war wie Wasserdampf, so heiß und so feucht. Und ich dachte, nun gehst du hier zugrunde und wirst verscharrt und vergessen, aus und vorbei. Zu Gott beten hast du verlernt, Frau und Kinder hast du nicht, keine weint dir eine Träne nach, und die Angelegenheit, die ich bisher Leben genannt hatte, schien mir reichlich sinnlos. Wofür? Wofür? fragte ich mich. Du, und da habe ich in meiner Schwäche und Verlassenheit geweint. Das ist mir lange nicht passiert, ich bin ja kein altes Weib. Aber es war geradeso, als lösten die Tränen etwas Schmerzendes in meinem Schädel und hier in der. Brust, ich lag lange ohne mich zu rühren da. Und in den Fiebergesichtern, die ich hatte, sah ich auch die Landkarte von Deutschland vor mir, ein ganz kleines Fleckchen auf der grohen Weltkarte, nicht größer als Paraguay oder Ecuador. Aber welch ein Landl Davon versteht ihr nichts, ihr seid nie über den Ozean gekommen. Das begreift ihr wohl kaum, wie sich das Land hier von jenseits des Atlantik ansieht. Ein bißchen verdreht war die Karte nun allerdings, aber ich hatte ja auch Fieber. Die Flüsse und Ströme, die du vorhin alle aufgezählt hast, August, die flössen nicht gerade schön nebeneinander, die kamen alle aus einer Quelle, Jungs, aus einem gewaltigen Herzen in der Mitte des Landes, und sie flössen nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen, strömten ringsum in die Meere, das Herz in der Mitte des Landes pumpte die Ströme ewig durch die grünen und braunen und weißen Felder, Ebenen, Gebirge, Städte, Dörfer, es wurde niemals müde unb- leer. Und die ganze Welt nahm den Ueberfluß dieses Herzens auf, die ganze Erde. Und auch ich war von diesem Herzen fort auf einem der Ströme gefahren und lag nun da todkrank im Urwald von Argentinien am Parana. Ja, was soll denn das? fragte ich mich. Was ist denn der Sinn der Jahre, die ich hier unter den Riesenbäumen und in den Riesensteppen begraben lag? Ich könnte doch daheim sitzen, in der Nähe des alten Herzens, so wie ihr, Jungs! Ich könnte doch Syndikus sein oder Direktor oder sonst was hier im Vaterland. Und ich quälte und quälte mich in meinem Fieber mit dieser Frage ab, und ich schrie und lärmte, daß mein Boy auch zu schreien anfing über den Kummer des weißen Herrn. Aber das war ja alles Unsinn, war Blech, so was zu fragen, das weiß ich auch. Weißt du, warum du deinen oftpreuhifchen Hirtenjungs den Hintern versohlst, weißt du, warum du hier im Tal versoffene Winzer- nieren zu kurieren versuchst? Nein, warum, weshalb, das weiß keiner wohl. Aber doch muß wohl jeder in all dem Unsinn eine Art Gesetz erfüllen, das ihm auferlegt ist. Und, Jungs, damit ich zu Ende komme: Ich sah die Landkarte, die Deutschland hieß, die gerade in tiefem Winter liegen mußte, voll Schnee, voll Eis, zusammenschrumpfen, ihre Gestalt verändern, aus Schleswig-Holstein wurde ein Hals und ein Kopf, aus dem Westen wurde eine Brust, aus Schlesien und Ostpreußen wurden Schwingen, und Deutschland war eine weiße Taube und erhob sich in die Lust und flog und flog, weiß und silberglänzend Uber das Meer und umkreiste mich zähneklappernden, stöhnenden Fieberkranken in der Schilfhütte ganz ruhig und schön, umkreiste mich immerzu, ja, da war sie, da blinkte ihr Hals, ihr Federnkleid, ihr Kopf, und ich wurde müde vom Schauen, müde, gut und wunderbar müde und still. Denn die Taube saß nun über mir auf dem Schilfdach, und wißt ihr, was sie mir sagte? Ihr glaubt es ja nicht, und es ist ja auch alles nur Unsinn, alles nur Fieber und Krankheit gewesen, was ich da hörte: ,Sei tapfer! Sei treu! Sei ohne Furcht! Du bist mein lieber Sohn!' ... Das sprach eine Stimme zu mir, als die weiße Taube da war. Und bann flog sie fort über ben Wölb unb bas große Wasser wieber heim, wo ihr Herz schlug, ihr Herz mit ben vielen Strömen, bie ihre Wasser aussenben, ihre Wasser, von benen ich ein Tropfen war dort brüben im Walb, unb von benen bu unb alle, bie ans bctn Herzen geboren sind, nur Tropfen sind. Aber keiner wird vergessen, keiner wird vertan in nichts. Und wer niemanden auf der Welt mehr hat, zu bctn er ein paar armselige Worte Hagen kann, wenn es ihm einmal schlecht geht, im Urroalb ober in ber Sanbwüste ober im Eis, der hot doch immer noch die Mutter, die große Mutter, bie über bie Welt fliegt unb ihre Kinber tröstet.
Als Karl geendet hatte, schwiegen sie eine lange Zeit, aber bas Schweigen störte sie nun nicht mehr, bcnn es war nichts Frembes mehr zwischen ihnen. Die Jugenb, in ber sie sich gefunben hatten, war bahin- gegangen, aber nach ben langen Jahren ber Trennung sanden sie sich von neuem unb sie waren, wie es von ben ersten Christen im heiligen Buche bes Glaubens heißt, einmütig beieinanber, jeher in einem anbercn Leben unb doch alle nur in dem einen.
Oie drei Birken.
Von Wilhelm Scharrelmann.
Vielleicht waren sie wirklich einmal aus dem Samen eines Baumes erwachsen, so nahe standen sie beieinander. Das Merkwürdige aber war, baß sie in ihrer Jugenb ihre Stämme wie in schwesterlicher Liebe um« einandergeschlungen hatten unb sich erst in Manneshöhe wieber voneinander trennten unb ihre Kronen in bie Luft erhoben.
Hell unb schimmern stanb ihre Rinde vor dem dunklen Geäste des Führenschlages, der sich hinter ihnen erhob, und in Mondnächten sah es aus, als wären ihre Stämme drei menschliche Leiber, die sich in dumpfer Sehnsucht unb bleich unb wie versteint aus dem moorbunklen Boben emporhoben. Darum war es auch ganz recht, wenn bie Leute sie bie brei Schwestern nannten unb jeber von ihnen einen besonberen Namen gegeben hatten.
Die höchste unb stärkste hieß bie Stolze, bie mittlere, bie ein wenig schwächer geblieben war, bie Zarte, unb bie Dritte, bie ihre Krone tief auf ben Spiegel bes alten Heidesees herabsenkte, ber ihr zu Füßen lag, hatte man bie Demütige genannt.
An einem ftühlingsjungen Pfingsttage, als ber Kätner, bem bie Bäume gehörten, seinen brei kleinen Töchtern einen Pfingstbusch von ben Bäumen schnitt, sagte er ihnen bie brei Birken für ihre Aussteuer zu, wenn sie einmal erwachsen seien unb heiraten sollten.
r Das war eigentlich nur ein Scherz gewesen, unb ber Bauer hatte in Versprechen lange vergessen, bis ihn bie Aelteste, als sie nach Jahren
heiratete, daran erinnerte. Da er aber an den drei Bäumen mit besonderer Liebe hing, wäre er gern mit einer Ausrede über bie Sache hinweggegangen, konnte aber seiner Tochter nur so wenig in bie Ehe geben, baß er ihr bie Bitte nicht abschlagen mochte unb zusagte, einen ber brei Bäume für sie zu fällen.
Als er am anberen Morgen in aller Frühe hinging, um fein Wort wahr zu machen, unb bie Axt mit bumpfem Schlage ber ersten ber drei Birken in bie silberblanke Rinbe fuhr, meinte er einen Seufzer aus bem Baume zu vernehmen, unb ba er noch oerrounbert unb betroffen iime- hielt, hörte er eine Stimme flüstern:
„Wi sinb bree Stiftern, unb hüt is nid) giftern, steift bu us bot, fritt bi Kummer unb Not!"
Verstört konnte ber Alte sich nicht entschließen, noch einen einzigen Hieb auszuführen, nahm bie Axt vielmehr wieder auf die Schulter und kehrte unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Dort vertröstete er seine Tochter damit, daß er es nicht übers Herz gebracht habe, einen der Baume zu schlagen. Wenn aber bie letzte ihrer Schwestern heiraten werde, wolle er alle drei auf einmal fällen, und dann solle aud) sie ihr Recht bekommen. Als nun nach Jahr unb Tag auch bie beiben anberen Töchter, unb zwar alle beibe an einem Tag, Hochzeit machten, unb ihn alle brei an fein Versprechen erinnerten, ging er roicberum hi», bie Bäume zu fällen. Aber kaum hatte er bie Axt erhoben, hörte er dieselbe Stimme wieder und die gleiche Warnung wie vor Jahren, erschrak darüber noch stärker als das erstemal unb war von biesem Tag an fest entschlossen, bie Bäume in seinem ganzen Leben nicht anzurühren, lieh sich auch von seinen Töchtern versprechen, sie selbst nach feinem Tobe noch zu schonen.
Die brei, die wohl merkten, wie sehr ihr Vater an ben Bäumen hing, wollten ihn nicht länger brängen, trösteten sich auch im Stillen, baß ja später immer noch Zeit fei, über bie Sache zu reben, unb begnügten sich, wenn auch mit einiger Unzufriebenheit, ihre Bettladen und Schränke statt aus flammendem Birkenholz, wie sie es sich gewünscht hatten, aus schlichtem Tannenholz machen zu lassen. Als aber der alte Kätner, ber in den letzten Tagen seines einsamen Lebens recht wunderlich geworden war, starb, besannen sich ihre Männer bei ber Teilung ber Erbschaft auch auf bie brei Birken, bie ihren Frauen schon seit langem zugesprochen waren, unb tarnen überein, bie Bäume nunmehr selbst zu schlagen unb sich bas Holz zu teilen.
Kaum aber hatte ber Mann ber Aeltesten ben ersten Hieb mit der Axt getan, hörte er biefelben Worte, bie früher, ohne etwas bavon zu verraten, auch ber Alte vernommen hatte, unb lieh wunberlich berührt, in scheinbarer Gleichgültigkeit von ber Arbeit ab.
Dem Zweiten ging es nicht anbers, unb auch ber Jüngste, als er seinem Vorgänger bie Axt aus ben Hänben genommen hatte, stutzte einen Augenblick, hieb aber bann nur befto entschlossener auf bie Bäume ein, bis sie mit bumpfem Krachen zu Boben stürzten.
Als nun bie brei sich baran machten, bie Stämme untereinanber zu verteilen, beftanb ber Jüngste, weil er bie Bäume geschlagen hatte, barauf, für feine Arbeit ben stärksten ber Stämme zu erhalten. Da aber keiner ber beiben anberen bamit einoerftanben war unb sich beibe roeber mit bem Holz ber Zarten, noch mit bem ber Demütigen, begnügen wollten, gerieten sie in einen so hartnäckigen Streit, baß sie babei nicht nur mit Worten auseinander einbringen, sich zuletzt vielmehr wie Rausdolbe betrugen unb in Wut unb Zorn auseinandergingen.
Grollend saßen sie von da ab jeder in seinem Dorfe und einer sah den andern nicht an, wenn er ihm durch einen Zufall wirklich einmal begegnete, und so unglücklich ihre Frauen auch darüber waren, und einmal über das anberemal seufzten unb heimlich ihre Tränen barum vergossen, fanben nun auch sie halb nicht mehr ben Weg zuelnanber.
Zugleich wollte es in keinem Hause mit der Wirtschaft mehr recht vorangehen, und Gift unb Galle in ben Herzen ber sechs, bie lange ein Herz unb eine Seele gewesen waren, wuchsen mit jebem Tage wie Unkraut nach bem Regen. Zuletzt würbe es so schlimm bamit, daß bie Jüngste ber brei Schwestern, bie von ben Dreien immer bie Anfälligste gewesen war, über all bem heimlichen Merger unb Kummer, ber sie bedrängte, erkrankte unb einem Siechtum verfiel, bas keinem ärztlichen Mittel weichen wollte. Ja, mit ber Zeit verschlimmerte sich ihr Zustand so, daß sie im Verlauf einer Aussprache zu ihrem Manne sagte: Was ist Recht und was ist Unrecht? Mich dünkt, ihr seid alle drei schuld an eurer Zwietracht. Darum, wenn ich leben und nicht sterben soll, so gehe hin und vertrage dick, mit den Männern meiner Schwestern. Nimm aber zugleich brei junge Birken mit unb pflanzt sie gemeinschaftlich an bie Stelle ber alten, bie ihr gefällt habt, bamit wieber Friebe fei zwischen uns allen.
Ihr Mann hörte ihre Worte mit Seufzen an, unb wenn er ihr auch im Stillen recht gab, konnte er sich doch lange nicht entschließen zu tun, was sie von ihm wünschte. Aber eben vor bem nahen Pfingstfeste über- roanb er sich, reichte den beiben, bereu Schwelle er so lange gemieden hatte, die Hand zur Versöhnung unb schlug ihnen vor, nach ben Worten seiner jungen Frau zu tun unb brei junge Birken an bie Stelle ber alten zu setzen.
Damit waren bie beiben anberen, benen ber Streit, ebenso wie ihm selber, längst leib geworben war, gern genug einoerftanben. Als sie aber am Pfingstmorgen gemeinsam hinkamen, sahen sie zu ihrem Erstaunen, baß aus bSn Stümpfen ber geschlagenen Bäume je zwei junge Ruten rote« ber emporzuschießen begannen. Die flochten sie nur zum Zeichen ihrer Versöhnung alle sechs ineinanber.
Die alten Stämme aber blieben liegen, wie sie vor Jahren gefallen waren, nur baß der buntle Boben bes Moores, aus bem sie einst erwachsen waren, sie langsam wieber in sich einzusaugen begann, als wolle auch er bem Streit feinen Anlaß nehmen unb alle Zwietracht zwischen ihnen auslöschen helfen.
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