Ausgabe 
7.10.1935
 
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Das ist Der Herbst.

Von Knut Hamsun.

Das ist der Herbst, der Tod rückt vor, Das Ende mag kommen aus leisen Sohlen, Gegebenes Leben zurückzuholen Alles stimmt ein in der Vergänglichkeit Chor. Der Mensch aber lebt jo lange.

Frucht füllt die Scheunen und Korn das Haus, Die Ernte sammelt, kein Wesen wehrt sich Geschaffenes fällt wie Laub und verzehrt sich Und sinkt zurück in des Todes Braus.

Nur der Mensch, ach, lebt so lange.

Deutsche Landschastsdichtung.

Von Dr. Johannes Günther.

Läßt sich die malerische Landschaft mit Worten schildern? Wer in Lessings Kunstgesetzen geschult ist, bestreitet es heftig. Die Landschaft so begründet er bietet ihre Formen und Farben aus einmal dar. Was aber tut der Künstler des Wortes oder vielmehr: was mutz er tun im Zwange seiner Kunstgattung? Er zählt die Formen und Farben auf. Was in der wirklichen Landschaft beieinander ist und zueinander gehört, das kann der Beschreibende nur nacheinander vermitteln. Er zerreißt also, was zusammen war, kann den Leser nicht mit diesem Stückwerk packen, der Leser wird unruhig und unlustig werden, er wird sich ge­langweilt fühlen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Schwierigkeit zu umgehen: Der Künstler des Worts erweckt durch ganz kurze Hinweise im Leser die Vor­stellung der Landschaft, in der die Vorgänge sich abspielen, oder er weckt in ihm die Stimmung, die die betressende Landschaft im Betrachten aus­löst. Die zweite Möglichkeit ist die, datz der Dichter die Teile der Land­schaft mit den Personen seiner Erzählung in engste Beziehung bringt. Er läßt seine Personen die Landschaft, die Landschaftsteile erleben und aus diese Weise erlebt der Leser sie mit. Immerhin tut sich hierbei eine neue Schwierigkeit aus: auf diese Weise erfordert die Vermittlung des Landschaftsbildes noch längere Zeit als bei der sozusagen sachlichen Be­schreibung. Es dauert also noch länger, bis der Leser alleTeile in seiner Hand" hat. Autzerdem: verfügt er über genug Erinnerungskraft, um am Ende, alle Teile aus innerer Anschauung zu einem Gesamtbilde zu ver­

eine

"°Äan"nenn" Stifter wohl einen Spätromantiker. Aber wir führen hier eine Stelle aus seiner Erzählung »Der Hochwald um so lieber an weil seine Art Natur zu empfinden und dichterisch zu vermitteln, schon Brücke schlägt zu einem Wirklichkeitsfinn, dem rair Heutigen zu­getan sind. Stifters Ausdrucksart läßt noch alle Möglichkeiten offen zur Eefühlstiefe.Die Nachmittagssonne war schon Ziemlich tief zurRüste gegangen und spann schon manchen roten Faden zwischen den dunklen ^anne^nzweigen herein, von Ast zu Ast 'prmg-ndzitterndun spmnend durch die vielzweiqigen Augen der Himbeer- und Brombeergestrauch daneben zog ein Hänfling sein Lied wie ein anderes dünnes Goldfadchen von Zwe?g?iu Zweig entfernte Bergbäupter sonnten sich ruhig, die vielen Morgenstimmendek' Waldes wäre?, verstummt denn die-meisten de Vögel arbeiteten oder suchten schweigend in den Zweigen herum Manche Waldlichtung nahm sie auf und gewahrte Blicke auf die rechts und links sich dehnenden Waldrücken und ihre Taler alles

lichem Nachmittaqsdufte schwimmend, getaucht in jenen sanftb au Waldhauch, den Verkünder heiterer Tage, daraus manche -unge Buchen­stände oder die Waldwiesen mit dem sanften Sonnengrun der rzerne- vor­leuchteten. So weit das Auge ging, sah es kein ander Bild als denfAbe

Ob man nicht doch die von Lessing obgelehnte Landschastsschilderu^g wagen sollte mit der tatächlichen Beschreibung? Ob nicht eine poetische Kraft, wenn sie nur da wäre, den Leser nicht doch fesselte und ihm zur inneren Anschauung des Bildes verhülfe?

Wir stellen.ein paar Beispiele zusammen aus einer Zeit, da Die Men­schen sich noch Muße gönnen konnten und in den Grenzen einer vor­nehmen Erziehung des Ausdrucks ihre Gefühlskraft erprobten Es sind Landschaftsschilderungen, die gewiß auch die Mittel des im Einzeinen betonten Landschaftserlebnisses nicht autzerachtlassen, aber uns doch auch vor allem in den Eigenwert der Landschaftserscheinungen hinein- ziehen und Richtung geben für den dichterisch sprachlichen Ausdruck der Landschaftsformen, der Landschaftsfarben und der Landschastsstimmung Ausdrücke, die der Dichter sogar von sich aus wagen könnte, zu denen er sich als Schilderer bekennen könnte, ohne sie auch einer seiner Personen in den Mund zu legen. . .

Jean Paul teilt im 43. Zyklus seines RomansTitan folgende Auszeichnung mit:Nach fünf Uhr schon ging ich in den Garten hin­unter und fuhr über den Glanz zusammen, der im Taue und zwischen den Blättern brannte die Sonne sah erst unter den Triumphtoren herein alle Seen sprühten in einem breiten Feuer em glanzender Dampf umfloß wie ein Heiligenschein den Erdenrand, den der Himmel berührte - und ein hohes Wehen und Singen strömte durch die Morgen­pracht. Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zuruck und so froh: ich wollte immer rufen: ich habe dich wieder, du helle Sonne, und auch, ihr lieblichen Blumen- und ihr stolzen Berge, ihr habt euch nicht verändert, und ihr grünet wieder wie ich, 'he duftenden Laume^ In einer unendlichen Seligkeit schwebte ich wie verklart, schwach, aber leicht und frei, ich hatte die drückende Hülle so war es mir unter die Erde gelegt und nur das pochende Herz behalten

Novalis gibt sich gewiß gern der Weite der Landschaft hin, aber auch mit einer tiefen Liebe zum Nahen und Kleinen sprich er für dw Pflanzen, ja er ist buchstäblich der Fürsprecher ihrer Gcheimnisse. Um dieser Geheimnisse willen wenn man ihnen nur zu Worten verhilft -kann eine Schilderung ihrer Welt ja niemalstrocken undlang­

Schmelz der Forste, über Hügel und Täler gebreitet, hinausgehend 6hf zur feinsten Linie des Gesichtskreises, der draußen am Himmel lag, glän­zend und blauend, wie seine Schwester, die Wolke."

Wer in EckermannsGesprächen mit Goethe" die Stellen über Landschastsmalerei gelesen hat und weiß, wie da, bei aller Achtsamkeit auf künstlerische Einzelmittel, der einende, herrschende Geist stets zur Geltung kommt, wer sich gewisser Sätze erinnert, etwa dieser:immer war das Bild durch und durch eins" oderes ist in der Kunst und Poesie die Persönlichkeit alles", bet wird einen Teil in GoethesNovelle" als einen bemerkenswerten Uebergang auffasien von der Landschafts- Malerei zur reinen Landschaftsdichtung. Goethe läßt hier jemanden Land­schaftsbilder erklären. Das Tun des Malers, der in das Kunstwerk sich vertiesende Betrachter und die Bäume und Pflanzen, die ins Bild ausgenommen sind alle sind in spannender Bewegung:... es ist ein Wald, der diesen uralten Gipfel umgibt; seit hundertundfünszig Jahren hat keine Axt hier geklungen, und überall sind die mächtigen Stämme emporgewachsen. Wo ihr euch an den Mauern andrängt, stellt sich der glatte Ahorn, die rauhe Eiche, die schlanke Fichte mit Schaft und Wur­zeln entgegen, um diese müssen wir uns herumschlängeln und unsere Fußpsade verständig führen. Seht nur, wie trefflich unser Meister dies Charakteristische auf dem Papier ausgedrückt hat, wie kenntlich die ver­schiedenen Stamm- und Wurzelarten zwischen das Mauerwerk ver­flochten und die mächtigen Aeste durch die Lücken durchgeschlungen sind. Es ist eine Wildnis wie keine, wo die alten Spuren längst verschwun­dener Menschenkraft mit der ewig lebenden und fortwirkenden Natur sich in dem ernstesten Streit erblicken lassen."

Oer 3epp2lin<Ritt

Von Alfons von Czibulka.

In Trimbach im Elsaß ist Kirmes.

Auf dem kleinen Marktplatz leuchten die Buden. An der Wirtshaus­mauer fitzen in langer schwarzer Reihe die Bauern Hinterm Weine. Schweigsam und doch vergnügt blinzeln sie auf die besonnte Wiese vor dem Hause, wo die Burschen und Mädel sich zum Geblase der Dorsmusik drehen. Um den Krieg, den vor fünf Tagen Kaiser Napoleon III. den Preußen erklärte, scheinen sich die Trimbacher wenig zu kümmern.

Warum denn auch? Summen und Zirpen tönt von den Feldern, die friedlich in der Sonne liegen. Waschblau und wolkenlos wölbt sich ein klarer Sommerhimmel über die Dächer und Hügel. Nirgends ist auch nur das leiseste Anzeichen eines Gewitters zu sehen, sei es eines himm­lischen oder eines kriegerischen.

Da hebt der fette Wirtshaushund, der faul auf den Steinftufen liegt, den Kopf, steht mißbilligend auf, schüttelt sich, knurrt und wedelt zu­gleich. Was in der Hundesprache heißt:Es kommt etwas. Ich weiß bloß noch nicht, ob ich bellen oder wedeln soll." Da ist das Etwas auch schon da. Eine Staubwolke fegt zum Dorfeingang herein. Galopp­schlag und Waffenklirren ist zu hören. Ehe noch irgend jemand begreift, daß das der Krieg ist, der da kommt, jagt auch die Wolke schon zum Wirtshausgarten herein, löst sich auf und ist plötzlich ein Rudel von Reitern. Ein Kommando ertönt, und im nächsten Augenblick wirbelt ein Dutzend badischer Dragoner ebensoviel aufkreischende Trimbacher Bauernmädel im Kreise herum. Den Musikanten fallen Waldhorn und Trompeten aus den offenen Mäulern. Erst nach einer Weile beginnen sie wieder. , v ~ ,

Doch da macht schon das KommandoAufsitzen dem Zauber ein Ende. Die Dragoner stürzen an ihre Pferde zurück, springen in die Sättel und wischen zum Garten hinaus.

So hat für Trimbach im Elsaß der Siebziger Krieg begonnen.

Am Morgen dieses nämlichen 24. Juli 1870 hatte der Hauptmann Ferdinand Gras Zeppelin, Generalstabsoffizier einer württembergi- schen Kavalleriebrigade, den Auftrag erhalten, Mit einer Offiziers­patrouille den nördlichen Zipfel des Elsaß zu erkunden. Im Morgen­grauen ritt er los Mit vier badischen Leutnants und sieben Dragonern. Gerade als der erste Sonnenstrahl sich im Rhein spiegelte, schlugen die Huse der ersten deutschen Patrouille in Feindesland.

Eine Stunde später waren Wälle, Tore und Mauern zu sehen: Lauterburg, die erste sranzösijche Stadt. Glück muh man haben: das Stadttor stand offen. Im Marsch-Marsch-Tempo brauste die Patrouille zum Tore hinein. Die französischen Gendarmen und Finanzer, die ver- fchlafen in der Torfahrt sahen, fuhren auf, griffen zu den Waffen und waren überritten, ehe noch ein Schuß aus den Läufen fuhr. Da war die deutsche Patrouille auch schon zum andern Tore hinaus. Soviel wußte sie nun: Lauterburg war noch vom Feinde frei.

So ging es weiter nach Neuweiler. Wo eben, als Zeppelin eme Pro­klamation des dritten Napoleon von der Mauer des Spritzenhauses reißt ein Gendarm und ein Lancier um die Ecke klappern. Der Lancier wird' vom Pserde gehauen. Der Gendarm bettelt um Gnade, liefert die Papiere aus die wertvolle Angaben über den französischen Grenzschutz enthalten. Fröhlich trabt die Patrouille tiefer ins feindliche Land.

Nichts rührt sich ringsum. Nur die Hummeln über den Wiesen brum­men Da klingt Tanzmusik von einem Kirchdorf herüber. Zeppelin hat Sinn für Humor. Seine Reiter haben sich brav gehalten. Belohnung muh [ein. So kommt es zum Trimbacher Tänzlein.

Als der Abend dieses ersten Tages in feindlichem Lande sich meder- jenkt überfällt die Patrouille noch einen Bahnhof, zerstört die Apparate, nimmt Depeschen an sich. Dann taucht sie in das Dunkel des Schonen- buraer Forstes, wo sie die Nacht verbringt. Nur ein Leutnant und -wei Dragoner müssen noch zurück nach Karlsruhe reiten. Zeppelin ahnt schon dah der kommende Tag ein anderes Tänzlein bringen wird als das Trimbacher Tanzen. Wer weih, ob es morgen noch möglich fein wird, Meldung nach Hause zu schicken.

Doch dieser Tag beginnt glücklich. Was ihnen am Morgen zuvor in Lauterburg gelungen, gelingt jetzt in Wörth, das sie in vollem Laufe durchjagen, ehe die Torwachen noch ans Schießen denken. Ader auf den Feldern und Hügeln, über die vierzehn Tage spater die erste große