Ausgabe 
6.5.1935
 
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Ich platze", sagt Paule, als er aus dem Apfelbaum klettert.

Jetzt platze ich bestimmt", sagt er, als er vom Abendbrottisch auf­steht.Oder mein Reifen", sagt Petra.Fährst du wieder mit der Bahn um die Wette?" fragt Paule.Ach", sagt Petra,ich sahre andersrum.

Als sie nachher allein die Straße entlangfährt, lausen ihr die Tränen übers Gesicht. Die Tiere, denkt sie, die Menschen, es ist traurig ''"Vb'wim Bett liegt, denkt Paule über Petra nach. Wie klug sie ist, was sie alles weiß und in ihrem Kopfe bedenkt! Im Einschlafen fallen ihm die Tiere ein. Kommen, so muß er denken, kommen alle diese Tiere wohl in den Himmel? Alle die verkauften und geschlachteten Tiere, die in ihrem Leben zwar manchmal diebisch und neidisch aufeinander, aber doch heiter und vergnügt waren und den Menschen großen Nutzen spendeten. Wie wird der liebe Gott sie aufnehmen?

Brüllend, muhend, gackernd, schnatternd und gurrend stiegen sie, eine unübersehbare §)erde, die Himmelsstraße empor, aber ehe Gott hervortreten konnte, schlief Paule ein.

Noch einmal.

Bon Conrad Ferdinand Meyer.

Noch einmal ein flüchtiger Wandergesell wie jagen die schäumenden Bäche so hell, wie leuchtet der Schnee an den Wänden so grell!

Hier oben mischet der himmlische Schenk aus Norden und Süden der Lüfte Getränk, ich schlürf es und werde der Jugend gedenk.

O Atem der Berge, beglückender Hauch!

Ihr blutigen Rosen am hangenden Strauch, ihr Hütten mit bläulich gekräuseltem Rauch Den eben noch schleiernder Nebel verwebt, der Himmel, er öffnet sich innig und lebt, wie ruhig der Aar in dem strahlenden schwebt!

Und mein Herz, das er trägt in befiederter Brust, es wird sich der göttlichen Nähe bewußt, es freut sich des Himmels und zittert vor Luft ich sehe dich, Jäger, ich seh dich genau, den Felsen umschleichest du grau auf dem Grau, jetzt richtest empor du das Rohr in das Blau zu Tale zu steigen, das wäre mir Schmerz entsende, du Schütze, entsende das Erz!

Jetzt bin ich ein Seliger! Triff mich ins Herz!

Melanchthon, herLehrer Deutschlands".

Von Dr. Heinrich Lütcke.

Man hat sich daran gewöhnt, Melanchthon so zu sehen, wie ihn Drake auf dem Marktplatz zu Wittenberg dargestellt hat; in primi­tiver Sinnfälligkeit auf dem gleichen Sockel, unter dem gleichen gotischen Gehaus: als Kampsgenossen Luthers. Und doch zeigt ihr Wirken die­selben Merkmale, die sie auch physisch voneinander schieden: klein, schmächtig, mit schiefen, hängenden Schultern steht der Magister Phi­lippus neben dem bäuerischen Titanen Luther. Dessen mystischer, gott­ergebener Innerlichkeit des Glaubens steht bei Melanchthon die skeptische Dialektik antiken Geistes gegenüber. Und bei beiden Ueberbleibsel mittelalterlicher Weltanschauung Befangenheit in Hexenwahn, Stern« und Traumdeutung. Die wahren Verdienste Melanchthons um fein Jahr­hundert liegen in der von ihm geleiteten Neuordnung der Wissenschaft, deren Wirkungen nicht nur auf das protestantische Deutschland beschränkt blieben, und so gaben ihm die Zeitgenossen schon den Ehrentitel prae- ceptor Germaniae, Lehrer Deutschlands.

Vom Vater, dem kurpfälzischen Rüsimeister Georg Schwartzerdt, erbte er das Gleichmaß und die melancholische Grundstimmung seines Wesens, auf dem immer schwerer, auch in der gräjifierten Form, die Düsterheit seines Namens zu lasten scheint. Von der Mutter, einer Nichte Reuchlins, die tiefe Religiosität, die sich mit dieser Schwermut nicht völlig vereinbaren läßt. Die ungewöhnlich srühe Reise des Verstandes bewarb er sich doch mit vierzehn Jahren in Heidelberg um die Maaister- würde hemmte die Entwicklung seiner Willenskraft. Aus allen Zügen feines Asketengesichts kann man die Mischung von überzüchteter Intelli­genz und unmännlicher Schwäche erkennen, die diesen Charakter formte; weltweise und verzagt", so nannte ihn der Landgraf von Hessen treffend. Die Entscheidungen seines Lebens rang er sich in Verzweiflung und Tränen ab. und allmählich trieb ihn die Scheu vor Verantwortung von absichtlichen Unklarheiten zu unwürdigen Winkelzügen, Täuschungs­versuchen und kaum noch versteckter Lüge.

Mit dem Plan einer Hochschulreform im Sinne der italienischen Hu­manisten war der Einundzwanzigjährige 1518 nach Wittenberg gekommen, wohin ihn Friedrich der Weise als Lehrer der griechischen Sprache berufen hatte. Bald wurde er hineingerissen in den revolutionären Strom, der die Grundpieiler staatlicher und kirchlicher Ordnung unterwühlte.Schicksal und Aengstlichkeit" fettet ihn, dessen feminines Fuhlen zur Erhaltung des

Bestehenden drängle, an die Kirchenrevolution des Auguftlnermönchs. Es ist die Tragik im Leben Melanchthons, daß ihn die Natur zur Reflexion bestimmte und das Schicksal zum Kampf zwang. Nach der Abgeklärtheit klasli cher Studien strebend, schreckte er zurück vor dem blutbesudelten Bundschuh und setzte, zum Schiedsrichter erwählt, schemenhafte Doktrin und volksfremdes Recht gegen die Forderungen der unterdrückten Bauern. Feind aller theologisch-sophistischen Streitigkeiten, muhte er in zahllosen Schriften und Religionsgesprächen die Glaubenssätze einer Bewegung, deren Programmatiker er geworden war, gegendie rasende Wut der Theologen" verteidigen. Durch den Tod ^Luthers auch politischer Führer des Protestantismus, wurde er durch die Erkenntnis niedergedrückt, den Anforderungen dieser Sendung nicht gewachsen zu fein, und aller Ent­schlußkraft beraubt. Der Tod brachte ihm die Erlösung von der Last eines Lebens, das er selbst für verfehlt angesehen hat.

In mehr als vierzigjähriger Tätigkeit ist Melanchthon um die B e ­gründung eines neuen G e 1 e h r t e n s ch u 1 w e s e n s bemüht gewesen, und hier ist sein eigentliches Verdienst zu suchen. Der unaushalt- ame Niedergang der mittelalterlichen Kloster- und Domschulen war durch die Umwälzung in raschen Verfall übergegangen. Konvertierte Mönche, ja selbst Handwerker, hatten die sreigewordenen Aemter eingenommen. Melanchthon unterlag nicht der Versuchung, die Postulate einer revolu­tionären Bewegung zur Basis schöner Theorien zu machen Er schuf Gesetze für die Wirklichkeit, nicht für den luftleeren Raum. Er kannte alle Unzulänglichkeiten, wußte, daß die Schulmeisterei nichts mehr von idealer Sendung an sich hatte, sondern längst zupi Handwerk geworden war. Zum Schlagen", sagt ein berühmter Feldherr,gehört dreierlei: daß die die Soldaten Lust haben, Ehrgefühl zeigen und gehorchen. Der Schul- feldherr darf bei feinen Soldaten keines von den dreien voraussetzen, sie haben keine Lust zu lernen, kein Ehrgefühl, keinen Gehorsam Wahrlich, ein Kamel tanzen lehren, wäre erträglichere Mühe. (RedeVom Elend der Pädagogen".) Melanchthon selbst, der der kleinen Elbuniversitat zu ungeahntem Aufschwung verhalf, erhielt jahrelang nur hundert Gulden Gehalt, und auch in den Hörsälen regierte noch der Stock.

Die Antrittsrede des jungen Magisters in Wittenberg hatte die Resorm des Universitätswesens zum Themck gehabt. Darin wies er die Wege zur Verwirklichung des humanistischen Bildungsideals. Aus der Sprachkunde, die notwendig ist, um das Wissen aus den Quellen schöpfen zu können, entwickelte sich durch die darstellende Wiedergabe die eloquentia (Bered­samkeit), die wesentliche Forderung der Humanisten. Die Ueberspitzung führte dann zu den fchwülstigsten Prunkreden des Barock. Die geistvolle Beredsamkeit erst ermöglichte die volle (Entfaltung der menschlichen An­lagen die feine Bildung des Geistes, die humamtas. In unermüdlicher Arbeit hat Melanchthon sich bemüht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen: Schulen, Lehrer und Lehrbücher.

In einem Tausende von Schreiben umfassenden Briefwechsel gab er Fürsten und Magistraten Ratschläge für Gründung und Einrichtung von Schulen. 1524 eröffnete er die Stadtschule in Magdeburg; es folgte die Gründung der Nürnberger Aegidienschule und vieler anderer. Der für die Schule zu (Eisleben entworfene Plan ist noch erhalten. Unterrichts- gegenftanb war vor allem das Lateinische. In der letzten der drei(Elaffen (Haufen heißen sie im deutschen Text) mochten auch die Anfangsgründe des Griechischen gelehrt werden. (Eine Stunde täglich war der musica gewidmet. Auch die Mathematik sollte nicht fehlen; wie anspruchslos man darin war, zeigen alle Schulordnungen: Zahlen bis Hundert, auch in den beiden alten Sprachen, die vier Grundrechnungensarten und Brüche. In der kursächfischen Schulordnung von 1528 wird der Unterricht auf die lateinische Sprache beschränkt. Die Gründung der Universität Marburg geschah unter Melanchthons Einfluß. Die Hohen Schulen zu Jena und Helmstedt wurden nach dem Muster Wittenbergs eingerichtet. Joachim II. übertrug ihm die Neuordnung der brandenburgischen Universitäten. Heidelberg, Rostock, Tübingen, Leipzig wurden von ihm reformiert. Sogar in das katholische Kur-Köln, die Stadt der Dunkelmänner, wurde er berufen. Die Statuten der Universität Greifswald nennen ihn 1545Unser Aller Lehrer".

Aus seiner Zucht ging eine große Anzahl der hervorragendsten Lehrer hervor.Wo immer ein Fürst für seine Universität einen Professor, eine Stadt für ihre Schule einen Rektor oder Lehrer suchte, da war ihr erster Gedanke, Melanchthon um seinen Rat zu bitten." Und niemals, das ist für jenes korrupte Jahrhundert bemerkenswert, hat er diese einzigartige Vertrauensstellung dazu mißbraucht, Günstlingswirtschaft zu treiben ober sich zu bereichern.

Das Corpus Reformatorum enthält bie lange Reihe der von Melanch­thon verfaßten und immer wieder überarbeiteten Lehrbücher: Rhetorik und Dialektik, Psychologie und Physik, Ethik. Geschichte, Recht und theo­logische Dogmatik; dazu lateinische und griechische Sprachlehre und Chresto­mathie (Sammlung ausgewählter Stücke zu Unterrichtszwecken). Der Wert dieser Bücher ist gering. Melanchthon war weniger Schöpfer als Eklektiker. Ueberall geht er auf antike Vorbilder zurück. Aristoteles bestimmt die Grundzüge der philosophischen Abhandlungen, dem Galenos ist die Be­schreibung des menschlichen Körpers entlehnt, sein astronomisches Weltbild ist das des Claudius Ptolomäus. Er begeistert sich für das Römische Recht, diegeschriebene Vernunft"; die formenftrenge Autorität der Paragraphen verdrängte die Rechtsfindung des alten Schoffentums, und man versteht biesen Wandel ber Anschauung, wenn man aus Kupferstichen jener Zeil sieht, welche Vorstellung bie Humanisten von ben Germanen hatten: nackte, keulenbewaffnete Wilbe,Barbaren". Barbarisch ist auch bie beutsche Sprache ben Zeitgenossen Luthers, aus Hessen Schriften boch Ihre ganze naturhafte Wucht hervorbricht. Die beutschen Schulen in ben Stäbten würben alsWinkelschulen" zugunsten der Lateinschulen unterdrückt. Und in das Erwachen des geschichtlichen Bewußtseins brachte ber Humanismus eine Verzerrung bes wahren Bilbes ber beutschen Vergangenheit, gegen deren Geltung noch nach vier Jahrhunderten eine Weltanschauung Sturm laufen muß.

Beraniwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Hering: Brühl'sche XlniDerfitätS-Hucb- und Steindluckerei, R. Lange, Gießen.