Ausgabe 
6.5.1935
 
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fein dunkelbrauner Anzug, Mantel und Hut lagen bereit. Er frottierte sich Brust und Rücken und warf das Hemd über, beherrscht und getrieben von dem einzigen Gedankens Norwärts, in einer Stunde muß ich drau­ßen sein bei ihr, bei Elisabeth, als Sieger aus allen Fronten!

Weidner steckte den Kopf durch die halbgeöffnete Tur, die er sesthielt. Eine Dame ist da, Herr Thiele, die darauf besteht ... Hier ist eine Karte von ihr!" Mit der freien Hand streckte er dem Schauspieler eine

einem Wort der Begrüßi Sie wartete einen Ai

Visitenkarte entgegen.

Keine Zeit, Weidner, Idiot!" schrie Thiele ihn an.

Auch nicht für mich, Ludwig? Wirklich nicht?" fragte Miras klin­gende Altstimme hinter der Tür.

Mira ...!" sagte er halblaut vor sich hin.Gib her, Alter, und laß

schon die Tür frei!" befahl er dem ängstlichen Garderobier, und fein

Gesicht veränderte sich mit einem Schlag. Sein Ausdruck wurde unsicher, flackernd und gleich darauf von einer kindlichen Neugier überflutet.

Weidner legte die Karte auf den Tisch, schlich hinaus und schloß die

Garderobentür wieder hinter Mira von Alten.

Thiele, in Hemd und Hose, das spärliche, borstige Blondhaar ge­sträubt und noch feucht, stand ihr gegenüber und suchte vergebens nach

Nein! Das heißt

Das heißt, daß du mich über deinem großen Erfolg ganz vergessen hast."

Nein ... Aber diese ganze Premiere ... Die Hast ... Ich bin sehr in Eile, Mira ...

Das kann ich mir denken. Ist auch sehr gut so für dich!" fagte sie zweideutig und setzte sich in feinen Sessel.Ich will dich auch gar nicht aufhalten. Nur bis du fertig bist, könnten wir wohl ein paar Worte wechseln. Oder stört dich meine Gegenwart bei deiner Toilette?"

Nein, nein. Entschuldige nur, daß ich dich so empfange!"

Du wolltest mich gar nicht empfangen."

Weidner hatte den strikten Befehl, niemand hereinzulassen. Ich wußte

iung.

__________ _______ Augenblick, dann kam sie ihm lächelnd zu Hilfe: Ich hoffte, auch deine Frau hier zu finden, Ludwig. Ich habe sie vor­hin schon gesprochen."

Sie sagte mir, daß du hier bist", murmelte Thiele, und es gelang ihm nicht, seine Augen von chr zu lösen. Wie sie eingetreten war, schlank und schmal, über den nackten Schultern und Armen ein dunkles Abend­cape mit einem breiten Kragen aus Silberfuchs, versank in ihm ein ganzes Jahr feit er sie nicht gesehen hatte plötzlich und spurlos. Sie erschien ihm wieder wie die vollkommene Verkörperung aller seiner Träume von weiblicher Schönheit, adliger Eleganz und Ueberlegenheit.

Und du hast nicht erwartet, daß ich zu dir kommen würde?"

ja nicht ..."

Selbst als du wußtest, daß ich im Theater sei, hast du dir eingeredet, daß ich diesen Tag vorübergehen lassen würde, ohne dir die Hand zu drücken?"

Das ist nicht richtig!" antwortete Thiele versonnen und griff noch immer nicht nach seiner Krawatte, sondern setzte sich ihr gegenüber vor seinen Schminktisch.Ich habe sehr viel an dich gedacht während der Vorstellung und dich im Parkett gesucht nach dem vierten Akt."

Ich habe das wohl bemerkt und dich mit den Augen gegrüßt. Mehr konnte ich nicht. Am liebsten wäre ich ausgesprungen und zu dir auf die Bühne gekommen."

Er streckte unwillkürlich die Hand aus:Wirklich, Mira?"

Du konntest natürlich nicht sehen, wie schrecklich ich mich zusammen­nehmen mußte. Dazu war es Gott fei Dank nicht hell genug im Parkett. Aber nun freust du dich doch, daß ich gekommen bin?"

Es ist so sonderbar und schön zugleich. Du bist hier, als fei nichts geschehen. Nein, das ist falsch. Gar nichts ist ausgelöfcht, was einmal war. Alles ist da und lebendig, und doch ist in Wirklichkeit ein ganzes Jahr vergangen, in dem du für mich verschollen warft, wie für immer!" sagte Thiele stockend mit belegter Stimme.

War das nicht notwendig und gut für dich?"

Es entstand eine lange Pause, während der die Spannung, die lang­sam in Thiele aufgestiegen war, ihren Höhepunkt erreichte.

Er stand schwerfällig auf und machte einen Schritt auf sie zu.

Warum bist du zurückgekommen?^ fragte er.

Ich wollte dich Wiedersehen."

Thiele war im Begriff, vor ihr niederzufallen und den Kops in ihren Schoß zu vergraben, wie er es so oft getan hatte in einer Zeit, die ihm nicht weiter zurückzuliegen schien als gestern ober vorgestern.

Doch wurde in diesem Augenblick die Tür ausgerissen, und der Negis- seur Steinten drang ein, mit allen äußeren Zeichen des Zorns.Was soll denn das, Ludwig! Du läßt mich drüben warten, und nun bist du nicht einmal fertig! rief er und entdeckte jetzt erst die Gestalt Miras, die von dem breiten Rücken des Sessels halb verborgen war.

Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau. Aber Thiele hat mir kein Wort gesagt, daß er noch Besuch erwartet. Im Gegenteil."

Frau von Alten ... Direktor Steinten ...!" stellte Thiele vor.

Mira reichte dem Regisseur die Hand.Es ist ganz und gar meine Schuld. Ich habe ihn unerwartet übersatten und aufgehalten. Ich konnte nicht anders nach dem heutigen Abend, an dem auch Sie Ihren erfolg­reichen Anteil haben, Herr Steinten!" sagte Mira in ihrer leichten, kon­ventionellen Art.

Thiele hatte sich wieder ganz in der Gewalt. Nur seine Hände zitter­ten leicht, als er sich jetzt die Krawatte band.

Leider hast du recht. Steinten. Wir müssen fort. Sei nicht böse, daß ich das ein paar Minuten ganz vergaß!" sagte er, während er Jackett und Mantel anzog.Aber ich hoffe, wir sehen uns heute Abend noch, Mira. Es kommen ein paar nette und bedeutende Leute zu mir nach Nikolassee hinaus. Willst du und kannst du nicht auch kommen, wie früher?"

Du wohnst noch immer in Nikolassee?"

Ganz wie vor einem Jahr. In meinem Wagen ist Platz genug. Nur muht du mir noch Zeit lassen zu einer wichtigen Unterredung. Uebrigens kommt auch Steinten mit."

Das ist mir zu unsicher, mein Lieber. Da kann ich womöglich eine Stunde auf euch warten, ich kenne diese Verhandlungen."

Ich bitte dich, komm", drängte Thiele.

Bietleicht wenn ich Aenne dazu überreden kann. Du erinnerst dich doch an meine gute Kusine, die es als ihre Lebensaufgabe betrach­tet, mich vor allen hübschen Torheiten zu bewahren."

Leider ist das ihr oft gelungen." Thiele lachte plötzlich hell auf, faßte Mira bei der Hand und zog sie mit t'ch fort. Erst als sie aus der Straße vor dem Theater angelangt waren, ließ er ihre Hand wieder frei.

Su mußt kommen meinetwegen auch mit deiner Aenne!"

Ich will es versuchen. Aber dann nur in meinem eigenen Wagen. Doch glaube ich nicht, daß ich Aenne zu einer solchen Extravaganz bringen kann."

Das war eine bewußte Unwahrheit, da die Kusine sich schweigend in alles fügte, was Mira wollte.

Geben Sie nach, gnädige Frau heute!" bat jetzt auch Steinlen und küßte ihr vergnügt die Hand. Dann schob er seinen Arm unter den Thieles, der noch immer unschlüssig vor ihr stand.

Du mußt dich jetzt losreißen, mein Junge. Ich verstehe, wie schwer dir das fällt."

Auf Wiedersehen!" sagte Mira, die vom Parkplatz der Autos die lange Gestalt ihrer Kusine auf sich zukommen sah, wandte sich um und Der- schwand mit ihr unter den Nachzüglern, die das Theater verließen.

Sie wird nicht kommen. Und ich weiß nicht einmal, wo sie wohnt!" murmelte Thiele und ließ sich von Steinlen über die Straße führen zum Eingang der dem Theater gegenüberliegenden kleinen Weinstube.

Sie sanden Direktor Grolman und-Henschke an dem Tisch in sjer Ecke, zu der eine Stufe hinausführte und die durch zwei vorspringende Wandstücke in eine hübsche Nische verwandelt war. Thiele machte die Herren bekannt, und sie setzten sich, Steinlen dem Direktor Grolman gegenüber. So ergab sich eine zufällige Gruppierung, die durch eine ge­wisse Parallele auffiel. Grolman und Steinlen waren beide hochge- wachfene, knochige Männer im Anfang der Vierzig, Grolman im Smo­king, Steinlen im dunklen, eleganten Sakko. Beide waren Norddeutsche von zurückhaltenden, höflichen Umgangsformen, die Menschenkenntnis und ausgiebige geschäftliche Erfahrung verrieten. Thiele und der Agent Henschke neigten zur Korpulenz, Henschke zur Zeit noch sichtbarer als Thiele, und sowohl chre Gesten wie ihre Sprechweise wurzelten in einem sprunghaften, beinahe naiven Temperament, das der Agent zwar durch geschickte Schulung für feine Zwecke zu zügeln verstand, das sich jedoch klar von der rechnenden Verhaltenheit der beiden andern abhob.

Man trank ein Glas Portwein, und Grolman griff nach der Speise­karte, als Thiele aus einem plötzlichen Impuls heraus ihm die Hand auf den Arm legte.

Wenn Sie nicht allzu hungrig find, Herr Direktor, möchte ich Vor­schlägen, daß wir ein wenig später bei mir speisen. Ich hatte die Absicht, Sie schon vorhin darum zu bitten. Doch unser Freund Henschke ließ mich nicht recht zu Worte kommen. Steinlen hat ebenfalls zugesagt. Das Wesentliche können wir kurz hier besprechen."

Nach dem, was mir Herr Henschke sagte, kann ich annehmen, daß wir im Prinzip schnell einig werden. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn wir das vorher erledigen könnten und wenn ich bann erst zur Frage des Essens und zu Ihrer Einladung Stellung nehmen dürfte. Sie haben nur wenig Zeit zur Verfügung, und mein Hunger ist nicht zu groß!"

Direktor Grolman plant für den Sommer drei große Filme, die im Manuskript so gut wie fertig sind", sagte Henschke und beugte sich weit über den Tisch.Alle drei sind auf einer tragenden Rolle aufgebaut, und diese drei Rollen haben in sich wieder eine Aehnlichkeit. Das heißt: Sie setzen einen Darsteller voraus von einer genau umriffenen Eigenart, und diesen Darsteller, nach dem er in Amerika lange gesucht hat und auch jetzt in Europa, glaubt er in Ihnen, Thiele, gefunden zu haben. Nach der heutigen Aufführung sind seine letzten Zweifel zerstreut, wie er mir zu meiner großen Freude soeben anvertraute."

Es handelt sich also darum, daß Sie für einige Zeit zu uns nach Hollywood kommen, zunächst um die drei Filme zu machen, von denen ich mir sehr viel verspreche. Die Gegenfrage wird keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten. Wie aber sind Ihre hiesigen Verpflichtungen in Film und Theater?" fragte Grolman.

Im Film bin ich momentan frei. Was meine Bindung an das Deutsche Volkstheater betrifft..." begann Thiele, doch Steinlen unter­brach ihn.

Ich sehe voraus, daß Sie mich hierherbitten liehen als den verant­wortlichen Leiter dieses Theaters und somit als Thieles Verttagspartner. Als sein langjähriger Freund freue ich mich selbstverständlich über Ihr Angebot, dessen Größe ich wohl zu würdigen weiß. Ich sehe darin eine,' und vielleicht die wichtigste Bestätigung seines Erfolges. Doch ich muh Sie bitten, meine Herren, mir zu gestatten, unsere Situation hier in Berlin kurz auseinanderzusetzen, bevor Sie Ihren Vorschlag genauer präzisieren."

Bitte!" antwortete Grolman ttocken und sah ihn einen Augenblick forschend an.

Aber ich kann mir nicht denken, was das mit der Produktion der Gloria-Corporation zu tun haben soll!" rief Thiele ungeduldig.Du wirst doch nicht glauben, daß ich ..."

Nicht nervös werden!" sagte rasch der Agent. Thiele verstand die War­nung und oerftummte.Um das Deutsche Volkstheater zu starten, war eine neue Situation notwendig. Das alte Gesellschaftstheater mit Unter­haltungsstücken, literarischen Experimenten und hohen Preisen, wie man es bisher in diesem Hause bettieben hatte, mußte endlich zugrunde gehen, wie eben diese ganze zersetzte und zersetzende Nachkriegsgesellschast all­mählich aufhören mußte, ihre Tendenzen auf dem Theater zu verwirk­lichen. Seit Jahren wußte ich, daß ein solcher Umschlag eintreten mußte, daß nur ein Theater auf breitester, volkstümlicher Basis Aussichten für die Zukunft haben würde. Als in diesem Winter der Augenblick gekom­men war, habe ich zugegriffen, und der Erfolg hat mir recht gegeben, wie Sie sehen." (Fortsetzung folgt.)