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Deranrioortltch: Dr. Hans Thhriot.
Druck und Derlag: Brühl'lche Untversttätö-Duch. und Steindruckerei. A. Lange. Gießen.
war einfach wie alles Große, gewissermaßen das preußische Columbusei. Die bisher sich wiederstreitenden Behörden des Generalkriegskommissariats, welche die für das Heer bestimmten Steuern eintrieben und dessen Belange wahrten, sowie die Aemter des Domänendirektoriums, welche das platte Land betreuten, die sich beide bisher in den Haaren gelegen, zum Schaden des Staates, wurden miteinander vereinigt. Die neue Spitze hieß: das General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domänen-Direktorium oder kurzweg Generaldirektorium. In 34 Artikeln, von denen manche zwanzig bis dreißig Paragraphen hatten, wurde Preußen neugeformt. — Dies war nicht am Schreibtisch erwachsen, wie alles Organische war es langsam gereift, und die ersten zehn Regierungsjahre des Soldatenkönigs waren Probe und Anlauf gewesen, bis zu dem entscheidenden Tage von Schönebeck.
Ilgen führte die Beamten sofort in ein Haus, das als Sitz des neuen Generaldirektoriums bestimmt war, übergab jedem eine Abschrift, und dann nahm der König allen den Eid ab, ein Zeichen, daß er sich der Wichtigkeit der Stunde bewußt. Am nächsten Tage wurde nochmals alles tm Schloß versammelt, um die Instruktionen auszuarbeiten für die Unterbehörden. Es durfte niemand das Schloß verlassen, bis die Arbeit beendet war, und der König hatte bis ins kleinste hinein ihre Verpflegung für diese Klausur geregelt. Für jeden mußten vier Gänge Essen bereitstehen, aber es durste stets nur ein Lakai im Raum sein, und in der Ecke wurde ein großer Korb aufgestellt für das unreine Geschirr. So war er gesonnen «nd beschaffen: von der großen Staatsreform bis zu diesem Geschirrkorb, alles übersah und ordnete er mit der gewaltigen Zuversicht eines Willenmenschen, der nichts dem Zufall überlassen will noch darf, dieweil ja eben dieser Staat gegen alles gewappnet sein muhte.
Wäre dies nur eine Verwaltungsreform gewesen, sie verdiente nicht den Namen einer preußischen Magna Charta. Aber nicht das Papier, sondern was dahinterstand, gab den Ausschlag. Das war das Neue: Wer im Generaldirektorium sich nur um eine Stunde verspätete, hatte hundert Taler Strafe zu zahlen, und wer eine ganze Sitzung ohne entschuldbaren Grund versäumte, verlor ein halbes Jahresgehalt. Bestechlichen winkte nicht nur die Festung, sondern sie wurden an die Karre geschmiedet. Als der Kriegsrat von Schlubhuth, angesehene ostpreußrsche Familie, einige tausend Taler Siedlungsgelder unterschlug, wurde er im Beisein des Königs gehängt. Das drang nun nach unten, bis zum Manne an der letzten Zollschranke bei Wesel oder Memel. Und als der König eines Tages in Gesellschaft die Rätselfrage stellte, wer in seinem Lande am glücklichsten sei, da beantwortete er diese Frage selbst mit den klassischen Worten: „Wer weit von ihm an einer Grenze etwas zu befehlen habe, wenig mit ihm zu tun und ihn immer erst nach drei Jahren sehe und es mit gutem Gewissen könne."
An dieses Jahr 1723 hatBismarck wohl gedacht, als er eines Tages es aussprach: „Revolutionen werden bei uns immer von oben gemacht." Dies war eine königliche Revolution gewesen. Dieser schreibende Mann mit der Schürze in der Winterstille von Schönebeck schuf aus einem Zu- [allsbilde den zum höchsten Schicksal ausgerichteten Staat, formte aus Intertonen, Siedlern und Emigranten die Preußen. In der Instruktion war verankert, was von nun ab jedem in diesem Staat zukam: dem König ebenso wie dem kleinsten Kolonisten bei Insterburg. Alles stand im Etat oder in dem quasi in Preußisch-Blau gebundenen unsichtbaren Ehrenkodex. Jedem das Seine! Das Generaldirektorium als Behörde hat hundert Jahre gewirkt, dann ist es durch die Stein-Hardenbergsche Reform abgelöst worden. Das Generaldirektorium als preußische Verfassung, als die gewaltigste Waageschale für Rechte und Pflichten, besteht noch heute.
Begegnen mir heute einem Briefträger, so sollten wir eigentlich jedesmal den Hut ziehen. Denn er trägt immer noch das blaue Stück Tuch, in das der König zum erstenmal sich und alle seine Beamten kleidete, in das er sie hineinzwang. So wie er sie alle hineinstellte in den preußischen Orden. — Was in Schönebeck geschaffen, klar, groß, einfach, das wird auch noch tm kommenden Jahrhundert mitzureden haben, Mitwirken an der Gestaltung der Geschicke. —„Preußen ist kein Mythos, sondern eine Ausgabe
Kathedrale. Madrid ist die unspanlschste aller Städte eines großen, reichen, herrlichen und frommen Landes.
Bismarck wurde einmal gefragt, welches Land in Europa er für das reichste halte. Er sagte: „Spanien. Wissen Sie auch warum? Weil ein Land, das durch Jahrhunderte so schlecht regiert wird und bestehen bleibt, unermeßlich reich sein muß."
Spanien wird aus Madrid regiert. Und Madrid hat keine Kathedrale. Der Baedecker und das halbe Dutzend Reiseschriftsteller, die in Spanien waren, schweigen darüber.
Rings dehnt sich die Steppe der kastilischen Hochebene. Unweit beginnt die trostlose Mancha mit den Windmühlen des Don Quichote. Der Bach mit dem romantischen Namen Manzanares nennt sich Rio, hat aber keinen Anspruch darauf.
Warum wurde diese Stadt Mittelpunkt eines großen Landes? Weil sich Philipp II., der in Toledo residierte, mit der Geistlichkeit zerstritt und Madrid 1561 als „unica corte" erklärte. (Er wohnte aber lieber im Escorial.) Damals hatte die Stadt 25 000 Einwohner. Heute hat sie über eine Million Menschen, die kaum etwas von der kleinen maurischen Stadt Madschrit wissen, die sich im zehnten Jahrhundert am Manzanares bildete.
Aber die Stadt ist anscheinend noch immer nicht fertig. Ueberall wird gebaut, werden Brücken geschlagen, Denkmäler errichtet, der Asphalt aufgerissen. Madrid ist ebenso im Werden wie das Land, dessen Führer so uneinig sind, daß eine Revolte der anderen folgt.
Die Straßen der hügeligen Stadtteile steigen an und senken sich unvermutet. Sie sind schmal und farblos. Alle führen sie zu einem Mittelpunkt, der zugleich Spaniens Mittelpunkt ist: Die Puerta del Sol. Ein großer Platz, in den neun enge Gaffen und die breite Calle Alcalä münden, von der wieder die Gran Via abzweigt.
Rasend ist hier der Verkehr. Straßenbahnen klingeln, Autos hupen schrill. Menschen drängen sich bis in den grauenden Morgen — aber auch der Maulesel trottet geduldig, schwerbeladen, zwischen stürmisch daherrollenden Auobussen und Taxis dahin.
Parkanlagen dehnen sich breit östlich und westlich der Stadt. Hier ist der „Retiro" mit Alleen, Teichen, Monumenten und Hecken. Auf der anderen Seite liegt der Königliche Garten mit dem hochragenden Palacio Real. In der Mitte liegt die moderne, baumlose, geschäftige Wolkenkratzerstadt. Düstere Ministerien, Kirchen mit überladenen Portalen, Banken mit Marmorfassaden und Hotels mit korinthischen Säulen erdrücken einander. Türme mit fünfzehn Stockwerken drängen in der Gran Via zum Himmel.
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Madrid -ist Spanien, wo es spekuliert, politisiert, Gesetze verfaßt und Wissenschaft treibt, wo Revolutionen gemacht werden und der Champagner fließt, wo fein Hof war und jetzt fein Präsident wohnt. (Nicht im Palacio Real, sondern gegenüber.)
In Madrid leben Spaniens große Dichter, Musiker und Maler. Vornehmlich jene Künstler, die nicht „spanisch" sind, sondern ihre Augen und Ohren nach Paris gerichtet haben und jene Politiker, die weit hinweg über Europa nach Rußland blicken.
Madrid ist aristokratisch, weil hier die Ministerien und die Regierung, die Gesandtschaften und die großen Banken sind, es- ist sozialistisch, weil hier der arme Arbeiter unter die Räder von Luxusautos kommt.
Klein, schlank, beweglich und lebhaft ist der Madrilene, selten heiter, ein wenig feierlich. Die Frauen tragen hier weit weniger als im Süden die Montilla über dem blauschwarzen Haar, aber auch hier haben sie wenig Freiheiten. Man trifft sie kaum in einem der vielen Cafes, selten allein auf der Straße. In den Theatern Madrids kann man oft ganze Parkettreihen nur von Männern besetzt sehen, die sich immer in Schwarz kleiden. Madrid ist eine Männerstadt.
Im Hotel Alfonso — früher hieß es Alfonso XIII., der bequeme Spanier hat nur die Ziffer übermalt, als die Republik kam — wird die Halle gestrichen. Es ist Frühstückszeit, man will in Ruhe den Kaffee trinken — die Arbeiter kümmern sich nicht darum auf ihren Leitern. Sie lachen, schwingen die nassen Pinsel, pfeifen ein Liedchen.
Der Fremde schüttelt erstaunt den Kopf. Der kleine grauhaarige Portier lacht nur darüber. Er war zwanzig Jahre in Berlin, London, Paris, aber er ist Spanier gebfieben. Er wäre es auch nach fünfzig Jahren geblieben. Der Spanier assimiliert sich niemals und nirgends. Darin liegt seine Stärke — und auch seine Schwäche.
Denn warum ist Madrid sicherlich eine reizvolle Stadt, aber irgendwie unecht? Weil sie amerikanisch sein will oder französisch und nicht spanisch. Was aber den Madrilenen nicht hindert, auf seine Stadt fo stolz zu fein, wie es nur ein Spanier sein kann. Er sagt: „De Madrid al cielo y en el cielo un ventanillo para ver a Madrid“ (Von Madrid in den Himmel und im Himmel ein Fenfterchen, um auf Madrid zu schauen.)
Er meint das Madrid Goyas und nicht das der Anarchisten das Madrid der Stierkämpfe und nicht das der Untergrundbahnen, er meint die offenen Cafes, in denen die Caballeros stundenlang dasitzen und auf die Passanten schauen, das Gewimmel der Losverkäufer, Schuhputzer, Obst- und Vlumenverkäufer, der Straßenfänger und Bettler. Es ist wahr: Auch die Straße in Madrid ist spanisch. Torero und Maulesel, Spitzenmantilla und der Nachtwächter Sereno — auch vor dem Wolkenkratzerhotel sind sie anzutreffen.
Im Prado ist Spanien in seiner ganzen Herrlichkeit. Die Sala de Velasquez, die Goya- Rotunde, der Greco- Saal und die M u r i l l o s , R i d e r a s — vor den Bildern der großen Spanier öffnet sich einem die Welt ihrer Heimat.
Madrid hat den Prado. Er lohnt eine Pilgerfahrt. Das .Spanien der Oper" suche man nicht hier. Dort gibt es keine Wolkenkratzer
Madrid.
Von Heinrich B. Kranz. Copyright by I. L. A., Wien.
^autelnden Straßenbahn hängt ein Reklameplakat. Ein rfJkt a16. ma9erer Mcmri und eine entsetzlich dürre Frau. Darunter |tel)t: Antes de tomar el Chocolate de Lopez Matias" (Vor dem Schokolade des Lopez Matias) Daneben ein erschreckend b der Mann und eine entsetzlich wohlgenährte Frau Darunter: „Des- Chocolate de Lopez Matias" (Nach dem Genuß ein ä ’ t' des Lopez Matias). Man sieht also, daß in Spanien i° "'el gilt wie die Ehre oder die Tugend. Madrib- Stadt hat ,hr Gesicht, es ist spanisch. Nur das Gesicht
Madrids it anders. Wenn auch die Schokolade des Lover Matias hier ebenfo geschätzt wird wie in Sevilla, nein - Madrid ist doch anders
-ine Großstadt. Madrid hat Wolkenkratzer und Unter- grunbbabnen, hat Aveniden und Bankpaläste aus Marmor hnt
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