Ausgabe 
6.9.1935
 
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ffiAer In seinem vchatzwagen.Wenn Ich könnte , sagte August,kch schickte alle diese jungen Herren zum Teufel und behielte mir zwei alte Ruerwerker bei der Batterie. Solch ein Windbeutel wie dein Edi konnte mir überhaupt gestohlen werden."

Laß den Edi", erwiderte ich,diese jungen Burschen haben eben Freude daran, sich besonders schön zu machen, wenn es ins Quartier geht.

Ich liehe meine Bagage nicht durch ein Paar Lackstiesel um zwei Kilo schwerer machen, knurrte August.Der Edi schaut ja verboten aus, zu schön für diese Welt!"

Wahrend wir so sprachen, kam uns nut allen Zeichen der Aufregung ein Mann entgegengeeilt und schrie mehr als er es meldete, daß eines der vorausgeschickten Autos auf einer Serpentine abgefturzt und m die Tiefe gerollt wäre. Bier Mann feien tot, einige verletzt. Der Unglucksbote wußte die Namen der Toten zu nennen: es waren meine ältesten Leute, es waren alle vier Familienväter. . ... . .

Ich stützte mich auf Augusts Arm:Siehst du, und ich habe nur das Beste für diese Leute gewollt!" ,, K

August knurrte etwas von Schlamperei, schlechter Instandhaltung der Autos, allgemeiner Windbeutelei und bann klopfte er mir auf die Schulter- "Mir geht das nahe, als ob es meine eigenen Leute wären.

Ich fragte nach dem Oberleutnant Edi und der Mann antwortete mir, der fei auch verlegt, aber nicht schwer.

Ich verabschiedete mich von August, ich wollte allem fein. Ach eilte mit dem Boten voraus. Der abgeschlagene Angriff, die Unrast der letzten Woche, die kaum überstandene Grippe, das alles fiel nun über mich her, daß mir die Zähne klapperten. Ich kannte die alten Leute, die da abge= stürzt waren, einer von ihnen war ein Bater von sechs Kindern. Ich haderte wider das Schicksal, ich gab mir die Schuld an diesem Unglück. Da sah ich auf: auf der Straße kam mir jemand entgegengehumpelt, zer­lumpt, zerschunden, das Gesicht in einem Mutigen Verband! Das war Edi! Seine neue Uniform war zerfetzt, grau von Staub, seine Lackstiefel Acrriffcn.

Und wie das schon so geht, daß man in der tiefsten Trauer ein Be­dürfnis nach Entlastung empfindet, schlug ich die Hände zusammen und setzte mich in den Straßengraben, geschüttelt von nicht endenwollendem Lachen, immer wieder Augusts Worte wiederholend:Zu schön für diese Welt! Zu schön für diese Welt!"

Und der Meldeläufer neben mir wurde von meinem Lachen ange­stockt und konnte es nicht unterdrücken, wiewohl doch ein Kanonier über einen Oberleutnant nichts zu lachen hat!

Edi versuchte sogar auch, ein wenig mitzulächeln, aber es ging nicht und er bat mich flehend:Ich bitte dich, hör auf, mir tut das Lachen weh!"

Ich danke dir, daß du mir entgegengehumpelt bist", sagte ich,denn dein schauerlicher Anblick ist mein einziger Trost. Du bist mir nun drei­mal mit einem blauen Auge davongekommen! Jetzt schau aber, daß du auf Urlaub kommst, denn sonst schlägt noch während der Ruhe hinter der Front bei uns der Blitz ein."

Das schöne Ansbach.

Bon Wilhelm Hausen st ein.

Man hat viel davon gehört, das Schloß ist gerühmt worden, und man hat sich eine Vorstellung von diesem Schloß zu machen versucht vielleicht nach dem Vorbild von Mannheim ober Lubwigsburg ober Bruchsal ober Würzburg. Unb nun nun kommt wieder einmal ber Augenblick des Zusammentreffens ber Vorstellung mit ber Wirklichkeit, unb siehe ba: es ist anders! Die schöne Wirklichkeit hat so viele Mög­lichkeiten, anders zu sein, anders als unsere Vorstellung ... Zunächst einmal: das Ansbacher Schloß ist kein Hufeisen wie die barocken Schlösser es sonst gerne sind; es ist ein Block, der einen architektonischen Hof umschließt. Sodann: das Ansbacher Schloß öffnet sich nicht nach der Stadt hin wie das in Würzburg, in Mannheim, es fchaut die Stadt nicht an; sondern es wendet sich durchaus weg von der Stadt, zum Hofgarten hinüber. Zum dritten: die Front steht schräg, in der Dia­gonale und das mutet besonders eigentümlich an, besonders un­erwartet. Dies also ist Wirklichkeit. Eine schöne Wirklichkeit ... Jetzt fällt uns ein, daß wir ja von ihr wußten. Wir haben sie abgebildet ge­sehen. Wir hatten sie nur vergessen; die Vorstellung mar lebhafter, das Traumbild war stärker als die Erinnerung an die Bilder. Aber jetzt ist der Augenblick da, wo die Wirklichkeit sich vor die Einbildungskraft stellt und natürlich ist die besondere Wirklichkeit viel besser als das un= gesähre Bild aus der Phantasie ...

Man tritt durch ein reizendes Gittertor, das zur Linken steht, und findet das berühmte Schloß nach rückwärts eng mit der Stadt ver­bunden. Cs wächst recht in die Stadt hinein, und wenn man es lösen wollte, müßte man es mit Gewalt herausreißen; so dicht ist es dort mit der Stadt verbunden. Größe und Vornehmheit des Schlosses sind mit alten fränkischen Fachwerkhäusern bürgerlicher Art zusammenge­wachsen; so fühlt man, daß alle, die Herren und die Untertanen, doch eine einzige Menschheit gewesen sind, die von sich selbst nicht los­kommen konnte, ob auch die Front ber Markgrafen stolz sich wegkehrte von ber misera plebs contribuens, ber skeuerzahlenben Menge.

Doch nicht, baß Schloßfront unb Hof bie erschlagenbe Pracht unb Macht anberer Schlösser bes Barock besäßen etwa bes Mannheimer ober ßubwigsburger Schlosses. Das Barock bes Ansbacher Schlosses steht auch nach ber hochherrschaftlichen Seite in einer gewissen Be- scheibenheit sowohl der Abmessungen als bes barocken Pomps. Unb gleichwohl: es entzückt; es überzeugt. Zumal im Innern: welche Fein­heit; welche Ueberlegenheit bes Stils, zum Beispiel in der Meisterschaft der Stukkaturen! Wie vortrefflich selbst bie örtlichen Meister, bie im 18. Iahrhunbert für btefes Schloß bie Kunst bes BUbnisses gepflegt haben!

Es ist merkwürdig, in der Atmosphäre ber Z'mmer unb Säte den

Gedanken an den Alken Fritz erweck! zu fühlen. Der Führer zeigt ein j Bildnis des Königs und erinnert an die Schwagerschaft des preußischen j Dynasten mit dem ansbachischen Markgrafen. Es ist sonderbar, zu denken, daß dies Ansbach, Schloß, Stabt, Lanbschaft, einmal preußisch, < richtig preußisch gewesen ist: von 1791, wo ber letzte Markgraf das Land mit der Hauptstadt an den Nachfolger des Alten Fritz gegen eine | ausgiebige Lebensrente abtrat, bis 1806, wo Napoleon die Markgraf- schäft an Bayern hinüberschob. Es ist auch seltsam zu denken, daß schon vorher, viereinhalb Jahrhunderte lang, von 1331 bis 1791, Hohenzollern ! die Herrschaft ausgeübt haben über einen Bereich, dessen geschichtliche I Anfänge mit der bischöflichen Welt von Würzburg verbunden waren. Denn vordem war, wie heute noch ein Wappen am Rathaus anbeutet, bas Ansbachische bem Geistlich-Würzburgischen zugeorbnet: dies ans- bachifche Wesen, das heute in den Kirchen unb im Stabtgesicht bas j Protestantische auf so spürbare Weise betunbet.

Zwei stattliche unb liebenswerte Kirchen weisen noch in bie Zeit der Einheit bes Glaubens zurück: Sankt Gumbertus unb Sankt Jo- , Hannes. Die gotischen Chore beiber Kirchen sprechen an; am meisten | entzückt wohl bas von Sankt Johannes schlank unb fein, wie es ; sich emporzieht. Das Chor von Sankt Gumbertus umschließt bie Kapelle ' einer frommen Ritterschaft; ringsum im Innern stehen bie Grabmale ' ber Herren bes gotischen Schwanenritterorbens, unb in ber Mitte bes ritterschaftlichen Halbkreises, ber gleichsam noch zu tagen scheint, steht mit bem treulich gemalten alten Flügelaltar ein schönes gotisches Holz- bilb ber Muttergottes und des Kindes.

Die große Gumberts-Kirche selbst, barock gewandelt, betont das Be- fonnene, dasRationale", bas bem Barock nicht minber zugehört als ber Ueberschwang ber Gefühle. Das Ueppige bes katholischen Barock ist zurückgetreten; bas Gebankenhafte, Unbilbliche bestimmt in biefem protestantischen Barock ben Stil bes Schiffs. Auch an ber Außenseite bes Schiffs regiert ber Geist bes evangelischen Barock ber Geist ber Mäßigung im Baulichen unb im Zierat; nur baß zwei Engelstrophäen in ber Höhe ber Außenseite verteilt sinb als zwei prächtig schmückende Agraffen.

Unmittelbar von ber Straße betritt man bas Chor ber Johannis­kirche, vielmehr ber Unterkirche btefes erlesenen Chors. Mit einem Male, j noch gestreift vom Lebenshauch ber lauen Luft braußen, steht man in der stumpfen Luft unb Unluft bes Tobes; Särge ber Markgrafen drängen einander; neben dem kahlen oder mit Putten überzierten Zink ber großen Sarkophage liegen bie kleinen herzbewegenben Särge bet Prinzen unb Prinzessinnen, Kinbersürge, zuweilen mit verstaubtem altem Samt überzogen ... Grauer Speicher bes Tobes.

Die gotische Welt hat sich nachbrücklich nicht nur in ben Kirchen ausgesprochen, fonbern beispielsweise auch im Rathaus. Den Giebel bes ' Rathauses umlaufen aber schon bie (pielenben Ersinbungen ber Renais- } jance unb mit schwerer, auch buntler Pracht zieren sie bie Giebelreihen j bes mächtigen Gerichtsgebäubes, bas mit Sankt Gumbert nachbarlich zusammenstoht berart, baß Kirche unb Gerichtshaus einanber zu stützen scheinen wie Geschwister.

Es gibt Gotik unb Renaissance; es gibt bie späte Klassik ber katho- tischen Lubwigskirche; aber bie Hauptschicht ber Baugeologie bieser Stabt- ist mehr barock. Man muß ein wenig an Erlangen benten (an bas nicht genug gekannte Erlangen) ober an Mannheim ober an Lud­wigsburg, ja, vielleicht auch ein wenig an Potsbam. Doch abermals: man barf, wenn manbarock" sagt, nicht immer bas Pompöse und Phantastische erwarten. Das Barock ist schon bie Gumbertuskirche, sogar bas Schloß lehrt es bem Vernünftig-Einfachen nicht abholb; bas Verstänbige, bas Schlicht-Planmäßige gehört auch zum Barock; man muß baran benten, baß im Barock bie großen Mathematiker und Mechaniker gelebt haben, bie Männer bes klaren Verftanbes unb der vollkommenen Nüchternheit. Auch in Ansbach gibt es bies beschwich- tigenbe Barock; in ben Häusern unb Straßen ber Bürger schuf es (eine stillen Denkmale; freilich sinb biefe Denkmale, beispielsweise in den Wohnhäusern der Marimilianstrahe, so menschlich-liebenswürdig, so be­haglich, auf so reizende Weise geglückt, daß nichts zu wünschen übrig bleibt.

Es ist Föhnlicht bald ist der Himmel sehr blau, bald grünlich, schweflig, auch grau ober himbeerrot. Wir roanbern ben Hofgarten hin­über; bie Laublosigkeit ber Bäume wirb gerabe unter bie,en Lichtern wunderbar; bie sanbigen Wege Frankens sinb hell unb angenehm. Die Orangerie bort drüben, einstöckig, langgestreckt, mit dem gemütlichen, barocken Knickdach geschützt, mutet eine Sekunde lang ganz leise an wie Sanssouci; nur daß sie mit ihrem goldenen Ocker die Erinnerung an Sanssouci gleich wieder unterbricht. Wir laufen planlos unb finben von ungefähr einen gotifierenben gelben Stein mit ber Inschrift: -Hie occultus occulto occisus est XIV dec. MDCCCXXXIH. Ein Unbe­kannter würbe hier am 14. Dezember 1833 von unbekannter Hand er­mordet. Der Ermordete war jener Kaspar Haufer, an den die Stabt auch sonst auf mannigfache Art gemahnt.

Wir haben bas Haus ber Pfarrstraße gesehen, in bem ber Unglück­selige zuletzt gewohnt hat. Wir haben uns auch an anbere Namen er­innert gefunben. Gegenüber bem Tor bes Hofgartens gemahnt ein Schilb aus Stein an bie Stiefmutter bes Malers Feuerbach: an jene noble Henriette, bie zu ben Bewohnern biefer Stabt gehörte. In­mitten der Stadt hegt ein schlichtes Haus den Name« eines edlen deutschen Dichters mit einer rührenden und wahren Inschrift:Hier entsproß August Gras von Platen-Hallermünde, die Tulpe des deut­schen Dichtergartens, am 24. Weinmond 1796." Unter der Tafel ver­blieb das Gröndungszeichen des Hauses: ein Adler fliegt zur Sonne. Das Jahr der Erbauung geht als bas Jahr 1696 bem Geburtstag Platens genau um hunbert Jahre voraus, lieber bem Abler scheint bie ßegenbe ..Fhoebo auspice surgii auch bem Dichter vorauszusagen, baß er sich im Zeichen bes Phöbus, im Zeichen ber Sonne, erheben werbe.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag; Vruhl'fche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieben-