Ausgabe 
6.12.1935
 
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um den Schlag, bis sich endlich die dreistesten auf die langen Sitzstangen setzten und dann der ganze Schwarm wie hingeschüttet auf das Auslauf­brett kollerte. Manchmal warf Rudi -ermann ihnen Reiskörner zu oder Wicken. Er tat das eigensinnig immer nur selber. Er sagte, das dürfe niemand anders tun als der Herr. Wenn erHerr" sagte, legte er immer den schmalen Kopf etwas in den Nacken oder es kam mir doch so vor.

Meistens war aber der Taubenboden verschlossen, und Rudl -ermann ging mit uns. Wir drei pilgerten zu Peter Arp. Peter Arp war sozu­sagen unser -auptmann. Er wußte immer etwas anzugeben, was wir verhackstücken wollten. Peter Arp hatte eine kleine verhutzelte Mutter. Sie sah immer verdrossen und böse aus, wie gefangene Tiere hinter einem Gitter aussehen. Sie hatte eine harte Stimme und kommandierte hinter Peter her, als ob er nicht einer, sondern mindestens ein Dutzend Jungs wäre. Sie lauerte hinter der Gardine, ob wir nicht wieder an­kämen. Dann riß sie das Fenster auf und bellte uns an wie ein bissiger -und an der Seite; wir sollten uns nach Hause scheren und was Nütz­liches tun. Unsere Eltern sollten sich schämen, uns so herumstrolchen zu lassen.

Wir flüchteten dann. Es nützte nichts. Wir kriegten den Peter Arp nicht mit. Dieser aber war durch die bitterböse Stiefmutter ganz gewiß, es konnte nicht seine richtige Mutter sein I schlau und gerissen geworden wie nur einer. Wie er der Alten entwischte, wir wußten es nicht, und er verriet es auch nicht aber er entwischte ihr oftmals und wir hatten unfern Hauptmann mit uns. Und er rieb sich die verarbeiteten Hände und grinste.

Wir hockten alle vier zu einer großen Beratung zusammen, wohin es nun gehen sollte. Es war in einer verborgenen Höhle, die Peter Arp entdeckt hatte. Sie befand sich an dem Grenzgraben zwischen Altona und Eimsbüttel, nahe dem Katerstieg, wie die kleine Twiete daknals genannt wurde. Zwei alte, ost gestutzte Eschen wuchsen dort zwillingsartig anein­ander hoch und umfaßten mit weitausgreisendem, singerartig-verzweig­tem Wurzelwerk ein tiefes Erdloch.

Dieses Erdloch hatten wir mit vieler Mühe und Heimlichkeit weiter ausgebaut. Wir deckten den engen Eingang jedesmal, wenn wir die Höhle wieder verliehen, mit einem Stück Maschendraht und ein paar Grassoden sorgsam zu, damit kein Fremder sie auffinde. Vorsichtig und nur einzeln und über Privatgärten hinweg suchten wir sie jedesmal auf. Kein Mensch wußte darum, wenn wir darin saßen und beratschlagten oder wenn Peter Arp seine Gruselgeschichten erzählte, daß es mir kalt längs dem Rücken kroch. Peter Arp schwur jedem von uns ewige Rache, wenn wir auch nur ein Sterbenswörtchen davon an irgendjemand ver­rieten. Die rote Pike auf seiner Stülpnase leuchtete dabei gefährlich. In dieser Höhle hörte Tag und Nacht und alle Zeitrechnung auf. Ich habe um dieser Höhle willen manche Schelte und manche Hiebe bekommen, wenn ich gar zu spät im Hause wieder anlangte, und das Abendbrot für mich noch einsam auf dem Tische stand.

Manchmal kriegte ich auch keins und mußte hungrig zu Bett.

Dennoch war ich meistens derjenige, der weiterdrängte, daß etwas geschehe.

Es war die Exerzierweide oder es war das Eppendorfer Moor oder es war der Windsberg, wohin wir ausrückten. Selbst wenn wir gar keine Schularbeiten aufbekommen hatten oder aus guten Gründen es behaup­ten konnten, reichte die Zeit nicht zu weiteren Ausflügen. Und selbst wenn Ferien waren, kamen wir nicht vor dem Mittagessen zusammen fort, jedenfalls Peter Arp nicht. Und ohne ihn gab es keine große Tour.

Einmal an einem herrlichen Julitage in den Ferien marschierten wir alle vier gleich nach dem Essen los. Wir hatten Peter Arp beim Holzkleinmachen tüchtig geholfen. Er durfte mit: Richtung Kiesberge!

Die Kiesberge lagen hinter den Bahrenfelder Tannen.

Cs ergreift mich eine leise Wehmut, wenn ich dieses schreibe. Denn nichts ist mehr von all der Herrlichkeit und wilden Einsamkeit und spuk­haften Verborgenheit vorhanden, und nur leere Eisenbahnschienen laufen in ewiger langweiliger Parallele endlos über waagerechte Sandstrecken in die Weite. Damals aber waren sie noch, die Kiesberge! Damals leuch­teten sie noch gelb und rot in der Sonne! Damals schossen Dutzende von wilden Kaninchen noch ihre Kapriolen über ihre Höhen hin! Dunkle ver- wetterte Kiefern krönten manche steile Kuppe.

Schmal und in Überraschendem Zickzacklauf kletterte mancher heimliche Pfad von einer Höhe zur andern. Gewaltige Steinblöcke lagen im Grunde. Sie hatten Jahrtausende in der Erde geschlafen und lagen da nun in der grellen Sonne und rührten sich nicht. Manchmal saß eine grüne schlanke Eidechse mitten aus solchem riesigen Stein und sonnte sich. Es sah aus, als ob der Stein es gern hätte. Es sah aus, als ob die grüne Eidechse zu dem Steine gehöre, so regungslos lag sie darauf. Es waren auch Hexensteine darunter wie Peter sie nannte vor denen man ganz gewiß Angst bekommen konnte, wenn es gegen Abend dämmerig wurde, und sie einem mit teeren schwarzen Augenhöhlen anstarrten oder Kterliche Grimassen schnitten, so, als ob sie plötzlich doch lebendig en könnten. Ja am Abend war die ganze Gegend wie ver­zaubert das glaubte ich wohl. Ich mußte an meinen lieben Onkel Eduard denken, an dessen Hand ich mit meinem Bruder Matten zu­sammen als kleiner Bengel zuerst diese Steine und diese schiefen Kiefern gesehen hatte und was mein Onkel Eduard alles davon zu erzählen ge­wußt hatte. Was es war, hatte ich zwar vergessen, aber es schwebte noch um alles herum und machte alles unheimlich lebendig.

Ich ruhte nicht, bis wir an diesem sonnenhellen Julitage wirklich die Richtung nach den Kiesbergen einschlugen, festen Willens, sie wirklich zu erreichen Wir gingen beim Schwarzen Bären vorbei, durch den Weid- mannswea mit seinen hohen Rüstern, über die flache weite Exerzier­wiese auf den Windsberg zu.

Auf dein Windsberg machten wir Rast. Von hier konnte man schon die Hänge der Kiesberge nach Westen zu erkennen. Ich lag auf dem Bauch und biß in mein Butterbrot und träumte mich nach den Kies- bergen hinüber und weiter--

Da sagte Rudl Hermann: »Paßt auf, das gibt was."Was wohl!" sagte Adolf Wiencke.Ein Gewitter", sagte Rudl Hermann, und sah in die Höhe, als ließe er seine Tauben da oben kreisen. Ich drehte mich schnell herum.Unsinn!" rief ich. Und Peter Arp biß ebenso schnell in sein Stück Schwarzbrot und knurrte:Macht nicks!"

Am Südhimmel aber zog wirklich ein dickes Gewitter auf und kam schnell näher. Schon rollte der erste Donner. Weil die Sonne noch frei schien, waren die Blitze nicht zu erkennen.

Es dauerte keine fünf Minuten, und die dicken Regentropfen schlugen herab. Wir suchten eilig unsere Siebenfachen zusammen und stürmten bergab, denn zugleich fegte ein Windstoß daher, als ob dort oben nicht mehr geheuer sei. Mir siel mit einmal ein, daß früher Diebe und Mörder auf dem Windsberge hingerichtet worden seien. Das machte meinen Lauf noch schneller.

In einer kleinen Tannenschonung fanden wir ein schräges Schutzdach und krochen dicht aneinandergedrängt darunter.

Ich weiß nicht, wie lange wir darunter gehockt und gehofft haben, das Wetter möchte sich wieder aufklären. Es klärte sich nicht wieder auf.

Durch und durch genäßt bis auf die Haut und mit blauen Stiefeln kamen wir endlich zu Haufe an.Weiter als his auf die Haut geht es nicht", sagte Peter Arp und dachte dabei schon an die Prügel, die ihm in Aussicht standen.

Meine Mutter brachte mich gleich zu Bett und gab mir heiße Milch zu trinken. Ich lag und war traurig und nahm mir fest vor, doch in die Kiesberge zu gehen und wenn ich es ganz allein machen sollte.

Warum wollte ich um alles in der Welk ausgerechnet in die Kies­berge wandern? Es waren in Wahrheit gar nicht die Kiesberge, nach denen ich verlangte. Es war vielmehr das Eidelftedter Haus mit dem Sot und dem Garten, mit den krummen Äkazienbäume» und mit dem alten Pferdestall, mit der runden Scheibe im Giebel, dahinter meine Tauben gesessen hatten, und mit dem schrägen Kartoffelland und mit den gelben Gurken, mit denen Nachbars Guschi und ich Mutter und Kind gespielt hatten. Und es war der Mühlenbach, in den ich mit Onkel Eduard Steine plumpste. Und es war der schaurige Bollweg und die Mühle. Und es waren hundert Dinge mehr, die es in der Terrasse und in den Straßen nicht gab. Und es war die Luft, die ganz andere Luft die Luft, in der auf irgendeine geheime Art Engel umherflogen und mit den kleinen weißen Wolken spielten. Dabei träumte mir bei Nacht und am hellichten Tage. Ich mußte und mußte dahin!

So wanderte ich eines Tages im Spätsommer, nachdem ich krank gelegen hatte und noch schulfrei war, wirklich los: beim Schwarzen Bären vorbei, durch den Weidmannsweg mit den hohen Rüstern, über die flache weite Exerzierweide, auf der die kleinen Heuspringer zirpten, und den Windsberg hinauf. Ich lag wieder einen Augenblick und sah nach den Kiesbergen und sah rundherum den Himmel an. Der aber blieb klar und blau. So sprang ich schnell wieder hoch und jnad)te meine Wanderung weiter.

Endlich hatte ich die ersten Hänge der Kiesberge unter meinen Füßen. Der Sand war tief und heiß von der Sonne. Bei jedem Schritte sackte ich ein, aber ich ließ es mich nicht verdrießen. Und bald ward der Boden fester und die alten wetteroerkrümmten Kiefern grüßten mich. Ich ging eng zwischen ihnen hindurch. Es roch harzig. Ich erblickte auch Pilze auf langen weißen Stielen, die wie zierliche Tischchen aussahen. Ich muhte an Zwerge denken, die hier heimlich schmausen mochten. Goldhähnchen und Drosseln und andere Vögel, die mir unbekannt waren, huschten unter den Zweigen hin. Einmal kroch auch ein richtiges vierbeiniges Tier ein Marder oder ein Iltis eilig vor mir fort.

Als der Weg nicht aufhören wollte, und es bald vorn, bald hinten raschelte, ward mir etwas Angst, und ich dachte: wenn doch Peter Arp und Rudl Hermann und Adolf Wiencke hier wären und fühlte mich sehr einsam. Ich kniff schnell die Augen zu, wenn ein Käser gar zu ungeheuerlich aussah und sah mich nicht mehr um.

So stand ich schließlich auf der letzten Hügelkette und sah die Glashütte mit ihrem schiefen Schornstein dicht vor mir liegen.

Gleich hatte ich wieder Mut und jubelte innerlich wie eine Geburts­tagstrompete. Ach! wenn doch die andern hier wären, daß ich es ihnen zeigen könnte! Aber ich mußte alles still in mich hinunterfchlucken, so sauer es mir auch ward. Es war weit und breit keine Menschenseele zu entdecken.

So rannte ich hügelab, schritt an der Glashütte schnell vorbei mit dem leisen Gruseln: mein Onkel Eduard, der lange schon tot war, könnte auf einmal wieder wie einstens aus der angelehnten rußigen Tür treten und stand, nachdem ich ein paar unbekannte Häuser passiert hatte, in großer Ueberraschung am Holzgitter unseres Gartens in Eichelftedt. Da war das Haus. Und da war der Sot. Und da waren die krummen Akazienbäume. Und da ging der Fußsteig hinunter, den der Verrückte uns nachgelaufen gekommen war. Und da stand noch immer der alte Pferdestall und war noch älter geworden.

Ich stand am Gitter und sah das alles und sah von einem zum andern und ward langsam traurig und immer trauriger und wünschte im Stillen: ich hätte mich niemals hierher auf den Weg gemacht.

Denn es erschien mir jedes armselig und gering und immer arm­seliger und geringer, je länger ich es anfah, daß ich mich am Garten­gitter umdrehte und die Augen zumachte und nach dem leuchtenden Bilde suchte, das mir dieses alles bedeutet hatte.

Aber auch da war es fort und wollte nicht wieder auferftehen.

Ich sah noch einmal hin, bann wandte ich mich und ging traurig meinen Weg zurück, den ich voll Jubel angekommen war.

Damals am Gartengitter zu Eidelstedt endete in Wahrheit die selige Zeit meiner Kindheit. Denn ich entdeckte plötzlich, als ich wieder unter die Kameraden kam. daß ich allein noch immer das Kind gewesen war, und schämte mich vor ihnen.

So quälte ich mich, wie ein Großer zu denken. Und ließ es mir sauer werden bis auf den heutigen lag.

Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. Druck und Derlag; Brühl'jche UniversitätS-Duch- und Eieindruckerei, R. Lange, Gießen.