Segel und kegle das Boot schwer auf die Seite. Sofort war Garrtson wieder an seinem alten Platz und hantierte mit Steuer und Segelleine
Die Brise kommt wieder", schrie er Bolton zu. Zweifellos war feine Bemerkung richtig. Wind kam wieder auf, ober aus einer anderen Dichtung wie früher, und das Boot ohne Kiel oder Schwert war kein Kreuzer. Notgedrungen mutzte Garrison es vor dem Winde laufen lchsen in einer Richtung, die fast rechtwinklig zu ihrem ursprünglichen Kurs stand Bolton merkte von dieser Aenderung nichts; er beobachtete nur mit Bergnllgen, datz sie schnelle und immer schnellere Fahrt machten.
Desto größere Sorgen empsand Garrison. Blieben die Windverhältnisse noch lange so wie jetzt, dann wurden sie weit von ihrem Ziele ab- getrieben. Diese Ereignisse liehen ihm nicht Zeit, wester darüber nachzudenken denn von Minute zu Minute wurde der Wind starker.
„RessenI Segel reffen!" schrie er Bolton zu.
Mit der Möglichkeit, datz sie in einen Sturm geraten, daß schnelle Segelmanöver notwendig werden könnten, hotten sie bei der Fertigstellung ihres Bootes nicht gerechnet. Die Takelage war nur primitiv ausgefallen. Mit Mühe gelang es Bolton, die Leinewand einigermaßen zusammenzufalten und mit einem Tauende an den Mast zu binden. So wirkte es immer noch wie ein Sturmsegel, vor dem das Boot mit erheblicher Geschwindigkeit durch die gröber werdende See lief. Wie hatte sich die ewig sonnige blaue Südsee in kurzer Zeit verändert. Weitzge- mähnt jagten die Wellen heran, überholten das Boot, drohten jeden Augenblick, es vollzuschlagen und kentern zu lassen.
Verzweifelt kämpften die vom Sturm Verfchlagenen um ihr Leben. Aus desti Boden des Bootes kniend war Bolton unablässig bemüht, die über die Bordwand schlagenden Wassermengen mit der größten Konservenbüchse, die er fassen konnte, wieder herauszuschöpfen. Alle Nerven und Muskeln äußerst gespannt, handhabte Garrison das Steuer, nur noch bemüht, das schwankende Fahrzeug von einer bis zur anderen Woge heil durchzubringen. Eine verlorene Nußschale war das Boot in der endlosen Wasserwüste, dem unvermeidlichen Untergang schienen seine Insassen geweiht zu sein.--
Die Zeit lief weiter. Schon senkte sich die Sonne nach Westen, als Garrison in der Ferne an der Kimme säst, wo Meer und Himmel sich berühren, etwas Dunkeles zu bemerken glaubte. Schärfer schaute er danach hin. Ein Rauchwölkchen konnte es sein, die Rauchfahne eines Dampfers vielleicht. Er ließ den fernen Rauchstreisen nicht mehr aus den Augen, während er gleichzeitig alle Aufmerksamkeit anwenden mußte, um das Boot durch die immer höher gehende See zu bringen. Erkannte dabei, an welch schwachem Faden ihre Rettung hing. Ganz ausgeschlossen war es ja, den Kurs irgendwie aus jene die Rettung bringende Rauchwolke zu setzen. Schon eine geringe Abweichung von der Richtung, die er einhielt, hätte ihm schwere Brecher über Bord und den sofortigen Untergang gebracht.
Größer wurde die Wolke, schon vermochte er die schwarzen Umrisse eines Dampsers zu unterscheiden und, größer wurde auch die Hoffnung in seinem Herzen. Das fremde Schiff schien einen Kurs zu steuern, der ihren eigenen schneiden mußte. Er konnte nicht länger an sich halten.
„Bolton", rief er, „Bolton, sehen Sie den Dampfer rechts voraus?" Der hielt mit dem Schöpfen inne und blickte in die Richtung, die Garrison ihm wies. Noch ehe er etwas sagen konnte, kam ein schwerer Brecher über Bord und durchnäßte ihn von oben bis unten.
„Schöpfen Siel Schöpfen Sie, Bolton!" schrie Garrison verzweifelt.
Immer kleiner wurde die Entfernung. Jetzt hatten die auf dem Dampfer wohl Segel und Mast des Bootes gesehen. Das Schiff änderte seinen Kurs und kam schnell heran. Garrison sah, wie Matrosen an der Reling winkten, Rufe und Worte drangen an sein Ohr, französische Laute schienen es zu fein.
Wenige ausregende Minuten noch, bann lag der Dampfer neben dem Boot, ein Fallreep wurde heruntergelassen. Als erster griff Bolton danach. Als Garrison ihm folgte und seinen Fuß in eine Leitermasche setzte, faßte eine mächtige Woge das Boot, stürzte es um und riß es im Schaumgischt ihres brechenden Kammes mit sich.
Erschöpft, durchnäßt. Schiffbrüchige, die nur noch das ihr eigen nannten, was sie auf dem Leib trugen, tarnen die beiden Amerikaner an Bord de: französischen Frachtdampsers „Fröjus", der sich auf der Fahrt von Tahiti nach dem australifchen Hafen Brisbane befand. — —
Gastfreundlich wurden sie auf dem französischen Schiff ausgenommen. Ohne nach dem Woher und Wohin zu fragen, ließ der Kapitän ihnen eine behagliche Kabine anweifen. Ein Matrose brachte trockene Kleidung, ein anderer stellte ein Tablett mit Speisen und Getränken auf den Tisch. Garrison, der die französische Sprache beherrschte, sprach den Seeleuten seinen Dank dafür aus. Dann schloß sich die Tür, sie waren allein.
„Uff!" stöhnte Bolton, während er sich die nassen Sachen vom Leibe riß, „das ging hart auf hart Ein bißchen anders und wir wurden Hai- fischsutter."
„Schon gut, Bolton", unterbrach ihn Garrison, „wichtiger ist jetzt die Frage, was wir den Leuten vom .Fröjus' nachher erzählen wollen. Die werden doch natürlich wissen wollen, wie wir hierher geraten sind."
„Furchtbar einfach, Garrifon! Wir werden den Leuten sagen, wie es gewesen ist. Wir werden ihnen den gemeinen Streich erzählen, den die Deutschen uns gespielt haben. Das sollen die Franzosen alles haarklein von mir zu hören bekommen, und ich werde ..."
„Ein Glück, daß Sie nicht sranzösisch können", unterbrach ihn Garrison. „Es wäre die größte Dummheit, die wir machen konnten, wenn wir andern Leuten — noch dazu Franzosen — unser Abenteuer auf die Nase binden wollten."
Erst mit Hemd und Hose bekleidet ging Bolton an den Tifch, mischte sich ein Glas Kognak und Soda und goß es in einem Zuge hinunter.
„Ah, das tut gut! Hm, hm... Sie meinen also, Garrison, daß wir besser tun, uns über unsere Angelegenheiten auszuschweigen." Der so lange entbehrte Alkohol brachte sein Blut und seine Gedanken in Schwung. Lebhast fuhr er fort.
Da müssen wir uns gleich eine glaubhafte Geschichte auÄdenken. Datz
wir vom Himmel In die Südsee gefallen sind, können wir ihnen nicht erzählen. Aus welche plausible Weise konnten wir denn hierher gekommen sein?" .
Garrison zwängte seinen Leib eben in einen blauen Sweater. Als fein Kops wieder zum Vorschein kam, antwortete er:
, Selbstverständlich sind wir vom Himmel gefallen, Bolton. Merken Sie sich die Geschichte, falls man Sie auf englisch ausfragen sollte. Am 22. Angust haben wir in Adelaide ein Flugzeug gekauft, um bamit einen Forschungsflug über die Südsee zu unternehmen. Infolge einer Motorstörung muhten wir nach 40 Stunden niedergehen ..."
„Sie meinen in der Antarktis damals, Garrifon?" unterbrach ihn $OltUnfinn, Bolton! Die Antarktis hat in unserer Geschichte gar nichts zu suchen Bei einer einsamen Insel in der Südsee mußten mir nwdergehen. Unser Flugzeug wurde von der Brandung zerstört. Es gelang uns, an Land zu kommen. Im Lause mehrerer Wochen haben wir uns bann ein Boot gebaut, um damit Tahiti zu erreichen. Von unserer angeblichen 'Notlandung an erzählen wir die Geschichte so, wie sie wirklich gewesen ist. Desto weniger lausen wir Gefahr, uns zu verheddern und widerstreitende Angaben zu machen. Sind Sie jetzt im Bilde?"
Bolton nickte und mischte sich einen zweiten Soda-Kognak. ---
Mit Interesse hörte Kapitän Monsieur ßemaitre den Bericht der beiden Schiffbrüchigen und bat sie, sich auf der „Fröjus" bis zur Landung in Brisbane wie zu Hause zu fühlen..Mit sehr gemischten Gefühlen vernahmen die Amerikaner, daß die Reise bis dorthin noch rund vierzehn Tage beanspruchen würde. Zwei lange Wochen, die noch verstreichen mußten, bevor sie wieder etwas in der Angelegenheit unternehmen konnten, auf die beide jetzt mehr denn je versessen waren.
Erfreulicherweise befand sich wenigstens eine Funkanlage an Bord, und Monsieur Semaitre ließ es sich nicht nehmen, die Nachricht in die Welt hinauszusunken, daß seine opfermutige Mannschaft zwei amerikanische Forscher gerettet habe und mit nach Brisbane bringe.
Der Funkspruch wurde in Australien ausgenommen. Mit dem Zusatz, daß man nun über das Schicksal der so lange als verschollen betrachteten Amerikaner nicht mehr in Sorge zu fein brauche, gab ihn der Kurzwellen- sender von Melbourne weiter. Von vielen Stationen der Erde wurde die australische Sendung empfangen. Auch Rudi Wille hörte sie an seinem Apparat und schrieb sie nieder.
Verwundert ging er mit dem Radiogramm zu seinem Vater und Dr. Schmidt, und bei denen loste es ein schweres-Rätselraten aus. Wie ließ sich diese Nachricht aus Australien mit jener anderen zusammenbringen, datz ,St 8‘bie beiden Amerikaner bei Neapel abgefetzt habe? Ein Depeschenwechsel entwickelte sich daraus, der den Herren in Bitterfeld noch mancherlei Kopfzerbrechen verursachen sollte.
Kapitän ßemaitre hatte die Amerikaner eingeladen, an den regelmäßigen Mahlzeiten in der Offiziersmesse der .Frejus' teilzunehmen. Es war um die Mittagszeit des dritten Tages. An dem langen Tisch in der Messe faßen die Steuerleute und Ingenieure des Dampfers beisammen, als der Funker in die Messe kam und ein Radiotelegramm vor Kapitän ßemaitre hinlegte. „ „
Der las es und brach in ein schallendes Gelächter aus. „Das Neueste aus Deutschland, meine Herren. Deutschland hat ein Gebiet in der Ant- arttis in Besitz genommen und zu einer deutschen Kolonie erklärt."
Schon während der letzten Worte wurde das Gelächter am Tisch allgemein. Worte flogen dazwischen hin und her ... armes Deutschland ... eine Kolonie am Südpol ... in Schnee und Eis ... Nacht und Kälte ... sind sie ganz toll geworden, die Deutschen, ober bezwecken sie etwas damit?
Zwei Menschen beteiligten sich nicht an diesem Geschwätz und Gelächter. Bolton ... weil er den französischen Text des Radiogramms nicht verstanden hatte ... und Garrison, weil ihm der Herzschlag zu stocken drohte, als er den Funkspruch hörte.
„Warum zum Teufel setzen sich jetzt plötzlich die Boches dort fest? fragte ßemaitre. „Irgendeinen Zweck müssen sie doch damit verfolgen".
Ucber diesen Zweck hätte Garrison nun dem Kapitän ßemaitre in der Tat mancherlei sagen können, aber er zog es vor, die Achseln zu zucken und zu schweigen. Mit Ungeduld sehnte er das Ende der Mahlzeit herbei, um sich unter vier Augen mit Bolton über die neue Situation auszusprechen. —
Kaum waren die Amerikaner in Ihrer Kabine allein, als Garnison mit dem eben Gehörten herausplatzte. Aus Bolton wirkte die Nachricht wie ein Keulenschlag. Stumm hockte er auf feiner Koje, unfähig etwas zu sagen, kaum fähig etwas zu denken.
„He, Bolton! Reden Sie doch endlich, sprechen Sie doch auch ein Wort!", schrie ihn Garrison an. Der preßte den Kopf in beide Fäuste und brachte ein dumpfes Stöhnen hervor. Nur allmählich ordneten sich seine Gedanken. Einem Schatz war er aus der Spur — einem Schatz, so groß — jo unermeßlich, daß alle Reichtümer der Welt dagegen verblassen mußten — fast greifbar nahe hatte der Schatz vor ihm gelegen — und nun — nun waren andere gekommen — Verbrecher — hatten ihm feinen Schatz geraubt —
Mit einem rauhen Schrei fprang er auf. Schweigend faß Garrison auf der Bonk unter dem Bulley und beobachtet ihn, wie er ruhelos wie ein wildes Tier in der Kabine hin und her lief. Flüche, wilde Verwünschungen kamen aus seinem Munde, Haß und Wut verzerrten sein Gesicht. Garrison traute sich nicht, ihn anzusprechen, in diesem Augenblick hatte er Furcht vor ihm.
Mit einem Ruck blieb Bolton plötzlich mitten in der Kabine stehen.
„Ich werde funken, Garrison! Sofort an unfern Präsidenten Junten —“ „An den Präsidenten? Was wollen Sie ihm —", wagte Garrison einzuwerfen.
„... dagegen proteftieren", brüllte Bolton ihn nieder, „daß zwei Bürger der amerikanischen Union von Deutschland um ihre Entdeckung bestohlen werden." —
(Fortsetzung folgt.)


