Ausgabe 
6.9.1935
 
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Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang 1955 Zreitag, den 6. September Hummer 69

September.

Don Lina Staab.

Morgens aus den Wiesen weht er zart, in den Spinnennetzen blitzt er schön, alles Gold hat er sich aufgespart und vergeudet es mit Lustgetön.

Jauchzend in die Gärten fällt er spät: Gelbe Sonnen drehn sich überm Zaun. Feuer schlägt er aus dem schwarzen Beet. Dahlien züngeln und verlöschen braun.

Flammenatem summt aus seinem Mund. Ach, er hat die Asternpracht erreicht Brennend windet sie sich, schmerzlich bunt, schmale Blätter sinken aschenleicht.

Eh das letzte Flammengold verpraßt, wenn die Fackel schwelt und erdwärts loht, taumelt er, des Sommers trunkner Gast, selber singend in den Feuertod.

Oie Söhne des Senators.

Bon Theodor Storm.

Der nun längst vergessene alte Senator Christian Albrecht Jovers, dessen Sarg bei Beginn dieser einfachen Geschichte schon vor mehreren Jahren die stille Gesellschaft der Familiengruft vermehrt hatte, war einer der letzten größeren Kaufherren unserer Küstenstadt gewesen. Außer seiner Witwe, der von klein und groß geliebten Frau Senatorn, hatte er zwei Söhne hinterlassen, von denen er den ältesten, gleichen Namens mit ihm, turz vor seinem Tode als Kompagnon der Firma ausgenom­men hatte, während für den um ein Jahr jüngeren Herrn Friedrich Jovers am selben Orte ein durch den Tod des Inhabers freigewordenes Weingeschäft erworben war.

Dem alten, nun in Gott ruhenden Herrn war derzeit der Nus gefolgt, daß er in seinem Hause, selbst gegen seine im vorgeschrittenen Mannesalter stehenden Söhne, die Familicngewalt mit Strenge, ja oft mit Heftigkeit geübt habe: nicht minder aber, daß er ein Mann gewesen ei, stets eingedenk der Würde seiner Stellung und des wohlerworbe­nen Ansehens seiner Boreltern, mit einem offenen Herzen für seine Vaterstadt und alle reputierlichen Leute in derselben, mochten sie tn den großen Giebelhäusern am Markte ober in den Katen an den Stadt­enden wohnen. Beim Jahreswechsel mußte ohnfehlbar der Buchhalter und Kassierer Friedebohm einen gewichtigen Haufen dänischer und hol­ländischer Dukaten in einzelne Päckchen siegeln sei es zu Ehren­geschenken für die Prediger, für Kirchen- und Schulbediente oder für am Orte wohnende frühere Dienstboten als einen Beitrag zu den Kosten der verflo Jenen Feiertage: ebenso sicher aber war auch bann schon vor Einbruch ber schlimmsten Wintersnot ein auf bem naheUegenben Marschhofe bes Senators fett gegrafter Mastochse für bte Armen aus- geschlachtet unb verteilt worben. So stand denn nicht zu verwundern, daß die Mitbürger des alten Herrn, wenn sie ihm bei seinen seltenen Gängen durch die Stadt begegneten, stets mit einer Art sorglicher Feier­lichkeit ihren Dreispitz von der Perücke hoben, auch wohl erwartungsvoll hinblickten, ob bei dem Gegengruhe ein Lächeln um den streng geschlossenen Mund sich zeige. . ___. <

Das Haus der Familie lag inmitten der Stadt tn einer nach dem Hafen hinadgehenden Straße. Es hatte einen weiten, hohen Flur mit breiter Treppe in das Oberhaus, zur Linken neben der mächtigen Haus­tür das Wohnzimmer, in dem langgestreckten Hinterhause die beiden Schreibstuben für die Kaufmannsgesellen und den Prinzipal baruber im oberen Stockwerk, lag der nur bet feierlichen Anlasten gebrauchte große Feftsaal. Auch was derzeit sonst an Raum und Gelaß für eine angesehene Familie nötig war, befand sich tn und bet bem £>aufe nur eines fehlte: es hatte keinen Garten, fonbern nur einen mäßig großen Steinhof, auf welchen oben bie bret Fenster 0*5 (Saales- unten bie ber Schreibstuben hinaussahen. Der karge Ausblick aus diesem Hof ging über eine niebrige Grenzmauer auf einen Teil des hier nicht bret­teren Nachbarhofes: ber Nachbar selber aber war Herr Friedrich Ä>ver , und über bie niebrige Mauer pflegten bie beiben »ruber sich ben Morgengruß zu bieten. . ..... o .

Gleichwohl fehlte es ber. Familie nicht an einem stattlichen Lust- unb Nutzgarten, nur lag er einige Straßen weit vom Hause; boch immerhin

so, baß er, wie man hier sich ausdrückt,hintenum" zu erreichen war. Unb für ben vielbeschäftigten alten Kaufherrn mag es wohl gar eine Erquickung gewesen fein, wenn er spät nachmittags am Westranbe ber Stadt entlang wandelte, bisweilen anhaltend, um auf die grüne Marsch- weide hinabzufchauen, oder, wenn bei feuchter Witterung der Meeres­spiegel wie emporgehoben sichtbar wurde, darüber hinaus nach den Masten eines seiner auf der Reede ankernden Schiffe. Er zögerte dann wohl noch ein Weilchen, bevor er sich wieder in die Stadt zurückwandte; denn freilich galt es, von hier aus nun noch etwa zwanzig Schritte in eine breite Nebengasse hineinzubiegen, wo die niedrigen, aber sauber gehaltenen Häuser von Arbeitern und kleinen Handwerkern der herein- ftrömenben Seeluft wie dem lieben Sonnenlichte freien Eingang ließen. Hier wurde die nördliche Häuserreihe von einem grünen Weißdornzaune und dieser wiederum durch eine breite Staketpforte unterbrochen. Mit dem schweren Schlüssel, den er aus ber Tasche zog, schloß ber alte Herr bie Psorte auf, unb halb konnte man ihn auf bem geradlinigen, mit weißen Muscheln ausgestampften Steige in ben Garten hineinfchreiten sehen, je nach ber Jahreszeit ben weißen Kopf seitwärts zu einer frisch erschlossenen Provinzrose hinabbeugend ober bas Obst an den jungen, in ben Rabatten neu gepflanzten Bäumen prüfenb.

Sllbrecbt ben fremden Bogel zum Geschenke brachte; urb als auch Jte lyn damals fruaen:Wat feggt de Papagoy?" da hatte der alte Mann nur lachend erwidert:Ja, ja, je hebbt upt Schipp em allerlei dumm Zuges lehrt!" Der Himmel mochte wissen, was der Bogel mit seinem platt-- beu'frhen Zuruf sagen wollte! ,,

Mitunter ging auch wohl die kleine, fteundliche Frau Senatorn nut ihrer Kaffeetasse in der Hand ben Steig hinab, um bie Enkelinnen bes alten Andreas mit einer Frucht ober einem Svnntagsschilling zu erfreuen- bann puhten bie Weiber ihren Säuglingen rasch bte Naschen, bie Jungen aber blieben grinfenb stehen: sie wußten 3« genau, daß die gute Dame es mit ber Verwandtschaft zum Andreas nicht allzu peinlich nahm. Ebenso geschah es mit Herrn Christian Albrecht, denn er glich einer Mutter an froher Leichtlebigkeit; er kannte die Buben all bet Namen und erzählte ihnen von dem Papageien die wunderbarsten und ergötzlichsten Geschichten, Anders, wenn ber alte Kaufherr mit feiner holländischen Kalkpfeife auf den Steig hinaustrat: dann zogen fid) alle ausgeftreetten Finger zwischen den Stäben der Pforte zuruck, unb aH unb jung schaute in ehrerbietigem Schweigen auf ihn hm; war es aber Herr Friebrich Jovers, ber ben Steig herabkam, so waren plötzlich mit bem RufeDe junge Herr!" alle Jungen zu beiben Seiten der Pforte hinter bem hohen Zaun verschwunben, benn ber unbequeme Verkehr mit Kindern lag nicht in seiner Art; wohl ober hatte er einmal einen ber größeren Junaen berb geschüttelt, als bieser eben von ber Gasse aus "mit seinem Flitzbogen auf einen tm Garten singenden Hänfling

schießen^wollte ^wilienfeste waren nun vorüber. Der nördliche, hinter dem Pavillon liegende Teil des Gartens grenzte an den schon

Der zwischen Buchseinfastung hinlaufende breite Steig führte nach etwa hundert Schritten zu einem im Zopfstil erbauten Pavillon; und es war für die angrenzende Gaste allemal ein Fest, wenn an Sonntag* nadjmitiagen die Familie sich hier zum Kaffee versammelt hatte und bann beibe Flügeltüren weit geöfnet waren. Der alte Anbreas, welcher dicht am Garten wohnte, hatte an solchen Tagen schon in der Morgen­frühe oder vorher, am Samstag, alle JRebenfteige geharkt unb Blumen unb Gesträuche sauber aufgebunben. Weiber mit ihrem Nachwuchs auf ben Armen, halbgewachsene Jungen unb Mäbchen brängten sich um die Pforte, um burch bereu Stäbe einen Blick in bie patrizischen Sommer* freuben zu erhaschen, mochten sie nun bas blintenbe Service bes Kaffee­tisches berounbern ober schärfer Blickenbe bie nicht übel gemalte tanzenbe Flora an der Rückwand des Pavillons gewahren und nun lebhaft dafür eintreten, daß diese fliegende Dame das Bild der guten Frau Senatorn in ihren jungen Tagen vorstelle. Die ganze Freude der Jugend aber war ein grüner Papagei aus Kuba, ber bei solchen Anlässen als viel­jähriger Haus- unb Festgenosse vor ben Türen bes Pavillons seinen Platz zu finden pflegte. Auf feiner Stange sitzend, pfiff, er bald ein heimatliches Negerliedchen, bald, wenn von der Pforte her zu viele Finger und blanke Augen auf ihn zielten, schrie er flügelfchlagend em fast verständliches Wort zu ber Gafsenbrut hinüber. Dann frugen bte Jungen untercinanber:Wat feggt he? Wat feggt be Papagoy? Unb immer war einer bazwischen, welcher Antwort geben konnte.Wat he feggt? .Komm röroer!' feggt he!" Dann lachten bie Jungen und ftiefeen sich mit den Ellenbogen, und wenn Stachelbeeren an ben Buschen ober Eierpflaumen an ben Bäumen hingen, fo hatten sie zum Herüber­kommen gewiß nicht übel Lust. Aber bas war schwerlich bie Meinung bes allen Papageien; benn wenn Herr Christian Albrecht, sein befon* berer Gönner, mit einem Stückchen Zucker an bie Stange trat, fo schrie er ebenfalls:Komm röwer!" Er hotte basfelbe schon gefdjnen, als ein alter Kavitän ihres Vaters ben Knaben Friebrich unb Christian Vogel zum Geschenke brachte; urb als auch sie ihn feggt be Papagoy?" ba hatte ber alte Mann nur