Ausgabe 
7.10.1935
 
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verrückt sind wir Schreiner. Aber der alten Dame

sagt Tünte Anna. Kleesand lacht. Ein ganz klein wenig alle.... einem wirklich Wahnsinnigen!" klagt Frau Kleesand hat nicht zugehört. Ihm ist dieser Tanz mit

sehr langweilig.

... seit dreißig Jahren nicht mehr getanzt", keucht Onkel Stallmann der teerosenfarbenen Sophie ins Ohr,... aber es gefällt mir. Wenig­stens, so lange Sie mit mir tanzen."

Sophie nickt... Einem Wahnsinnigen! hat sie gehört. Natürlich, das ist Rauthammer. Sie muß gleich mit Frau Schreiner sprechen. Neuer Tanz. Alfred ist mit seiner Mutter ausgelost. Barbara mit Dr. Weppen. Weppen ist sehr gründlich. Er hat sein ewiges Thema am Wickel: die Eifersucht. Ob Barbara niemals eifersüchtig sein wird? Nein? Famos! Aber wenn nun eines Tages durch irgendeinen unsinnigen Zu­

vaar lustige Mädchenstimmen hinten lm Garten. Er nimmt den Hut ab, trocknet sich mit dem Taschentuch den Schädel. Es ist wirklich sehr heiß. Er bohrt den Stock in den Sand und stützt sich darauf, fchaut geduldig zu Boden. Endlich hört er Schritte. Eine ältere Same kommt schnell den Steinweg vom Haus aus ihn zu. Sie stellt sich vor ihn Sie sagt:Ich bin Frau Schreiner, die Tante von Barbara . Sie gibt ihm d,e Hand Sie sagt:Ich weiß, was Sie hierherführt, Herr Rauthammer. Jawohl. Ich kenne Ihren Namen. Ich weiß auch, daß Sie nichts erreichen können. Es ist doch ein Wahnsinn, am Tage der Hochzeit...! Eine Extravaganz. Abenteuersucht! Ich bitte Sie, gehn Sie! Ja, bitte, ich komme ein Lrtuck- cficn mit

Ich bin gekommen...", versucht Rauthammer. Aber Tante Anna läßt ihn nicht sprechen.Ich bin verantwortlich für meine Nichte , unter­bricht sie.Ich habe ganz gewiß Verständnis für eine wahre Leidenschaft und Achtung vor einem echten Gefühl. Aber man kann ja schließlich mcht fünf Jahre in der Welt herumsahren und dann verlangen, daß das unae Mädchen bieder und treu gewartet hat, während man selbst wohl nicht ganz so treu wartete. Einerlei, einerlei. Ich mache niemandem Vor­würfe. Man muß nur dann die Folgen auch tragen. Bitte! Sie sind jetzt zu spät gekommen, und das können Sie nicht dadurch gutmachen, daß Sie auf die Hochzeit einbrechen. Die Zeiten des Frauenraubs find Gott fei Dank, leider vorbei." . .

Sie lächelt tierbändigerifch-freundlich. Sie reicht ihm die Hand.

Leben Sie wohl! Auf Wiedersehn!"

Rauthammer hat wirklich seinen Hut gezogen. Er lächelt zuruck. Er sagt:Es wird also nötig sein, daß ich Fräulein Barbara zu gelegenerer Zeit wieder aufsuche." ., . ,

Frau Schreiner schüttelt den Kopf.Aber ich sagte Ihnen doch: Wir stehen vor vollzogenen Tatsachen. Meine Nichte hat vor zwei Stunden geheiratet, in einer halben Stunde oder spätestens in einer Stunde geht sie mit ihrem Mann auf die Hochzeitsreise..." t ,

, Das Ziel der Reise steht wohl noch immer nicht fest? fragt Raut­hammer.Nun, ja, man ist im Auto ganz ungebunden. Ich könnte sonst Fräulein Barbara irgendwo unterwegs treffen. Es eilt nämlich, gnädige ^Tante Anna ist jetzt am Ende ihrer Unterhaltungskunst. Deshalb kann Rauthammer weitersprechen, und er tut es, indem er der geborenen von Löpel die Hand auf den Arm legt, indem er schnell, in Galopp­sätzen, sagt, was er sagen will.Ich wollte gestern zu Herrn Professor Schreiner. Bin Patient von ihm. Sie «pissen? Gut. Wollte wissen, wie­viel Zeit ich noch habe. Jawohl: wieviel Zeit auf dieser Erde. Aber der Herr Professor konnte mich nicht empfangen. Man versteht das, aber ich bin deshalb gezwungen gewesen, zu einer andern Kapazität zu gehn. Vorläufig. Der Professor muh mir morgen bestätigen, was die Kapazität gefunden hat. War natürlich geheimnisvoll. Wollte nicht mit der Sprache heraus. Denken ja alle, wir zittern vor dem Moment, in dem wir die Welt verlassen müssen. Ich habe es aber so ziemlich 'raus... Ich lang­weile Sie? Sie sind erregt. Sie haben Angst, man sieht uns hier... Bin sofort fertig. Würden Sie also die Güte haben, Fräulein Barbara zu bestellen, daß ich da war? Und daß ich wahrscheinlich nicht viel Zeit habe? Wahrscheinlich. Denn schließlich habe ich ja auch noch Reserven, gesundheitliche Reserven. Das ist das Geheimnis ... Also darf ich damit rechnen, daß Sie mich Fräulein Barbara empfehlen?"

Er verbeugt sich. Er bleibt vor Frau Schreiner stehn. Sie kann jetzt, sie soll jetzt ruhig ins Haus gehn. Er wird nicht mehr den Versuch machen, ins Haus einzudringen. Er wird hier nur ... ja, er wird hier nur ein bißchen stehenbleiben. Ein bißchen spazierengehn. Eine halbe Stunde, eine Stunde höchstens. Keine Angst! Er wird auch nicht schießen!

Frau Schreiner ist jetzt wirklich am Ende ihrer Kraft. Mit diesem Menschen wird ja niemand fertig. So etwas von Hartnäckigkeit hat sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehn ... oder doch: bei ihrem Otto, wenn es um geschäftliche Dinge ging. Aber daß Männer diese gleiche Zähigkeit bei Liebesüingen ausbringen... Unerhört.

Sie steht mit geröteten Wangen, mit fliegendem Herzen hinter der Hecke und lugt vorsichtig hinaus. Das ist kein normaler Mann ... das ist ja ein richtiger Liebhaber ... ein Liebhaber aus vergangener Zeit ... also ein Wahnsinniger. Was wird er jetzt machen? Seht mal an! Er macht gar nichts. Er rührt sich nicht von der Stelle.... Doch ... jetzt geht er ein paar Schritte. Steht wieder. Jetzt zündet er sich eine Zigarette an. Geht. Steht ... Er bewundert die alten Lichterfelder Gärten, diese Parke in Taschenformat. Da ... sie tritt vorsichtig zurück ... da kommt er wieder, marschiert wie ein Wachtposten am Hause vorüber. Hält drüben an der Ecke. Steht. Man kann doch die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen... Da können sich ja im letzten Augenblick gräßliche Dinge ereignen. Man muß irgend jemanden benachrichtigen ...

Sie geht endlich ins Haus. Denn man ruft nach ihr. Der allgemeine Tanz hat begonnen, ein Lotterietanz. Man wird zusammengegeben nach Losen, die in einen Hut geworfen und bann gezogen werden. Hier im Zylinder Meimbergs sitzen die männlichen Lose, dort im Zylinder Stall- manns die weiblichen. Tante Anna ist mit Kleesand gezogen. Bitte, Wal­zer! Professor Stallmann kommt mit Sophie Wahnke heraus ... Bitte, gleichzeitig los!

... soeben einem Wahnsinnigen begegnet ... einem Verrückten",

fall Alfred eifersüchtig würde? Wie wird sie sich dazu stellen? Wenn sie doch Eifersucht überhaupt als unwürdig ablehnt? Barbara lächelt. Aber ie antwortet nicht.

einem Wahnsinnigen", raunt Tante Anna der Sophie Wahnke zu. "Ich versichere Ihnen: Der IDlahn hatte ganz irre Augen. Neu, .? Nun, ich habe keine Erfahrung mit Wahnsinnigen. Aber tpir müssen doch etwas unternehmen. Wir können es docl> nicht drauf ankommen lasten. Sie wollen mir das abnehmen? Ach, vielen Dank! Wirklich ... ich bin ür solche Eskapaden zu alt."

Sophie Wahnke geht in den Garten hinaus. Sie sieht die dämmrige Straße hinunter. Sie kann diesen Rauthammer nicht entdecken. Drinnen ist Klothilde von Löpel mit dem Internisten Stößler gezogen und Pro- estor Schreiner mit seiner Hausdame, Fräulein von Brettwitz. Die Brettwitz legt sich mit aller Kraft ihrer unverbrauchten Gefühle in diesen Walzer hinein. Hier taut endlich nach gelungenem Diner doch wieder die jahrelang eingefrorene Hoffnung auf. Wenn das Los sie mit dem Professor im Walzer zusammengibt, sollte da das Schicksalslos sie nicht vielleicht noch ein wenig enger zusammengeben? Sollte man nicht doch, da man die Einsamkeit des Alters teilen wird, auch die Namen aneinander angleichen?

Tante Anna Schreiner hat indes sich den Sinologen Stallmann, den Bruder der verstorbenen Schwägerin, geangelt. Er muß mit ihr ein Stück im Garten auf und ab gehn. Er muß mit ihr ein wenig Luft auf der Straße schöpfen ... Da steht schon das Auto ... bitte ... ein schöner Wagen, nicht wahr? Stallmann schüttelt den Kops. Er versteht nichts von Autos, und die ganze Schnelligkeitsfexerei des Jahrhunderts findet er lächerlich. Als ob sich die Menschen dadurch nähergekommen waren! Im Gegenteil, im Gegenteil!! Und jetzt will er wieder hineingehn. Da ist dieses Fräulein Wahnke ... das interessiert ihn viel mehr als--

Steht da nicht ein Mann?" flüstert Frau Schreiner aufgeregt und legt ihre Hand auf den Arm des Sinologen.Ein Mann im Panama- Hut... Wie? Sehn Sie ....?"

Stallmann winkt ärgerlich ab. Erstens ist er ziemlich kurzsichtig, und zweitens kann es wirklich fein, daß da ein Mann fteht und warum nicht im Panamahut... Man soll ihn in Ruhe taffen. Er macht kurz kehrt und geht wieder ins Haus. Tante Anna aber folgt ihm kopf­schüttelnd. Was soll sie noch tun? Was kann sie noch tun? Alfred war- nen? Barbara warnen? Nein ... die Kinder sind gerade fo glücklich ... Sie beschließt also, den Dingen ihren Sauf zu lassen.

Es ist neun Uhr geworden. Das Abendrot blaßt schon ab. Im Gar­ten leuchten Lampions auf. Die Stimmen der Hochzeitsgäste klingen weit hinaus auf die Straße, fo still ist die Luft, [o dicht, fo warm.

Der Lohndiener trägt jetzt die Koffer ins Meimbergfche Auto. Einen Lacklederkoffer schnallt er hinten auf. Die Brettwitz kommt mit einem Paket Kuchen und -einem Riefenstrauß roter Rosen.

Oben in Barbaras Zimmer sitzt Sophie Wahnke auf dem Diwan und sieht zu, wie sich die Braut wieder in das Wildwestmädchen vom Standes­amt zurückverwandelt. Barbara ist sehr müde. Sie hat auch ein wenig Kopfweh. Es waren zuviel Blumen, zuviel Wein, zuviel Tabakrauch. Sie beginnt drei Sätze nacheinander und kriegt keinen zu Ende. Wie gut, daß sie gleich im Auto weder denken noch sprechen muß! Schließlich ist sie fertig umgezogen. Sie fetzt sich neben die Freundin, küßt sie zum Ab­schied und sagt:Ich wünsche dir auch bald eine solche Reise, Sophie. Es ist wunderschön, aus allem, was man hatte, wegzugehen. Als ob das vorher alles eine Last gewesen sei. Zu merkwürdig!" Sophie ant« wartet:Ich habe heute so viel getrunken. Darum sage ich mal gradweg, was ich denke: Ich habe mich heute zweimal verliebt. Beide Male natür­lich fruchtlos. Einmal in deinen Onkel mit dem Stehkragen. Der ist ... na, du kennst ihn ja bester ... aber er ist dir wirklich ein wenig ähnlich. Du in alt und steif und sonderbar. Aber doch du. Ich könnte ihm sehr gut fein ... Ja, und einmal in deinen Rauthammer. Ja, er war schon wieder bei mir... Und jetzt Tante Anna hat es mir erzählt jetzt steht er wohl unten und wartet. Worauf? Ich weiß es nicht. Er kam vorhin, um dich zu besuchen. Ich finde das großartig. Nicht? ..."

Barbara ist aufgestanden.Ich finde das gar nicht großartig", sagt sie, ich finde es dumm und gefährlich. Ich ..."

Sophie aber hört sie nicht zu Ende an. Sie lacht, sie umarmt Barbara und küßt sie immer wieder:Du bist zu beneiden. Ganz einfach. Mehr kann man nicht sagen. Einfach zu beneiden. Sei doch froh, daß dich die Man- ner lieben! Aber wenn du dir gar nicht Helsen kannst ... dcmn^ tele­graphiere. Ich komme bann ... ich habe ja bald Ferien ... ich ..." Sie hört erschreckt zu sprechen auf. Denn in der Tür steht Alfred Meimberg. Er hat das Letzte noch gehört:Wenn du dir gar nicht helfen kannst...

Warum sollte Barbara sich nicht Helsen können? Wer soll sie in Ge­fahr bringen?

Barbara dreht sich langsam um. Sie sieht ihn an wie einen Fremden. Sie geht auf ihn zu als erkennte sie ihn erst jetzt. Sie sagt «nie aus einem Traum heraus:Da bist du ja ... Alfred ... na, Gott fei Dank. Dann komm schnell ..."

Sie geht aus dem Zimmer, ohne sich noch einmal nach Sophie umzu- sehen, die mit dem Brautkranz und dem Schleier allein im Zimmer zuruck- bleibt, seufzt, ans Fenster geht, hinaussieht. Sterne sind aufgezogen. Drü­ben im Westen glänzt es grün, hellblau, orange. Draußen gehn Schritte vorüher, Stimmen. Sie beugt sich weit hinaus. Ihr Herz klopft wie ein Hammer. Man kann nichts mehr sehn. Sie läuft die Hintertreppe hin­unter, kommt zum Keller heraus, hujcht in die Dunkelheit des Gebüsches.

Sie seht nun Alfred und Barbara kommen, mH dem Professor. Im Hintergrund bleibt Tante Anna stehn und ringt buchstäblich die Hände. Alfred und Barbara haben helleinene Kappen übergezogen. Sie tragen d«e gleichen hclleinenen Fahrmäntel. Sie sehn wie Geschwister aus.Lebt wohl!" sagt der Professor.Gute Fahrt und auf Wiedersehn in vier Wochen!" Er gibt beiden die Hand und kehrt um.

(Fortsetzung folgt.)