Ausgabe 
6.9.1935
 
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Mit einem blauen Auge.

Von Bruno Brehm.

Der österreichische Dichter Bruno Brehm hat den Krieg als Artitlerieofsizier in Rußland und Italien mitgemacht. Er wurde zweimal schwer verwundet. In dieser Erzählung schildert er ein Fronterlebnis aus dem letzten Jahr des Krieges.

Ob sich der Artillerist in der Nacht die Hosen ausziehen kann, hängt ganz von der Infanterie ab, die vorne ist. Im vierten Kriegsjahre hatte man da so seine eigenen Erfahrungen. Mein Freund August, der Kom­mandant der Batterie Eins, versicherte, es gäbe Regimenter, bei denen er nicht einmal die Stiesel ablegen würde.

Diesmal, im Mai 1918, beim Aufmarsch zum Durchbruch auf der Hochfläche der Sieben Gemeinden, waren Steirer vorne; wir konnten uns nach Augusts Meinung sogar ein Nachthemd leisten. Das wollte etwas heißen. Denn schon im Frieden, während der Manöver, hatte mich August oft durch seine umständliche Art, sich anzuziehen und zu waschen, in Raserei versetzt. Er war der umständlichste Mensch, er galt als der beste Artillerist weit und breit, sein Sperrfeuer faß, und wenn er sich einschoß, konnten wir alle etwas lernen. Er hatte noch etwas vom Zünftigen" an sich, denn Artillerie ist, wie er zu sagen pflegte, nicht nur eine Waffe, sondern auch eine Zunft, es gehört zu ihr Gefühl, Verstand und vor allem jene Ruhe, deren Fehlen ihm an mir so ganz und gar mißfiel. Mit dem, was er bei seiner Batterie zusammengespart hatte, ließ sich fast ein Regiment ausrüsten. Richtkreise, Scherenfernrohre, Koch­kisten, Sättel, Geschirr all das besah er in einigen Garnituren; er gab von seinen Schätzen nichts her. Seine Batterie hatte er musterhaft beisammen. Als ich einmal zu ihm schnorren kam, lehnte er freundlich grinsend ab:Ich spare nicht für Windbeutel! Ich habe meine Sache nicht gestohlen! Wirtschaften muß man können. Du wirst es nie lernen. Deshalb ist meine Batterie auch die beste!"

Das also war der musterhafte Batteriekommandant August, weniger beliebt bei seinen Offizieren als bei seiner Mannschaft, von der er jeden Mann abends am liebsten eigenhändig zugedeckt mit einem Gutenacht­kuß bedacht hätte. Seine Offiziere nahm er tüchtig her, er sah auch in ihnen Windbeutel, die weder ordentlich schießen noch richtig sparen konnten.

Auch meinem ersten Offizier, dem jungen, etwas verwöhnten Neffen eines bekanten Generals, war August nicht besonders gewogen. Er liebte nicht dessen Art, den weißen Umlegkragen des Hemdes über die Bluse K ziehen; Krieg und Tennis, pflegte August zu sagen, sind zwei ver- iedene Dinge. Ein Artillerist habe mit seinen Schießkenntnissen und nicht mit seinem Scheitel oder mit seinen Stiefeln zu glänzen. Er an meiner Stelle, sagte August, würde den guten Edi ein wenig ordentlicher Herrichten und hochnehmen.

Wir hatten damals in dem zerschossenen und räudigen Waldgebiet nördlich von Asiago ein an die Felsen geschmiegtes Barackenlager be­zogen. Kam die Nacht, dann schlug der Engländer mit seinem schweren Geschütz zu uns herüber, daß der geschundene, gramergraute, zerfetzte Wald aufheulte und das berstende Gestein lossplitterte, daß die Verwun­deten schrien und unsere Baracken in allen Fugen erbebten. Da es un­bequem ist, im Nachthemd in die Kaverne zu sausen, legten wir uns schon am zweiten Tage angezogen hin.

Gegen Morgen kam Edi, mein erster Offizier, vom Stellungsbau ins Lager zurück. August trat ihm dann sein Bett ab, aber der Engländer war weniger rücksichtsvoll gegen einen verwöhnten Gcneralsnesfen, er schoß bis weit in den Vormittag hinein, und Edi beschwerte sich, daß er nicht schlafen könne. Edi wollte sich eine andere Ruhestatt aussuchen. Ich fragte August, ob er nicht unter seinen Schätzen, zwischen Richtkreisen und Sätteln auch ein Himmelbett habe, das man dann unter der letzten ganzen Fichte aufstellen könne, oder, wenn es dort zu wenig gemütlich sei, vielleicht auch in der Kaverne. August bedauerte, weder einen Damensattel noch ein Himmelbett zu besitzen, ich könnte überdies auch wissen, daß er Windbeuteln nichts leihe. In der Kaverne wiederum wollte Edi nicht schlafen, dort renne alles zusammen, wenn die Schießerei zu arg werde. Aber auf feinem Weg in die Stellung käme er olllibendlich an einem italienischen Fort vorbei, dort wollte er sich zur Ruhe be- geben.

Abends begleitete ich Edi in die Stellung. Richtig, da hockte, grau und schwer, zwischen den Bäumen, der mächtige Betonwurfei. Das eiserne Tor des Forts war gesprengt. Ja, ich glaubte auch, daß Edi hier gut schlafen ebi gab also seinem Burschen den Auftrag, ihm in dieser Betonhöhle das Bett zu bereiten. Als ich August erzählte, wo Edi heute morgen sich zur Ruhe begeben wolle, schüttelte August den Kops:Merkwürdige Leute, diese jungen Offiziere! Das sind mir Artilleristen, die das Schießen "'^Ed^^B°u/sche zog mit dem Bettzeug ab; die Nacht wurde ungemüt­lich. Mir ließ es keine Ruhe, ich wollte wissen, ob die untenbe> d» Batterie etwas abbekommen hatten und gingnoch ^..Morgengrauen durch den Wald in die Stellung vor. Die Geschohe.n schlage beleuchteten den Weg. August ging mit mir. Oft tappten mir fel)l, dann riefen wir einander zu und suchten wieder den zerschossenen Weg.

3n der Liälite des Hanges, der Morgen begann schon zu grauen, das Aufblitzen der Geschosse und die breiten Streifen des Mundungs- feuers drüben in den Wäldern südlich der Hochfläche, wurden blasser und fahler. Die Essenträger kamen zuruck. Da stießen wir bald auf unsere Leute, die vom Bau kamen. Es hatte munberbarerroeife keine Verluste gegeben So ba war auch Edi. Uebernachtigt und mud« zum Umfallen8 @r verfluchte diese Schießerei, die Leute seien °usgepumph man müsse die Munition endlos weit schleppen; aber nun sei man S°f 2I°ud)b21ugufV'blirfte seinen matten, verhungerten Leuten traurig nach: das sind keine Soldaten mehr, knurrte er vor sich hm, sie hotten Lumpen am Leibe und nichts im Magen. In Rußland oben se> das wenigstens ein Krieg gewesen. Aber hier kamen die Menschen an Suppe und vor Schwäche um.

Eine Weile später stießen wir auf Edis Burschen, der mefbefe, frag er im italienischen Fort ein wunderbares Ruhelager bereitet habe.

Wie er dies sagte, sauste es über uns dahin, daß wir eine tiefe Verbeugung machten. Dann folgte ein Krach, daß es uns den Magen hob. Steine pfiffen durch die Luft, Splitter quirlten und gurgelten über unseren Kopsen hin, Rauch stieg empor. Als wir wieder sehen konnten, war der Betonklotz des Forts zwischen den Bäumen verschwunden. Die Leute fragte August, ob jemand verwundet sei. Niemand! Zu mir sagte er:Siehst du, ba hat mein Vater baheim für mich gebetet ge­habt", und zu Ebi meinte er:Du hast mehr Glück als Verstand. Leg dich in mein Bett und gewöhn dir diese Empfindlichkeit gegen den Lärm ab."

Dieser Schuß eines Marinegeschützes hatte auf Edi einen guten Ein­fluß, denn er schlief wirklich bis gegen Abend.Blöde Extravaganzen", sagte August, den Schläfer betrachtend,diese jungen Herren werden sich dach langsam an den Krieg gewöhnen!" Aus seinen Schätzen holte er für den schlafenden Edi eine weiche Decke und schob sie ihm unter den Kopf.

Einige Tage später trat die k. u. k. Armee an der Piave und ko den Sieben Gemeinden zu ihrem letzten Borstoß an.

Wir beide, die Batteriekommandanten, hatten unseren Beobochtungs- ftanb nicht weit voneinander, neben dem Divisionär. Einige Minuten vor Einsatz unseres Trommelfeuers hatte der Italiener mit Gas zu schießen begonnen. Die Meldungen aus der Batterie klangen gut. Die drunten hatten weniger unter dem Feuer zu leiden als wir oben. Der Angriff lief sich gegen Mittag fest. Wir sahen von oben das Vorrückeu der Infanterie, wir packten schon zusammen, um vorwärts gelegene Beobachtungsstände auszusuchen. Wir träumten schon von besserem Futter für unsere schwachen Pferde und reichlicher Verpflegung aus der erhofften Beute. Durch den Rauch, der über dem weiten Kessel lag, sahen wir weit draußen das Meer der venetianischen Lagunen aufblitzen. Nun stand die Schlacht. Nun schlief sie ein. Eine Stunde später wußten wir, daß der Gegner die vorderen Stellungen geräumt, daß unser Trommel­feuer auf verlassenen Stellungen gelegen und daß sich die Infanterie verblutet hatte. Wir wußten, daß es nun mit uns zu Ende ging, daß wir keinen zweiten Angriff machen kannten. Uns war schwer ums Herz, mir hätten ausheulen können.

Am Abend kam der Befehl, daß die weit vorgeschobenen Batterien aus den Stellungen zu ziehen seien und retabliert werden sollten. August sprach kein Wort. Wir wußten, woran wir waren.

August und ich gingen in die Batterie hinab: bei mir hatte es einige Treffer gegeben. Knapp neben Edi war ein Volltreffer in den Unterstand gefahren und hatte Tote und Verwundete gefordert. Edi sprach nicht über diese Sache, aber man sah ihm den Schrecken noch an. Bei August drüben war ein Geschütz zerhaut worden; ich fragte, ob er unter seinen Schätzen nicht auch ein Reservegeschütz mitführe. Er verfluchte meine Sticheleien. Dann ritten wir schweigend voraus in die Protzenstellung. Diese Nacht nach dem Angriff stieß der Feind mit seinen Geschossen in die Wälder und in die Schluchten. Die Pferde schraken zusammen, wir sprachen nichts miteinander, wir ließen die Köpfe hängen und dachten an die Batterien, die durch dieses Unwetter hindurchmußten.

In den Protzenstellungen trieben wir alles zum Aufbruch an. Bis in die Morgendämmerung gab es zu tun. Bei grauendem Tag rückten die Batterien an. Edi meldete mir vom Pferd herunter, daß man wie durch ein Wunder ohne Verluste aus dem Feuerbereich gekommen fei. Kaum hatte er (eine Meldung he endet, als mit Orgeln und Brausen und einem Luftdruck, der uns zurücktaumeln lieh, ein Blindgänger nicht weit von uns in die Wiese fuhr.

Nicht einmal hier lassen einen diese Hunde in Ruhe!" fluchte Edi, sein steigendes Pferd zügelnd.

Auf dich haben sie es abgesehen", rief August, der in der Nähe stand,

herüber.

Dies war der letzte Gruß vom Feind. Dann wurde es still. Nur Räderrollen und Schritteschlürfen hallte durch die Morgendämmerung.

Die Leute waren neben den Geschützen hingesunken und schliefen. Die Pferde standen müde zwischen den Bäumen. Wir deckten noch alles mit Reisig zu, denn kurz darauf kamen kieffchwirrende amerikanische Flieger herangebraust, knatterten mit Maschinengewehren das enge Tal ab und liehen Bomben loskrachen.

August und ich beschlossen, die Familienväter und die Leute der älteren Jahrgänge mit den Munitionsautos voraus in das nächste Quartier zu schicken.

Gib deinen Edi mit", riet mir August,der Junge zieht das Feuer an wie die Pappeln den Blitz.

Ich suchte also Edi aus, der schon irgendwo sich zur Ruhe hingehaut hatte und sagte, er solle mit den alten Leuten vorausfahren, ich käme mit der Batterie nach. ,. ,

Edi war hochbeglückt; er fühlte, dah es besser (et, von hier so schnell wie möglich zu verschwinden.

Eine Viertelstunde später tauchte er vor uns wieder aus: wie aus dem Schächtelchen gekleidet: Lackstiefel, braune Friedensbluse (natürlich wieder halb Tennis, halb Krieg, wie August murrte), srisch rasiert, leicht nach feinen Wassern duftend (stinkend wie ein Mofchusbock, nach Augusts Daf/Bernürb Verheerung in Trient anrichten", sagten August,der ist so schön, dah nicht einmal die Etappe mittommt!"

Die alten Herren standen in den Autos und grüßten zuruck. Nun, ihnen gönnte ich die Ruhe, für sie war ein so weiter Marsch nichts. Auf­sitzen konnten wir nicht lassen, dazu waren unsere Pferde zu schwach.

Gegen Mittag tarnen wir mit der Batterie nach. Die Flieger der Feinde ließen sich nicht blicken, sie waren wohl auch zu müde. August ging ein Stückchen Weg neben mir; er ritt nicht, er schonte auch sein Pferd Am liebsten hätte er es wohl unter dem Arm getragen. Das gehörte zu seinen Schätzen. Auch seine Offiziere muhten gehen. Deren Pferde betreute er auch, die wurden auch geschont. Die Offiziere feiner Batterie sagten, er staube während der Rast mit seinem Sacktuch die Geschützrohre ab. Ader wahrscheinlich hatte er auch hierfür eigene Sack-