Ausgabe 
6.9.1935
 
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außerhalb ler Stakst Negenben Kirchhof, und hier, In der von feinem Vater erbauten Familiengruft, ruhte der alte Kaufherr und Senator von seiner langen Lebensarbeit; mit dem LiedeO du schönes Welt­gebäude" hatten die Gelehrten- und die Bürgerschule ihn zu Grabe gesungen, denen beiden, oft im Kampfe mit seinem Schwager, dem regierenden Bürgermeister, er zeitlebens ein starker Schutz und -alt gewesen war, -ier ruhte seit kurzem auch die freundliche Frau Senatorn, nachdem noch kurz zuvor -err Christian Albrecht eine ihr gleichgeartete, rosige Schwiegertochter in das alte -aus geführt hatte.Du brauchst mich nun nicht weiter", hatte sie lächelnd zu dem trostbedürftigen Sohne gesagt; in der da hast du mich ja wieder und noch jung und hübsch dazul" Und dann hatte auch sie die Augen geschlossen, und viele Augen hatten um sie geweint, und ihr sie verehrender Freund, der alte Kantor van Essen, hatte bei ihrem Begräbnis mit einer eigens dazu komponierten Trauer« musike ausgewartet.

Der Kirchhof war durch einen niedrigen Zaun von dem Garten getrennt, und -err Christian Albrecht hatte sonst, ohne viele Gedanken, darüber weg aus den unweit belegenen Ueberbau der Gruft geblickt; seit­dem aber sein Vater darunter ruhte, war ihm unwillkürlich der Wunsch gekommen, daß eine hohe Planke oder Mauer hier die Aussicht schließen möchte. Nicht daß er die Grabstätte seines Vaters scheute; nur vom Garten aus wollte er sie nicht vor Augen haben: wenn ihn sein Herz dahin trieb, so wollte er auf dem Umwege der Gassen und auf dem all­gemeine» Totengang dahin gelangen. Er hatte diese Gedanken wohl auch gegen seinen Bruder ausgesprochen; er hatte sie dann über sein junges Eheglück vergessen; als aber jetzt auch der Leichnam der ihm herzver­wandten Mutter unter jenen schweren Steinen lag, waren sie aufs neue hervorgetreten.

Allein zunächst galt es, sich mit dem Bruder Über den elterlichen Nach­laß zu vereinigen; es war ja noch unbestimmt, in wessen -and der Garten kommen würde.

*

An einem Sonntagvormittage im November gingen die beiden Brüder, -err Christian Albrecht und -err Friedrich Soners, in dem großen, un­geheizten Festsaale des Familienhauses schweigend aus und ab. Die Morgensonne, welche noch vor kurzem durch die kleinen Scheiben der drei hohen Fenster hineingeschienen hatte, war schon fortgegangen, die großen Spiegel an den Zwischenwänden standen fast düster zwischen den grauseidenen Vorhängen. Fast behutsam traten die Männer auf, als woll­ten sie in dem weiten Gemache den Widerhall nicht wecken; endlich blieben sie vor einer zierlichen Schatulle mit Spiegelaufsatz stehen, dessen reich- oergoldete Bekrönung aus einer von Amoretten gehaltenen Rosengirlande bestand, ,,-m", sagte Christian Albrecht,Mama selig, als sie in ihren letzten Jahren einmal ihren Muff hier aus der Schublade nahm, da nickte sie dem einen Spiegel zu; ,du Schelm', sagte sie, ,wo hast du das schmucke Antlitz hingetan, bas du mir sonst so eifrig vorgehalten hast! Nun guck einmal, Christian Albrecht, was itzo da herausschaut!' Die alte, heitere Frau, bann gab sie mir bie -anb unb lachte herzlich."

Die beiben Brüder blickten auf das stumme Glas: kein junges Antlitz blickte mehr heraus; auch nicht das liebe alte, das sie besser noch als jenes kannten. Schweigend gingen sie weiter; sie legten fast wie mit Ehrfurcht ihre -and bald auf bas eine, bald auf das andere der umherstehenden Geräte, als wäre es noch in ihrer Knabenzeit, wo ihnen der Eintritt hier nur bei Familienfesten und zur Weihnachtszeit vergönnt gewesen war. Wie damals war unter der schweren ©tuefrofette der Gipsdecke das stille Blitzen der großen Kristallkrone; wie damals hingen über dem Kanapee, den Fenstern gegenüber, die lebensgroßen Brustbilder der Eltern in ihrem Brautstaate, daneben in höherem Alter die der Großeltern, deren alt­modische Gestalten ihnen in der Dämmerung ihrer frühesten Jugendzeit entschwanden.

Christian Albrecht", sagte der Jüngere, unb ber vom Vater ererbte strenge Zug um ben Mund verschwand ein wenig;hier darf nichts gerückt werden."

Ich meine auch nicht, Friedrich."

Es verbleibt dir sonach mit dem -ause."

Und der Papagei? Den haben wir vergessen."

Ich denke, der gehört auch mit zum -ause."

Christian Albrecht nickte.Und du nimmst dagegen das beste Tafel­silber und das Sevresporzellan, das hierneben in der Geschirrkammer steht!"

Friedrich nickte; eine Pause entstand.

So wären wir denn mit unserer Teilung fertig!" sagte Christian Albrecht wieder.

Friedrich antwortete nicht; er stand vor den Familienbildern, als ob er eingehend sie betrachten müsse; sein Kopf drückte sich immer weiter in den Nacken, bis der schwarzseidene -aarbeutel im rechten Winkel von dem schokoladefarbenen Rocke abftanb.Es ist nur noch ber Garten", sagte er enblich, als ob er etwas ganz Beiläufiges erwähne.

Ader in bes Brubers sonst so ruhigem Antlitz zuckte es, wie wenn ein lang Gefürchtetes plötzlich ausgesprochen wäre.Den Garten könntest du m i r lassen", sagte er beklommen;bie Auslösungssumme magst bu selbst bestimmen!"

Meinst bu, Christian Albrecht?"

Ich meine es, Friebrich. Du sagst es selbst, bu seiest ein geborener -agestolz; ober ich unb meine Christine, unsere Ehe wirb gesegnet sein! -ier haben wir nur den engen Steinhof; bebenf es, Bruder, wo sollen wir mit ben lieben Geschöpfen hin? Unb bann bu selber! Im Pavillon, an ben Scnntagnachmittagen! Du wirst boch lieber beine junge Schwäge­rin als beine bärbeißige Witwe Antje Möllern unserer Mütter Kafsec- tisch verwalten sehen!"

Deinen Kinbern", erroiberte ber anbere, ohne umzublicken,wirb mein Garten nicht verschlossen sein."

Das weiß ich, lieber Friebrich; aber Kinberhände in meines ordnung- liebenben Herrn Bruders Ranunkel- und LevkojenbeetenI"

Friedrich anfivorleie hierauf nicht.Es Ist ein Kodizill zu unseres Vaters Testament gewesen", sagte er, als spräche er es zu den Bildern ober zu ber Wand ihm gegenüber,banach sollte mir ber Garten werben; bie Auslösungssumme ist mir nicht bekannt geworden, die magst bu bestim­men ober sonst bestimmen lassen."

Der Aeltere nahm saft gewaltsam seines Bruders Hand.Du weiß, es van unserer seligen Mutter, bah unser Vater, ba sie bas Schriftstück einmal in bie -anb bekam, ausbrücklich ihr geheißen hat: .Zerreiße es; bie Brüder sollen sich darum vertragen.'"

Es ist aber nicht zerrissen worden."

Das weiß ich wohl; es trat im selben Augenblick ein Fremder in das Zimmer, unb berohalben unterblieb es bamols; aber später, am Tage nach selig Vaters Begräbnis, hat unsere Mutter ben Willen bes Ver­storbenen ausgeführt."

Das war ein volles Jahr nachher."

Friedrich, Friedrich!" rief ber Aeltere.Willst du verklagen, was unsere Mutter tat!"

Das nicht, Christian Albrecht, aber Mama selig versierte in einem Irrtum; sie war nicht mehr befugt, bas Schriftstück zu zerreißen."

Aus bem Antlitz bes älteren Brubers staub es für einen Augenblick wie eine ratlose Frage; bann begann er in bem weiten Saale auf und ab zu wandern, bis er mit ausgestreckten Armen in ber Mitte stehen blieb. Gut", sagte er,bu wünschest ben Garten, wir beibe wünschen ihn! Aber babei soll unseres Vaters Wort in Ehren bleiben; teilen wir, wenn bu es willst, daß jeder seine -älfte habe!"

Unb jeber ein verhunztes Stück bekäme!"

Nun denn, so losen wir! Laß uns hinuntergehen, Christine kann bie Lose machen!"

-err Friedrich hatte sich umgeroanbt; sein dem Bruder zugekehrtes Antlitz war bis über die dichten Augenbrauen hinauf gerötet.Was mein Recht ist", sagte er heftig,das fetze ich nicht aufs Los."

In diesem Augenblicke klang das Negerlied des Papageien aus dem Unterhaus herauf; ein alter Diener halte die Tür des Saales geöffnet; Madame läßt bitten; es ist angerichtet."

Gleich! Sogleich!" rief Christian Albrecht.Wir werden gleich hinunterkommen!"

Der Diener verschwand; aber die -erren kamen nicht.

Nach einer Viertelstunde trat unten aus dem Wohnzimmer eine jugendliche Frau mit leichtgepudertem Köpfchen auf den Flur hinaus; behende erstieg sie die breite Treppe bis zur -älfte unb rief bann nach bem Saal hinauf:Seib ihr benn noch nicht fertig? Friebrich! Christian Albrecht! Soll benn bie Suppe noch zum brittenmal zu Feuer?"

Es erfolgte keine Antwort; aber nach einer Weile, währenb ber Stöckel­schuh ber hübschen Frau ein paarmal ungeduldig auf ber Stufe aus­geklappert hatte, würbe oben bie Saaltür aufgestoßen, unb Friebrich kam allein bie Treppe herab.

Die junge Frau Senatorin benn ihr Eheliebster war kürzlich seinem Daker in biefer Würbe nachgefolgt sah ihn ganz erschrocken an.Fried­rich!" rief sie,wie siehst bu aus? Unb wo bleibt Christian Albrecht?"

Ader ber Schwager stürmte ohne Antwort an ihr vorüber.Wünsche wohl zu speisen!" murmelte er unb ftanb gleich barauf schon unten an ber -austür, bie Klinke in ber -anb.

Sie lief ihm nach.Friebrich! Friebrich, was fällt bir ein? Dein Leibgericht, perdrix aux truffes1!"

Ader er war schon auf der Gasse, unb burch bas Flurfenster sah sie ihn seinem -ause zuellen.Nun sieh mir einer biefen Querkopf an!" Unb sie schüttelte ihr Köpfchen unb stieg nachbenklich bie Treppe roieber hinauf. Als sie bie Tür bes Saales öffnete, sah sie ben jungen -errn Senator, bie -änbe in ben Rockschöhen, vom anberen Ende bes Gemaches her­schreiten, so ernsthaft vor sich auf bie Dielen fchauenb, als wolle er bie Nägelköpfe zählen.

Christian! Christian Albrecht!" rief sie, als er vor ihr ftanb.

Als er ben Klang ihrer Stimme hörte unb, ben Kops erhebenb, ihr in bie tinberblauen Augen sah, gewannen seine Züge bie gewohnte Heiterkeit zurück.Gehen wir zu Tisch, Mabame!" sagte er lächelnd. Bruder Friedrich muß nun heute mit der Frau Witwe Antje Möllern speisen; das ist gerechte Strafe! Morgen wird er schon wieberkominen; aber ich habe denn doch auch meinen Kops, und unseres Vaters Wort muß gelten!"

Damit bot er (einer erstaunten Frau den Arm und führte sie die Treppe hinab und zu Tische.

Das Wiederkommen hatte indessen gute Weile; vierzehn Tage waren verflossen, und Herr Friedrich hatte seinen Fuß noch nicht wieder über bie Schwelle bes Familienhauses gesetzt. Gleich am ersten Morgen nach jenem verfehlten Mittage war Christian Albrecht wieberholt aus seinen Steinhof hinausgegangen, um wie sonst über bie niebrige Grenzmauer seinem Bruber ben Morgengruh zu bieten; aber von Herrn Friedrich war nichts zu sehen gewesen; ja, eines Morgens hatte Herr Christian Albrecht ganz deutlich den Schritt des Brudes aus der in einem Winkel verborgenen Hoftür kommen hören: als ihn aber im selben Augenblicke ob einer in der Alteration zu scharf genommene Prise ein lautes Niesen anfiel, hörte er gleich daraus die Schritte wieder umkehren und die ihm unsichtbare Hoftür zuschlagen.

-err Christian Albrecht wurde ganz still in sich bei dieser Lage ber Dinge; nur mit halbem Ohre lauschte er. wenn, um ihn aufzumuntern, bie hübsche Frau Senatorin sich in ber Dämmerftunbe ans Klavier setzte unb ihm bie allerneuesten Lieber:Beschattet von ber Pappelweibe" unb Blühe, liebes Veilchen", eines nach bem anbern mit ihrer hellen Stimme oorfang.

(Fortsetzung folgt.)

1 Rebhühner mit Trüffeln.