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Streich Fast vor den Augen zweier französischer Reiterregimenter überfällt er abermals einen Bahnhof, doch der Versuch, auch das Städtchen Niederbronn zu durchreiten, mißlingt. Niederbronn ist voll von französischen Truppen. Die Franzosen beginnen ^ verwegene Patrouille au aaen Wie die Spürhunde revieren die feindlichen Reiter die Gegend ab Die Lage beginnt bedenklich zu werden. Rast, Füttern und Tranken sind nicht mehr zu umgehen. Zeppelin wählt den abgelegenen, nur aus em paar Bauernhäusern und einem Wirtshaus bestehenden Weiler Scheuer- lenhof, den er von militärischen Studienreisen kennt.
Mit aller soldatischen Vorsicht rastet die Patrouille im Wirtshaus von Scheuerlenhof. Während Pferd und Mann futtern und trinken, stehen draußen, Karabiner im Arm, die Posten. Es ist ja anzunehmen, daß der Ritt der Deutschen nach dem einsamen Weiler von den Franzosen beobachtet wurde. Es ist auch so. Eine Eskadron Chasseurs ä cheval hat den Beseht bekommen, die Unruhestifter abzufangen.
Da gellt auch schon der Alarmruf eines Postens. Als Zeppelin mit seinen Leuten in den Hof stürzt, sind sie schon umzingelt. Ein ungleicher Kampf beginnt: neun Mann gegen 150. Es kommt, wie es kommen muß. Ein Leutnant fällt — als erster Deutscher dieses Krieges — ein zweiter wird schwer verwundet. Die Dragoner müssen sich ergeben. Nur der Führer der Patrouille entkommt.
In dem Getümmel gelingt es Zeppelin, durch eine Hinterture in den Wirtsgarten zu kommen. Hier hält eine Magd ein französisches Chargenpferd. Zeppelin springt in den Sattel, seßt über den Zaun, einen Bach und jagt in den nahen, schützenden Wald. Dort hälftet er seinen Gaul an einen Stamm an und klettert in die Krone eines hohen Baumes. Er wird Zeuge, wie ein Teil der feindlichen Reiter seine Patrouille in die Gefangenschaft abführt. Aber er sieht auch, wie der Rest der Esta= dron auf das Wäldchen zugaloppiert und es zu umstellen beginnt. Doch sie finden ihn nicht. Der Gaul, der vernünftigerweise bei der Annähe- rung der anderen Pferde nicht wiehert, steht im Dickicht, der Hauptmann sitzt oben aus dem Baum und sieht die Franzosenhelme zwischen den Stämmen und im Jungholz geistern.
Endlich verschwinden die Reiter. Aber sie sperren ringsum alle Straßen und Wege. Auf eine solche Vedette stößt Zeppelin, als er vorsichtig aus dem Wald ins Freie reitet. Ein Zurück ist nicht mehr möglich. Da jagt Zeppelin mitten durch die Vedette und galoppiert gegen Westen. Stundenlang sind die feindlichen Reiter hinter ihm her. Bis sie im Dunkel des Abends und in einem losbrechenden Gewitter seine Spur verlieren.
Aber noch ist Zeppelin nicht gerettet. Sein Pferd kann nicht mehr. Er selbst braucht Essen und Schlaf. So wagt er sich in ein Bauerngehöft. Der französische Bauer ist zum Glück nicht zu Hause. Die Bäuerin läßt sich überzeugen, daß ein französischer Wachtmeister vor ihr steht. Sie gibt ihm Essen, Wein und Quartier.
Als der Bauer nach Hause kommt, liegt Zeppelin längst im traumlosen Schlas. Der Bauer sieht das französische Roß in seinem Stall und ahnt nicht, wer die Nacht in seinem Hause verbringt. Er freut sich auf einen ausgiebigen Morgenschwatz mit dem französischen Wachtmeister. Um ihn ja nicht zu versäumen, steckt er schon beim ersten Tagesgrauen die Nase aus dem Fenster. Da vergißt er für die nächste Viertelstunde das Maul zu schließen. Denn was sich drüben am Stalle gerade auf das französische Chargenpferd schwingt und ein fröhliches „Guten Morgen" ruft, ist ein deutscher Offizier. Dem Bauern steht das Maul offen, als der Deutsche schon ferne über die Felder jagt.
Am Nachmittag erreichte Zeppelin wieder den Rhein.
Fast vierzig Jahre später war der Name dieses tapferen Offiziers in aller Mund, damals, als bei Echterdingen eine Gewitterböe fein Luftschiff von den Ankern riß, es in Flammen aufgehen ließ und der Schmerz über diese Katastrophe zum ersten Male wieder die Herzen aller Deutschen einte.
„Warum küssen sich die Menschen?^
Eine kulturgeschichtliche Betrachtung von Dr. Wolfgang Frahm.
Allen denen, die hier ein herzloses Unternehmen wittern, die einen nüchtern-rücksichtslosen Eingriff in geheiligte Bereiche des Menschenwesens befürchten, sei gleich beruhigend versichert, daß nichts dergleichen beabsichtigt ist. Wir wollen uns nicht anmahen in ein Geheimnis zu bringen, das jeder für sich erfährt und bewahrt, und wir möchten nicht ein Erröten auf den Gesichtern unzähliger heraufbeschwören, die sich wie belauscht vorkommen, wenn man über solche Dinge — und womöglich unter dem Mantel streng wissenschaftlicher Objektivität — in aller Oefsentlichkeit berichtet. Es wird aber wohl gestattet sein, halb belustigt, halb neugierig zu fragen, was Berufene und Unberufene in früheren Zeiten über den Kuh gedacht haben, wobei ausdrücklich zu bemerken ist, daß diejenigen, die am meisten zu sagen hätten, auch am besten zu schweigen verstanden haben. Das liegt nun einmal in der Natur der Sache.
Wir wollen eine Definition an den Anfang setzen, die diesen Vorrang verdient, weil sie uns am reizvollsten und anschaulichsten zu sein scheint, und die doch — was ihr von vornherein unsere aufrichtige Zustimmung einträgt — das Wesentliche unausgesprochen läßt: sie steht in dem alten Frauenzimmerlexikon des Amaranthes und heißt: „Kuß oder Mäulgen auch Schmätzgen oder Heitzgen genannt ist eine aus Liebe herrührende und entbrannte Zusammenstoßung und Vereinigung derer Lippen, wo der Mund von zwei Personen so fest aneinander gedrückt wird, daß die Lippen bei dem Abzug einen rechten und deutlichen Nachklang zum Zeichen des Wohlgeschmacks von sich geben."
Doch wir haben mit diesem Zitat in der Geschichte der Erörterungen über den Kuß weit vorausgegriffen. Die Frage „Warum küssen sich die
legungen veranlaßt. Die Ergebnisse sind zum Teil so seltsam und kraus. I daß sie ebenso gut einem philosophierenden Katerhaupte entsprungen sein könnten. Die einen haben gesagt, der Kuß sei ursprünglich eine Art „Beriechen" gewesen, und Plutarch meint, er sei zuerst angeroenbet worden um bei den Frauen, denen bei manchen Völkern das Weintrinken nicht gestattet war, festzustellen, ob sie dem verbotenen Genuß nicht vielleicht doch gehuldigt hatten. Poesievoller ist die Deutung in einem platonischen Epigramm, in dem der Kuß als ein Zusammen- fliehen der Seelen bezeichnet wird, die im zartesten Hauch aus einem Körper in den anderen wandern und durch solchen Austausch göttlich beschwingte Freuden bewirken. Der Engländer Steele lehnt solche empfindsamen Erklärungen kurzerhand ab und behauptet: „Die Natur schul den Su6; mit dem ersten Flirt war er da " Basta!
Gegen diese Auffassung, daß der Kuß ein allen Menschen von Anfang an angeborenes Bedürfnis sei, hat die Völkerkunde gewichtige Be- ! denken vorgebracht. Schon Darwin hat darauf hingewiesen, daß ec nicht überall verbreitet sei. Die Maori in Neuseeland, die Eingeborenen von Tahiti und die Papuas kennen das Küssen ebensowenig wie bie Feuerländer die Somali und die Eskimos. Dem nordamerikanischen Schriftsteller Bayard Taylor erklärte eine Lappländerin, als er ihn erzählte, daß sich in seinem Lande Mann und Frau zu küssen pflegten, , ihr Mann würde länger als eine Woche darunter zu leiden haben, roenn I er ihr einen solchen Schimpf antun würde. Bestimmte Gewohnheiten, die man als einen Ersatz für den Kuß ansprechen darf, gibt es jedoch, auch bei diesen Völkern. In Neuseeland und in Lappland, bet afntani-1 schen Negern und bei malayischen Stämmen erfreut sich das Aneinander- * reiben und -drücken der Nasen großer Beliebtheit.
Um den Kuß, diese „schöne Lippenübung", hat sich verstandlicherwe,s« ein großer und bunter Kranz von Poesie gerankt, ja sogar die gelehti« Literatur hat sich seiner mit ihrer ganzen Umständlichkeit bemächtige. So erschien im 17. Jahrhundert eine Reihe dicker Folianten, die rote Herrenschmids „Osculogia“ (1630) allerlei Merkwürdigkeiten aus diesem Gebiete enthielten oder in denen — wie in dem Werk „ve osai- , lis" (1675) von I. F. Hekeli — eine erstaunliche Fülle philologischen Wissens über dieses Thema ausgebreitet war, während Lanstus uni Kornmannus den Kuß vom juristischen Standpunkt ausführlich uni
rechtschaffen zu würdigen suchten. , . . „
Schon in den ältesten Urkunden der Menschheit, so in der Bibel, wir» der Kuß erwähnt, als Zeichen der Gnade oder der Vergebung, als Z-i • chen des Einverständnisses ober ber Verehrung. Nicht anbers bei beit Griechen. Was man liebte und ehrte, würbe mit den Lippen beruhM E p am i nonbas küßte voll Freube ben geretteten Schilb unb Mil tni b e s bei feiner Heimkehr ben heiligen Boden des Vaterlandes. Dm Nömer unterschieden drei Arten von Küssen, basium — den Kuß ouss Höflichkeit, osculum — ben Kuß ber Freundschaft unb suavium — bett Kuß unter ßiebenben. Dem Gatten war es nicht erlaubt, feine Frau nt Anwesenheit ber Kinder zu küssen, unb Plutarch erzählt in seinem „Leben Catos", daß ein Römer bestraft worden sei, weil er seine Statt in Gegenwart ber Tochter geküßt habe. .
Als zeremonielle Begrüßung scheint ber Kuß aus bem Orient D stammen. Nach Herobot, dem wir in diesem Falle Glauben schenkm wollen soll er von ben Persern eingeführt worben sein, von wo er fi® bei ben orientalischen Griechen unb bei ben Aegyptern verbreitete, um von bort nach Italien zu gelangen.
Als der Begrüßungskuß unter ben ersten Christen üblich wurde, er regte das den 'Verdacht der Römer. Bis ins 13. Jahrhundert war Dm „Pax“, wie man ben Kuß bei ber Messe nannte, allgemein »blichcM später würbe biefe Sitte, bie noch heute in bem „Osterkuß" ber griechywi katholischen Kirche weiterlebt, burch bie Berührung einer Kußtafel nur den Sippen ersetzt. In der Minnesängerzeit hatte der Kuß eine groB'.t Bedeutung. Ulrich von Liechtenstein unterscheidet den Kuß De: Minne, ben ber Freundschaft unb ben der Sühne.
Als Turnierpreis wird der Kuß im „Titurel" erwähnt, wo ber Sieg« außer bem Kranz ben Lippenlohn von achtzig schönen Mäbchen crhom Bei großen Feierlichkeiten galt der Kuß als besondere Ehre, und nom heute bekommen die Ritter der französischen Ehrenlegion bei der um densverleihung den Wangenkuß. Der Papst küßte bei der Krönung. Dej Kaiser auf Stirn, Sinn, beide Wangen und Mund, und danach berupni der weltliche Herrscher die Brust des Papstes mit den Lippen. Bei Der Belehnung der Vasallen war der Kuß ebenso üblich wie bei vielen anderen festlichen Gelegenheiten. Der „Doktorkuß" bei der Promoviere- hat an manchen deutschen Universitäten noch bis zum Ende des IS.Jayw Hunderts bestanden. Wie weit diese Lippenübung in früheren Ze" » verbreitet war, zeigt ein Brief, ben ber Humanist Erasmus an einen Freund schrieb und in dem es heißt: „Wenn Du in England 'rgenDuv- hinkommst, wirst Du stets von allen mit einem Kuß begrüßt wervem. Wohin Du kommst, regnet es Küsse." . ,
In ber galanten Lyrik bes 17. Jahrhunderts steht der Kuß — K I allerdings nur der zwischen den beiden Geschlechtern — im Mtttelpui» vieler Verse, und in der Anakreyntik wird das Motiv bes „Küsseraubem- erst recht modern. Zu gleicher Zeit äußert sich ein Rechtsgelehrter u» „das Recht bes Frauenzimmers gegen eine Mannsperson, bie es seinen Willen küsse." Gottscheb warf in ben „Vernünftigen Tadlerim nen" ben Dichtern vor, baß sie ben Kuß allzu sehr besängen um) w mahnte sie zu größerer Sittenstrenge. Aber auch Gottsched wirb my verhindern können, baß unzählige Menschen bie Frage Paul Firn i n g s in seinem berühmten Gedicht „Wie er wolle geküsset sem v stehen unb baß sie seiner Antwort zustimmen, die sich heute ebenso |a)° liest wie vor breibunbert Jahren:
.Nirgends hin als auf ben Mund, l Da sinkt'- in des Herzens Grund ..."
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