Ich und du.

Don Friedrich Hebbel. Wir träumten voneinander und sind davon erwacht, wir leben, um uns zu lieben, und sinken zurück in die Nacht. Du tratst aus meinem Traume, aus deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerfließen in eins und rollen hinab in des Kelches Grund.

Arche Mario.

Von Mario Heil de Brentani.

Ich will dem alten Noah keine Konkurrenz machen. Er hat den Ruhm, die weitaus umfangreichste Menagerie aller Zeiten besessen, und S durch die tollsten Wolkenbrüche hindurchgesteuert zu haben. Die Arche ario war wesentlich bescheidener. Sie rettete weder der kreuchenden, noch der fleuchenden Welt das Leben und landete nicht auf dem Berge Arrarat, sondern im Mülleimer. Und das kam so:

Eines Tages muhte ich der Quartaner meine Zucht schwarz- weih-gefleckter Ratten der starken, allmählich die ganze Wohnung meiner Eltern durchdringenden zoologischen Gerüche wegen unter heftigen Tränenausbrüchen zur Liquidation geben. Liquidator war Herr August Müller, der Inhaber der Zoologischen Handlung gleichen Namens. Herr Müller, den wir seiner Quellaugen wegenMister Ochsenfrosch" nannten, drückte mir väterlich vier blanke Dreimarkstücke in die Hand und erteilte mir die Erlaubnis, jeden Tag in seine Handlung zu kommen undso­lang' der kleine Vorrat reicht" meine Lieblinge mit Zucker und Rosinen ihrer Lieblingsspeise zu füttern.

Nach drei Tagen waren die Ratten verkauft. Der Ochsenfrosch sah meine Enttäuschung und quakte mich freundlich an:Laß' dir doch von deiner Mutti ein paar andere Tierchen schenken, z. B. dies junge Zwerg­kaninchen. Echt afrikanisch und kostet nur vier Mark!" Ich schluckte meine Tränen herunter und erklärte, vier Mark seien zuviel, da wollte ich erst warten, bis das Zwergkaninchen Junge bekäme, die seien dann billiger.

Aber August Ochsenfrosch glotzte mich an: das ginge doch, gar nicht, das Kaninchen fei ein Männchen, und ein Weibchen dazu habe er nicht.

Aha, dachte ich, das ist bestimmt wieder so ein kaufmännischer Trick. Warum soll denn ein einzelnes Kaninchen keine Jungen kriegen I Meine Rattenpärchen hatte ich sogar immer trennen und umquartieren müssen. Sonst wären die Kleinen gefrühstückt worden.

Aber süß war das Zwergkaninchen doch ... Man müßte Onkel Ernst und die Schwester Rita dafür interessieren; denn die zwölf Mark sind ja für einen neuen Hut zum Geburtstag für Mutti bestimmt. Ich habe schon in einem Warenhaus nachgefragt, da gibt es bereits für eine Mark und fünfzig Pfennig schöne Hüte; wenn ich acht verschiedene Hüte zu je einsfünfzig nehme, hat Mutti für ihr ganzes Leben genug!

Reservieren Sie mir das Kaninchen!" besah! ich August Ochsenfrosch. Dann beschloß ich, die zwölf Mark sofort in Hüten für Mutti anzulegen. Im Warenhaus wollte mir die Verkäuferin gar keine richtigen Damen­hüte zeigen. Sie guckte mich dumm an und versuchte, mir Kinderhüte und Mützchen aller Art auszuschwatzen.Willst du den Hut deiner kleinen Freundin schenken. Kleiner?"Nein!" erklärte ich klipp und klar, Meine Mutti hat Geburtstag, und ich schenke ihr acht Hüte, das Stück zu eins fünfzig, und recht bunt, das macht genau zwölf Mark."

Die Verkäuferin war geschlagen. Sie konnte sich der Logik meiner Ausführungen nicht verschließen und stapelte Berge von schönen bunten Hüten auf/Jch sah mir das Fräulein an. Das trug eine ähnliche Frisur wie Mutti, und ich mutmaßte, daß sie auch ungefähr einen gleich großen Kops haben müsse. Gut, sollte das Fräulein die Hüte anprobieren! Stück um Stück!

Der Geburtstag von Mutti war dann sehr schön. Die Hüte lagen, zu einer kleinen Pyramide aufgeschichtet, auf dem Geburtstagstisch, und Mutti tat mir den Gefallen und setzte einen nach dem anderen auf. Aber Mutti sah unter den Hüten gar nicht aus wie Mutti, sondern wie Marie am Sonntag, wenn der Schupomann sie unten an der Straßenecke ab­holt ..

Und darum brachte Mutti alle Hüte wieder ins Warenhaus zurück und kaufte mir mit dem Geld ein wunderschönes Schilderhaus, in dem man richtig stehen konnte, schwarz-weiß angestrichen, mit einem roten Dach.

Aber Spielsachen müßen leben, dachte ich und bestürmte Onkel Ernst und die Schwester Rita. Die ließen mich auch nicht lange betteln und kauften mir bei August Ochsenftosch das Zwergkaninchen. Und weil August gerade so schöne Feuersalamander hereinbekommen hatte, auch ein Pärchen von diesen Tieren. Und weil Onkel Ernst seinen guten Tag hatte, bekam ich noch eine Schildkröte dazu.

Noch am gleichen Tage legte ich das Schilderhaus auf den Rücken, zwängte ihm drei Kistenbretter und Pappdeckel in den Bauch und schlug Gucklöcher in die Seitenwände.

In jedes Abteil kam ein Logiergast. Villa Salamander wurde mit Erde, Wassernäpfchen und Grünpflanzen ausgestattet und erhielt in der Mitte ein besonderes Schmuckstück in Gestalt einer ausgedienten Puppen­badewanne. Die Schildkröte bekam ein ähnliches Domizil und das Kaninchen Heu und Salatblätter.

Jetzt fehlte nur noch ein Gast für das vierte Hotelzimmer. Ich schwankte bei der Wahl zwischen einem neugeborenen Kätzchen von Nachbars Mieze und lebendgebärenden Zwergkarpsen. Aber schließlich sind Katzen nicht geruchlos, und ein Aquarium muß wasserdicht sein!

Da fiel mir ein, daß es in der Nähe ein Geschäft gab, in dessen Schaufenster künstlich ausgebrütete Küken herumspazierten. Für fünfzig Pfennig, die mir Rita ä conto meines Taschengeldes geben mußte, er­stand ich das reizende goldgelbe Hühnerbaby und bekam noch eine Tüte mit Futter dazu.

Als meine Eltern des Abends den Zoologischen Garten erblickten, waren sie sprachlos. Papa fuchtelte zwar völlig fassungslos mit den Armen in der Luft herum, dann aber entschied Mutti, daß die ganze Bescherung sofort auf den Hinteren Balkon der Wohnung zu verschwin­den habe. Im Winter werde man die Menagerie natürlich nicht be­halten können, aber bis dahin war ja noch lange Zeit.

Nach drei Tagen kam Onkel Ernst zu uns. Mutti sah ihn sehr merk­würdig an und sagte, sie hätte bei ihrem jüngeren Bruder mehr Ver­stand vorausgesetzt. Worauf der einen roten Kopf bekam und gleich wieder gehen wollte. Aber das ließen wir nicht zu. Er mußte mit Rita und mirArche Noah" spielen. Darin hatte Onkel Ernst anscheinend große Erfahrung, denn er erklärte mir, die Pappwände sögen das Wasser in sich auf, und auch die Kistenbretter seien überflüssig. Die Tierchen täten einander nichts zuleide. Und ob ich denn nicht wüßte, daß Ka­ninchen keine Salamander fressen und Schildkröten keine Küken beißen. Im übrigen sei es für die Tierchen furchtbar langweilig, so allein zu sein.

Jetzt begann ein trautes Familienleben in der Arche. Die Schildkröte wandelte in ihrem ewig gleichen Zeitlupentempo zum Kaninchen und steckte den Kopf unter dessen Pelzchen, das Küken hüpfte piepend auf den Salamandern herum und ftaß ihnen die Mehlwürmer weg, und sogar den großen Laubsröschen, die ichAugust 1" undAugust 2" getauft und den Salamandern beigesellt hatte, begegnete nichts, was ihrer zarten Gesundheit abttäglich gewesen wäre. Auf eine Seiten­wand der Menagerie aber malte Onkel Ernst mit roter Farbe die Worte:Die Arche Mario".

Ich bin der Arche Mario ein ganzes Jahr lang ein treuer Noah gewesen. Im Winter hielten die Salamander und die Schildkröte ihren Winterschlaf und störten somit niemanden. Das Kaninchen war in der Zwischenzeit zum allgemeinen Familienliebling geworden und bewohnte weiterhin das Schilderhaus. Nur Bubi, der stubenreine Hahn, der längst nichts Kükenhaftes mehr an sich hatte, kam aufs Land zu einer be­freundeten Landpastorenfamilie. Der geistliche Herr mußte mir einen Eid schwören, daß er Bubi einen heiteren Lebensabend bescheren würde und ihn vor hinterlistigen Mordversuchen der Köchin schützen müsse. In der ersten Zeit spazierte der Herr Großstadt-Hahn zwar jedesmal, wenn die Haustüre des Pfarrhauses offenstand, ins Wohnzimmer, um es sich auf dem Plüschsofa gemütlich zu machen, statt seiner zahlreichen Gat­tinnen zu achten. Später gewöhnte er sich aber in feine neue Rolle und wurde ein vorbildlicher Familienvater.

Als sich die Bretter der Arche Noah unter der Einwirkung der täg­lichen Bäder meiner Schutzbefohlenen zu verbiegen begannen, wurden die Frösche und Salamander nebst der langweiligen Dame Schildkröte wieder zu August Ochsenftofch gebracht; der zahlte einen Bruchteil der Summe dafür, die er beim Kauf erhalten hatte, und fand damit mein volles Verständnis: Die Tierchen waren ja gewissermaßengebraucht".

Geburt der preußischen Magna Charta.

Von Herbert Blank.

Der schneewirbclnde Ostwind dieses Dezembers Anno 1722 jagte über die Wälder der Schorfheide, pfiff um das kleine Jagdschloß Schönebeck. Einige Denker saßen fröstelnd um den Kamin, gähnten, langweilten sich, blickten mißmutig durch die Fenster auf die Schneelast der Bäume.

In einem der Zimmer saß ein Mann und schrieb. Schrieb mit kurzen wuchtigen Stößen, füllte Bogen um Bogen. Der Mann hatte eine Schreib- schürze vor den Leib gebunden, und hin und i ieder ließ er den Gänsekiel im Tintenfaß stehen, um die Aermelschützer zurückzuschieben, die infolge seiner eckigen Bewegungen, ausgelöst durch die innere Erregung, zu ver- ruffchen drohten.

Es war Tag, Nacht und wieder Tag; der König saß und schrieb. Die Bogen häuftei/sich, zerrissene Buchstaben, wie hingeschossen, füllten das steife Kanzleipapier.

Für alles, was sonst im Schloß, in den engen Räumen, Hausen mußte, war es ein trübselig-stumpfsinniger Dezember; für den arbeitenden König, für Friedrich Wilhelm L, Monarchen in Preußen, waren es die er­hebendsten Stunden. Unbewußt erhebend wie immer, wenn dieses Mannes geniales Hirn in höchster Spannung arbeitete, wenn dies immer von letzter Leidenschaft gejagte Tun des gewaltigsten Organisators Form und Gehalt erhielt. Wenn er das eminente Gerüst erspürte, das er aufzurichten im Begriff war: Preußens Staat.

Dies aber, dies hier auf den Bogen, war das Größte. Er selbst hat es später als seineVerfassungsurkunde" bezeichnet.

Im Januar des neuen Jahres kehrte der König nach Potsdam zurück und befahl sofort den Kabinettssekretär Thulemeier zu sich. Thulemeier möge am nächsten Tage, einem Sonntag, nachmittags um zwei Uhr zu ihm kommen, mit gutem starkem Papier undschwarzem, silbermeliertem Heftfaden". Thulemeier erschien auf die Minute wehe ihm, wenn anders!, und nun diktierte der König den Entwurf von Schönebeck. Diktterte Tag um Tag, verbesserte, feilte an jedem Wort herum, um es so klar als möglich hinzustellen, denn allen Staatsdienern sollte es ein­gehen bis aufs letzte Komma.

Am 19. Januar 1723 waren dann des Königs Minister, die Räte der beiden hohen Regierungsbehörden, des Generalkriegskommissariats und des Generalfinanzdirektoriums, vor dem König versammelt. Der Minister Ilgen verlas ein Vorwort; es war ein prasselndes, hier und da mit Blitz einschlagendes Donnerwetter, und des Königs Zorn entlud sich über die letzten zehn Jahre, wo nach seiner Ansicht vom Minister bis zum letzten Zollbeamten olle nichts Gescheites getan (und dabei hatten sie doch alle, von diesem Machtmenschen gejagt, stets mit höchster Kraft gearbeitet). Dann erfolgte die Verlesung der in Schönebeck geborenen Jnstruktton. Sie