Heimliches Glück.
Von Hermann ßingg. Sie geht in aller Frühe, Noch eh die Dämmerung schwand, Den Weg zur Tagesmühe Im ärmlichen Gewand.
Die dunkeln Nebel feuchten Noch in der Straße dicht.
Und doch sieht man beleuchten Ein Lächeln ihr Gesicht.
Die Götter mögen wissen, Warum sie heimlich lacht ... Es weiß es nur das Kissen, Drauf fie geträumt heut Nacht.
Kinder im Advent.
Von Heinrich Zill ich.
Die Weihnacht wandert durch die Kinderstube schon viele Wochen lang, ehe sie aus der frühen Abenddämmerung ausstrahlt. Ihr Wesen ist das Geheimnis des Raunens, die Neugier um versperrte Türen, die plötzlich aufspringen und einem goldenen Leuchten Raum geben — und sieh, da ist auch das Raunen ein einziger Ton des Lichtes geworden, die Neugier versank, und ein großer Flügel streist aus der Ewigkeit unsere Stirne. Aber so wie der Glanz nur strahlen kann, wenn seine Umgebung dunkler ist als er, muß der Weihnacht das wunderdunkle Warten vorausgehen, geflüsterte Worte, Nichtswissen und Ahnen, worin das Kommende manchmal auffunkelt. Blickt man sich jählings um, dann ist es still, als huschte ein Schatten oder ein Gesang ins Schweigen.
Deshalb fragen die Kinder, von dem Wehen der Zeit berührt, in den Adventswochen so viel. Auch meine drei Kinder, der fünfjährige Jobst, die vierjährige Susanne und der dicke Zweijährige, der keinen richtigen Namen hat, sondern nur Cle heißt, sie sitzen um ihre Mutter Maria. Und der Vater bin ich und habe wie der Kleine gleichfalls keinen richtigen Namen; denn mir gebührt seit der Schulzeit der merkwürdige Anruf: „Hucke". Es gibt unter den Verwandten manchen, der es unpassend findet, daß mich auch meine Kinder nicht anders nennen. Ich hörte sagen, sie seien deshalb zu bedauern, und man meinte gar, es sei geradezu so, als hätten sie keinen Vater, die Armen, die da wie die Mäuschen sitzen und mit den Beinen manchmal zappeln, als liefen sie schon in das Wunderzimmer.
Es ist ja in dieser fernen Stunde, als hörte auch ich die fernen Lichterglocken läuten, die kein Ohr vernimmt, nur das Herz und jenes innere Lauschen, das uns durch di« Adern und die Sinne wie ein heiliges Schwindligwerden dringt. Während ich dann hinausblicke durch das Fenster in die Nacht, die marmorschwarz an der Scheibe steht, denke ich daran, wie anders sie mir einst erschien als heute, wo ich sie wohl schon zu oft erlebt habe in Sturm, Krieg, Sattheit und Schlaf. Lebendiger war sie einst und voll Unbanntheiten, Drohung und Verlockung, damals, als ich auch so saß wie die drei Kinder und die Geschichte von Josef und Maria hörte. Nur manchmal war sie noch dichter angefüllt mit der Allgegenwart des Geschicks: Gruß euch, Patrouillengänge vor der letzten großen blutigen Offensive, Gruß über Zeiten und Raum.
Einige Lichter sind im Marmor der Finsternis, Sterne, von Funkenfäden .neblig umstrahlt, Geäder des Marmors, und an ihnen erkenne ich, wie tief auch triefe Nacht ist und rwch alles umfängt, was ich erlebe, ersehnte und was noch kommen mag. Und so wird es wohl nur davon abhängen, ob wir richtig sehen und lauschen, damit die Nacht voll sei oder entleert. , .
Doch nun faßt mich die Helle Gegenwart: „... Cs war einmal ein Vater und eine Mutter, die hatten ein kleines Kindlsin und das war das Jesuskindlein und lag in einer Krippe auf Heu und auf Stroh. Ihr wißt doch, was eine Krippe ist? Das, woraus die Pferde im Stall fressen —"
„Pferde!" schreit Cle begeistert. .
„Und die Mutter hieß Maria und der Vater hieß Josef ...
O das wollen die „beiden" großen Kinder nicht wahrhaben. Sie werden eifrig. Ihr Weltbild gerät ins Schwanken. Eine Mutter, die Maria heißt? Da muß doch der Vater Hucke heißen! Ich spure alle Geister in den Zimmerecken schmunzeln. Gottlob, daß meine Kinder doch einen Vater kennen, wenn er auch bloß Hucke heißt. ,
Und was nun die Maria anbelangt, so ist das natürlich eine ganz andere Maria. Sie hat ja auch bloß ein Kind und nicht drei. Sie hat eben keinen Hucke zum Manne, sondern einen Josef. Und einen Bart hat dieser Josef! Wo hätte der Hucke je einen Bart getragen!
Und nun sinkt wieder das alte Wunder in die gläubigen Seelen. Die Hirten die redlichen, kommen von den Feldern herein und die Kalte strahlt aus ihren Pelzen in den Stall. Sie beugen sich an ihren langen
auch beten^nrischNich der Kleine ein, selig, daß er ein Fädchen Oben^m "Himmel der Engelein Chor, unten das Christkind und heißt Jesus der klein Bub. — Aber das will Susanne nicht glauben. So em kleines Christkindlein hat ein langes Kleidchen bis zu den Zehen nicht wahr? Und solche Kleidchen tragen bloß Madel, memt fie roafjrenb Jobst stürmisch den Standpunkt vertritt, Jesus sei ein Bub, weil nnm der Jesus" sagt, wozu ich mich auch bekenne, obschon ich dazu die Erklärung fügen muß, das Christkind fei auf den Bildern im Nachthemd zu sehen.
„Jetzt im Winter?" zweifelt der Junge.
D, wer vorn Himmel kommt, friert niemals
Der Stern wandert über das Haus. Im Stall steht der Esel. Der Schein der Laterne fällt wie Silber aus sein Fell. Die Geschenke liegen um das Kind.
Die alten Worte, die affen Worte ...
Wir sitzen da und streuen, ohne es zu wollen, die gleichen Samenkörner aus, die einmal in unseren Herzacker fielen. Wir haben keine Sondermeinung mehr. Wir sind nur Glied einer langen Ueberlieferungs- tette. Wenn man uns vernünftig und dumm die Nutzlosigkeit dieser allen Geschichten weismachen wollte, so ist die Zeit längst vorbei, da wir darauf hörten. Wir sprechen kindlich mit den Kindern in der uralten Sprache, die die Sprache der Kinder ist und die in geheimnisvollen Stunden die unklaren Umrisse des Wunders genau so umschließt, wie es die Sprache des Dichters vermag.
Rauscht es nicht um uns in aller Stille gleich den ziehenden Strömen aus den verschollenen Brunnen der Herkunft? Was wissen wir denn, sind wir nicht Saiten, angeklungen von unsichtbarer Hand, tönend nach einer alten Regel?
Der nüchterne Tag? Das harte Licht der Tatsachen? Hart und nüchtern ist nur das alltägliche Kleine! Um die großen Tatsachen des Lebens wehen die Fahnen, ruft der Rausch der Begeisterung, heult der Schrei der Not, schasst der Glauben, flieht der Purpur des Blutes. Nun kommen sie wieder, die ich fo oft, Heere und Toten, Kameraden des Krieges, Brüder des Durstes, des Hungers, der Erde, des Bestehens und Sterbens. Ja, das war alles Tatsache und alles tausendfach mehr, geheimnisvoll, unfaßbar, sinnvoll. Besteht ein Unterschied zwischen dem Sinnglauben der Kinderaugen, diesen Meeraugen des Lebens, und dem schwerer zu fassenden und noch schwerer zu ertragenden Sinnerleben des Mannes? O ja, ein fruchtbarer und entscheidender, aber nur der zwischen dem Baumsetzling, den der Sturm überspringt und dem Baum, den er packt, bricht oder stählt. Der unüberbrückbare Unterschied liegt nicht hier, er öffnet sich wie eine Kluft zwischen denen, die das Wunder und den Sinn nicht mehr fühlten, und den anderen, denen es oft entschwindend, doch gnadenvoll wieder naht.
Ferner und näher stehen wir ihm und suchen oft nach Erklärungen, wie Jobst nun wieder tief in den Zweifel fällt; denn — seht — er hat entdeckt, daß feine Mutter ein Weihnachtsgeschenk strickt. Ein Weihnachtsgeschenk, das doch kein Mensch anfertigt, sondern das vom Christkind gebracht wird. Ader nun sagt aus dem alten Wissen um die fromme Schutzlüge die junge Mutter: „Ich helfe doch dem Christkind. Das hat jetzt so viel zu tun. Diese Jacke geb ich ihm, und es legt sie unter den Weihnachtsbaum."
„Warum hilft ihm der Nikolaus nicht?"
„Ach, der ist alt."
„Und die Engel?"
„Ja, die tun es wohl. Aber auch die werden nicht fertig mit all der Arbeit. Denn überall wollen die Menschen Geschenke bekommen. Da müssen auch sie selbst etwas dazu tun."
„Der liebe Gott soll dem Christkind helfen!" meint Susanne.
„Du Summe!" ruft der Junge, „der liebe Gott! Der muß ja Menschen machen!"
Nun ist es einen Augenblick lang, als müßten mir ausplatzen. Doch nur ein Weilchen, und bann sehen wir dies eifervolle, arglose Kleeblatt an, das Vater und Mutter in aller irdischen Faßbarkeit bat und ich denke: Das Wunder des Christkindes wird auch meinen Kindern zer- fallen, und dann ist es gut, wenn ihnen das Wunder des Menschen auffteigt, mit dessen Entstehen Gott wohl mehr zu tun hat als wir.
Und vielleicht hat Gott das Weihnachtsfest geschaffen, daß wir einmal zum Nachsinnen kommen, über die blonden Zukunftsköpfe der Kinder hinweg, in deren Märchen und Legenden sich Vergangenheit und Gegenwart mit den bleibenden Wahrheiten verknüpfen.
Da gibt es nun diese summenden Adventsstunden, in denen es uns mitunter erscheinen mag, als fei das Trübe unseres Schicksals, ja selbst das Opfer des Todes auch darum notwendig, um in solchem kindlichen Besinnen die alten ewigen Worte der Legende aus Mutter- und Kindermund wieder gläubig zu vernehmen, mit hellem Ohr und tiefem Echo im inneren Lauschen, denn erst aus dem dunklen Hintergrund, durch den wir traten, strahlt uns Unkindlichen das Licht wieder auf.
Das verlorene Paradies.
Von Hermann Claudius.
Es ist eigentlich lächerlich zu erzählen und scheint nur eine ganz geringe Angelegenheit zu [ein. Trotzdem: wenn ich schon sagen soll, wann das aufhörte, was man rechte Kindheit oder unentwegtes Knaben* tum nennen mag, so steigt immer dasselbe Bild wieder vor mir auf.
Wir waren vier Kameraden: der Adolf Wiencke, der Peter Arp, der Rudi Hermann und ich — alle vier zwölf bis dreizehn Jahre alt. Wir waren fast täglich beieinander. Meistens kam der lange Adolf Wiencke mit den ouschigen Augenbrauen, die über der Nase zusammengewachsen waren und seinem Gesichte einen älteren Ausdruck gaben, zuerst unter mein Fenster gegangen und flötete. Wir hatten unsere besondere Weise, an der wir uns erkannten und die wir von Zeit zu Zeit wie eine richtige Parole wechselten. Adolf flötete solange, bis ich herunterkam. Ich hatte oft meinen heimlichen Spaß daran, wenn er unermüdlich seinen Pfiff roieberbolte.
Danach gingen wir beide zu Rudi Hermann. Rudi Hermann wohnte in der Pauiinenallee im vierten Stock. Er hatte einen großen Taubenschlag. Sein Vater war Zimmermann und hatte den schonen Auslauf, der weit über das Dach hinausging, selber gezimmert. Da waren alle Sorten durcheinander: Werber Blauschlag, rote Kladden, Kopenhagener, Nönnchen, weiße Hochsteerte, und sogar Brieftauben waren dabei. Es kam vor, daß Rudi Hermann und ich uns feftguctten und gar nicht weitergerieten mit unserem Tagesplan. Aber es war auch zu schon, die lange Stange mit dem blauen Wimpel daran im weiten Bogen herumzuschwenken und all die hundert Tauben in dichtem Schwarm bas hohe Dach umkreisen zu sehen. Wenn die Sonne schien, waren sie gegen den blauen Himmel bald dunkelgrau, bald leuchtend weiß.
Einige waren dazwischen, die sich in der Luft mitten im Flug über* schlugen. Zogen wir die Stange ein, so kreisten die Tauben immer enger


