Gießener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955 Hreitag. den 8.Mürz Nummer 19
MeHochzettskuh
Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner
Copyright 1 9 2 8 b y Georg Müller Verlag A.-G., München
(Fortsetzung.)
Sie maßen sich mit unbeweglichen Blicken, unfähig, ein Wort zu sprechen. Da schoß Bertold eine spitze Garbe von Haß aus diesen grauen alten Augen an, und er sah, daß er an seinem Paten einen unversöhnlichen Feind habe. Sein Herz pochte, als der Alte blinzelte. Eben wollte er ihm sagen, er müsse Birge sprechen, da drehte sich, als habe er den drängenden Gedanken als Schlange über Bertolds Stirn laufen sehen, der hagere Mann auf dem Absatz herum, daß das Eis unter feinen Füßen knirschte, und schritt langsam, ein Hüter und Wachter, seinem Hause zu. Bertold warf noch einen Blick auf das Kllchenfenster, dessen kleine Scheibe geöffnet war, aber er sah weder Birge noch eins der Geschwister. In diesem Augenblick wurde er hart. „Sie will mich nicht sehen", rief er in sein Herz hinab und ging den öden, erstorbenen Weg zurück. Er fühlte nur, er sei in wenig Stunden viel älter geworden, älter al« die alten rauchenden Dörfer, älter als die schweren Berge, ja älter als der alte Vater, der gebeugt in seinem Hause saß.
Sein wilder Schmerz fand keine Tür. Er schwor, nie mehr in diese Heimat zurückzukehren und das, was er einst Liebe genannt hatte, heimlich und abseits von Freund und Feind in seinem Herzen zu begraben. Die Raben schrien über den Wald, als er in den Zug stieg.
Achtes Kapitel.
Tod.
Und sie hatte ihn doch gesehen. Als sie den Schritt ihres Vaters über den Hof schallen hörte, war sie erschrocken über den seltsamen Klang. Es schien, als sei dieser Schritt mit einer neuen unsagbaren Last beladen, und die hellhörige Birge lief eilig an das Küchenfenster, um zu sehen, was ihrem Vater begegnet sei. Das Fenster war sehr schmal, und so kam es, daß Birge sich heftig an den Rahmen stieß, als sie ihren Kopf zurückschnellte. Sie hatte sofort Bertold erkannt, der den Berg hinabschritt. Zitternd schrie sie aus, atmete schwer und horchte auf den Vater, der sich langsam näherte. Dann schloß sie langsam das Fenster und schob, als wollte sie das Gesehene vor ihrem Vater verbergen, leise die Hand über die frostige Scheibe. Ihr Herz sprang wie ein Ball, ihr Ohr rauschte, und ihr Auge verschleierte sich.
Plötzlich sprang sie auf. Sie wollte zu Bertold. Noch im Laufen warf sie die Schürze in die Holzecke auf die sauberen Scheite.und riß die Küchentür auf. Da sah sie den Vater unter dem Pfosten der Haustür stehen. Er drehte ihr den Rücken zu und sah in die schwarze Linde mitten im Hof. Nur ein einziger schmächtiger Gedanke beherrschte sie, wie sie wohl am Vater vorbeikommen könne, ohne ihn zu berühren. Erst wollte sie ihn rufen, aber sie brachte das Wort Vater nicht heraus. Dann wollte sie Lärm machen, daß er sich umfchaue und ihr Platz mache. Sie stieß auch wirklich in einen der Holzschuhe, die in langer Reihe im Flur standen, aber der gab nur einen schwachen Klang. So stand ie schwer atmend und wartete. Der Vater rührte sich nicht. Plötzlich fühlte ie, wie ihre Augen brannten. „Mein Gott", sprach sie vor sich hin; sie chämte sich, daß sie weinte, und daß der Vater vielleicht ihr Elend sehen werde. Und leise ging sie in die Küche zurück, beladen mit einem neuen Unglück.
Der Vater blieb in der Haustür stehen, bis das Essen kochte. Jetzt war Bertold schon im Dors unten im Tale, wo der Zug stand. Birge erfuhr nie, was zwischen den beiden Männern vorgefallen war. Und in den nächsten Tagen trat ein Ereignis ein, das sie völlig ablenkte, so sehr sie sich auch bemühte, das Bild jenes Wintertages festzuhalten.
Es war, als würden die Fensterscheiben der beiden Bauernhäuser immer blinder. Sie wollten nichts mehr voneinander wissen, und jedes ner ant in die graue Sintflut eines unheilbaren Haffes. Da, eines Abends al« Friedrich im Hofe stand, hörte er die Eisschollen des Flusses im Tal gegen die Pfeiler der Brücke krachen; zugleich aber drang em kurzes trockenes Hüsteln vom Nachbarhof durch die Dämmerung. Das war Matihies. Friedrich nickte nur, als bestätigte er ein längst gefälltes Urteil. ,, ,
Darauf hörte er von einem kleinen Bauern aus einem weit entfernten Tal, der zu ihm kam, um eine Kuh zu kaufen, seinem Nachbar Matthies gehe es schlecht; er habe die Schwindsucht und sei m der Stadt
beim Rechtsanwalt gesehen worden, ohne Zweifel, um fein Testament “^'Sirge^roar gequält. Sie fühlte in ihrer Zerrisienheit den schleichenden Tod des Nachbarn, als geschehe er an ihr. Sie betete für ihn und wünschte sehnlich, ihm Helsen zu können. Einmal bat sie Gott in der Nacht, er möge ihr Leben von ihr nehmen und das des Nachbarn retten. Und obwohl Friedrich feine Augen wie eine Kette um die Tochter legte, gelang es ihr doch, ungesehen eine Taube zu kochen und sie noch heiß über die Straße zu bringen. Wie von einem guten Geist geschickt, kam ihr da Hans entgegen. Sie drückte ihm lächelnd das Tellerchen in die Hand, daß er dem Vater die Taube bringe, und entfloh.
Es kam ein milder Samstag, angefüllt mit der schwimmenden Lichthelle des Föhns. Matthies, der vor vierzehn Tagen vor lauter Schwache ins Bett gekrochen war, saß ausrecht in den Kissen und wunderte sich, daß ihm heute so leicht auf der Brust sei. Er sah heiter zum Fenster hinaus. Dann rief er Hans herein und teilte ihm mit, er werde versuchen, morgen aufzustehen, er habe sich noch nie so wohl gefühlt.
Hans aber wandte sich um und wurde blaß. Er hatte von den Leuten gehört, wenn ein Schwindsüchtiger sich wohl fühle, gehe es auf den letzten Tag. Um sich aber nichts merken zu lassen, drehte er sich sofort wieder um. Auf dem Flur aber winkte er einem Knecht, er möge ins Tal gehen und den Pfarrer holen.
Am Abend zog sich Nebel zusammen. Matthies lag mit zerstochener Brust ein wenig ängstlich in den Kissen.
Als die Lampe aus den Tisch stand, kam der Priester. Da wußte Matthies, daß es jetzt in den Himmel oder in die Hölle gehe. Er beichtete gut und gern, schonte sich nicht im mindesten, sondern gab eher bei jeder schweren Sünde noch ein Scheffel zu, damit der Sack ja recht voll werde. Dann empfing er den Leib des Herrn. Es lag allein an dem mißlichen Samstag, daß der Priester nicht zu Friedrich hinübergehen konnte, um ihn an das Lager des Sterbenden zu führen. Matthies hatte das gewünscht und beigefügt, man müsse dem da drüben die Ehre wagen- weise nachfahren, sonst fühle er sich gekränkt. Deshalb solle der gute Pfarrherr doch selber hinübergehen, um ihn zu holen. Nun warteten aber im Dorf unten die Beichtkinder schon lange auf den Geistlichen. Es war keine Zeit zu verlieren, und der Geistliche ging eilig, wieder zu Tal.
Friedrich war nicht vom Sammerfenfter fortgegangen. .Er hatte so ungefähr in Gedanken dem Sterbenden da drüben die Sünden mit aufzählen helfen, ja er knotete seine Hände zusammen. Als er aber die Schritte des Pfarrers verhallen hörte, da flocht er die Hände auseinander und sagte: „Nein!"
Matthies war froh, daß er jetzt feine Ruhe hatte. Er hatte alles getan, was er tun konnte, und besprach mit Hans die Frühjahrssaat. Der Tod war ja noch nicht sichtbar, und er konnte sich nicht vorstellen, daß er in drei Tagen unter der Erde sein werde. Da war es besser, bis zum letzten Augenblick von den Dingen zu sprechen, die er liebte, und obwohl alles in feinem Hause — bis auf die fehlende Frau — gut geordnet stand, fing er doch immer wieder an, dem geduldigen Hans Mahnungen und Vorschriften zu geben. Vielleicht aber waren alte feine Reden nichts anderes als Verlegenheit.
Und zuletzt scheute er noch vor einem anderen Bild. Mochte geschehen fein, was da wollte, er hatte doch immer gewünscht, Birge möge als junge Frau in sein Haus einziehen. Erst jetzt in den Dämmerungen des Todes sah er, was die eitle Feindschaft zwischen ihm und Friedrich angerichtet hatte. Und so bat er endlich, eine Stunde vor Mitternacht, den Sohn, er möge Friedrich zu ihm herllberholen. Hans errötete, als er den seltsamen Austrag vernahm, und machte sich schwer auf den Weg.
Friedrich horte ihn schon von weitem kommen. Er rief Birge herein, glättete das Schaffell auf der Siedel und wies sie mit einer stummen Handbewegung an, neben ihm Platz zu nehmen.
Der Sohn aus dem Sterbehaufe blieb schwarz und klein an der Türe stehen. Er sagte seine Botschaft wie ein Schüler und wartete wie ein Bettler. Friedrich rührte sich nicht. Erst als Birge sich anschickte, ein gutes Wort zu sagen, ging ein Zittern durch den hageren Oberkörper des Vaters. Er wußte genau, daß er frevle, als er jetzt sprach: „Nun ist


