GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1935 Hreitag, -en 6. Dezember Nummer 95
Lars der Gerechte
Roman von Wilhelm Scharrelmann
3. Fortsetzung.
Sie war schon hinaus, ehe Lars sie zurückhalten konnte, und nun hals keine Widerrede, er mußte essen und trinken, ausgehungert und müde, wie er war. Lächelnd begann er dann von Hause zu erzählen, von Jan und Lena, von der Kuh und den Hühnern, und vor allem von Hoppla. Schade, daß Lars nicht mit ihm vorgefahren war. Dort hätte er so gut einmal auf die Straße schlüpfen, ihn ein wenig tätscheln und ihm ein Stück Zucker ins Maul schieben können...
Ja, es war wirklich eine Erlösung für Lars, einmal alles vergessen zu können, was ihn in der letzten Zeit bedrängt hatte, und er war beinahe fröhlich gestimmt, als er eine Stunde später wieder angespannt hatte und durch den Abend nach Hause fuhr. Sogar ein Gläschen Schnaps hatte er sich genehmigt und gemeint, daß er das nach dem anstrengenden Tage und bei der langen Fahrt, die ihm bevorstand, wohl verantworten könne. Na, es waren dann zwei geworden, gewiß, aus einem Bein war nun mal nicht gut stehen, und so ein Schluck brachte das Blut in Bewegung und hielt warm, wenn er nun an die fünf Stunden auf dem Wagen sitzen mußte und mit Hoppla langsam nach Hause zockelte. Er wäre auch hinterher gern noch einmal eingekehrt. Aber jedesmal, wenn er vor ein Wirtshaus kam, überwand er sich und schob es bis zum nächsten hinaus. Aber nach ein paar Stunden war er so durchkältet, daß er doch noch einmal halt machte. Auch sollte sich sein Pferd ein wenig verschnaufen, und von ein paar Gläschen würde er nicht ärmer werden.
Als er endlich heimkam und Hoppla die Leine über den Rücken werfen konnte, war er. so heiter, daß er beinahe ein Liedchen angestimmt hätte. Es war so herrlich, Haus und Herd zu haben und sein eigener Herr zu sein, und wenn er gleich ins Haus trat, würde er sich hinter eine Pfanne mit Bratkartoffeln setzen und Lena von allem erzählen, was ihm in der Stadt begegnet wär, und ihr die Sachen zeigen, die er für sie eingekauft hatte. Er sah schon, wie sie alles aufmerksam betrachten würde. Zwirn und Nadeln, Schuhbänder und Knöpfe — und erst, wenn sie mit allem zu Ende war, wollte er das kleine Paket an den Tag bringen, mit dem er sie nicht wenig zu überraschen hoffte. „Nein", würde sie rufen, „so eine Verschwendung, Lars!" und lächeln und den Stofs für die Bluse über die Schulter halten und sich im Spiegel betrachten.
„Hallo!" schrie er übermütig, als er die kleine Seitentür zum Flett aufklinkte und in seiner Freude den kleinen Sack in die Höhe hielt, in den er seine Pakete gesteckt hatte.
Aber im nächsten Augenblick blieb er stehen, als hätte ihn der Schlag gerührt. .
Ein kaltes, saugendes Gefühl war ihm in Knie getreten, und das Herz stockte ihm in der Brust.
War es denn möglich? — Das — das war doch Krick, der da vor Lena am Herdfeuer saß? ,r
„Ja, da wunderst du dich, wie? fragte Krick, ohne von seinem «tuhle aufzustehen. .
Lars antwortete nicht. Ihm war, als könne er die Fuße nicht mehr vom Boden kriegen. War es denn möglich? Immer hatte er es gefürchtet — nun war er gekommen.
„Na", sagte Krick und lächelte höhnisch, „freuen tust du dich nicht gerade, das merke ich." . ... .. , „ „
Es ist nur — du kannst einen wirklich überraschen muß ich sagen , antwortete Lars und schloß die Tür hinter sich. „Zum Teufel auch, ohne ein Wort bist du mit einem Male da."
Ja das ist so meine Art", grinste Krick. „Du meinst wohl, ich hatte mich erst bei dir anmelden sollen, wie? Du bist mächtig vornehm geworden, seitdem du hier als Großbauer auf dem Deinen। ftfeeft
, Ich bin kein Großbauer", entgegnete Lars und überhörte absichtlich den Spott in Kricks Worten. „Das kannst du doch mit einem Blick sehen. Ein kleiner Ansitzer bin ich, und das Feld beim Haus isl nicht so groß, wie es sein sollte, um eine Familie zu ernähren. Ich hatte ls> >mmer schon die Absicht, einmal aufs Land zu ziehen, dessen wirst du dich woh erinnern, nicht wahr? Ich habe oft davon gesprochen. Ich tun a aus dem Lande groß geworden, siehst du, und das vergißt sich nicht.. Und dann: Sorte ging in Dienst, und der kleine Jan, der damals geboren werden sollte, als du nach Amerika gingst war ein wenig Zurückgeblieben und da dachte ich, vielleicht kommt er hier draußen besser voran ab. m der Stadt, und als ich dann zufällig einmal in der Zeitung las daß diese Stelle hier verkauft werden sollte, sah ich sie nur an und hab sie dann gekauft, ja. Sie war billig, billiger, als du vielleicht denkst, und da
haben wir uns denn entschlossen. Aber leicht ist es uns nicht geworden, das glaube nur ja nicht, und Lena war niemals recht einverstanden, so wie sie an der Stadt hing. Es ist auch nicht so einfach, aus einem Fleck Erde so viel herauszuholen, wie man zum Leben braucht, das kann ich dir sagen. Wir haben einen sauren Sommer hinter uns, und der Winter meint es nicht viel besser, das wirst du bald genug merken, wenn du ein paar Tage hier bleibst."
Gut, daß er über feine Bestürzung hinaus war, die Joppe ausziehen und vor das Haus gehen konnte, um das Pferd jetzt aus- zufpannen und in den Stall zu ziehen.
Lena war ihm nachgegangen, um ihm behilflich zu fein, und trat nun im Dunkel an ihn heran und flüsterte ihm zu: „Hab ich nicht recht gehabt? Da haben wir ihn nun. Gut, daß du endlich kamst, es war so quälend, mit ihm allein zu fein, und seine Redensarten anhören zu müssen ... Wie aufgeregt du bist, Lars! Komm, laß mich die Schnalle losmachen. Deine Hände fliegen ja. Vielleicht, daß er ja bald wieder geht."
„Ach, mir ist es egal", antwortete Lars unwirsch und zog Hoppla aus der Deichsel.
„Sag das nicht, Lars. Ich merkte zu gut, wie du erschrakst, als du in die Tür tratst und ihn zu sehen bekamst. Ist etwas zwischen euch? Sag es mir."
„Quäl mich nicht, Lena. Geh ins Haus, sage ich dir. Was willst du hier draußen? Dies hier.ist Männerarbeit."
Er zog das Pferd, dem die gelösten dränge auf der Erde nach- fchleppten, zum Hause und streifte ihm das Geschirr ab.
„Soll ich dir sagen, was ich glaube, Lars?"
„Was glaubst du denn, he?" fragte Lars, böse und gereizt.
. „Es hat mit dem Geld zu tun, von dem du mir nie sagen wolltest, woher du es hattest."
„Was du dir nicht alles zurecht machst", antwortete Lars.
„Sag doch, wie es damit ist, Lars! Du weißt nicht, wie einem zumute ist, wenn man so im Dunkel gehalten wird. Krick machte gleich, als er gekommen mar, so merkwürdige Anspielungen."
„So? Er soll gefälligst den Mund halten und sich um seine eigenen Sachen kümmern, das ist meine Meinung. Ist er hier der Herr im Hause oder ich?"
„Das sage ich ja auch! Aber guck chn nur an, wie er da drinnen sitzt und die Beine von sich streckt. Dazu mißt er einen mit den Augen — ich kann nicht sagen, wie. Gut, daß du endlich gekommen bist."
„Ja, ja, laß jetzt nur", unterbrach Lars sie und machte sich wieder von ihr los. „Ganz lange bleibt er nicht hier, das kann ich dir schon jetzt sagen."
„Wirklich nicht? Was willst du tun?"
„Das warte nur ab", sagte Lars verbissen.
„Nein, mach keinen Streit mit ihm, Lars."
„Laß mich zufrieden jetzt. Ich weiß allein, was ich zu tun habe. An mir soll es nicht liegen, daraus kannst du dich verlassen. Geh nur jetzt wieder hinein. Ich will nur noch den Wagen unter Dach schieben. Der Kleine schläft wohl schon?" unterbrach er sich.
„Ja, denk mal, er hat solche Furcht vor dem da drinnen", erklärte ihm" Lena und deutete mit einer Kopfbewegung nach dem Hause. Gleich als Krick ins Haus trat, fing er an zu meinen und war nicht zu bewegen, ihm die Hand zu geben. Er ist ja nur t>alb klug, das weißt bU bJa! ja", nickte Lars. „Es ist nur — ich habe ihm eine Tüte Bonbons mitgebracht: Wenn er noch wacht, steck ihm noch einen in den Mund."
— „Vielleicht hast du dir das Haus und das Vieh schon einmal angesehen", fragte Lars, als er zu Krick zurückkehrte.
„Eigentlich nur mit halbem Auge. Wenn du mir einmal dein Vieh zeigen willst?"
„Ja, komm", nickte Lars, hob die Wagenlaterne, die er mit herein- qebracht hatte, und führte Krick auf die Diele. „Hier steht das Pferd", sagte er und öffnet die Stalltür. „Komm nur herein, es ist so fromm wie ein Lamm, und ja schließlich auch das jüngste nicht mehr. Eigentlich müßten es zwei fein, Arbeit hätte ich genug dafür, das kann ich dir sagen Aber es muß sich zunächst noch damit helfen. Hoppla! heißt es. ein Wallach, ja. Er hat früher wohl mal bessere Tage gesehen. Ich habe ihn als pflastermüde gekauft. So etwas muß man verstehen, weißt du. Ich sah natürlich mit einem Blick, daß ihm nichts anderes fehlte, als ein paar Wochen Weidegang, Ruhe und Pflege, so abgetrieben wie er
war Nun, was sagst du? Für uns hier kann er jedenfalls die Arbeit
noch lange tun. Als ich ihn bekam, standen ihm die Rippen aus dem
Leibe sage ich dir, und nun — fühl mal, er hat schon ordentlich Fleisch
wieder auf dem Buckel und machte seine Sache so gut wie einer. Hinten steht er nicht ganz tadellos auf den Füßen, das ist richtig, aber wenn man ihn arbeiten sieht, vergißt man das.


