GiehenerKmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1935

Montag, den 7. Januar

Nummer 2

HANS DOMINIK EIN

STIERN

FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. Hv LEIPZIG

(Fortsetzung.)

Es war kein Teelöffel, sondern ein halbkugeliges Gefäß von zwei Kubikmetern Inhalt, dem der Löffelbagger seinen Namen verdankte. Zu dritt krochen sie hinein und duckten sich im Schutz des starken Stahl­bleches dicht zusammen. Aus der Ferne drang ein Ruf an ihr Ohr.

Die Zündschnur wird angebrannt", flüsterte Reute.

Eine kleine Ewigkeit dünkten ihnen die nächsten Minuten. Dann ein Donnern und Krachen, das von den Kraterwänden in hundertfältigem Echo zurückgeworsen wurde, bis die Schallwellen den Ausweg nach oben ins Freie gewannen. Langsam verklang der Lärm.

Jetzt können wir weiter gehen", sagte Reute und kletterte als erster aus dem Baggerlöffel. Sie schritten weiter und kamen zu der Spreng­stelle. Arbeiter waren dort dabei, die während der Sprengung weit zurückgenommenen Starklichtlampen wieder heranzurollen.

Man ist noch dabei", fuhr Reute in seiner Erklärung {ort,die beste Sprengmethode für das zähe Erz ausfindig zu machen. An der Stelle, von der wir eben kommen, treibt man eine größere Anzahl von Bohrlöchern schräg in das Metall, um durch mehrere gleichzeitige Sprengungen einen Block aus dem Boden herauszubrechen. Hier hat man es mit einer einzigen sehr starken in zehn Meter Tiefe angebrachten Ladung versucht. Einige unserer Sprengsachverständigen halten dies Ver­fahren für unzweckmäßig. Wir wollen sehen, was es geschafft hat."

Dann standen sie unmittelbar an der Sprengstelle. Die Gewalt der Explosion hatte eine kegelförmige Vertiefung in den Boden gerissen. Das darüber liegende Erz war, in größere und kleinere Stücke zerbrochen, wie aus einem Kanonenrohr emporgeschleudert worden. Reute sprach mit dem Sprengmeister und sagte dann kopfschüttelnd:

Ich fürchte, die Sachverständigen behalten recht. Im Verhältnis zu der Bohrarbeit und der Größe der Sprengladung ist die Erzausbeute hier verhältnismäßig gering. Wahrscheinlich werden die Arbeiten nach dem anderen Verfahren bessere Ergebnisse liefern. Kommen Sie bitte weiter." , .,

Sie standen jetzt ungefähr in der Mitte des Kraters. Hoch zu ihren Häupten sahen sie ein kreisrundes Stück des tiesschwarzen Nachthimmels mit funkelnden Sternen besät. Wie ein leuchtender Kranz umgab es der Lichtschein, den die oben am Kraterrande stehenden Starklichtlampcn verbreiteten. , ,.

Unter der Führung des Ministerialdirektors gingen sie weiter auf die gegenüberliegende Wand zu. Von allen Seiten her drang Maschinen- qeräusch zu ihnen und zweimal noch der Donner von Sprengungen, bevor sie die Kraterwand erreichten. Fast diametral lag die Stelle der­jenigen gegenüber, von der aus sie ihre Wanderung angetreten hatten, und wieder stießen sie aus einen Fahrstuhl, doch diesmal war es em schwerer Lastenaufzug, der an die Förderschalen in Bergwerken erinnerte.

Eine Weile mußten sie warten. Loren, voll beladen mit blinkenden Erzbrocken, rollten aus einem Gleis heran, wurden in die Förderschalen geschoben und verschwanden in schneller Fahrt nach oben. Endlich erklang ein neues Glockenzeichen, das Signal, daß die Anlage nun für Per­sonenfahrt frei war. Sie traten in den Förderkorb, zwei Glockenschlüge, die Schale stieg empor. Meter um Meter versank der Boden neben ihnen in die Tiefe, Lichterglanz, ein scharfer Luftzug, die Schale hielt an, sie traten ins Freie und schauerten. Nach dem langen Aufenthalt in einer tropischen Temperatur standen sie plötzlich wieder in der eisigen Polarlust.

Unsere Pelze! Dumme Sache! Wir werden uns schwer erkälten", ries der lange Schmidt. Aber da sprang schon ein Arbeiter hinzu und reichte ihnen die Pelze, die sie zu Beginn ihrer Wanderung an der anderen Seite des Kraters abgelegt hatten.

Gut, gut! Aber einen Schnupfen werden wir uns doch noch holen , brummte Schmidt weiter.

Wir sind erst seit wenigen Tagen hier an der Arbeit, Herr Kollege , suchte ihn Reute zu beschwichtigen. Später wird von der Förderanlage ein geschlossener Gang zu den Aufbereitungswerken führen. Sie dürfen mir glauben, daß der starke Temperaturunterschied zwischen dem Krater- innern und dem Oberland uns schon ziemliches Kopfzerbrechen gemacht hat. Wir müssen unsere Leute mit allen Mitteln davor schützen, um Erkrankungen zu vermeiden."

Der Weg führte sie weiter eine Bohlenbahn entlang zu einem Hallen­bau. Er war in jener Holztechnik errichtet, die sich bei der Willeschen Station in zwei Polarwintern bereits so gut bewährt hatte. In einer

Reihe standen dort gewaltige Dieselmotoren, die beiden ersten schon betriebsfertig, einer davon in vollem Lauf. Die folgenden noch In der Montage; für die letzten wurden eben erst die Fundamente gelegt.

Sie sehen hier unser Kraftwerk", schrie ihnen Reute in die Ohren, um sich in dem Lärm verständlich zu machen. Für den ersten Ausbau wollen wir mit 60 000 Pferden arbeiten."

60 000 Pferde? Für ein Kraftwerk nicht gerade viel", warf Dr. Wille ein.

Reute lachte.Für ein Kraftwerk ist es nicht viel, da haben Sie recht. Aber für ein Baukraftwerk ist's schon ganz anständig. Kommen Sie in einem Jahr wieder, wenn die Hüttenwerke fertig sind. Dann werden wir Ihnen mit einer halben Million Pferdestärken dienen können.

Weiter ging ihr Weg vom Kraftwerk zu einer benachbarten Stelle. Hier war der Felsboden durch Sprengungen geebnet, und an die hundert Mann waren dabei, die Fundamente für das Hüttenwerk zu legen. Wille schüttelte verwundert den Kopf.

Unbegreiflich, Herr Ministerialdirektor, wie haben Sie das alles in der kurzen Zeit hierher geschafft?

Die Bauteile lagen schon seit mehreren Wochen six und fertig in Deutschland, Herr Doktor. Wir wollten später mit den Arbeiten be­ginnen. Als wir aber Ihre Absicht erfuhren, mit der motorisierten Sta­tion hierherzukommen, entschlossen wir uns, sofort zu handeln. Zweimal sind inzwischen acht Stratosphärenschiffe zwischen Deutschland und dem Südpol hin- und hergeflogen. Sechzehn Schiffsladungen entspricht das alles, was Sie hier gesehen haben. Aber bald werden es hundert Ladungen sein und in einem Jahr wird es hier ganz anders aussehen."

*

Von einer leichten Brise getrieben, machte das Boot, mit dem die beiden Amerikaner ihre Insel verlassen hatten, gute Fahrt. Garrison, der am Steuer sah, warf des öfteren Holzstückchen über Bord.

Was machen Sie da?" fkagte Bolton.

Ich versuche unsere Geschwindigkeit festzustellen. Nach meiner Schätzung läuft das Boot gut und gern vier Knoten. Wenn es weiter so bleibt, können wir in 24 Stunden Tahiti erreichen."

24 Stunden?" Bolton verzog das Gesicht. Drei Stunden waren sie nun unterwegs, immer höher war die Sonne herausgekommen und brannte unbarmherzig aus sie nieder.

Verflucht lange ist das." Bolton stand auf und suchte sich eine andere Stelle, wo ihm das Segel Schatten bot. Dort machte er sich's bequem. Bald verrieten seine tiefen Atemzüge, daß er eingeschlafen war.

Weiter verstrich die Zeit, hoch stand die Sonne am Zenit, als die Stimme Garrisons ihn weckte. Nur langsam ermunterte er sich und schaute um sich. Glatt wie ein Spiegel dehnte sich die See, schlasf hing das Segel am Mast, kein Lüftchen regte sich mehr.

Was ist's, Garrison? Was wollen Sie?"

Flaute, Bolton! Seit einer halben Stunde liegen wir auf derselben Stelle."

Er wies auf ein paar Holzstllckchen, die neben dem Boot im Wasser tagen.

Verdammt, Garrison! Was sollen wir jetzt machen?"

Wir haben zwei Möglichkeiten, Bolton. Entweder warten, bis wieder Wind aufkommt, oder die Riemen in die Hand nehmen und kräftig pullen."

Bolton schüttelte den Kopf.Ich danke schön! 150 Kilometer rudern, pfui Teufel!"

Garrison zuckte die Achseln.Ich glaube, wir können's ruhig ab- roarten. Gegen Abend wird die Brise wieder kommen."

Ganz meine Meinung", pflichtete Bolton ihm bei,sparen wir unsere Kräfte für bessere Dinge auf."

Garrison verließ seinen Platz am Steuer und suchte sich neben Bolton ein schattiges Fleckchen. Beide merkten, daß sie seit Stunden nichts genossen hatten und nahmen aus ihren Vorräten erst einmal eine ordentliche Mahlzeit zu sich

Wenn's so weiter geht", bemerkte Bolton nachdenklich,bann kann's lange dauern, bis wir nach Tahiti kommen. Ich weiß nicht, Garrison, ob wir klug daran taten, die Insel zu verlassen ..."

Eine plötzliche Bewegung des Bootes unterbrach feine Betrach­tungen. Ein kurzer, jäher Windstoß fegte über die See daher, packte da.