns riß ihn aus den Gedanken. ,

Wollen Sie die amerikanischen Herren empfangen, Herr Mtmstertalrat.

Ich habe sie in den großen Mittelraum geführt."

Dr. Schmidt stand aus und zog sich feinen Rock zurecht.

Es ist gut, Hagemann, ich komme sofort."--

Als Schmidt eintrat, war Captain Andrew dabet, Garrtfon an enter _ Bussole zu zeigen, daß die horizontale Richtkraft der Magnetnadel hier gleich

Die Amerikaner waren fo eifrig bei der Sache, daß sie den Eintritt des langen Doktors Überbörten. Ein paar Sekunden beobachtete der ste schwei­gend, und der Versuch eines Lächelns lief über feine hölzernen Züge.

.Wenn ihr wüßtet', ging es ihm durch den Kopf, ,daß kaum zweihundert Meter unter euren Füßen ein paar hunderttausend Tonnen Eisen liegen, dann würdet ihr euch nicht mehr wundern. Gut, daß ihr es nicht wißt.

Er machte sich durch ein Räuspern bemerkbar und trat näher. Captain Andrew fuhr auf, als ob er bei etwas Unrechtem ertappt wäre.

Ich sehe, die Herren beschäftigen sich schon mit den magnetischen Ver­hältnissen der Station", sagte der lange Schmidt und schüttelte den Ajnerr- kanern die Hand. Captain Andrew überwand seine Verlegenheit.

Sie entschuldigen, Herr vr. Schmidt, aber es ist so interessant. Sie sitzen hier in der Tat genau auf dem magnetischen Südpol."

Vorläufig stehen wir noch darauf", sagte der lange Schmidt trocken.

Aber wir wollen uns setzen."

Er bat seine Gäste, wieder Platz zu nehmen, und ließ durch Hagemann einige Erfrischungen bringen. Es wäbrte nicht lange, und er war mit Captain Andrew in ein tiefgründiges Gespräch über Polwanderungen im allgemeinen und die ausfällige Wanderung des magnetischen Südpols im besonderen

1 verwickelt. Oester als einmal wurde Hagemann gerufen, um Bücher und

HANS DOMINIK EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. Hv LEIPZIG

Zum Teufel, Parkett, was füllt Ihnen ein? Was haben Ste da zu spielen? Sie haben mir die ganze Einstellung verrückt."

Captain, ich fehe etwas. Ganz deutlich! Einen Funkturm!'

Mit einem Satz war der Captain bei dem Apparat und schaute selbst hin­durch. Deutlich war durch das stark vergrößernde Fernrohr des Theodoltten das feine Fachwerk eines Funkmastes zu sehen. Jetzt, nachdem er es durch das Fernrohr erblickt hatte, glaubte er den Mast sogar mit bloßen Augen am Südhorizont erkennen zu können. Mit einem Ruck raffte er feine Papiere

zusammen. _ , ,

Los Parkett! Alles zufammenpacken, in den Wagen bringen! Sre können den Mast auch sehen. Wir fahren darauf zu." .

Gespannt kam Garrison Captain Andrew entgegen, als er m den Wagen jurückkehrte. M

Haben Sie die genaue Ortsbestimmung, Captam?

Captain Andrew schüttelte den Kopf.Nicht mehr nötig, Mr. Garrison. Wir haben einen Funkturm entdeckt, noch keine zehn Kilometer von hier entfernt. Sicher eine deutsche Station. Da wollen wir jetzt hinfahren. Ver­mutlich werden ja Leute dort fein. Die werden uns schon Bescheid sagen können, wo wir uns befinden." ---

Der brave Hagemann hatte an einer freien Stelle von Schmidts Arbeits­tisch ein Frühstück aufgebaut, das seiner Kochkunst alle Ehre machte. Aber vergeblich hatte er schon zum dritten Male gemeldet:Herr Ministerialrat, es ist angerichtet." Der lange Doktor an der anderen Seite des Tisches über sein Manuskript gebeugt, ließ die Feder über das Papier rasen und hörte Unb sah nichts von dem, was um ihn her vorging.

Karl Hagemann wußte, wie es kommen würde, wenn er letzt das Zrmmer »erließ. Nach Stunden würde das Frühstück noch unberührt auf fernem Fleck stehen. ,,,. . ,,

Der Auftrag Willes kam ihm in den Sinn. ,Zu was schließlich , dachte er bei fich, ,hat der Tischler Nollen unter den Sessel geschraubt?' Nach kurzem lkeberlegen entschloß er fich zu einem Gewaltstreich. Vorfichtig trat er von hinten heran, griff mit der einen Hand die Sessellehne, mit der anderen eine Schulter Schmidts, zog den Sessel mitsamt dem Doktor vom Tisch fort, harrte ihn nach der andern Seite und schob ihn dort vor das Frühstück hm.

Sprachlos hatte der lange Schmidt die Gewalttat im ersten Augenblick über sich ergehen lassen, noch ein paar Worte in die Luft geschrieben, als leine Feder das Papier nicht mehr erreichte. Jetzt brach er los.

SHagemann, Sie unverschämter Kerl! Was fällt Ihnen em?

Befehl von Herrn Dr. Wille. Herr Ministerialrat müssen esfen , sagte Hagemann, während er ihm die Feder fortnahm und dafür Messer und Gabel in die Hand drückte. Dr. Schmidt wollte noch weiter schimpfen, als der Hupenton eines Kraftwagens vom Hose her klang.

Nanu! Sind unsere Herrschaften fchon wieder zurück?", sagte Hage- mann, während er dem Doktor eine Taffe Tee einfchenkte,entschuldigen I mich Herr Ministerialrat einen Augenblick."

Mit Befriedigung fah er noch, wie der lange Doktor, nun einmal gewalt­sam von feiner Arbeit fortgeriffen, sich über das Frühstück hermachte, und verließ den Raum.

Ein Raupenwagen stand auf dem Hof, ähnlich den deutschen Fahrzeugen, doch viel größer als diese. Verwundert besah sich Hagemann das Vehikel, als sich an dem eine Tür öffnete. Ein Mann kam heraus und redete ihn in enekscher Sprache an. Hagemann raffte seine englischen Brocken zusammen, und wußte nach wenigen Worten, daß er es mit Captain Andrew, dem Füh er einer amerikanischen Expedition, zu tun habe.

Herr Dr. Wille ist nicht aiiwesend", sagte Hagemann,Herr Mimsterial- rat Schmidt vertritt ihn im Institut", er wollte fortfahren,er wird sich sicher freuen, Sie zu sehen", als eine zweite Person aus dem Wagen st,eg, bei deren Anblick ihm die Rede stockte.

Das war ja Mr. Garrison, jener bedenkliche Yankee, der schon einmal in der Station zu Besuch war. Die Herren Wille und Schmidt hatten es nach Möglichkeit vermieden, in Gegenwart Dritter Über die Amerikaner zu sprechen. Aber Karl Hagemann, Hans Dampf in allen Gassen, hatte doch mancherlei aufgeschnappt, was nicht für seine Ohren bestimmt war und sich seinen Vers darauf gemacht. Schnell hatte er feine Selbstbeherrschung wie- dergesunden unb lud bie beiben Amerikaner mit einer verbinblichen Bewe­gung ein, näher zu treten.

Rehmen Sie Platz, meine Herren. Ich werbe Herrn Ministerialrat sofort benachrichtigen."